Beim Stichwort "Korallenriff" denkt man an bunte Riffe in sonnendurchfluteten Tropengewässern und tiefblaue, lauwarme Südsee-Tauchparadiese. Die arktischen Fjorde der Lofoten mit ihren schneebedeckten Berggipfeln und treibenden Eisschollen passen nicht in dieses Bild. Dabei gibt es auch in kalten Regionen farbenprächtige Riffkomplexe. Die Riffe aus Kalk werden in der Tiefsee genau wie in den Tropen von Nesseltieren, den Korallen, gebaut.

Erste Hinweise auf Korallenriffe in den kälteren Gewässern des Atlantiks gaben Riffbruchstücke, die Fischer in Schleppnetzen vor Gibraltar und Irland fanden. Die Wissenschaft entdeckte die Riffe in der Tiefsee erst Mitte der neunziger Jahre.

Tropische Korallen leben an der Meeresoberfläche, wo das Wasser von Sonnenlicht durchflutet wird. Dort gehen die Nesseltiere eine enge Symbiose mit Algen ein, von der beide profitieren. Die Algen haften sich am Kalkskelett der Korallen fest und können sich so intensiv sonnen und durch Photosynthese Energie aus dem Sonnenlicht gewinnen. Dafür bekommt die Koralle Nährstoffe von den Algen ab.

Doch dieses Überlebensprinzip funktioniert für Kaltwasserkorallen nicht. Sie leben in mehreren hundert bis tausend Meter Tiefe in der Dunkelheit. Photosynthese ist dort unmöglich. Doch die Tiefseekorallen haben sich angepasst und finden bei Wassertemperaturen zwischen zwölf und vier Grad Celsius optimale Bedingungen. Sie ernähren sich von tierischem Plankton, das es in nährstoffreichen Gewässern, zum Beispiel in der Arktis, im Überfluss gibt. Als Siedlungsplätze bevorzugen sie erhabene Bereiche in mäßig starker Strömung, wo sie das Plankton gut aus dem Wasser filtern können.

Die Karte zeigt die weltweite Verteilung von Kaltwasserkorallen. Ihre Riffe ziehen sich als breites Band entlang des nordwesteuropäischen Kontinentalrands von Gibraltar bis Nordnorwegen.

Riffe sind besonders reich an Arten – das gilt in den Tropen genauso wie vor den Küsten Norwegens. Fische, Schwämme, Krebse, Muschel, Blumentieren und viele Pflanzen sind speziell an das Leben im Riff angepasst. Im Schutz der kunstvollen Kalkkonstruktionen und der dichten Meeresvegetation laichen viele Fische. "Kaltwasserkorallenriffe sind wohl die komplexesten Ökosysteme der Tiefsee. Als Laichgrund und Kinderstube vieler Fischarten sind sie von unschätzbarem Wert für den gesamten Ozean", sagt der Paläontologe und Meeresforscher André Freiwald von der Uni Erlangen .

Beeindruckt sind die Wissenschaftler insbesondere vom Ausmaß und Alter der Riffe. Sie fanden Riffstrukturen von mehr als 15 Meter Höhe, mehr als 500 Meter Breite und 15 Kilometern Länge. Die Fläche und die Masse der Kaltwasserkorallenriffe weltweit entspricht etwa der ihrer tropischen Artgenossen. Einige Riffkörper sind mehr als 200.000 Jahre alt. Das älteste – fossile – Riff wurde auf gut 30 Millionen Jahre datiert.

"Kaltwasserkorallen wachsen maximal 24 Millimeter pro Jahr. Sind diese Riffe erst einmal zerstört, dauert es Jahrhunderte, bis sie wieder neu aufgebaut sind", sagt Freiwald.