Zensus in der Tiefsee Forscher präsentieren Inventur des Meereslebens

Zehn Jahre haben Forscher die Ozeane ausgekundschaftet – und Tausende unbekannte Lebewesen mitgebracht. Und doch bleibt das größte Ökosystem der Erde rätselhaft.

Bis zu zwei Meter lang wird der Napoleonlippfisch (Cheilinus undulatus). Er kommt in Riffen vor allem in den wärmeren Gewässern des Indischen und Pazifischen Ozeans vor

Bis zu zwei Meter lang wird der Napoleonlippfisch (Cheilinus undulatus). Er kommt in Riffen vor allem in den wärmeren Gewässern des Indischen und Pazifischen Ozeans vor

"Wir schreiben das Jahr 2010. Dies sind die Abenteuer von mehr als 2700 Wissenschaftlern, die zehn Jahre unterwegs waren, um fremde Welten zu erforschen, neues Leben und neue Ökosysteme." Ihr Unterfangen erinnert ein wenig an die Geschichte des berühmten Raumschiffs Enterprise aus der gleichnamigen Fernsehserie. Zwar gingen statt Captain Kirk und seiner Mannschaft reale Forscher aus mehr als 80 Ländern auf die Reise. Doch auch sie drangen in einen Kosmos vor, den nie ein Mensch zuvor gesehen hatte: die Tiefsee.

Heute endet ihr Abenteuer und damit eines der größten Forschungsprojekte, das je unternommen wurde: Die Bestandsaufnahme fremden Lebens auf unserem Planeten, der Census of Marine Life (CoML) . Die 650 Millionen US-Dollar teuren Inventarlisten aus dem Meer sind lang: Rund 250.000 Arten sind bisher eingetragen, von urzeitlichen Korallen, geisterhaften Quallen, allerlei Krebsgetier bis hin zu Riesenkalmaren von der Größe eines Kleinbusses. "Die Volkszählung vergrößert die Welt, die wir kennen. Das Leben erstaunte uns, wo immer wir hinblickten", sagt die Französin Myriam Sibuet, die im wissenschaftlichen Vorstand des Projektes sitzt.

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Seit dem Jahr 2000 durchforsteten Biologen, Meeresforscher, Ökologen und Genetiker das größte Ökosystem des blauen Planeten. Mit U-Booten, Kameras, Robotern, Sonden, Netzen und an Bord von Forschungsschiffen entwickelten die Forscher jedoch kaum mehr als eine Momentaufnahme. Erst Bruchteile der Ozeane sind bekannt, die allein rund 70 Prozent der Erdoberfläche überziehen. Daran ändern auch die Ergebnisse des Census of Marine Life wenig, die das Forscherkonsortium jetzt in London vorstellt. Nie lernte der Mensch mehr über die Fremden in der Tiefsee und doch sind kaum fünf Prozent der Weltmeere erforscht.

Skurrile Lebewesen
In den Tiefen der Meere leben die wundersamsten Kreaturen. Klicken Sie auf das Bild, um zur Fotostrecke zu gelangen

In den Tiefen der Meere leben die wundersamsten Kreaturen. Klicken Sie auf das Bild, um zur Fotostrecke zu gelangen

Die Ergebnisse des Zensus sollen nun für jedermann im Internet abrufbar sein. Alle bekannten und neu gefundenen Arten werden im World Register of Marine Species erfasst. Eine weitere riesige Datenbank namens Obis (Ocean Biogeographic Information System) ist bereits mit mehr als 28 Millionen Aufzeichnungen gefüttert worden. Das Ziel: Eine Weltkarte der Artenvielfalt der Ozeane.

