Schon seit zehn Monaten ist verseuchtes Fett für die Tierfutter-Produktion im Umlauf. Bereits im März 2010 habe ein privates Labor in einer Fett-Probe des Uetersener Lieferanten Harles & Jentzsch einen zu hohen Dioxin-Wert festgestellt, berichtet die Hannoversche Allgemeine Zeitung. Die zulässige Höchstmenge von 0,75 Nanogramm Dioxin pro Kilogramm Fett sei um mehr als das Doppelte überschritten worden.

Obwohl er dazu verpflichtet gewesen wäre, teilte der Betrieb diesen Befund den Behörden nicht mit, bestätigte das schleswig-holsteinische Landwirtschaftsministerium. Man habe erst Ende Dezember von der Überschreitung des Grenzwertes erfahren, sagte ein Sprecher von Agrarministerin Juliane Rumpf (CDU). Auch später habe es bei Untersuchungen des Unternehmens Auffälligkeiten gegeben, die Harles & Jentzsch ebenfalls unterschlug.

Das Kieler Ministerium hat bei Proben des verunreinigten Futterfettes, das wiederum Tierfutter mit Dioxin verseuchte, zum Teil dramatische Grenzwertüberschreitungen festgestellt. Der höchste gemessene Wert lag demnach bei 10,05 Nanogramm – das 14-fache des erlaubten Höchstwertes. Der giftige Schadstoff beeinträchtigt die Arbeit von immer mehr Bauern, die Anzahl der wegen Dioxin-Verdachts gesperrten Betriebe wächst rasant. Bisher mussten bundesweit über 4700 Betriebe vorübergehend schließen. Die meisten dieser Höfe liegen in Niedersachsen. Dort sind 4468 Betriebe betroffen.

Auch auf einem Markt in Rheinland-Pfalz sind nun erstmals Eier aus einem Betrieb entdeckt worden, der mit dioxinhaltigen Futtermitteln beliefert wurde. Es handele sich um 540 Eier aus einem Betrieb in Nordrhein-Westfalen, teilte das Umweltministerium mit.

Bauernpräsident Gerd Sonnleitner bezifferte den Schaden für die betroffenen Bauern auf 40 bis 60 Millionen Euro pro Woche. Die Futtermittellieferanten Schadensersatzansprüche der Landwirte abgelten. "Da werden wir bis zum Letzen gehen", kündigte Sonnleitner an. Die Futtermittelindustrie müsse sobald wie möglich einen Schadensfonds auflegen, der jährlich mindestens eine dreistellige Millionensumme umfassen sollte.

Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) sprach sich für europaweite Regelungen zum Schutz der Futtermittelkette aus. Betriebe, die Futterfette herstellten, dürften nicht auf dem selben Firmengelände gleichzeitig Stoffe für die technische Industrie produzieren. Eine strikte Trennung der Warenströme könne das Risiko von Vermischungen und Verunreinigungen mindern. Der zuständige EU-Kommissar John Dalli habe sich offen für eine solche Initiative gezeigt, teilte Aigners Behörde mit.

Die Dioxin-Verunreinigungen greifen auch weiter auf das Ausland über. Produkte mit möglicherweise belasteten Eiern aus Deutschland wurden nach Angaben der EU-Kommission nach Großbritannien exportiert. Die britischen Behörden versuchten nun, diese Chargen zu finden und ihren Verkauf zu stoppen, sagte ein Sprecher von Verbraucherkommissar Dalli. Die Lebensmittel – Mayonnaise oder Backwaren – wurden demnach mit deutschen Eiern hergestellt, die zuvor in die Niederlande verkauft worden waren.