Tausende Bauernhöfe in Deutschland mussten Anfang Januar ihren Betrieb einstellen, da sie vermutlich mit giftigem Dioxin belastetes Futter erhalten hatten. Aufgefallen waren die überhöhten Konzentrationen des in der Umwelt stets in geringen Mengen vorhandenen Giftes zuerst in einem Futtermittelbetrieb in Uetersen. Dort waren dioxinbelastete Fette für die Biodieselherstellung zu Tierfutter verarbeitet worden.

Inzwischen wurden viele Agrarbetriebe wieder freigegeben. Am 11. Januar waren bundesweit noch rund 550 gesperrt, die meisten davon in Niedersachsen, gefolgt von Nordrhein-Westfalen. Nach offiziellen Kontrollen der amtlichen Labors der betroffenen Länder, die weiter andauern, waren bis zu diesem Zeitpunkt 19 Lebensmittelproben mit überhöhten Dioxin-Mengen belastet.

In Eiern, Legehennenfleisch und Schweinefleisch wurden inzwischen vereinzelte Grenzwert-Überschreitungen festgestellt. In Einzelfällen dürfte betroffenes Fleisch auch in den Handel gelangt sein.

Ein überhöhter Grenzwert bedeutet aber noch keine Gesundheitsgefährdung: Dioxin ist erst in extrem hohen Mengen akut gesundheitsgefährdend und löst dann Ausschläge wie die Chlorakne aus. Die jetzt gefundenen Konzentrationen sind davon weit entfernt. Da sich Dioxine – ähnlich wie radioaktive Substanzen – allerdings über Jahrzehnte im Körper ansammeln und Tierversuche vermuten lassen, dass die Substanz auf Dauer krebserregend ist, gelten Grenzwerte für Lebensmittel.

Doch woher stammte das verunreinigte Tierfutter und wie sollten sich Verbraucher nun am besten verhalten? ZEIT ONLINE hat die Antworten auf einige wichtige Fragen zusammengestellt.

Woher stammt das verseuchte Tierfutter?

Der Hersteller Harles und Jentzsch in Schleswig-Holstein hatte Fette für Tierfutter produziert und verkauft, die mit Dioxinen verseucht waren. Für seine Produktion hatte das Unternehmen offenbar über Jahre Mischfettsäuren verwendet , die nur zur technischen Weiterverarbeitung zugelassen sind.

Nach derzeitigem Ermittlungsstand soll das Dioxin in einem Unternehmen im niedersächsischen Bösel in das Futterfett gekommen sein. Das Unternehmen arbeitet als Spedition für Fette. Die Futterfettproduktion soll dort illegal betrieben worden sein. Die Firma ist ein Partnerunternehmen von Harles und Jentzsch. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen das Unternehmen.

Die verwendeten Fette sind Nebenprodukte aus der Biodieselherstellung. Die Zulieferfirma Petrotec aus Emden bereitet diese Fette aus Altspeisefetten auf. Im Tierfutter haben sie nichts zu suchen. Sprecher der Firma Petrotec sagen, dass die Lieferung eindeutig nur zur technischen Verwendung, etwa als Schmiermittel in der Industrie, deklariert gewesen sei. Inzwischen wurde bekannt, dass die Firma Harles und Jentzsch die Fette auch noch weiter verarbeitete , nachdem bei hauseigenen Kontrollen überhöhte Dioxin-Werte gemessen worden waren.

Wissenschaftler halten es für unwahrscheinlich , dass die Dioxin-Verbindungen während der Biodiesel-Herstellung entstanden sind. Der Kraftstoff wird aus energiereichen Pflanzen hergestellt, wie etwa Raps und Soja. Dabei entstehen auch Fettsäuren wie Ölsäure, Stearinsäure, Palmitinsäure, Linolsäure und Linolensäure. Bei dem chemischen Verfahren werden keine Temperaturen über 100 Grad Celsius erreicht. Dioxine bilden sich aber erst ab 300 Grad – und im Beisein von Chlor. Außerdem müssen bestimmte Ausgangsmoleküle und Katalysatoren vorhanden sein, damit sich die Gifte bilden können.

