KrisenmanagementBei der Ölpest dient der Bock als Gärtner

Kriege wie Umweltunglücke: Die USA haben hoheitliche Aufgaben privatisiert. Obama geht nun auf, dass dies heikel ist. Das Ölleck im Golf kontrolliert BP, nicht der Staat. von 

Den Zugang zu den Ölschiffen und Plattformen an der Unglücksstelle gewährt allein der Besitzer, sagt BP: also Transocean oder BP.

Den Zugang zu den Ölschiffen und Plattformen an der Unglücksstelle gewährt allein der Besitzer, sagt BP: also Transocean oder BP  |  © Patrick Kelley/U.S. Coast Guard via Getty Images

Seit einem Monat strömt im Golf von Mexiko eine enorme, bislang jedoch noch immer unbekannte Menge Öl ins Meer. Niemand scheint das stoppen zu können. Zeit für die entscheidende Frage: Who to blame ? Die Antwort darauf dürfte unbefriedigend sein. Sie lautet: Das System ist Schuld.

In Deutschland – zugegeben, das ist für einen Vergleich mit den USA ein schlechtes Beispiel, aber es kann trotzdem das Problem verdeutlichen –, in Deutschland würde im Fall einer Katastrophe folgendes Szenario ablaufen: Das betroffene Bundesland bildet einen Krisenstab und koordiniert fortan alle Beteiligten, ob sie zu Greenpeace, zur Bundeswehr oder zur Industrie gehören. Betrifft das Problem mehrere Bundesländer oder ist es zu groß, um es allein zu bewältigen, passiert das gleiche auf Bundesebene. Im Zweifel kann gar die Bundeskanzlerin persönlich "die Führung übernehmen" und das auch bei "zivilisatorisch bedingten Schadenslagen". Geht es wie in den USA um eine Ölpest auf See, gibt es gar eine eigens zuständige Stelle, das Havariekommando in Cuxhaven .

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Mit anderen Worten: In jedem Fall übernehmen Regierungsstellen nicht nur die Organisation der Hilfe, sie stellen auch einen großen Teil der Mittel zur Bekämpfung des Problems, kümmern sich um die Kommunikation nach außen – und sind diejenigen, die sagen, was wie zu geschehen hat.

Natur in Gefahr

Anfangs hieß es noch, dass aus den Lecks unter der explodierten Bohrinsel Deepwater Horizon nach Schätzungen des Ölkonzerns BP und der Behörden täglich rund 5000 Barrel Öl schießen würden. Das sind knapp 800.000 Liter der zähen schwarzen Masse. Mittlerweile hat die US-Regierung ihre Schätzung deutlich nach oben korrigiert. Sie liegt nun zwischen 35.000 und 60.000 Barrel pro Tag. Das wären bis zu 9,5 Millionen Liter. Seit Wochen weisen Forscher auf entsprechende Mengen hin.

Bedroht ist nicht nur die Küstenregion des amerikanischen Bundesstaates Louisiana, wo das Öl bereits auf Land getroffen ist. Nach Angaben der Wetter- und Ozeanografiebehörde der USA (NOOA) kommt es auch zu Auswirkungen für Tiere und Pflanzen entlang der Küsten der Nachbarstaaten Mississippi, Alabama und Florida. Derzeit schätzt NOOA, dass allein in Louisiana zehn Tierschutzgebiete betroffen sind.

Die Sumpflandschaften in der Region sind artenreiche Ökosysteme, die fast 40 Prozent der Feuchtgebiete der USA ausmachen.

Meerestiere

Louisianas Ministerium für Natur und Fischerei sieht 445 Fischarten, 45 Säugetierarten, 32 Amphibienarten und 134 Vogelarten unmittelbar durch den wabernden Ölteppich in Gefahr.

Meeressäuger, wie die Delfinart Großer Tümmler oder der Pottwall können sich im klebrigen Öl verfangen, wenn sie zum Luftholen auftauchen. Der Karibik-Manati, eine bereits gefährdete Seekuhart, wandert entlang der Golfküste in warme Gewässer.

Auch einige Schildkrötenarten könnten unter dem Öl leiden. Gerade beginnt die Zeit, in der sie ihre Eier an den Stränden ablegen und auf Futtersuche sind.

Einige Umweltschützer fürchten sogar, dass der Alligator Schwierigkeiten bekommen könnte, im brackigen Mündungsgebiet des Mississippi-Delta Nahrung zu finden. Viele Fischarten, die auf seinem Speiseplan stehen, könnten vom Öl eingefangen werden.

Vögel

Eine Vielzahl an Vogelarten lebt und zieht an der Golfküste entlang, um hier Eier zu legen, Nester zu hüten und nach Futter zu suchen. Allein an der Küste Louisianas zählt man rund fünf Millionen Zugvögel in den Sumpfgebieten.

Kommen die Vögel mit Öl in Verbindung und verkleben sich ihre Flügel, können die Tiere weder Wasser abweisen noch Luft aufnehmen. In der Folge können sie ihre Körpertemperatur nicht mehr regulieren und unterkühlen.

