Das Wasser zieht sich langsam zurück aus Brisbane – der australischen Stadt, die zuletzt am schwersten von den Überschwemmungen im Nordosten des Landes getroffen wurde. Zurück bleibt Schlamm und Unrat – und der Blick wird frei auf die schweren Schäden, die die Naturkatastrophe angerichtet hat. Zusammen mit dem Wasser spülte der Brisbane River auch den neu gewonnenen Wohlstand der Millionenstadt bis ins Meer. Es wird Jahre dauern, bis sich die Stadt erholt. Manches architektonische Wahrzeichen dürfte für immer zerstört sein.

Beim letzten dramatischen Hochwasser im Jahr 1974 waren heute geflutete Stadtteile bestenfalls dünn besiedelt, Brisbane galt als verschlafenes Nest. Doch die Katastrophe dieser Woche trifft eine moderne Metropole. Seit den neunziger Jahren profitiert die Hauptstadt des Bundesstaates Queensland vom Aufstieg der Rohstoff- und Tourismus-Industrie. Heute will es Brisbane mit Metropolen wie Sydney oder Melbourne aufnehmen. Drei Universitäten mit Weltruf locken Gaststudenten aus Asien, Europa und Nordamerika an. Die Stadt leistet sich einen modernen Fährverkehr, der die Innenstadt mit den Vororten verbindet. Entlang des Brisbane River entstanden luxuriöse Apartment-Häuser mit Flussblick. Ein Kunst- und Kulturzentrum, in dem 1988 die Weltausstellung zu Gast war, zwei moderne Sportarenen und ein Kasino sind Symbole von Brisvegas. So nannten die Anwohner ihre glitzernde Metropole. Bis Anfang der Woche, als die Flut kam.

Denn eines vergaß man in der aufstrebenden Großstadt offenbar: Sich besser vor Hochwasser zu schützen. "Auf uns kommt ein Wiederaufbau wie nach einem Krieg zu", sagt Queenslands Regierungschefin Anna Bligh nun, die von der schwersten Naturkatastrophe spricht, die Australien je erlebt habe. "Viele Leute werden zu ihren Häusern zurückkehren und feststellen, dass sie dort nie wieder wohnen können." Nach vorläufigen Schätzungen wurden 16.000 Häuser, einige davon bis zur Dachkante, überflutet. Weitere 17.000 wurden von den Fluten schwer beschädigt. Mindestens 15 Menschen überlebten die Flutkatastrophe nicht, vier Mal so viele werden noch vermisst. 2000 Straßen stehen unter Wasser, 170.000 Haushalte sind seit Tagen ohne Strom. Supermarktregale sind leer, die meisten Geschäfte geschlossen. Die Anlegestellen der 20 Hochgeschwindigkeitsfähren (City Cat) hat der Fluss samt privater Boote und Yachten mitgerissen und zerstört. In der braunen Brühe des Flusses treiben immer noch abgerissene Pflanzenteile, Giftstoffe, Müll und Tierkadaver.

Australien ist ein Kontinent der Wetterextreme. Was ist los in Down Under? © Torsten Blackwood/AFP/Getty Images

Als sei dies nicht genug Zerstörung, mahnen australische Klimaforscher, die Flutkatastrophe von Brisbane hätte noch dramatischer verlaufen können. Denn eigentlich sind tropische Wirbelstürme zu dieser Jahreszeit für Queensland typisch – sie hätten die Lage drastisch verschlimmern können. Darin liegt trotz vieler Parallelen ein wesentlicher Unterschied zwischen der aktuellen Flut und dem Hochwasser von 1974, sagt Neville Nicholls , Präsident der Australischen Meteorologischen und Ozeanographischen Gesellschaft und Professor an der Monash Universität in Melbourne.

Damals drehte sich ein Zyklon über dem südöstlichen Queensland, der zum Ausmaß der Überflutungen wesentlich beitrug. Die augenblickliche Katastrophe sei dagegen allein durch Starkregen im hydrologischen Einzugsgebiet des Brisbane River verursacht worden. Bei einem weiteren, extremen Naturereignis könnten sich die Schäden potenzieren, betont Nicholls. Das derzeitige Hochwasser sei "von einem, wenn nicht dem stärksten La-Niña-Phänomen seit Beginn der Aufzeichnungen im ausgehenden 19. Jahrhundert verursacht worden". La Niña gehe einher mit rekordträchtigen Wassertemperaturen des Pazifischen Ozeans , die zu den extrem kräftigen Regenfällen beigetragen haben.