Golf von Mexiko"Ixtoc I" – was uns die Ölpest von 1979 lehrt

Vor 30 Jahren verseuchte eine noch größere Ölkatastrophe den Golf von Mexiko. Die Natur erholte sich rasch. Ist das ein Grund zur Hoffnung? von 

Ixtoc I

Ixtoc I sprudelte 297 Tage. Das Gas verbrannte vor Ort  |  © Olof Lindén/Jernelöv, Lindén. Ambio, Vol. 10, No. 6, The Caribbean (1981), S. 299-306

Der folgende Beitrag des Bloggers und Wissenschaftsjournalisten Lars Fischer ist in ähnlicher Form in dessen fischblog erschienen. Fischer hat die Umweltfolgen des Ixtcoc-I-Unglücks von 1979 recherchiert und zieht Parallelen zur Ölpest nach der Havarie der Bohrinsel Deepwater Horizon im Golf von Mexiko Ende April. Dies ist seine Einschätzung.

Rückblende ins Jahr 1979: Seit Dezember des Vorjahres bohrt die staatliche mexikanische Ölgesellschaft Pemex vor der Stadt Campeche in Yucatan in etwa 50 Metern Wassertiefe nach Öl. Diese Ixtoc I genannte Bohrung hatte bis zum 2. Juni eine Tiefe von 3600 Metern erreicht, als plötzlich der Bohrschlamm im umliegenden Gestein verschwindet. Die Arbeiter zogen den Bohrstrang aus dem Loch, um den möglichen Hohlraum mit Zement zu füllen. 

Es kommt zur Katastrophe – zuerst schießt Bohrschlamm, dann Öl und Gas den Arbeitern entgegen. Nach einer gewaltigen Explosion sinkt die Bohrinsel. 297 Tage lang strömt Öl aus dem Loch am Meeresgrund, insgesamt geschätzte 3,3 Millionen Barrel. Das ist etwa vier mal so viel wie bis jetzt aus dem Leck unter der havarierten Plattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko geflossen ist, wenn man die moderaten Schätzungen der US-Regierung zugrunde legt.

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Ölkatastrophen: "Exxon Valdez" 1989

Um das empfindliche Ökosystem an der Südküste des US-Bundesstaates Alaska für Jahre nachhaltig zu schädigen, reichten im März 1989 knapp 40.000 Tonnen Rohöl aus dem verunglückten Tanker Exxon Valdez.

Im Prince-William-Sund kam es damals zur bislang größten Umweltkatastrophe in der Geschichte der USA.2400 Kilometer Küste wurden verunreinigt. Hunderttausende Seevögel starben, auch Otter, Robben und Grauwale verendeten.

Trotz aufwendiger Reinigungsarbeiten hat sich das Gebiet nur oberflächlich erholt. Die niedrigen Temperaturen verzögern den biologischen Abbau des Öls. Vor allem in den Uferzonen lagern noch immer Reste der "schwarzen Pest".

Viele Tierarten leiden bis heute unter der Katastrophe.

"Amoco Cadiz" 1978

Zur folgenschwersten Ölkatastrophe in Europa kam es im März 1978, als der Supertanker Amoco Cadiz an der französischen Atlantikküstenördlich von Brest auf Grund lief.

Im Sturm zerbrach der Koloss, und mehr als 223.000 Tonnen leichtes Rohöl verpesteten Strände und Felsen der Bretagne auf einer Länge von 360 Kilometern. Wochenlang schaufelten Tausende Freiwillige und Soldaten das Öl in Plastiktüten und schrubbten verschmierte Felsen.

In einem Ölteppich von der Größe des Saarlands starben Vögel, Fische und Muscheln. Die Austernbänke wurden für Jahre zerstört, der Tourismus zunächst schwer beeinträchtigt. Günstige Strömungen, hohe Wellen und die vielen Freiwilligen verhinderten ein Desaster.

Schon 1979 lockte die Bretagne wieder Urlauber an saubere Strände, doch nach Schätzungen von Experten lagen ein Jahr nach dem Unglück noch immer 40.000 Tonnen Öl auf dem Meeresgrund.

"Pallas" 1998

Als der Holzfrachter Pallas im Herbst 1998 an der Nordseeküste vor Amrum strandete, starben 16.000 Seevögel.

Verantwortlich waren 100 Tonnen Schweröl, die aus dem Schiff geflossen waren.

Deepwater Horizon ist also nicht das erste monatelang sprudelnde Unterwasser-Loch – und auch, was die ausgelaufene Menge angeht, nicht beispiellos. Noch nicht. Das mag angesichts des Ausmaßes der Ölpest verblüffen. Das historische Beispiel Ixtoc I lässt zudem auf Parallelen zur heutigen Situation schließen.

