Ölpest BP erschreckt mit neuem Worst-Case-Szenario

Die Ölpest könnte noch verheerender sein als bislang angenommen: Laut BP könnten täglich bis zu 15,9 Millionen Liter Öl ins Meer fließen – zwei Drittel mehr als vermutet.

Aus dem defekten Bohrloch im Golf von Mexiko schießt deutlich mehr Öl als bisher angenommen. Zu diesem Ergebnis kommt ein interner Bericht des britischen Ölkonzerns BP. Demnach könnten im schlimmsten Fall und unter bestimmten Bedingungen bis zu 100.000 Barrel (15,9 Millionen Litern) pro Tag ausfließen, heißt es in dem Dokument, das der Kongressabgeordnete Ed Markey veröffentlicht hat.

Ein ähnliches Worst-Case-Szenario hatte bereits die US-Regierung aufgestellt mit deutlich niedrigeren Werten. Washington geht bisher davon aus, dass maximal 60.000 Barrel Öl aus dem lecken Bohrloch in 1500 Meter Tiefe ausströmen könnten. Das wären gut ein Drittel weniger als in den Berechnungen des Ölmultis.

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Natur in Gefahr

Anfangs hieß es noch, dass aus den Lecks unter der explodierten Bohrinsel Deepwater Horizon nach Schätzungen des Ölkonzerns BP und der Behörden täglich rund 5000 Barrel Öl schießen würden. Das sind knapp 800.000 Liter der zähen schwarzen Masse. Mittlerweile hat die US-Regierung ihre Schätzung deutlich nach oben korrigiert. Sie liegt nun zwischen 35.000 und 60.000 Barrel pro Tag. Das wären bis zu 9,5 Millionen Liter. Seit Wochen weisen Forscher auf entsprechende Mengen hin.

Bedroht ist nicht nur die Küstenregion des amerikanischen Bundesstaates Louisiana, wo das Öl bereits auf Land getroffen ist. Nach Angaben der Wetter- und Ozeanografiebehörde der USA (NOOA) kommt es auch zu Auswirkungen für Tiere und Pflanzen entlang der Küsten der Nachbarstaaten Mississippi, Alabama und Florida. Derzeit schätzt NOOA, dass allein in Louisiana zehn Tierschutzgebiete betroffen sind.

Die Sumpflandschaften in der Region sind artenreiche Ökosysteme, die fast 40 Prozent der Feuchtgebiete der USA ausmachen.

Meerestiere

Louisianas Ministerium für Natur und Fischerei sieht 445 Fischarten, 45 Säugetierarten, 32 Amphibienarten und 134 Vogelarten unmittelbar durch den wabernden Ölteppich in Gefahr.

Meeressäuger, wie die Delfinart Großer Tümmler oder der Pottwall können sich im klebrigen Öl verfangen, wenn sie zum Luftholen auftauchen. Der Karibik-Manati, eine bereits gefährdete Seekuhart, wandert entlang der Golfküste in warme Gewässer.

Auch einige Schildkrötenarten könnten unter dem Öl leiden. Gerade beginnt die Zeit, in der sie ihre Eier an den Stränden ablegen und auf Futtersuche sind.

Einige Umweltschützer fürchten sogar, dass der Alligator Schwierigkeiten bekommen könnte, im brackigen Mündungsgebiet des Mississippi-Delta Nahrung zu finden. Viele Fischarten, die auf seinem Speiseplan stehen, könnten vom Öl eingefangen werden.

Vögel

Eine Vielzahl an Vogelarten lebt und zieht an der Golfküste entlang, um hier Eier zu legen, Nester zu hüten und nach Futter zu suchen. Allein an der Küste Louisianas zählt man rund fünf Millionen Zugvögel in den Sumpfgebieten.

Kommen die Vögel mit Öl in Verbindung und verkleben sich ihre Flügel, können die Tiere weder Wasser abweisen noch Luft aufnehmen. In der Folge können sie ihre Körpertemperatur nicht mehr regulieren und unterkühlen.

Der offizielle Vogel des Staates Louisiana, der Braunpelikan, hat gerade angefangen auf den Sandinseln, die parallel zur Küstenlinie verlaufen, zu brüten. Weitere rund hundert Zugvögelarten, darunter Schwalben, Ammern und Waldsänger, legen derzeit einen Zwischenstopp in der Region ein.

Hinzu kommen zahlreiche Vogelarten, die an den Stränden nisten.

Pflanzen

Besonders die weitverbreiteten Mangrovenwälder an der Küste des Golfs von Mexiko reagieren sehr empfindlich auf eine Ölverschmutzung. Sie sterben ab, sobald das Öl ihre Luftöffnungen in den Wurzeln verklebt.

