Der Kühlturm des Atomkraftwerks Isar spiegelt sich im Fluss © Miguel Villagran/Getty Images

ZEIT ONLINE : Herr Moore, die Atomindustrie freut sich sicher, so jemanden wie Sie auf ihrer Seite zu wissen. Sind Sie ein Lobbyist?

Patrick Moore : Nein. In erster Linie bin ich Wissenschaftler und Umweltschützer. Dann bin ich Aktivist, schon mein ganzes Leben lang. Ich bin kein Lobbyist, anders vielleicht als die Mitglieder des deutschen Atomforums. Vor vier Jahren habe ich in Aachen auf einer Veranstaltung gesprochen. Damals fürchtete die deutsche Atomindustrie noch, das finstere Mittelalter sei zurück. Deutschland betrieb die unfähigste Energiepolitik aller Industriestaaten. Doch nun hat die schwarz-gelbe Koalition richtig entschieden, die deutschen Atomkraftwerke länger laufen zu lassen.

ZEIT ONLINE : Die Mehrheit der Deutschen und auch die Opposition sind gegen längere Laufzeiten ...

Moore : Gerade deswegen war es mutig diese Entscheidung zu treffen. Ich bin froh, Politiker zu sehen, die eine Führungsrolle übernehmen ohne der Masse zu folgen. Mich freut es sehr, dass die extrem unvernünftige Politik der Grünen endlich ein Ende hat. Die Atomkraftwerke abschalten zu wollen, ist nicht nur unverantwortlich, wenn man sich die Energieversorgung anschaut. Auch was die Senkung der Kohlenstoffdioxidemissionen angeht, ist es falsch.

ZEIT ONLINE : Letzteres soll mit den erneuerbaren Energien erreicht werden.

Moore : Deutschland hat bereits Milliarden für Wind- und Solarkraft verschwendet. Gelohnt hat es sich kaum. Ganz im Gegenteil: Ich habe die Diagramme zur Leistungsfähigkeit der deutschen Windenergie gesehen. An einem Tag hat man 12.000 Megawatt Strom, am nächsten fast nichts. Deswegen braucht man für jede Wind- oder Solarfarm ein Gaskraftwerk, um sicherzustellen, dass auch dann Elektrizität produziert wird, wenn der Wind mal nicht weht und die Sonne nicht scheint. So macht sich Deutschland noch abhängiger vom Gas aus Russland. Deutschland ist ein reiches Land und kann es sich offenbar leisten, Geld aus dem Fenster zu werfen. In Spanien sieht das anders aus. Hier geht die Wirtschaft an den erneuerbaren Energien zugrunde. Deswegen hat man sich entschlossen, die Investitionen zu senken.

ZEIT ONLINE : Sie raten also dazu mehr Atomkraftwerke zu bauen?

Moore : Ja. Deutschland ist umgeben von Ländern, die sich entschlossen haben weitere Atomkraftwerke zu bauen. In Finnland entsteht derzeit die größte Anlage der Welt. Schweden will seine Reaktoren nicht nur länger laufen lassen, sondern einst durch neue ersetzen. Es gibt keinen Grund dafür, dass etwa Organisationen wie Greenpeace fordern, alle Atomkraftwerke abzuschalten. Sie sollten sich lieber dafür einsetzen, dass in Deutschland nicht wie geplant neue Kohlekraftwerke entstehen.