Im Jahr 2007 ließ Gadhafi den Gurdabiya-Damm während eines Staatsbesuchs öffnen – der Damm ist Teil des künstlichen Flusses, der durch Libyen führt © Behrouz Mehri/AFP/Getty Images)

Es ist das wohl monumentalste Bewässerungsprojekt des Globus. Seit 25 Jahren baut Libyen an seinem "achten Weltwunder", in das bisher 20 Milliarden Euro geflossen sind und dessen Gesamtkosten bis 2030 auf gut 27 Milliarden Euro kalkuliert werden. Der Diktator Muammar al-Gadhafi schmückt sich gerne mit dem Mammut-Projekt, das aus Wüsten Oasen macht und das karge Land an der Küste fruchtbar. Für Plakate lässt er sich zwischen sprudelnden Quellen malen. Dass für den künstlichen Fluss aus Pipelines fossiles Wasser verbraucht wird, stört ihn nicht.

Auch im Kontrollraum einer der Schaltzentralen in Bin Ghashir ist man stolz auf die Wüsten-Bewässerung. Leise brummt die Klimaanlage. Keinen Augenblick lassen die drei Techniker die große Monitorwand aus den Augen. 476 Wüstenbrunnen in Libyen und 1277 Kilometer Pipeline am anderen Ende des Landes stehen unter ihrer elektronischen Regie. "Wenn sich jemand dort an einer Pumpstationen zu schaffen macht, geht bei uns der Alarm hoch", sagt Khalifa Muhammed al-Talaf, Chef der Zentrale vor den Toren der Hauptstadt Tripolis.

Das Prinzip des "Großen künstlichen Flusses" ist einfach, die Idee reicht zurück bis in die 1960er Jahre, nachdem man 1953 auf der Suche nach Öl in der Wüstenregion unvermutet auf Wasser gestoßen war: Aus riesigen fossilen Speichern unter der Sahara (siehe Infokasten) wird das Wasser bis zur Küste gepumpt, wo die meisten der 6,5 Millionen Libyer leben.

Mittlerweile gilt der bis zu 2000 Meter tiefe Nubische Aquifer – so heißt der natürliche Wasserspeicher aus der letzten Eiszeit, der sich auch unter Ägypten, Tschad und dem Sudan erstreckt – als das größte unterirdische Frischwasservorkommen der Erde. Mit seinem Inhalt ließe sich Deutschland gut 1000 Meter unter Wasser setzen. Die berühmten Höhlenmalereien im Gilf Kebir und Jabal Uweinat zeugen noch von den üppigen steinzeitlichen Landschaften, die in der Region einst existierten.

"Wir haben keinen einzigen Fluss. 95 Prozent unseres Territoriums sind Wüste", sagt Agrarminister Abdelmagid El Gaood, der die Oberaufsicht über das Mammutprojekt hat. Als das Wasser an der Küste immer stärker nach Salz schmeckte und immer mehr Ackerflächen verdorrten, prüfte Libyen unter anderem, sauberes Trinkwasser per Tankschiff und Pipeline von Südeuropa herbeizuschaffen oder durch Meerwasserentsalzung zu gewinnen.

Unter dem Strich jedoch erwies sich das gigantische Röhrensystem auf eigenem Boden als die billigste Lösung. Die Produktionskosten für einen Kubikmeter Wasser gibt der Minister heute mit knapp 25 Eurocent an, zehnmal weniger als durch eine ölbetriebene Meerwasserentsalzungsanlage.