Dies ist nicht nur ein ökologisches Problem. Die Mangroven spielen auch eine wichtige Rolle im Küstenschutz. Gerade in der Region vor Louisianas Küste kommt es immer wieder zu starken Hurrikans. Die Mangroven bieten als eine Art natürliche Barriere Schutz für das gesamte Mississippi-Delta.

Künftige Stürme könnten größere Schäden anrichten, weil Mangroven nur langsam nachwachsen.

Fischerei

Der Golf von Mexiko ist der einzige Ort, an dem der Blauflossenthun im Westatlantik seine Laichgründe hat. Die Laichzeit hat gerade begonnen und die Meerestiere sind ohnehin eine gefährdete Art. Ihre Eier schwimmen an der Wasseroberfläche und auch die Larven bleiben in den oberen Wasserschichten, die direkt vom Öl verseucht sind.

Auch der Menaden, eine Heringsart, ist direkt vom Öl betroffen. Die Fische ziehen ihre Nahrung aus dem Wasser, indem sie es filtern. So kann das Öl direkt in ihren Organismus gelangen.

In den Gewässern vor der US-Küste leben zudem riesige Mengen Austern, Krabben, Muscheln und weitere Fische.

Noch geht die örtliche Industrie zwar nicht von einem dramatischen Einfluss auf die Fischereibetriebe aus. Dennoch geht die Furcht um. Einige Krabbenfischer haben bereits BP, Transocean und die anderen an dem Bohrvorhaben beteiligten Konzerne Halliburton sowie Cameron wegen Fahrlässigkeit verklagt.

Laut Markey geht es in dem BP-Bericht um die Risiken der Ölauffang-Methoden . Die Experten schätzten demnach, dass zwischen 55.000 bis 100.000 Barrel Rohöl pro Tag ins Meer fließen könnten, wenn das kaputte Sicherheitsventil komplett entfernt würde. Zum selben Zeitpunkt, an dem der Bericht Markey zufolge im Mai den Abgeordneten zuging, sprach BP in der Öffentlichkeit noch von 5000 Barrel, die täglich in den Golf flössen.

Im TV-Sender NBC warf der Demokrat dem britischen Konzern nun vor, "entweder zu lügen oder schlicht inkompetent" zu sein: "Erst sprechen sie von 1000 Barrel, dann von 5000 Barrel, jetzt sind es schon bis zu 100.000 Barrel." Das Dokument werfe die sehr beunruhigenden Fragen auf, was BP gewusst hat und wann der Konzern es gewusst hat. "Es war ihre Technologie, ihr Leck, sie hätten es von Anfang an wissen müssen", sagte Markey. "Es ist klar, dass BP von Anfang an in Bezug auf das wirkliche Ausmaß des Öllecks nicht ehrlich mit der Regierung und dem amerikanischem Volk umgegangen ist." 

BP wies die Vorwürfe umgehend zurück. Der Bericht werde "völlig falsch interpretiert", sagte Sprecher Robert Wine. Er wies darauf hin, dass die Schätzungen auf Bedingungen beruhten, die nie eingetreten seien. So werde das Sicherheitsventil erst dann entfernt, "wenn wir garantieren können, dass das Bohrloch keine Gefahr mehr darstellt", sagte er. Nach seinen Angaben haben die damaligen Schätzungen nichts damit zu tun, "wie viel Öl derzeit tatsächlich" aus dem Leck fließe.

BP geriet auch an anderer Stelle unter Druck. Erst gab es neue Kritik an BP-Chef Tony Hayward, weil er sich Zeit für den Besuch einer Segelregatta vor der englischen Küste nahm. Dann ging das Partnerunternehmen Anadarko auf Distanz zu dem Londoner Energie-Multi und warf BP unverantwortliches Verhalten im Vorfeld der Explosion auf der Bohrinsel Deepwater Horizon vor. Anadarko-Chef James Hackett erklärte, es gebe immer mehr Beweise dafür, dass die Katastrophe vermeidbar und eine direkte Folge des verantwortungslosen Verhaltens von BP gewesen sei. Offenbar habe es sich um grobe Fahrlässigkeit und vorsätzliches Fehlverhalten gehandelt, sagte Hackett. Die Briten müssten daher für die Kosten allein aufkommen.

Leser-Kommentare
  1. ... Nicht das ich es nicht grausam finde, dass hier ein Konzenr die Welt verar***t, aber ganz im Ernst, war das nicht irgendwie genau so vorhersehbar. Ich kann ( und will ) mit nicht vorstellen, das eine amerikanische Regierung so dumm ist, auf das Geschwätz von BP zu hören.

