Krisenmanagement : Bei der Ölpest dient der Bock als Gärtner

Kriege wie Umweltunglücke: Die USA haben hoheitliche Aufgaben privatisiert. Obama geht nun auf, dass dies heikel ist. Das Ölleck im Golf kontrolliert BP, nicht der Staat.
Den Zugang zu den Ölschiffen und Plattformen an der Unglücksstelle gewährt allein der Besitzer, sagt BP: also Transocean oder BP © Patrick Kelley/U.S. Coast Guard via Getty Images

Seit einem Monat strömt im Golf von Mexiko eine enorme, bislang jedoch noch immer unbekannte Menge Öl ins Meer. Niemand scheint das stoppen zu können. Zeit für die entscheidende Frage: Who to blame ? Die Antwort darauf dürfte unbefriedigend sein. Sie lautet: Das System ist Schuld.

In Deutschland – zugegeben, das ist für einen Vergleich mit den USA ein schlechtes Beispiel, aber es kann trotzdem das Problem verdeutlichen –, in Deutschland würde im Fall einer Katastrophe folgendes Szenario ablaufen: Das betroffene Bundesland bildet einen Krisenstab und koordiniert fortan alle Beteiligten, ob sie zu Greenpeace, zur Bundeswehr oder zur Industrie gehören. Betrifft das Problem mehrere Bundesländer oder ist es zu groß, um es allein zu bewältigen, passiert das gleiche auf Bundesebene. Im Zweifel kann gar die Bundeskanzlerin persönlich "die Führung übernehmen" und das auch bei "zivilisatorisch bedingten Schadenslagen". Geht es wie in den USA um eine Ölpest auf See, gibt es gar eine eigens zuständige Stelle, das Havariekommando in Cuxhaven .

Mit anderen Worten: In jedem Fall übernehmen Regierungsstellen nicht nur die Organisation der Hilfe, sie stellen auch einen großen Teil der Mittel zur Bekämpfung des Problems, kümmern sich um die Kommunikation nach außen – und sind diejenigen, die sagen, was wie zu geschehen hat.

In den USA ist das nicht so. Auch dort wurde zwar sofort nach Bekanntwerden der Explosion auf der Deepwater Horizon ein sogenanntes Command Center gebildet . An Tag zwei, am 21. April, wurde außerdem der stellvertretende Innenminister David Hayes als eine Art Verbindungsoffizier zur US-Regierung in Washington dorthin geschickt und es wurden alle möglichen Institutionen einbezogen.

Aber es gibt einen Unterschied. Die Aufgabe dieser 'Kommandostelle' ist offensichtlich nicht das 'kommandieren'. Der Sprecher des Weißen Hauses, Robert Gibbs, brachte es auf eine kurze Formel : " Well , again, they’re responsible; we have oversight ." Mit anderen Worten, die amerikanischen Regierungsstellen haben lediglich eine Art Aufsicht. Zuständig aber für den Umgang mit der Krise ist der Ölkonzern BP.

Nach deutschem Verständnis ist das absurd. Derjenige, der sich als unfähig erwies und die Sauerei verbockt hat, soll bestimmen, wie sie wieder beseitigt werden kann? Es gibt hierzulande einen bildlichen Ausdruck für solches Vorgehen: den Bock zum Gärtner machen. Hier handelt bei Katastrophen der Staat, es ist sein Job, die Sicherheit und Gesundheit der Bürger zu garantieren, genau dafür bekommt er Steuern. Ihm wird darin auch vertraut, viel eher zumindest als der Wirtschaft, deren vorrangiges Interesse der Gewinn ist – oder in solchem Fall die Begrenzung des Verlustes.

Amerikaner haben ein anderes Verhältnis zu ihrem Staat und zu ihrer Wirtschaft. Immerhin lassen sie inzwischen auch ihre Kriege und den anschließenden Wiederaufbau von privaten Konzernen erledigen . Und so ist das Joint Information Center – der vereinte Infostab sozusagen – beispielsweise in einem Trainingszentrum untergebracht, das dem Ölkonzern Shell gehört. Von den insgesamt 65 Mitarbeitern dort sind zehn von BP , der Rest vom Bohrplattformbetreiber Transocean und Regierungsbehörden wie der Küstenwache.

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Kommentare

30 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Die Zeit strotzt in der

jüngsten Zeit vor später Erkenntnis. Immerhin.

"Derjenige, der sich als unfähig erwies und die Sauerei verbockt hat, soll bestimmen, wie sie wieder beseitigt werden kann?"

Nur liebe Zeit, das ist auch in Deutschland zunehmend Stand der Dinge. Den Neos sei es gedankt. Wie war das noch in Köln im U - Bahnbau? Der Auftraggeber überwacht sich selbst. Die DB kontrolliert sich selber. Defekte Radachsen an Güterwaggons. Gab es da nicht schon Tote und Verletzte? Das ist nur die Spitze des Eisberges.

