Ölpest vor der US-Küste "Die Kadaver sind Beweismittel gegen BP"

Den seltenen Meeresschildkröten im Golf von Mexiko droht ein verheerendes Artensterben. Im Interview berichten Forscher vom fast unmöglichen Rettungseinsatz gegen das Öl.

ZEIT ONLINE: Wir sind hier im Audubon Nature Institute in der Nähe von New Orleans, wo mehrere US-Tierschutzorganisationen eine Notaufnahme für Schildkröten eingerichtet haben. Was können Sie überhaupt tun?

Michael Zaccardi: Wir haben Hubschrauber in der Luft, die unsere Boote zu den Tieren lotsen. Die Schildkröten fressen häufig dort, wo Strömungen aufeinander treffen. Dort suchen wir mit unseren Booten. Leider ist an diesen Stellen auch die Ölkonzentration am höchsten. Häufig bekommen wir auch Anrufe von Strandbesuchern, dass ein Tier an Land gespült worden ist. Dann schwärmen unsere Teams aus und holen die Tiere. Wir sammeln die Schildkröten so schnell wie möglich ein.

ZEIT ONLINE: Wie geht es dann weiter?

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Michael Ziccardi
Michael Ziccardi

Der Professor an der University of California-Davis ist Direktor des Oiled Wildlife Care Network. Er ist der Chefkoordinator für die Rettung der Schildköten im Golf von Mexiko.

Barbara Schroeder: Gleich nach der Ankunft hier im Rettungszentrum untersuchen unsere Tierärzte die Schildkröten. Oft leiden die Tiere an Flüssigkeitsmangel, so dass wir ihnen etwas geben, damit sie schnell wieder auf die Beine kommen. Wenn sie kräftig genug sind und ihr Zustand stabil scheint, dann reinigen wir die Tiere vom Öl. Mit speziellen Medikamenten befreien wir das Körperinnere von den Giften. Dann kommen sie in ein Wasserbassin. Wer nicht essen will, wird zwangsernährt. Das müssen wir tun, sonst sterben die Tiere.

ZEIT ONLINE: Wie ist der Zustand der Schildkröten, wenn die Tiere hier eintreffen?

Zaccardi: Sehr schlimm. Das Öl findet sich überall: im Mund, den Augen, im Magen. Wir wissen zwar relativ wenig darüber, wie das Öl die Schildkröten langfristig schädigt. Fest steht aber: Das Öl greift die Tiere nicht nur von außen, sondern auch von innen an. Die Schildkröten schlucken das Gift. Sie fressen kleine Ölklumpen, weil sie sie mit Nahrung verwechseln. Viele erbrechen noch Tage, nachdem sie in unserer Obhut gekommen sind. Die Tiere bekommen Lebertran und Mayonnaise gegen das Öl, das sie heruntergeschluckt haben. Außerdem verabreichen wir insgesamt zehn Antibiotika. Mit regelmäßigen Blutuntersuchungen kontrollieren wir die Genesung.

Barbara Schroeder
Barbara Schroeder

Die Leiterin der Schildkröten-Sektion des National Marine Fisheries Service und steht an der Spitze der Sea Turtle Unit of the Unified Area Command Wildlife Branch.

ZEIT ONLINE: Wie viele Tiere können Sie retten?

Schroeder: Wie bei allen Ölunglücken bekommen wir nur die Spitze des Eisbergs zu sehen. Selbst mit unserem Großeinsatz helfen wir lediglich einem Bruchteil der betroffenen Tiere. Weil die Arten aber so gefährdet sind, ist jedes Tier für den Fortbestand wichtig. Wir retten die Schildkröten in der Hoffnung, dass jede einzelne später viele Nachfahren haben wird. Aktuell haben wir 33 Schildkröten bei uns. Ihre Überlebenschance stehen jetzt sehr gut, auch wenn noch kein Patient so weit ist, dass wir ihn entlassen könnten.

Zaccardi: Wir haben allerdings mehr als 320 tote Schildkröten gefunden. Die Kadaver sind Beweismittel gegen BP.  Was wir hier machen, ist wie CSI für Schildkröten – wir sammeln die Puzzleteile zusammen, um nachweisen zu können, woran genau jedes einzelne Tier starb.

ZEIT ONLINE: Welche Bedeutung hat der Golf von Mexiko für die Schildkröten?

Zaccardi: Der Golf ist extrem wichtig. Fünf von insgesamt sieben Arten von Wasserschildkröten sind hier zu finden. Alle fünf sind vom Aussterben bedroht oder zumindest gefährdet. Vor allem für die Art Kemp's Ridley (Lepidochelys kempii), die kleinste und seltenste Meeresschildkröte der Welt, ist ein sauberer Golf überlebenswichtig. Diese Tiere leben fast nur hier. Die Art war bereits vor dreißig Jahren in Gefahr geraten – wegen einer anderen Ölpest im Golf von Mexiko. Auf einige hundert Exemplare war die Zahl geschrumpft, bevor sich die Population wieder erholte, um nun erneut in eine Ölpest zu geraten.

