Chemikalien gegen Öl : BP bekämpft ein Gift mit dem anderen

Es ist die Wahl zwischen Pest und Cholera: Verzweifelt versucht BP das Öl vor Louisiana zu stoppen und setzt auf Risiko – mit giftigen Substanzen.
Ein Mann reinigt den Strand von Biloxi an der Küste des US-Bundesstaates Mississippi. Die Menschen hier erwarten die Ankunft des riesigen Ölteppichs der im Golf von Mexiko treibt © Stan Honda/AFP/Getty Images

"Es ist ein Alptraum, der sich mit BPs tödlichem Bohrinsel-Blowout vor der Golfküste wiederholt – mit gespenstischen Parallelen zur Exxon Valdez ." Das sind die Worte einer Frau, einer Meeresbiologin und Umweltaktivistin, die es wissen muss. Riki Ott hat vor mehr als 20 Jahren schon einmal erlebt, was diese schwarze schmierige Masse anrichten kann.

Ihr Rat war schon gefragt, als im März 1989 der Öltanker Exxon Valdez im Prince-William-Sund in Alaska auf Grund lief und Leck schlug. 40.000 Tonnen Öl liefen ins Meer und verursachten die bis dato größte Umweltkatastrophe der amerikanischen Geschichte. Hunderttausende Vögel und zahlreiche Meerestiere verendeten. Natur und Helfer leiden wegen der chemischen Reinigungen auf dem Wasser und am Strand noch heute unter den Folgen .

"Es macht mich krank, wenn ich daran denke, welche kurzfristige Zerstörung und langfristige Verwüstung Amerikas biologisch reichhaltigen Feuchtgebieten an der Küste bevorstehen", schreibt sie in einem Gastbeitrag für die Nachrichtenagentur Reuters . Doch noch ist es nicht so weit.

Auch wenn der Ölteppich im Golf von Mexiko wächst und wächst. Auf mittlerweile mehr als 10.000 Quadratkilometer hat sich das Öl verteilt. Bald erreicht der zähe Film die Größe von Schleswig-Holstein. Verzweifelt versucht der Konzern BP den Schaden zu begrenzen und setzt dabei vor allem auf die chemische Bekämpfung. "Man versucht so, die Tiere an der Küste zu retten, indem man als Gegenleistung Tiere und Fische im Wasser aufs Spiel setzt", sagte Ott dem Fernsehsender CNN . Denn die Dispergatoren – jene Lösungsmittel, die das Öl im Meer zersetzen sollen – sind ähnlich giftig.

Das Lösungsmittel bricht Öl in kleine Tröpfchen auf, die sich dann in zehn bis 20 Metern Tiefe unterhalb der Wasseroberfläche verteilen. "Das Grundprinzip dabei ist das gleiche, wie wenn man Spülmittel beim Abwasch benutzt", sagt Jürgen Rullkötter, Direktor des Instituts für Chemie und Biologie des Meeres in Oldenburg. "Wann immer möglich, sollte auf dem offenen Meer Öl zusammengetragen und abgepumpt werden", sagt der Chemiker. Doch bei rauem Wetter und starken Wellengang, Bedingungen, die im Golf von Mexiko häufig sind, wird das schwer.

"Dispergierte Öltröpfchen können von Fischen, Korallen und von bodenlebenden Organismen leichter aufgenommen werden, was zu Beeinträchtigung der Organismen führen kann", sagt Dierk-Steffen Wahrendorf von der Bundesanstalt für Gewässerkunde in Koblenz. Bei einem Chemikalieneinsatz müsse stets abgewägt werden, wie effektiv die Mittel wirken und wie sinnvoll das ökologisch sei. Der Ökotoxikologe kennt sich mit den chemischen Lösungsmitteln, die BP vor Louisiana im Meer auch unter Wasser verteilt, gut aus. "Es ist schon richtig zu versuchen, Dispergatoren einzusetzen", sagt Wahrendorf. Nur so sei es zu schaffen, dass möglichst wenig Öl an den Stränden anlandet. "Gerade hier gibt es empfindliche Ökosysteme wie Korallenriffe und Mangrovenwälder, die es zu schützen gilt."

Der Chemiker Rullkötter sieht das ähnlich: "Wenn die Katastrophe die Küste erreicht, sprechen wir von bis zu 20 Jahren, die es dauert, bis die Schäden ansatzweise behoben sind. Wird das Bohrloch geschlossen und bleibt das Öl auf See, dann könnte sich die Lage schon in zwei Jahren beruhigen." Das Ausbringen der giftigen Dispergatoren hält Rullkötter deswegen für gerade noch "akzeptabel".

Allerdings hat das marine Ökosystem auch selbst Möglichkeiten, mit der Ölpest fertig zu werden. Vor allem am Meeresboden gibt es Mikroorganismen und Bakterien, die Öl und Gas abbauen können. Schließlich ist Öl auch Teil des Ökosystems und tritt im Normalfall ständig in kleinen Mengen am Tiefseegrund vor der amerikanischen Küste aus.

Verlagsangebot

Die Macht der Vorurteile

Vorurteile prägen unseren Alltag. Woher sie kommen. Wem sie nützen. Und warum man sie so schwer loswird. Jetzt in der neuen ZEIT.

Hier lesen

Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Pest oder Cholera?

BP hat sich bereiterklärt, für die Schäden aufzukommen (bzw. die "berechtigten" Ansprüche zu begleichen). Aber das scheint kaum möglich und der Einsatz der geplanten Mittel zur "Reinigung" auch nicht wünschenswert zu sein. Man möchte heulen vor Wut und Hilflosigkeit. Bleibt nur zu hoffen, dass diese Katastrophe ein Umdenken auslöst: Arnold Schwarzenegger hat erklärt, keine neuen Ölbohrungen vor der Küste Kaliforniens zu genehmnigen. Ich hoffe sehr, dass Obama seinem Beispiel - nicht nur vorübergehend - folgt.

Öl-Wasser-Mischungen

1. Durch das Wetter ist viel zu hoher Wellengang, das Öl schwimmt obenauf. Pumpen saugen bei hohen Wellen entweder nur Wasser oder Luft.
2. Der Ölfilm ist nicht gerade dick, im Idealfall genau eine Molekülschicht dick (http://de.wikipedia.org/w...Ölfleckversuch). Das augen die Pumpen viel Wasser und wenig Öl. Das trennen von Wasser und Öl funktioniert, indem man das Gemisch lange stehen lässt, das Öl steigt nach oben, das Wasser darunter wird abgepumpt. Nun kann man sich vorstellen, dass viel Wasser pumpen und das Wasser gleichzeitig ruhen zu lassen, nicht zusammenpassen.
3. Das Problem mit Glocke ist, dass die nach Reste der Konstruktion am Meeresboden sind. Da muss die Glocke drüber. Man musste also die Größe des "Restes" ausmessen und erst eine neue Glocke bauen.