    "Nein, Mr. Präsident, da läuft nichts aus" ...
    "Naja, ein wenig" ...
    "Eine klitzekleine Menge, ein Ölchen quasi"
    "Vielleicht haben wir uns etwas verschätzt"
    "Wir haben alles im Griff" usw. usw.

    Naja, auf eine fröhliche Woche

    • oannes
    • 21.06.2010 um 8:55 Uhr

    Man liest immer: "Grösste Öl-Katastrophe in der Geschichte der USA", so als ginge uns das gar nichts an. In meinem Verständnis ist dies die grösste Ölkatastrophe der Menschheit, und wir alle sind mitverantwortlich. Ich bin aber durchaus pessimistisch, dass dies etwas an unserer Lebensweise ändern wird. SUV's und Großkotzautos, als auch die kleineren Spritschleudern verstopfen weiterhin die Strassen und werden als Statussymbole oder Regenschirme missbraucht (Bei Regen sind mehr Autos auf den Strassen). Es sind immer die anderen, die zuviel und überflüssigerweise Auto fahren. Wir fahren am Wochenende ja bloss ins Grüne...

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    Ich bin kein Engel (das Auto benutze ich leider oft, aber es geht leider nicht anders auf'm Land), aber diese SUVs etc. sind wirklich asozial! Diese Leute leben in Ihrer kleinen "sauberen" Welt - einfach gestrickte Menschen.

    Ich frage mich, ob die Menschheit Ihre eigene Dummheit überleben wird? Welche Gesellschaftsform kann mit der fortschreitenden Wissenschaft und Technologie mithalten? Ich bin eigentlich eher links und grün ausgerichtet, aber es ist evtl. die Zeit für den Übermenschen gekommen ... Demokratie scheint hier als Framework leider unbrauchbar zu sein.

    Jetzt soll ich auch noch mit 18 Euro im Monat die TV-Verdummung unterstützen (Neue GEZ ab 2013). ARTE ok, aber ARD&ZDF - NEIN Danke!

    Ich stimme ihnen voll und ganz zu. Die wenigsten fassen sich selbst and die eigene Nase und überlegen, warum es solche Bohrinseln gibt. Fahrt mehr Rad Leute, das macht gesund, schlank und glücklich und schwächt die Ölmultis.

    Seien Sie mir bitte nicht böse, dass ich so direkt und rüde auf Ihren Halbsatz "...und wir alle sind mitverantwortlich." reagiere. Aber das ist so ziemlich das Dümmste, was ich darüber gelesen habe. Ich weiß, dass es in der besitzbürgerlichen Presse seit dem Verbrechen der BP üblich ist, die Bürger als mitschuldig zu bezichtigen, damit die wahren Verbrecher nicht beim Namen genannt werden müssen. Nur muss man so etwas aber nun wirklich nicht nachplappern.

    Ich bin kein Engel (das Auto benutze ich leider oft, aber es geht leider nicht anders auf'm Land), aber diese SUVs etc. sind wirklich asozial! Diese Leute leben in Ihrer kleinen "sauberen" Welt - einfach gestrickte Menschen.

    Ich frage mich, ob die Menschheit Ihre eigene Dummheit überleben wird? Welche Gesellschaftsform kann mit der fortschreitenden Wissenschaft und Technologie mithalten? Ich bin eigentlich eher links und grün ausgerichtet, aber es ist evtl. die Zeit für den Übermenschen gekommen ... Demokratie scheint hier als Framework leider unbrauchbar zu sein.

    Jetzt soll ich auch noch mit 18 Euro im Monat die TV-Verdummung unterstützen (Neue GEZ ab 2013). ARTE ok, aber ARD&ZDF - NEIN Danke!

    Ich stimme ihnen voll und ganz zu. Die wenigsten fassen sich selbst and die eigene Nase und überlegen, warum es solche Bohrinseln gibt. Fahrt mehr Rad Leute, das macht gesund, schlank und glücklich und schwächt die Ölmultis.

    Seien Sie mir bitte nicht böse, dass ich so direkt und rüde auf Ihren Halbsatz "...und wir alle sind mitverantwortlich." reagiere. Aber das ist so ziemlich das Dümmste, was ich darüber gelesen habe. Ich weiß, dass es in der besitzbürgerlichen Presse seit dem Verbrechen der BP üblich ist, die Bürger als mitschuldig zu bezichtigen, damit die wahren Verbrecher nicht beim Namen genannt werden müssen. Nur muss man so etwas aber nun wirklich nicht nachplappern.