Das 1979 am Meeresgrund austretende Öl formte an der Wasseroberfläche einen ein bis vier Zentimeter dicken Teppich. Etwa 10.000 Tonnen oder fünf Prozent der Gesamtmenge konnten die Rettungskräfte deswegen direkt abschöpfen. Das Ixtoc-Öl war, wie das der Deepwater Horizon, verhältnismäßig leicht, mit einem großen Anteil flüchtiger Substanzen, die in den Tagen nach dem Erreichen der Oberfläche langsam verdunsteten.

Etwa die Hälfte des 1979 ausgelaufenen Öls, schätzen Wissenschaftler, hat sich so im Laufe der Zeit in die Luft abgesetzt oder wurde chemisch und biologisch abgebaut. Es hätte sogar noch mehr sein können, allerdings verhinderte das Öl-Wasser-Gemisch eine weitere Verdampfung. Durch die Verwitterung des Öls an der Luft verschwinden vor allem die giftigsten Bestandteile aus dem Öl, sodass die zurückbleibende Masse im Laufe der Zeit harmloser wird.

Was das an der Oberfläche schwimmende Öl der Deepwater-Horizon-Quelle betrifft, wird ein Großteil der Gesamtmenge auf dem offenen Meer verwittern. Es wird zu Boden sinken, ohne jemals auf Land gestoßen zu sein. Etwa ein Viertel des aus der Ixtoc-Quelle ausgelaufenen Öls erreichte nie die Küste. Es wurde von den Wellen in kleine Tropfen und Fetzen zerschlagen, an die sich organische Partikel anlagerten und es noch schwerer machten. Die kleinsten Partikel wurden von Plankton und anderem Meeresleben gefressen und wieder ausgeschieden. Das Öl sank dann irgendwann auf den Meeresgrund.

Leserkommentare
  1. Wenn das Öl, das sich im Wasser befindet, dort abgebaut werden soll, muss es von den Organismen abgebaut werden, die dort vorhanden sind. Zwar wird in einem ZEIT-Artikel auf die Möglichkeit eines anaeroben Abbaus hingewiesen, aber erstens bleibt die Frage, wie hoch der Anteil der anaerob abbauenden Organismen ist. Zweitens wird in weniger tiefen Schichten aerob abgebaut werden. In letzterem Fall kommt es aber zu einem Verbrauch an Sauerstoff (egal, ob für die ursprünglichen Kohlenwasserstoffe oder für Metaboliten), so dass das Problem eines induzierten Sauerstoffmangels viel entscheidender werden kann als die akute oder Langzeittoxizität der Ölinhaltsstoffe. Für Öl wird übrigens eine Toxizitätsgrenze von 11 ppm angegeben, für Corexit um 2-3 ppm.

    Mir ist nicht bekannt, wie die bisweilen sauerstoffarme (Tiefsee-)Region im Golf von Mexiko belüftet wird. Denkbar wäre, dass es lokal zu einem vertikalen Abschluss und einer horizontalen Barriere kommt, da das Öl im und nicht auf dem Wasser treibt. Dann hat man Todeszonen.

    Wenn außerdem Öl anlandet, ist zu erwarten, dass leicht- bis mittelflüchtige Komponenten ebenfalls in Richtung Küste gelangen - das bedeutet, dass es trotz mechanischer Immobilisierung von Ölschlamm trotzdem zu einer Vergiftung in Küstennähe kommen kann.

    Zitat:"...geschätzte 3,3 Millionen Barrel"- in 297 Tagen! "Das ist etwa vier mal so viel wie bis jetzt aus dem Leck..." Das Öl fließt aber immer noch.

  2. "Das Ixtoc-Öl war, wie das der Deepwater Horizon, verhältnismäßig leicht"

    "Das gilt auch für die anderen Bestandteile des Öls, die dort unten in den von den Wissenschaftlern entdeckten gigantischen Ölwolken herumschwimmen"

    ???

    Wenn es in der Wassersäule herumgammelt, anstelle oben zu treiben, muss die Dichte der von Wasser gleichen. Und das ist für Öl ziemlich viel.

  3. Es hat sich seit damals wenig getan, nur dass heute offenbar in offensichtlich deutlich größeren Tiefen gebohrt wird, ohne auch nur im Ansatz andere Lösungen bei Unfällen zu haben als vor 30 Jahren.

    Dazu folgender Beitrag von Rachel Maddows
    http://www.youtube.com/wa...

  4. Unterseeforscher entdeckten schon vor einiger Zeit, dass ein mehrere hundert Kilometer großer Teil des Meeresbodens im Golf von Mexiko durch eine über 100 Meter dicke Teer-Asphaltschicht buchstäblich asphaltiert ist. Man geht davon aus, dass hier in prähistorischer Zeit ein Austritt von Öl durch ein Erdbeben ausgelöst wurde.