Der offizielle Vogel des Staates Louisiana, der Braunpelikan, hat gerade angefangen auf den Sandinseln, die parallel zur Küstenlinie verlaufen, zu brüten. Weitere rund hundert Zugvögelarten, darunter Schwalben, Ammern und Waldsänger, legen derzeit einen Zwischenstopp in der Region ein.

Hinzu kommen zahlreiche Vogelarten, die an den Stränden nisten.

Pflanzen

Besonders die weitverbreiteten Mangrovenwälder an der Küste des Golfs von Mexiko reagieren sehr empfindlich auf eine Ölverschmutzung. Sie sterben ab, sobald das Öl ihre Luftöffnungen in den Wurzeln verklebt.

Dies ist nicht nur ein ökologisches Problem. Die Mangroven spielen auch eine wichtige Rolle im Küstenschutz. Gerade in der Region vor Louisianas Küste kommt es immer wieder zu starken Hurrikans. Die Mangroven bieten als eine Art natürliche Barriere Schutz für das gesamte Mississippi-Delta.

Künftige Stürme könnten größere Schäden anrichten, weil Mangroven nur langsam nachwachsen.

Fischerei

Der Golf von Mexiko ist der einzige Ort, an dem der Blauflossenthun im Westatlantik seine Laichgründe hat. Die Laichzeit hat gerade begonnen und die Meerestiere sind ohnehin eine gefährdete Art. Ihre Eier schwimmen an der Wasseroberfläche und auch die Larven bleiben in den oberen Wasserschichten, die direkt vom Öl verseucht sind.

Auch der Menaden, eine Heringsart, ist direkt vom Öl betroffen. Die Fische ziehen ihre Nahrung aus dem Wasser, indem sie es filtern. So kann das Öl direkt in ihren Organismus gelangen.

In den Gewässern vor der US-Küste leben zudem riesige Mengen Austern, Krabben, Muscheln und weitere Fische.

Noch geht die örtliche Industrie zwar nicht von einem dramatischen Einfluss auf die Fischereibetriebe aus. Dennoch geht die Furcht um. Einige Krabbenfischer haben bereits BP, Transocean und die anderen an dem Bohrvorhaben beteiligten Konzerne Halliburton sowie Cameron wegen Fahrlässigkeit verklagt.

In den USA ist das nicht so. Auch dort wurde zwar sofort nach Bekanntwerden der Explosion auf der Deepwater Horizon ein sogenanntes Command Center gebildet . An Tag zwei, am 21. April, wurde außerdem der stellvertretende Innenminister David Hayes als eine Art Verbindungsoffizier zur US-Regierung in Washington dorthin geschickt und es wurden alle möglichen Institutionen einbezogen.

Aber es gibt einen Unterschied. Die Aufgabe dieser 'Kommandostelle' ist offensichtlich nicht das 'kommandieren'. Der Sprecher des Weißen Hauses, Robert Gibbs, brachte es auf eine kurze Formel : " Well , again, they’re responsible; we have oversight ." Mit anderen Worten, die amerikanischen Regierungsstellen haben lediglich eine Art Aufsicht. Zuständig aber für den Umgang mit der Krise ist der Ölkonzern BP.

Nach deutschem Verständnis ist das absurd. Derjenige, der sich als unfähig erwies und die Sauerei verbockt hat, soll bestimmen, wie sie wieder beseitigt werden kann? Es gibt hierzulande einen bildlichen Ausdruck für solches Vorgehen: den Bock zum Gärtner machen. Hier handelt bei Katastrophen der Staat, es ist sein Job, die Sicherheit und Gesundheit der Bürger zu garantieren, genau dafür bekommt er Steuern. Ihm wird darin auch vertraut, viel eher zumindest als der Wirtschaft, deren vorrangiges Interesse der Gewinn ist – oder in solchem Fall die Begrenzung des Verlustes.

Amerikaner haben ein anderes Verhältnis zu ihrem Staat und zu ihrer Wirtschaft. Immerhin lassen sie inzwischen auch ihre Kriege und den anschließenden Wiederaufbau von privaten Konzernen erledigen . Und so ist das Joint Information Center – der vereinte Infostab sozusagen – beispielsweise in einem Trainingszentrum untergebracht, das dem Ölkonzern Shell gehört. Von den insgesamt 65 Mitarbeitern dort sind zehn von BP , der Rest vom Bohrplattformbetreiber Transocean und Regierungsbehörden wie der Küstenwache.

Leserkommentare
  1. jüngsten Zeit vor später Erkenntnis. Immerhin.

    "Derjenige, der sich als unfähig erwies und die Sauerei verbockt hat, soll bestimmen, wie sie wieder beseitigt werden kann?"

