Der Streit um drei Planken Holz endete tödlich: Als Erik der Rote, bekannt für seinen eher schwierigen Charakter, wegen Totschlags aus Island verbannt wurde, markierte dies das Ende einer Auseinandersetzung um kostbaren Rohstoff – und den Beginn einer Erfolgsgeschichte: In den folgenden 300 Jahren erlebte Eriks neue Heimat Grönland eine wirtschaftliche Blütezeit, denn im 11. Jahrhundert lagen die Temperaturen der Insel um etwa 2 Grad Celsius über dem heutigen Durchschnitt. Die Vegetationsperiode ließ den Anbau von Getreide zu, eisfreies Weideland war die Grundlage für die Schafwollproduktion, und Daunen, Tran und Walrosszähne entwickelten sich zu kostbarem Handelsgut. Eine Klimaverschlechterung beendete das Zwischenspiel. Die Inuit waren wieder unter sich.

Heute stellen sich die Grönländer wieder auf eisfreie Zeiten ein, denn das Land im hohen Norden steht erneut vor einem einschneidenden klimatischen Wandel. "In den nächsten 100 Jahren wird es nach Klimamodellrechnungen eine polare Erwärmung von ca. fünf Grad geben", sagt Professor Rüdiger Gerdes vom Alfred-Wegener-Institut für Meeres- und Polarforschung. "Und das ist eine konservative Schätzung." Ob die Erwärmung das Ergebnis erhöhter CO2-Konzentration ist oder sich in die erdgeschichtlich immer wiederkehrenden Perioden von Warm- und Kaltzeiten einreiht, ist für die 57.000 Grönländer – von denen 88 Prozent Inuit sind – zweitrangig.

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Erzählungen über schwankende klimatische Verhältnisse gehören zum Volksgut wie die Vorstellung von der Urmutter, dem Meer. Doch weltweit diskutieren Forscher und Politiker das Abschmelzen der grönländischen Gletscher und die klimatischen Implikationen – wie die Grönländer selbst darüber denken, scheint außen vor. Sie heißen steigende Temperaturen willkommen. Schon seit einigen Jahren wärmen das Land im Mittel ein bis zwei Grad mehr. Für die Bewohner der weltgrößten Insel bedeutet das bessere Lebensbedingungen: Analysen belegen, dass die Wechsel zu Warmepochen nicht nur im 10. Jahrhundert, sondern auch im 15. Jahrhundert wirtschaftliche Blütezeiten hervorbrachten.

Den wirtschaftlich höchsten Stellenwert hat auf Grönland der Fischfang, er ist die wichtigste Einnahme- und Nahrungsgrundlage. Während viele das Schwinden des Meereises als Lebensraum vor allem wegen der gefährdeten Eisbären mit Sorge sehen, ist dies für grönländische Fischer ein Grund zu Freude. Viele Buchten und Fjorde sind im Winter wenn überhaupt nur noch drei bis vier Wochen lang zugefroren. Dies dokumentiert eine 2006 angefertigte Studie der internationalen Organisation Inuit Circumpolar Council (ICC), der Interessengruppe der Inuit. Fischerei ist regional nun nahezu ganzjährig möglich.

Doch wo Licht ist, da ist auch Schatten: Denn das in Küstennähe wärmere Meer lockt neue Fischarten an, die den Leitfisch Heilbutt verdrängen. Auch die Krabben, Hauptexportgut Grönlands, ziehen sich zurück – mit dem neu angesiedelten Dorsch fühlen sie sich nicht wohl. Und: Die traditionelle Kulturtechnik des Eisfischens, seit Jahrtausenden praktiziert, ist auf zu dünnem Meereis zu gefährlich. Das alles sorgt neben der Freude über Mehreinnahmen auch für Verunsicherung.

Uneingeschränkt glücklich sind die Grönländer über die Vegetationsperiode, die sich innerhalb der vergangenen zehn Jahre um drei Wochen verlängert hat. Erstmals seit den Wikingern, betreiben die Menschen im Süden des Landes wieder in größerem Umfang Weidewirtschaft und Ackerbau. Grönländische Zeitungen vermeldeten im August dieses Jahres eine Rekord-Kartoffelernte.

Der inländische Ackerbau deckt jedoch nach wie vor nur etwa zwei Prozent des Verbrauchs ab. "Heimisches Gemüse hat immer noch den Stellenwert des Exotischen", sagt der dänische Konsul Erik Bjerregaard. "Doch die Futtermittel für die 25.000 Schafe, die hier jedes Jahr geschlachtet werden, kann man mittlerweile im Land produzieren." Bis der Boden allerdings wirklich ertragfähig ist, werden noch 200 Jahre vergehen. Bis dahin kommen die benötigten Lebensmittel (und Baustoffe wie Holz) weiterhin aus Dänemark, das Grönland darüber hinaus mit gewaltigen Transferzahlungen von mehr als drei Milliarden Kronen (rund 400 Millionen Euro) im Jahr unterstützt.