  5. Freier Autor

    Sie haben zwar Recht, dass das Öl deutlich leichter ist als Wasser, allerdings spielt der Auftrieb eine immer geringere Rolle, je kleiner die Öltröpfchen sind. Irgendwann sind die Tropfen so klein, dass die Viskosität des Wassers weiteres Aufsteigen verhindert und die Tropfen vor allem mit der Strömung driften.

    @Miguel Mazy:
    Die Frage, ob beim Abbau des Öls aller Sauerstoff verbraucht wird, ist noch offen. Es stimmt zwar, dass die ölfressenden Mikroorganismen Sauerstoff verbrauchen, aber soweit ich weiß ist der Ölabbau durch die im Wasser gelösten mineralischen Nährstoffe begrenzt. Es ist durchaus Möglich, dass nur ein Teil des Sauerstoffes verbraucht wird.

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    Meines Wissens verläuft die "anaerobe Oxidation" unter Verwendung von sauerstoffhaltigen Anionen (Sulfat etc.).

    Im aeroben Fall wird molekularer Sauerstoff verbraucht, ohne mineralische Zusätze, nur zellintern. Natürlich kann eine Metaboliten-Grenze wie bei Hefe auftreten: den Single Malt-Whiskey bekommt man auch nicht allein durch alkoholische Gärung, weil die Organismen sich irgendwann selbst vergiften.

    Aber für mich folgt daraus diese Wahrscheinlichkeit:
    Entsprechend einer Überdüngung wird der BSB/CSB enorm ansteigen, und zwar auch in mittleren/höheren Schichten. Wird das Öl nicht oxidiert, bleibt es toxisch (z. B. Hexan). In Bodennähe haben sich die Einzeller vermutlich auf anaerobe Bedingungen eingestellt (Sulfat), ob sie jedoch toxische Komponenten tolerieren ist fragwürdig, und (Sie schreiben es im Artikel) Tiere, die mit wenig (!) Sauerstoff in dieser Tiefe auskommen, haben unter Umständen gar keinen (dafür eine toxische, asphaltierte Umgebung). Zumal der Sauerstofftransport in dieser Tiefe meines Wissens nicht vertikal erfolgt:
    http://www.ifm-geomar.de/... .

    Da der Golf von Mexiko in den letzten Jahren im Sommer sauerstoffarm wurde, scheint es durch die Ölpest noch schlimmer zu werden:
    http://www.welt.de/wissen...

    http://www.spiegel.de/wis...

    http://pressetext.com/new...

  6. nach jeder größeren Öl Katerstrope kahmen bis jetzt schnele Gutachen die belegen da alles gar nicht soooooo schlimm sein und das sich die Natur schnell erhohlen würde, komisch ist immer nur wer für solche Gutachten und Forschungen betzahlt.

    Man kann aber nur offen das die im öl enthaltendn schädlichen Substanzen sich schneller zersetzen als die ersten Stürme kommen, denn einen öl teppich der von einen Sturm an landgetrieben wird hatten wir noch nicht und möchten wir eigentlich auch nicht haben.

  7. Meines Wissens verläuft die "anaerobe Oxidation" unter Verwendung von sauerstoffhaltigen Anionen (Sulfat etc.).

    Im aeroben Fall wird molekularer Sauerstoff verbraucht, ohne mineralische Zusätze, nur zellintern. Natürlich kann eine Metaboliten-Grenze wie bei Hefe auftreten: den Single Malt-Whiskey bekommt man auch nicht allein durch alkoholische Gärung, weil die Organismen sich irgendwann selbst vergiften.

    Aber für mich folgt daraus diese Wahrscheinlichkeit:
    Entsprechend einer Überdüngung wird der BSB/CSB enorm ansteigen, und zwar auch in mittleren/höheren Schichten. Wird das Öl nicht oxidiert, bleibt es toxisch (z. B. Hexan). In Bodennähe haben sich die Einzeller vermutlich auf anaerobe Bedingungen eingestellt (Sulfat), ob sie jedoch toxische Komponenten tolerieren ist fragwürdig, und (Sie schreiben es im Artikel) Tiere, die mit wenig (!) Sauerstoff in dieser Tiefe auskommen, haben unter Umständen gar keinen (dafür eine toxische, asphaltierte Umgebung). Zumal der Sauerstofftransport in dieser Tiefe meines Wissens nicht vertikal erfolgt:
    http://www.ifm-geomar.de/... .

    Da der Golf von Mexiko in den letzten Jahren im Sommer sauerstoffarm wurde, scheint es durch die Ölpest noch schlimmer zu werden:
    http://www.welt.de/wissen...

    http://www.spiegel.de/wis...

    http://pressetext.com/new...