Nur der Deutsche Michel darf auf einen gnadenlosen TÜV zählen. Zu Steigerung des Umsatzes soll er sogar noch öfter hin. Beim kleinen Privatmann gibt es keinen Pardon.

Missverstandene Hoheitsfragen

Soviel mir bekannt ist, befindet sich die defektive britische Ölplattform in internationalen Gewässern des Golfs von Mexiko außerhalb der US-Hoheitszone. Amerikanische Behörden hatten daher keine Kontrolle bei ihrer Errichtung. Jetzt aber ist das Öl in US-Hoheitsgebiet eingedrungen. Das ändert die Situation.

Richtigstellung

Es ist eine Plattform der amerikanischen Firma Transocean (website: www.deepwater.com), die im Auftrag von BP Probebohrungen durchgeführt hat. Die Lizenrechte am Ölfeld hat die amerikanische Regierung durch die Behörde MMS an BP vergeben. D.h. es war nicht unser Unfall, aber es ist unser Öl, das austritt. BP CEO Tony Hayward dazu gestern in der FAZ:

H: Dieser Unfall ereignete sich auf einer Bohrplattform, die einem anderen Unternehmen gehörte und von diesem auch betrieben wurde. Dieses Unternehmen war für die Sicherheit auf der Plattform verantwortlich und ist dafür rechenschaftspflichtig. Ich will hier niemandem eine Schuld zuweisen – es ist die Aufgabe der staatlichen Ermittlungen, herauszufinden, was passiert ist und wer verantwortlich ist. Aber ich versichere Ihnen, dass die Betriebssicherheit im BP-Konzern für mich an erster Stelle steht, und dieser Unfall unterstreicht nur, wie wichtig das ist.

FAZ: Warum wurde zum Beispiel auf eine Vorrichtung verzichtet, mit welcher das Absperrventil am Meeresboden notfalls ferngesteuert bedient werden kann?

H: Der Blow Out Preventer der Transocean-Plattform hatte mehrere Sicherheitsstufen und verschiedene Kontrollmöglichkeiten – alle haben in diesem Fall versagt. Wir müssen unbedingt klären, warum diese versagt haben – aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass dies nichts mit dem Fehlen eines einzelnen Kontrollsystems zu tun hat. Das ist schlicht irrelevant.

Stimmt.

Unter Honecker wäre das nicht passiert :)

Es ist wirklich der reine Hohn Verstaatlichung also Sozialismus als Garant für die Koordinierung von (Spezial)Aufgaben zu benennen. Zu welchem Zeitpunkt in der Geschichte kam technologische Innovation aus dem Büro von Beamten? Welcher Sozialistische Staat hat sich durch gute Organisation und technologische Überlegenheit hervorgetan?
Woher soll Obama und sein Stab die Erfahrung und das Wissen für so eine Aufgabe haben?

Will hier jemand mit solchen Thesen eine politische Agenda (Verstaatlichung) vorantreiben?

Die Verstaatlichung in der DDR hat ja besonders die Umwelt in Bitterfeld geradezu in ein Naturreservat verwandelt hat.

Katastrophenschutz.

Dann kann die USA ja die Armee schicken.
Denn das wäre die Art von Katastrophenschutz, die der Staat bieten kann.
Ansonsten sind es meist eben nicht die hellsten Lampen im Leuchter, die eine Beamtenlaufbahn einschlagen. Die Talente gehen nun mal in die freie Wirtschaft. Jede nennenswerte Innovation hat sich dort entwickelt und nicht in: "Ich bin auf Arbeit und nicht auf der Flucht"-Beamtenstuben. Die Ölquellen beim ersten und zweiten Golfkrieg wurden ja auch von einer privaten Firma gelöscht. Spezialisierung eben - da hilft der breite Strich des Staates nicht.
Der Staat hat die Gesetze und Standards gesetzt - mehr kann er jetzt nicht leisten.

Leisten können

Amerikanische Wissenschaftler sehen das etwas anders - was der Staat leisten kann/sollte und was nicht:

http://www.nytimes.com/20...

Beispielsweise finden sie, dass der Staat es in diesem einen Monat mal hätte schaffen können, das wahre Ausmaß der Katastrophe zu bestimmen und es nicht allein BP zu überlassen, zu sagen, wie viel Öl da ausläuft.

Auch hätte er unabhängig klären sollen, wohin das Öl treibt. Immerhin, so argumentieren sie, sei es erwartbar gewesen, dass ein großer Teil des Öls unter der Wasseroberfläche treibt - wie es eben erst unabhängige Forscher eines Unikonsortiums nachwiesen.

http://www.zeit.de/wissen...

Und sie verstehen nicht, warum die Regierung zuließ, dass BP Forschern verboten hat, eigene Messgeräte nach unten zu schicken. Und man die Messungen allein der Ölfirma überließ.

Beste Grüße