  2. Das Drama erinnert ein wenig an Lindenstraße: Jeden Tag ein anderer Blickwinkel. Langsam langweilt es. Wir haben auch noch andere Probleme als ein Leck 10000 Kilometer weit weg. Das ist der Nachteil der heutigen Medien: Alles, jeder Dreck, wird immer und zu jeder Zeit direkt in mein Wohnzimmer gepumpt. Wie eine Ölquelle.

    Ich darf allerdings versichern, und das ist der einzige reale Beitrag den ich dazu erbringen kann, dass hier am Müggelsee in Berlin noch keine ölverschmierten Vögel gefunden wurden.

  3. Diese Havarie einer Ölplattform im Golf von Mexiko ist längst zum größten Umweltdesaster seit Tschernobyl geworden. Immense Ölmengen strömen inzwischen seit Monaten in unser Ökosystem, BP hat keinerlei wirkliches Konzept, dies schnell zu ändern. Profitsucht eines Großkonzerns aber auch Schlamperei bei zuständigen us- Umweltbehörden haben diese Ölkatstrophe erst möglich gemacht. Und ein Stück weit auch unser Lebensstil, der u.a. auf billigem Öl basiert und da stören höhere Umweltstandards nur...denn das gehört zur Wahrheit dazu. Es müssen dringend strengere Auflagen für derartig gefährliche Bohrungen in sensiblen Bereichen her, aber das wird die Ölpreise eher weiter nach oben treiben...ob dann die Mehrheit der Bürger immer noch für strenge Auflagen sind, wage ich zu bewzweifeln...Dazu gehört endlich auch ein generelles umdenken, hin zu weniger Energieverbrauch und weg vom heiligen Kalb Automobil. Das ist zur Zeit aber nicht wirklich erkennbar.

  4. Bei Fragen, Kritiken oder Anmerkungen zur Moderation, wenden Sie sich an community@zeit.de. Die Redaktion / mh

  5. 6. na ja

    erinnert mich an tschenobyl.
    gleiche informationsmasche. alles im griff, bis auf das was man den sowjets nachweisen konnte. und die scheiben wurden immer dicker, weil es für radioaktivität keine passpflicht gibt. irgendwann hatten wir das problem im eigenen haus.
    das gilt auch für öl und die bisher eingesetzten chemikalien, die wohl nochmal deutlich giftiger sind als das öl. und die bleiben nicht im ozean, die können mit wasserdampf um die erde wandern.

    bleibt die frage, wenn etwas alle betrifft, ab wann alle dann auch was zu sagen haben ...

  6. ... ab sofort nicht mehr bei BP/Aral. Es ist unglaublich, wie dieser Konzern erst ein paar Millionen Euro sparen will und dafür gezielt Sicherheitsventile einspart und dann die gesamte Weltbevölkerung an der Nase herumführt.

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    Gut gemeint, aber die Anderen Ölproduzenten sind genauso schlimm, denken Sie an Esso (Exxon) oder Shell, das sind doch alles die gleichen Konsorten. Strafe wäre nur, wenn wir endlich weniger verbrauchen und sparsame Autos, Geräte, Heizungen usw. entwickeln. Leider hat weder Politik noch sonst wer ein Interesse daran - hier werden wir täglich belogen...

    Gut gemeint, aber die Anderen Ölproduzenten sind genauso schlimm, denken Sie an Esso (Exxon) oder Shell, das sind doch alles die gleichen Konsorten. Strafe wäre nur, wenn wir endlich weniger verbrauchen und sparsame Autos, Geräte, Heizungen usw. entwickeln. Leider hat weder Politik noch sonst wer ein Interesse daran - hier werden wir täglich belogen...

  7. nicht Eigentum der Menschheit sein. Wieso erlaubt man eigentlich einer Firma die Ausbeutung. Zumindest ein Förderzins würde die finanziellen Probleme der Uno weitgehend beseitigen.

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    • amanzi
    • 21.06.2010 um 12:24 Uhr

    Die Deep Water Horizon liegt/lag in der Ausschließlichen Wirtschaftszone der USA, welche - wenn es keine Überschneidungen gibt - 200 Seemeilen ab Küste beträgt.

    • amanzi
    • 21.06.2010 um 12:24 Uhr

    Die Deep Water Horizon liegt/lag in der Ausschließlichen Wirtschaftszone der USA, welche - wenn es keine Überschneidungen gibt - 200 Seemeilen ab Küste beträgt.

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