    Nur liebe Zeit, das ist auch in Deutschland zunehmend Stand der Dinge. Den Neos sei es gedankt. Wie war das noch in Köln im U - Bahnbau? Der Auftraggeber überwacht sich selbst. Die DB kontrolliert sich selber. Defekte Radachsen an Güterwaggons. Gab es da nicht schon Tote und Verletzte? Das ist nur die Spitze des Eisberges.

    Nur der Deutsche Michel darf auf einen gnadenlosen TÜV zählen. Zu Steigerung des Umsatzes soll er sogar noch öfter hin. Beim kleinen Privatmann gibt es keinen Pardon.

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    • keox
    • 19. Mai 2010 15:59 Uhr

    den dicksten Hammer unterschlagen.

    Nach dem Kapitalverbrechen - das als Finanzkrise verkauft wurde - wurden doch auch just die Verursacher aus Politik und Hochfinanz damit beauftragt, den HerrenDamen die vergoldeten Gesäße zu retten.

    Im Gegensatz zu Banken gilt die Bevölkerung, von der gelobten Demokratie ganz zu schweigen, hierzulande einfach nicht als 'systemisch'.

  2. "Nach deutschem Verständnis ist das absurd. Derjenige, der sich als unfähig erwies und die Sauerei verbockt hat, soll bestimmen, wie sie wieder beseitigt werden kann?"

    Warum soll das absurd sein?
    Wir machen das seit dem Beginn der Wirtschaftskrise mit unsrem Geld.

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    Dem kann ich - LEIDER - nur zustimmen.

  3. Dem kann ich - LEIDER - nur zustimmen.

    Antwort auf "Wieso absurd?"
    • keox
    • 19. Mai 2010 15:59 Uhr

    den dicksten Hammer unterschlagen.

    Nach dem Kapitalverbrechen - das als Finanzkrise verkauft wurde - wurden doch auch just die Verursacher aus Politik und Hochfinanz damit beauftragt, den HerrenDamen die vergoldeten Gesäße zu retten.

    Im Gegensatz zu Banken gilt die Bevölkerung, von der gelobten Demokratie ganz zu schweigen, hierzulande einfach nicht als 'systemisch'.

  4. Unter Honecker wäre das nicht passiert :)

    Es ist wirklich der reine Hohn Verstaatlichung also Sozialismus als Garant für die Koordinierung von (Spezial)Aufgaben zu benennen. Zu welchem Zeitpunkt in der Geschichte kam technologische Innovation aus dem Büro von Beamten? Welcher Sozialistische Staat hat sich durch gute Organisation und technologische Überlegenheit hervorgetan?
    Woher soll Obama und sein Stab die Erfahrung und das Wissen für so eine Aufgabe haben?

    Will hier jemand mit solchen Thesen eine politische Agenda (Verstaatlichung) vorantreiben?

    Die Verstaatlichung in der DDR hat ja besonders die Umwelt in Bitterfeld geradezu in ein Naturreservat verwandelt hat.

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    Redaktion

    DDR? Verstaatlichung?

    Ich fürchte, ich verstehe Ihre Argumentation nicht ganz. Katastrophenschutz ist eine hoheitliche Aufgabe. Und sollte es auch sein. Was bitte hat das mit Sozialismus zu tun?

    Beste Grüße
    Kai Biermann

    • Hokan
    • 19. Mai 2010 16:54 Uhr

    für die Aufgabe einer intelligenten, realitätsbezogenen Weltbetrachtung zu Gunsten eines rigiden, stereotypen Weltbilds. Bitte verwässern Sie diese Rarität nicht mit zu viel Hinterfragen.

    • o_O
    • 19. Mai 2010 16:32 Uhr

    ... die ersten Klumpen nun in Florida ankommen, bin ich mal gespannt, was passieren wird, wenn die ersten Ölklumpen in GB oder F an die Küste geschwämmt werden.

    Zumindest ist das die Frage, die ich mir stelle ob das theoretisch möglich wäre...

  5. Da hat Ihre Kollegin gestern was falsch verstanden oder wir haben uns unklar ausgedrückt:
    Die BP-Pressearbeit wird von BP gemanagt und verantwortet und nicht von einer PR-Firma.

    Aber: Die Pressearbeit des Unified Comand Centers JIC und die website "www.deepwaterhorizonresponse.com" wird nicht von BP gemacht, sondern von allen dort Beteiligten, also den involvierte Firmen und den verschiedenen Behörden.

    BP Presse

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    Redaktion

    Sehr geehrter Herr Winkler,

    ich fürchte, es war Ihre Antwort, die dann missverständlich war. Ich zitiere:

    vollständige Frage - Wer regelt die Pressearbeit zur Deepwater Horizon - ist das ausschließlich BP-Personal?

    vollständige Antwort - The press work is managed by BP.

    Wie bitte wäre es korrekt? Ich korrigiere das dann gern.

    Beste Grüße
    Kai Biermann

    • oooo
    • 19. Mai 2010 17:06 Uhr

    wäre ich mal GANZ leise.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Barack Obama | Robert Gibbs | BP | Greenpeace | Ölpest | Innenminister
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