Ölpest vor US-Küsten Amerika verdrängt wahres Ausmaß der Ölpest
Die Ölpest wird immer bedrohlicher. Doch das Desaster ist bislang nicht angekommen im Bewusstsein der Amerikaner. Aus Louisiana berichtet Christoph von Marschall.
© Joe Raedle/Getty Images

Vielleicht wird es nicht so schlimm: Viele Amerikaner (wie diese Urlauberin am Strand von Florida) lassen sich von der Ölpest in ihrem Optimismus nicht erschüttern – noch nicht
Der Himmel ist grau und wolkenverhangen. Grollend jagt Welle um Welle an den Strand. Ein kräftiger Wind zerrt an den breitkrempigen Hüten von einem Dutzend Gestalten, die gebückt im Sand mit Rechen, Schaufeln und Putzlappen hantieren. Die meisten tragen gelbe Schutzkleidung und Schnürstiefel mit dicker Sohle. Die Hände stecken in giftgrünen Plastikhandschuhen. Dan, ihr Anführer, trägt einen weißen Schutzanzug, der im Knöchelbereich und an den Knien braune Flecken aufweist. Sein rechtes Knie berührt fast den Boden, als er mit einem großen weißen Tuch über den Sand wischt und es, nun dunkel verfärbt, an einen Kollegen weiterreicht. Der steht hinter ihm mit einem offenen Plastiksack, der langsam schwerer wird und sich mit Abfall füllt. Die Lappen saugen das Öl auf und binden es.
Zwei Meter neben ihm drückt Joe eine Schaufel vorsichtig unter einen handtellergroßen braunen Glibber, hebt ihn vom Sand ab und kippt ihn in einen Plastiksack. Rechts wie links ist der Strand mit braunen Flecken übersäht. Manche sind nur fingerkuppengroß, andere haben Armeslänge. Es ist Rohöl vermutlich aus dem Bohrloch, das die Explosion der Bohrinsel Deepwater Horizon am 20. April in eine unkontrolliert sprudelnde Giftquelle verwandelt hat. Dieser Strand auf der Insel Grand Terre, die dem Marschland des Mississippideltas vorgelagert ist, liegt rund 80 Kilometer nordwestlich der Unglücksstelle. 45 Tage hat das Öl für seine Reise bis hierher gebraucht.
© ZEIT-Grafik
Die Grafik zeigt den Grad der Verschmutzung an den Küsten im Golf von Mexiko
So sehen also die Vorboten der Apokalypse aus, die der Südküste der USA droht. Noch lauert die eigentliche Gefahr da draußen in den Tiefen des Golfs von Mexiko. Die Medien berichten schon seit Wochen über "die größte Umweltkatastrophe in der Geschichte der USA". Weit über hundert Millionen Liter sind inzwischen ins Meer geströmt, das übertrumpft das Tankerunglück der Exxon Valdez in Alaska 1989 bei weitem. Doch damals waren die Folgen binnen weniger Tage zu sehen: ölverschmierte Küstenstreifen über 2100 Kilometer Länge und mehr als 100.000 tote Seevögel.
Das aktuelle Desaster hat die Gestalt einer schleichenden, nur langsam an Land kriechenden Katastrophe. In einer Tiefe von 1500 Metern beginnt es, als brodelnder schwarz-brauner Ölvulkan. Bis zu diesem Wochenende, sechseinhalb Wochen nach dem Unglück, wurden aus den vier Bundesstaaten Louisiana, Alabama, Mississippi und Florida vereinzelte Ölverschmutzungen an Strandabschnitten gemeldet, die sich zusammen auf 160 Kilometer addieren. Der Großteil betrifft vorgelagerte Inseln, ohne Straßen- oder Fähranbindung. Offizielle Stellen melden einige Hundert tote Vögel.
Der Versuch, sich dort, wo die Folgen am schlimmsten sein müssten, einen eigenen Eindruck vom Ausmaß der Ölpest zu verschaffen, gleicht der Suche nach einem Phantom. Zweieinhalb Stunden dauert die Autofahrt von New Orleans nach Grand Isle, dem südlichsten Punkt am Westrand des wie ein Lungengewebe verzweigten Mississippideltas. Der Weg führt durch sattgrünes, baumloses Marschland. Ibisse und verschiedene Reiherarten sind zu sehen. Am Hafen von Grand Isle tummeln sich Schwärme von Braunpelikanen. Delphine durchpflügen das Hafenbecken.
Unterwegs trifft man Krabbenfischer wie Clark Fontaine. Er schimpft, dass die Regierung so viele Fanggründe gesperrt habe. Er bringe nur noch halb so viel "Shrimp" herein. Dafür sei der Kilopreis stark gestiegen. Seine größte Sorge: Dass Wind und Wellen Öl ins Marschland drücken und den Nährboden für Krabben verseuchen. "Dann überschwemmen beschissene Kommunistenländer wie Vietnam unseren Markt mit ihrem Shrimp."
Hinweise auf das nahende Unheil sind vielerorts zu sehen. "Beach closed" warnen Tafeln, Polizeiwagen blockieren den Zugang. "For rent" steht an Ferienhäusern und an den Buden der Bootsverleiher. Am 1. Juni hat die Hauptsaison begonnen. Vor einem Jahr um diese Zeit habe das Geschäft gebrummt, klagt Curtis, ein wettergegerbter 63-Jähriger mit weißem Rauschebart. Vor fünf Jahren ist er aus Arizona hierher gezogen, um einen Campingplatz aufzubauen und sich so seinen Lebensabend zu vergolden. Kurz danach zerstörte Hurrikan "Katrina" den Traum. Jetzt stirbt er zum zweiten Mal. Die Kunden stornieren wegen der Ölpest. Präsident Obama ist am Freitag nach Grand Isle geflogen und hat Hilfe versprochen.
