Ein Maiskolben auf dem Feld © Scott Olson/Getty Images

Eine kluge und nachhaltige Entscheidung sei es gewesen, eine Ohrfeige für die gentechnik-gläubige Gemeinschaft . Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das strikte deutsche Gentechnikgesetz für verfassungsgemäß zu erklären, bekommt viel Zuspruch. Schließlich gehe es um den "Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen" heißt es in der Begründung der "Feldbefreier aus Karlsruhe" , wie sie die taz nennt. Es ist ein Sieg für den Verbraucherschutz: Das Aussäen gentechnisch veränderter Pflanzen könne unerwünschte, schädliche und unumkehrbare Auswirkungen auf den Menschen und die Umwelt haben, urteilten die Richter .

Wissenschaftlich gesehen ist das nicht ganz so einfach. Bis heute gibt es keine Belege dafür, dass genveränderte Pflanzen gesundheitlichen Schaden auslösen. Zwar ist auch ihre Harmlosigkeit nicht bewiesen, doch nach mehr als 20 Jahren Risikoforschung zur Gentechnik ist kein einziger Fall bekannt, in dem jemand etwa durch den Genuss von sogenanntem Gen-Food krank geworden ist. Berechtigter ist die Sorge um die Umwelt, falls sich genmanipulierte Pflanzen unkontrolliert verbreiten.

Am Ende haben die Verfassungsrichter vor allem eine politische Entscheidung gefällt. Sie folgten der irrationalen Angst in der Bevölkerung. Im Sinne des Verbrauchers mag es durchaus richtig sein, sich gegen eine Technik zu wenden, die eine große Mehrheit nicht will. Dabei wird aber vergessen, dass das Bauchgefühl einer Öffentlichkeit nicht der Maßstab für gesetzliche Regelungen sein kann. Seit 1990 in Deutschland erstmals manipulierte Petunien gepflanzt wurden, haben Forscher die Risiken der Gentechnik so umfassend und kritisch untersucht wie in kaum einem anderen Land.

Dieses unschätzbare Wissen droht mit dem Karlsruher Urteil zu verkümmern. Dabei bietet das Wissen die Chance, die Grüne Gentechnik nachhaltig und verantwortlich zu gestalten. Denn genveränderte Pflanzen sind eine Chance. Wir werden sie in Zukunft brauchen, wenn wir den Nahrungsmittelbedarf der Menschheit decken wollen. Wer den Klimawandel mit Energie aus Biomasse lindern will, braucht rasch wachsende Energiepflanzen. Auch wer natürliche Flächen unberührt lassen will, wird ohne Gentechnik scheitern. Unsere Äcker müssen ergiebiger werden, neue Anbaugebiete lassen sich nicht ohne Abholzung und Naturschäden erschließen.

Wahrlich geht es in der Gentechnik neben gesundheitlichen und ökologischen Aspekten auch um wirtschaftliche Risiken. Deswegen soll auch weiterhin nach dem Gentechnikgesetz haften, wer Saatgut manipuliert. Doch wer glaubt, profitgierige Konzerne wie den Saatguthersteller Monsanto damit in die Schranken zu weisen, irrt gewaltig. Wer die Grüne Gentechnik aus Deutschland verbannen will, der stärkt noch das Bestreben eines Unternehmens, Weltmarktführer in der Pflanzenzucht zu werden. Wo es keine Konkurrenz gibt, ist das Monopol sicher.

Es ist naiv zu glauben, Deutschland gentechnikfrei halten zu können. Selbst wenn man das wollte: Einerseits halten sich Pollen nicht an Staatsgrenzen geschweige denn an Wirtschaftsfaktoren. Andererseits  importiert Deutschland massenweise genetisch verändertes Soja aus Südamerika und den USA und verfüttert es an Schweine und Geflügel.

Die Forschung in der Grünen Gentechnik sei von "hoher Bedeutung für das Gemeinwohl" und diene "dem Schutz (...) der menschlichen Gesundheit und der Umwelt". Auch dies sind die Worte der Richter aus Karlsruhe . Sie gehen im Jubel der Gentechnikgegner unter. Es wäre mutig gewesen, diesen Aspekt zu fördern. Mit dem Votum aus Karlsruhe manövriert sich Deutschland ins Abseits. Die Zukunftsangst hat erst einmal gesiegt.