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    Freier Autor

    Meiner Ansicht nach begrenzt die Nährstoffversorgung nicht den Abbau des Öls selbst, sondern die Vermehrung der Mikroorganismen. Um die vorhandenen Mengen Öl abzubauen, sind im unbeeinflussten Freiwasser schlicht nicht genug Mikroben vorhanden, d.h. was im Golf passieren muss ist eine "Blüte" ölverdauender Mikroorganismen, und da ist einfach die Frage, ob z.B. genug Phosphat da ist um all die neuen Nucleinsäuren zu bauen.

    Wie und vor allem wie gut der tiefe Golf belüftet wird, weiß ich leider aus dem Stegreif nicht, aber diese Studie von Forschern der Louisiana State University (vorsicht, PDF) sagt anscheinend, dass die Hauptquelle des Sauerstoffes tatsächlich vertikale Vermischung ist:

    "Despite the isolation of deep water below the sill depths, deep water in the GOM appears to be well ventilated and oxygenated. This suggests some energy propagation from the upper layer to deep water inside the GOM contributing toward vertical mixing of deep water."

    Das spricht meines Erachtens dagegen, dass die Ölwolken sauerstoffarme Todeszonen vergleichbar denen im Küstennahen Plachwasser verursachen. Aber das ist natürlich zu großen Teilen Spekulation.

  8. Freier Autor

    Meiner Ansicht nach begrenzt die Nährstoffversorgung nicht den Abbau des Öls selbst, sondern die Vermehrung der Mikroorganismen. Um die vorhandenen Mengen Öl abzubauen, sind im unbeeinflussten Freiwasser schlicht nicht genug Mikroben vorhanden, d.h. was im Golf passieren muss ist eine "Blüte" ölverdauender Mikroorganismen, und da ist einfach die Frage, ob z.B. genug Phosphat da ist um all die neuen Nucleinsäuren zu bauen.

    Wie und vor allem wie gut der tiefe Golf belüftet wird, weiß ich leider aus dem Stegreif nicht, aber diese Studie von Forschern der Louisiana State University (vorsicht, PDF) sagt anscheinend, dass die Hauptquelle des Sauerstoffes tatsächlich vertikale Vermischung ist:

    "Despite the isolation of deep water below the sill depths, deep water in the GOM appears to be well ventilated and oxygenated. This suggests some energy propagation from the upper layer to deep water inside the GOM contributing toward vertical mixing of deep water."

    Das spricht meines Erachtens dagegen, dass die Ölwolken sauerstoffarme Todeszonen vergleichbar denen im Küstennahen Plachwasser verursachen. Aber das ist natürlich zu großen Teilen Spekulation.

    Antwort auf "Sauerstoffverbrauch"
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    Freier Autor

    Blöde Tippfehler. -.-

    - "Meiner Ansicht nach begrenzt die Nährstoffversorgung nicht den Abbau des Öls selbst, sondern die Vermehrung der Mikroorganismen." Sorry, Missverständnis meinerseits (ich dachte bei Mineralstoffe an anaerobe Sulfatreduktion).

    - "ob z.B. genug Phosphat da ist um all die neuen Nucleinsäuren zu bauen"
    Der letzte Link in # 7 berichtet, dass an Stickstoff (Aminosäuren) und Phosphor (Nukleotide, Membranen) wegen Überdüngung kein Mangel herrscht.

    - "energy propagation from the upper layer to deep water inside the GOM...", es sei denn, das Ölwolken-Salatdressing verhindert diesen Energie- und Stofftransport.

    Aber Sie haben völlig Recht: Derzeit ist es Spekulation, in ein paar Monaten werden wir es wissen.

    Zu Ihrer Erklärung mit der Diffusion der feinen Öltröpfchen (#5): mit oder ohne Corexit? Für mich ist das nicht ganz schlüssig. Das Öl tritt meines Wissens nicht als Nebel aus dem Bohrloch, sondern als massiver Strom. In Frittierfett oder eine Flasche Olivenöl kann ich Spülmittel reinkippen wie ich will: um es zu emulgieren, bedarf es gewaltiger Anstrengungen. Entropische Gründe sprechen gegen eine Feinverteilung - sind die untermeerischen Strömungen so stark, dass es zu einer mechanischen Verwirbelung kommt (die aber trotzdem nicht auf molekularer Ebene für eine Durchmischung sorgt)? Spielt das Gas eine Rolle? Dann müsste sich die Wolke auflösen und das Öl zusammenklumpen, je höher sie steigt.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, Scilogs
  • Schlagworte Golf | Mexiko | Ölpest | Bohrinsel | Exxon | US-Regierung
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