- Datum 06.06.2010 - 09:35 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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Solange Wall Street und der Kongress nicht unter der zaehen Masse versinken, wird sich auch nichts aendern.
Ende der Siebziger hatte jede Familie am Strand in der Bucht von Neapel eine Flasche mit Benzin dabei. Wenn man mit Oelschmier an den Fuessen aus dem verdreckten Meer kam, wusch man sich mit in Benzin getauchtem WC-Papier ab, das man danach in die Landschaft schmiss...
Eine Reportage, welche guten Einblick gibt in die Verhältnisse vor Ort dort am Golf von Mexiko. Allerdings hat sich in allen Medienberichten eine Diktion eingeschlichen, die man vielleicht als Erwartungshaltung kennzeichnen könne, nunmehr irgendein emotionales Entsetzen oder so zu zeigen. Geboten wäre Sachlichkeit und die Entwicklung oder Beibehaltung guter Sitten, z.B. einer solchen, dass bei der Wahl zwischen einer teuren aber sicheren technischen Maßnahme diese auch dann gewählt wird, wenn es eine billige unsichere gibt. Die Menschen befinden sich auf dem Wege des technischen Fortschrittes und der Entwicklung - wer dies nicht so sieht, möge ein Konzept von Rückentwicklung vorstellen, welches auch belastbar ist. Wer ständig Mitleid mit der betroffenen Tierwelt erzeugen will, der sollte dieses auch in vielen anderen Tierschutzbereichen anmelden. So sollte als Lehre aus dieser Katastrophe vielleicht die Kenntnis gezogen werden, dass an Sicherheit nicht gespart werden darf und BP-Gelder am besten für die Forschung eingesetzt wären.
Den Mann sollte man nicht einfach so erwähnen, als würde er noch an der LSU arbeiten. Meines Wissens war er arbeitslos, also ein ehemaliger Prof an LSU. Er war einer der größten Mahner vor Orkane, hat 2004 ein Modell für einen direkten Treffer auf New Orleans erstellt, in dem quasi Katrina vorhergesagt wurde, und bekam dann 2009 die Kündigung.
http://www.nola.com/hurri...
Ist eigentlich schon jemand dahinter gekommen, daß das Meer nicht nur eine Oberfläche und eine Küste hat?
Die Verseuchung findet IM Ozean statt-doch wird nur über das debattiert, was man sehen kann. Welche Auswirkungen diese Ölmenge auf die Meere hat, werden erst unsere Kinder erfahren.
Wann ist den solch eine Quelle leer gelaufen???
Denn sonst würden sie ja unweigerlich zugeben, dass ihre angeblich einzig richtige Lebensweise in Wirklichkeit die zerstörerischste auf diesem Globus ist.
Ich hoffe, dass wenigsten ein Teil der Deutschen, die der US-Amerikaner ergebenste Nachahmer sind, begreifen, auf was für einem katastrophalen Irrweg sie hinterhertrotteln.
Als Naturwissenschaftler glaube ich nicht an Strafe, Gerechtigkeit und das Obwalten überirdischer Mächte. Aber es passte wunderbar! Der Super-Schweineigel wird exemplarisch bestraft so dass man ihn schon bedauern möchte. - Vielleicht wird man im Abstand dieses Ereignis erkennen können als Zeitpunkt des Anfangs der Umbesinnung? Schön wäre es!
Wer sich im 21. Jahrhundert immer noch darauf konzentriert veraltete Formen der Energieerzeugung am Leben zu erhalten, nur damit die Führer mancher Konzerne reich, mächtig und einflussreich sein können, der hat es nicht besser verdient. Jedem das Schicksal auf das er hin arbeitet.
Ein Problem könnte auch sein, dass Konzerne wie BP nicht nur einen viel zu großen Einfluss in der Politik spielen, sondern auch dass sie Lügenmarketing betreiben dürfen. Es gibt weltweit kaum Gesetze die irreführende Werbung mit Strafen ahnden die einen Konzern an den Rand des Bankrotts bringen - obwohl das längst überfällig ist. Die Schäden durch Lügenkampagnen werden in einer Welt in der zunehmend komplexere Zusammenhänge vermittelt werden müssen immer verheerender. Wer heutzutage noch behauptet Öl, Kohle oder Atomkraft wären sauber, beherrschbar oder unverzichtbar sollte eigentlich aller Ämter enthoben und wegen Landesverrats angeklagt werden.
Hier noch ein Hinweis auf einen Film der zeigt wie die Situation global wirklich ist und worauf wir zusteuern wenn die Verantwortlichen (Politiker, AG-Manager,..) nicht endlich ihren Verstand einsetzen, sondern immer nur hinter dem Rücken die Hand aufhalten:
http://planetgreen.discov...
Einerseits: "Der Versuch, sich dort, wo die Folgen am schlimmsten sein müssten, einen eigenen Eindruck vom Ausmaß der Ölpest zu verschaffen, gleicht der Suche nach einem Phantom." - Andererseits: "Hinweise auf das nahende Unheil sind vielerorts zu sehen." - Was denn nun? Wenn die Auswirkungen so unklar sind, warum sollten die Amerikaner sich dann hysterisieren lassen? "Die Ölpest wird immer bedrohlicher" - aber zu einer tatsächlichen Bedrohung reicht es am Ende wohl doch nicht ganz. Schade für die Medien (einschliesslich Christoph von Marschall), die wenigstens eine Katastrophe in Aussicht stellen wollen, wenn faktisch sich keine so wirklich einstellen will? Was "verdrängen" die Amerikaner eigentlich, wenn kaum Öl an die Strände gelangt? Obama ist doch dabei, BP in Haftung zu nehmen. Läuft doch alles super.
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