Natur in Gefahr

Anfangs hieß es noch, dass aus den Lecks unter der explodierten Bohrinsel Deepwater Horizon nach Schätzungen des Ölkonzerns BP und der Behörden täglich rund 5000 Barrel Öl schießen würden. Das sind knapp 800.000 Liter der zähen schwarzen Masse. Mittlerweile hat die US-Regierung ihre Schätzung deutlich nach oben korrigiert. Sie liegt nun zwischen 35.000 und 60.000 Barrel pro Tag. Das wären bis zu 9,5 Millionen Liter. Seit Wochen weisen Forscher auf entsprechende Mengen hin.

Bedroht ist nicht nur die Küstenregion des amerikanischen Bundesstaates Louisiana, wo das Öl bereits auf Land getroffen ist. Nach Angaben der Wetter- und Ozeanografiebehörde der USA (NOOA) kommt es auch zu Auswirkungen für Tiere und Pflanzen entlang der Küsten der Nachbarstaaten Mississippi, Alabama und Florida. Derzeit schätzt NOOA, dass allein in Louisiana zehn Tierschutzgebiete betroffen sind.

Die Sumpflandschaften in der Region sind artenreiche Ökosysteme, die fast 40 Prozent der Feuchtgebiete der USA ausmachen.

Meerestiere

Louisianas Ministerium für Natur und Fischerei sieht 445 Fischarten, 45 Säugetierarten, 32 Amphibienarten und 134 Vogelarten unmittelbar durch den wabernden Ölteppich in Gefahr.

Meeressäuger, wie die Delfinart Großer Tümmler oder der Pottwall können sich im klebrigen Öl verfangen, wenn sie zum Luftholen auftauchen. Der Karibik-Manati, eine bereits gefährdete Seekuhart, wandert entlang der Golfküste in warme Gewässer.

Auch einige Schildkrötenarten könnten unter dem Öl leiden. Gerade beginnt die Zeit, in der sie ihre Eier an den Stränden ablegen und auf Futtersuche sind.

Einige Umweltschützer fürchten sogar, dass der Alligator Schwierigkeiten bekommen könnte, im brackigen Mündungsgebiet des Mississippi-Delta Nahrung zu finden. Viele Fischarten, die auf seinem Speiseplan stehen, könnten vom Öl eingefangen werden.

Vögel

Eine Vielzahl an Vogelarten lebt und zieht an der Golfküste entlang, um hier Eier zu legen, Nester zu hüten und nach Futter zu suchen. Allein an der Küste Louisianas zählt man rund fünf Millionen Zugvögel in den Sumpfgebieten.

Kommen die Vögel mit Öl in Verbindung und verkleben sich ihre Flügel, können die Tiere weder Wasser abweisen noch Luft aufnehmen. In der Folge können sie ihre Körpertemperatur nicht mehr regulieren und unterkühlen.

Der offizielle Vogel des Staates Louisiana, der Braunpelikan, hat gerade angefangen auf den Sandinseln, die parallel zur Küstenlinie verlaufen, zu brüten. Weitere rund hundert Zugvögelarten, darunter Schwalben, Ammern und Waldsänger, legen derzeit einen Zwischenstopp in der Region ein.

Hinzu kommen zahlreiche Vogelarten, die an den Stränden nisten.

Pflanzen

Besonders die weitverbreiteten Mangrovenwälder an der Küste des Golfs von Mexiko reagieren sehr empfindlich auf eine Ölverschmutzung. Sie sterben ab, sobald das Öl ihre Luftöffnungen in den Wurzeln verklebt.

Dies ist nicht nur ein ökologisches Problem. Die Mangroven spielen auch eine wichtige Rolle im Küstenschutz. Gerade in der Region vor Louisianas Küste kommt es immer wieder zu starken Hurrikans. Die Mangroven bieten als eine Art natürliche Barriere Schutz für das gesamte Mississippi-Delta.

Künftige Stürme könnten größere Schäden anrichten, weil Mangroven nur langsam nachwachsen.

Fischerei

Der Golf von Mexiko ist der einzige Ort, an dem der Blauflossenthun im Westatlantik seine Laichgründe hat. Die Laichzeit hat gerade begonnen und die Meerestiere sind ohnehin eine gefährdete Art. Ihre Eier schwimmen an der Wasseroberfläche und auch die Larven bleiben in den oberen Wasserschichten, die direkt vom Öl verseucht sind.

Auch der Menaden, eine Heringsart, ist direkt vom Öl betroffen. Die Fische ziehen ihre Nahrung aus dem Wasser, indem sie es filtern. So kann das Öl direkt in ihren Organismus gelangen.

In den Gewässern vor der US-Küste leben zudem riesige Mengen Austern, Krabben, Muscheln und weitere Fische.

Noch geht die örtliche Industrie zwar nicht von einem dramatischen Einfluss auf die Fischereibetriebe aus. Dennoch geht die Furcht um. Einige Krabbenfischer haben bereits BP, Transocean und die anderen an dem Bohrvorhaben beteiligten Konzerne Halliburton sowie Cameron wegen Fahrlässigkeit verklagt.