Grundsätzlich ist es üblich, rein pflanzliche Fette zur Futtermittelherstellung zu verwenden, auch wenn diese neben der Biodieselproduktion erzeugt werden. Diese müssen dann dementsprechend zugelassen und deklariert sein.

Dass jetzt Futter mit Dioxin belastet ist, hat Harles und Jentzsch bei eigenen Kontrollen festgestellt. Trotzdem belieferte der Betrieb offenbar zehn Monate lang Höfe mit dem belasteten Tierfutter. Bis zu 150.000 Tonnen sind schätzungsweise im Umlauf. In der Massentierhaltung bekommen Schweine und Hühner spezielle Futtermittel, die etwa zur Hälfte aus Getreide bestehen und außerdem Eiweiße aus Sojaschrot, Mineralstoffe und Vitamine enthalten. Fette werden diesen Futtermitteln beigemischt, um den Energiegehalt zu erhöhen.

Wie gelangten die Dioxine in das Tierfutter?

Das ist unklar. Das Gemisch aus Fettsäuren wurde entweder bereits beim Hersteller Prototec verunreinigt oder erst später während der Produktion des Futterfettes. Die Hauptquellen für das Umweltgift sind heute die Metallindustrie (mehr als die Hälfte der Belastung), private Ofenheizungen und Kamine (knapp ein Viertel) sowie Kraftwerke und industrielle Feuerungsanlagen (knapp ein Zehntel).

Die früher bedeutsame Müllverbrennung spielt keine nennenswerte Rolle mehr. Erste Laboruntersuchungen ergaben, dass die gefundenen Dioxin-Verbindungen nicht zu den Substanzen gehören , die typischerweise bei der Müllverbrennung entstehen. In der Natur entstehen Dioxine bei Waldbränden und Vulkanausbrüchen.

Wie nehmen wir Dioxine auf?

Dioxine kommen überall in der Umwelt vor. Der Mensch nimmt sie vor allem beim Verzehr tierischer Produkte auf. Hauptquellen der Gifte sind Futterpflanzen von belasteten Böden, Meerestiere und Fischmehl, Getreide und Heu sowie Futterzusatzstoffe, wie Bindemittel und Fließhilfsstoffe. Hühner, Rinder, Schweine und Fische speichern die giftigen Verbindungen in ihrem Fettgewebe. Das Fleisch, die Milch und die Eier sind dann belastet. Mageres Fleisch, fettarme Milch und viel Obst und Gemüse können also helfen, die Dioxin-Aufnahme zu senken.

Wie groß ist das Dioxin-Risiko für den Normalverbraucher?

Die Dosis eines Stoffs entscheidet darüber, wie giftig er ist. Das gilt auch für die Dioxine. Schwerwiegende Schäden an Haut, Immunsystem oder gar Krebs wurden jedoch in erster Linie in Experimenten ermittelt, bei denen Tiere hohen Dioxin-Dosen ausgesetzt waren. Die Frage ist also, wie weit man diese Ergebnisse auf den Alltag übertragen kann. Weil Dioxine überall in der Umwelt vorkommen, lassen sich die Schadstoffe in jedem Menschen nachweisen. Sie lagern sich vorzugsweise im Fettgewebe ab und reichern sich hier an.

Das gefährlichste Dioxin ist das TCDD (siehe auch Infobox). Es macht etwa zehn Prozent des Dioxin-Risikos aus. Die Halbwertszeit für TCDD im menschlichen Organismus beträgt nach einer Berechnung der US-Umweltbehörde EPA etwa 2120 Tage. Knapp sechs Jahre dauert es also, bis die Leber die Hälfte einer an einem Tag aufgenommenen Dioxin-Menge abgebaut hat. Trotzdem: Eine "normale" Dioxin-Belastung dürfte im Durchschnitt keine Nachteile für die Gesundheit mit sich bringen, urteilt die Weltgesundheitsorganisation WHO . Das gilt ihrer Ansicht nach ebenfalls für das Krebsrisiko – unterhalb einer bestimmten Schadstoffmenge ist dieses vernachlässigbar.