Herumdoktern am Klima: Welche Folgen haben direkte Eingriffe in die Atmosphäre, um die Erderwärmung zu bremsen?

Die Idee sorgt für Streit, seit sie in der Welt ist. Der Chemienobelpreisträger Paul Crutzen hatte 2006 den Gedanken durchgespielt , Partikel in hohen Atmosphärenschichten zu verteilen, um den Treibhauseffekt zu dämpfen. In der Luft schwebende Sulfatteilchen (Aerosol) könnten Sonnenlicht reflektieren. Das wiederum könne der Erde Kühlung und den Menschen ein wenig Zeit im Kampf gegen den Klimawandel verschaffen. Trotz aller Unwägbarkeiten werden ingenieurmäßige Eingriffe in unsere Atmosphäre (Geoengineering) ernsthaft diskutiert.

Beim Jahrestreffen der American Association for the Advancement of Science (AAAS) im Februar rechnete etwa Ken Caldeira von der Carnegie Institution vor: "Wenn wir einen 20-Liter-Eimer Sulfat pro Sekunde in die Stratosphäre kippen, können wir die Erwärmung der Erde 50 Jahre lang aufhalten" – im Prinzip. Nun hat die Physikerin Kate Ricke eine solche Bremse für die globale Erwärmung durchgerechnet – und in der Fachzeitschrift Nature Geoscience eher ernüchternde Ergebnisse veröffentlicht (vorab online).

Zwar verspricht die Technik durchaus Kühlung. Dafür existieren auch bereits reale Belege: Im Jahr 1991 spie der Vulkan Pinatubo gewaltige Mengen schwefelhaltiger Asche in den Himmel, danach wurde es weltweit eine Zeit lang kühler. In einer Computersimulation großer Sulfatmengen in der Stratosphäre gelang es Ricke nun, die Temperatur bis zum Jahr 2080 stabil zu halten. Allerdings galt das nur im globalen Durchschnitt, regional variierten die Effekte im Rechenmodell gewaltig: Warf die Forscherin zum Beispiel so viel Sulfat in die digitale Stratosphäre, dass in China das Klima stabil blieb, wurde es in Indien merklich kühler und feuchter. Die für Indien optimale Aerosolmenge führte hingegen in China zu großer Hitze. Und als Kehrseite stellte sich heraus, dass mehr Sulfat in der Atmosphäre weltweit zu geringeren Niederschlägen führen könnte.

Ohnehin würden Geoingenieure mit dieser Methode nur am Symptom (Erwärmung) und nicht an der Ursache (Treibhausgase) herumdoktern. Deshalb galt sie Experten von vornherein bestenfalls als einstweilige Notmaßnahme und nicht als Lösung . "Aber es könnte noch einstweiliger sein, als die Leute erwartet haben", kommentiert Ricke selbst ihre Ergebnisse. Der Geophysiker Alan Robock von der Rutgers University sagte Nature News : "Das bestätigt, dass es nicht möglich ist, durch Geoengineering in der Stratosphäre beides zu kontrollieren – Temperatur und Niederschläge."

Die Gefahr unterschiedlicher regionaler Effekte birgt auch politische Sprengkraft, weil einzelne Staaten die Pinatubo-Methode durchaus im Alleingang umsetzen könnten. Teuer wäre sie jedenfalls nicht. So hatte beim ZEIT-Forum der Wissenschaft zum Thema Geoengineering im vergangenen Herbst der Greifswalder Umweltethiker Klaus Ott gewarnt, dass es "zur Not auch eine kleine Gruppe von Ländern sein kann, die über die geeigneten Technologien wie zum Beispiel Flugzeugträger, Maschinen und vielleicht auch ein bisschen Artillerie verfügen, sodass sie es im Grunde unilateral machen könnten – auf einer ungeklärten völkerrechtlichen Grundlage". Und welche Konflikte die Aussicht birgt, dass ein Staat sich auf Kosten anderer Kühlung verschafft, ist wohl klar.

Die Physikerin Ricke verdankt ihre Modellrechnung übrigens der Spende weltweit verteilter Computerbesitzer: Die stellten die ungenutzte Rechenzeit ihrer heimischen PCs über das Projekt climateprediction.net zur Verfügung. So entstand ein virtueller Billig-Supercomputer. Dessen Rechenkraft reichte allerdings nicht aus, die Simulation mit unterschiedlichen Rechenmodellen zu wiederholen. Ricke benutzte einzig das Klimamodell des britischen meteorologischen Dienstes Metoffice.

Nun will sie unterschiedliche Simulationen miteinander vergleichen. Auch ein entsprechendes Angebot für eine Forschungsstelle als Postdoc hat Ricke schon erhalten – vom Geoengineering-Befürworter Ken Caldeira .