Schroeder: Die Kemp's Ridleys sind mitten in der Brutzeit. Die Schildkröten legen am Strand ihre Eier. Die frisch geschlüpften Tiere krabbeln dann ins Wasser und lassen sich von den Strömungen im Golf bis in den Atlantik treiben. Dabei ist ihnen nun häufig das Öl im Weg – auf und unter dem Wasser. Außerdem fressen sie Algen, die an der Wasseroberfläche schwimmen. Dabei können sie sich leicht in dem dicken Ölschlick verfangen.

ZEIT ONLINE: Sie haben bereits bei mehr als 30 Ölunglücken Meerestiere gerettet. Wie unterscheidet sich diese von anderen Katastrophen?

Zaccardi: Diese Ölpest ist anders alle anderen. Die Dimension ist nicht fassbar. Davon abgesehen, hat es lange gedauert bis das Öl die Küsten erreicht hat, in deren Nähe sich die meisten Schildkröten aufhalten. Das hat uns Zeit verschafft. Wir konnten detaillierte Rettungspläne ausarbeiten. Normalerweise werden bereits ein, zwei Tage nachdem das Öl in den Ozean gelangt ist, viele Tiere an Land gespült und dann sind die Rettungszentren noch gar nicht einsatzbereit.

 ZEIT ONLINE: Wie geht es jetzt am Golf von Mexiko weiter?

Schroeder: Wir hoffen auf das beste, bereiten uns aber auf das schlimmste vor. Wir haben weitere Helfer auf Standby, die uns jederzeit verstärken könnten. Außerdem bauen wir unsere Anlage hier aus. Niemand kann wissen, wie viele Tiere genau da draußen am sterben sind und wie viele es bis zu uns schaffen. All diese Tiere sehe ich als meine Patienten an. Wir versuchen, so viele wie möglich zu retten. Mit Ölsperren versuchen wir jene Inseln zu schützen, vor denen die Babyschildkröten ihre ersten Schwimmversuche unternehmen. Wir überlegen, die frisch Geschlüpften einzusammeln, um sie im Atlantik – weit weg vom Öl – freizulassen.

Ölteppich
Auf ifitwasmyhome.com kann man sich anschauen, welches Ausmaß die Ölpest im Vergleich zur Fläche Norddeutschlands hat

Auf ifitwasmyhome.com kann man sich anschauen, welches Ausmaß die Ölpest im Vergleich zur Fläche Norddeutschlands hat

ZEIT ONLINE: Können die geretteten Tiere jemals wieder in die Natur zurückkehren?

Zaccardi: Ja, absolut. Wir werden alle Schildkröten so schnell wie möglich freilassen. Wenn wir sicher sind, dass das Tier wieder fit ist und auch im Körper kein Öl ist, suchen wir nach einem Ort, um sie freizulassen. Das dauert in der Regel Wochen, hier und jetzt rechnen wir aber eher mit Monaten. Das schlimmste wäre es aber, den Tieren den Stress mit der Reinigung und Rehabilitierung zuzumuten, und sie dann der Gefahr auszusetzen, erneut in den Ölteppich zu schwimmen.

Die Fragen stellte Felix Wadewitz.

 
Leser-Kommentare
  1. Wenn interessieren denn schon ein paar Kröten, wenn Vermögenswerte in Gefahr sind?

    Oh, was sagen Sie, Schildkröten sind noch nicht einmal Kröten? Tant pis... Weg mit dem Kriechzeug, freie Fahrt für freie Würger...

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    Sorry für Rächtschreibfehler. Sind Folgen einer exklusiv ökkkonomisch-merkkkantilistischen Erziehung.

    Sorry für Rächtschreibfehler. Sind Folgen einer exklusiv ökkkonomisch-merkkkantilistischen Erziehung.

  2. Sorry für Rächtschreibfehler. Sind Folgen einer exklusiv ökkkonomisch-merkkkantilistischen Erziehung.

    Antwort auf "Gutmenschen, pah..."
  3. Mensch inklusive.

    Sowieso illusorisch der Versuch "grüner" Gruppen die Natur im Jetztzustand zu konservieren. Geht nich und wird nicht gehen. Die Natur nimnmt ihren Lauf incl. menschen- oder nichtmenschengemachten Katastrophen.

    Aber niedlich sind se schon, die Schildkröten

  4. Sehr interessiert bin ich jetzt auf die ersten Taxen für die einzelnen Tiere, also was z.B. ein Delphin oder ein Pelikan in Geld wert und wieviel wird BP für die umgekommenen Tiere zahlen?

    Das Bohrloch, der Betonmantel im Bohrloch ist durch die topkillaction geborsten, also zerstört. Jetzt quillt das Öl auch im Umkreis der Bohrung aus dem Meeresboden und das Leck ist nicht mehr zu versiegeln. Nach ersten Schätzungen wird das Öl die nächsten 50 Jahre sich in den Golf von Mexiko ergießen. BP ist somit Geschichte.

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