Das Video (in englischer Sprache) erklärt, warum es wichtig ist, die Artenvielfalt der Meere zu erhalten. Quelle: CoML

Noch ist die Tiefseezählung sehr lückenhaft. Mehr als eine Million Arten vermuten die Meeresforscher in der unwirtlichen, kalten und finsteren Unterwasserwelt. "Die erste Volkszählung der Meere dokumentiert einen Ozean im Wandel, artenreicher und vernetzter, vom Menschen stärker beeinflusst und weit weniger erkundet, als wir es geahnt hätten", sagt Jesse Aubel, einer der Mitbegründer von CoML.

Leser-Kommentare
  1. 1. La mer

    Wirklich interessanter Bericht, auch das Video ist sehr schön. Toll das die Forscher die Ergebnisse in einer Form aufbereitet haben die vielleicht auch die Herzen der weniger Interessierten erreicht.

    Eine Kritik habe ich jedoch... "Biologen, Meeresforscher, Ökologen und Genetiker" das sind alles Biologen.

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    Redaktion

    Danke für ihr großes Interesse an dem Artikel.

    Zu ihrer Kritik: Sicher sind die meisten Forscher des Projektes Biologen. Doch auch sie haben ihre Vorlieben und Spezialkenntnisse. Das sollte eigentlich nur deutlich werden.

    Gleich haben wir übrigens auch noch eine Fotostrecke zu einigen der neu entdeckten Meeresbewohnern:

    http://www.zeit.de/wissen...

    Grüße aus der Wissenschaftsredaktion

    Redaktion

    Danke für ihr großes Interesse an dem Artikel.

    Zu ihrer Kritik: Sicher sind die meisten Forscher des Projektes Biologen. Doch auch sie haben ihre Vorlieben und Spezialkenntnisse. Das sollte eigentlich nur deutlich werden.

    Gleich haben wir übrigens auch noch eine Fotostrecke zu einigen der neu entdeckten Meeresbewohnern:

    http://www.zeit.de/wissen...

    Grüße aus der Wissenschaftsredaktion

    • Gafra
    • 04.10.2010 um 12:14 Uhr

    http://albert-schweitzer-...
    http://fishcount.org.uk/
    http://www.project-syndic...
    Die Deutschen "Essen" 12 Milliarden Tiere jährlich, der größte Teil davon Fische, Meeres"früchte". Und in anderen Ländern dürfte es nicht anders sein. Wenn wir diesem Wahnsinn nicht ein Ende bereiten, vergehen wir an unserer eigenen Gier und Gefräßigkeit.
    So sehr ich erstaunt, verwundert und erfreut bin über diese entdeckte und zu entdeckende Vielfalt. Ich fürchte, sie weckt dann neue kommerzielle Begehrlichkeiten, die zu ihrer Vernichtung führen, neben den Umwelteinflüssen natürlich.

  2. Da sprach nur der gekränkte Stolz... ich werde während meines Biologie-Studiums ständig gefragt was ich "damit" denn wohl machen wolle.

    Meist ist in den Medien ja von Virologen, Genetikern, Ökologen usw. die Rede und viele bringen meiner Erfahrung nach diese Berufsfelder gar nicht mit Biologie in Verbindung.

    Irgendwo gebe ich halt den Nachrichten die Schuld dafür das mich mein Umfeld als Fröschesammler betrachtet - nichts für Ungut ;-)

    • mamor
    • 04.10.2010 um 16:52 Uhr
    5. Danke

    für diesen wunderschönen Artikel, bitte mehr davon!
    Schade, dass sich nur so wenige Leser dafür zu interessieren scheinen. Eine Debatte über Kopftücher scheint erfüllender!

    @Gafra: sehr gut, dass Sie auf die anderen Seiten aufmerksam machen, Sie teilen meine Ängste!

    @Essartsnhabnie: ein/e BiologeIn ist ein Multitalent. Das ist doch schön, dass in diesem Fach so viele Berufe stecken!
    Die Zeiten von Plinius d.Ä. oder auch Goethe, als die Naturwissenschaften und die Medizin noch zu überblicken war, man noch Potential für die Methoden des Ackerbaus hatte (Plinius) oder dichten konnte, sind lange vorbei.

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