Woher kommt die Milch, das Fleisch, die Eier? Viele Verbraucher vor den Supermarkttheken sind durch Lebensmittelskandale verunsichert

Unsere Sucht nach billigen Schnitzeln, Eiern und Milchprodukten hat jegliches Maß verloren. Seit Tagen verunsichert einmal mehr ein Lebensmittelskandal die Verbraucher: Eier bleiben in Supermarktregalen liegen, viele fragen sich, ob Putenbrüste und Minutensteaks unter ihrer Cellophan-Verpackung noch genießbar sind.

Dabei wird niemand an dioxinverseuchten Produkten akut erkranken, niemand daran sterben . Die Krux liegt in diesem und vergangenen Skandalen viel tiefer und uns dämmert, dass etwas ganz Grundsätzliches verkehrt läuft. Wir sind zu rücksichtslosen Essern geworden, deren Motto lautet: lieber billig als Bio, Masse statt Qualität.

Viele empören sich, sind entsetzt über Dinge, die wir nicht sehen, wenn wir im Discounter vor den Regalen stehen. Woher stammt das gemischte Hackfleisch, 500 Gramm für nicht mal zwei Euro, der Liter Milch für unter 60 Cent oder die Zehner-Packung Eier, Bodenhaltung, für 1,29 Euro? Unsere Lebensmittel sind heute nicht nur günstiger denn je, sondern vielen Menschen so wenig wert wie nie zuvor. Noch vor wenigen Jahrzehnten gaben die Deutschen gut die Hälfte ihrer Einkommen für Nahrung aus, heute sind es keine 12 Prozent mehr.

Die Industrialisierung der Nahrung hat ein Ausmaß angenommen, dass der Überblick fast unmöglich scheint. Dabei sind Lebensmittel aus der Industrieküche auch eine Errungenschaft – nie waren sie sicherer und hygienischer . Doch zu billiges Essen ist zum Problem geworden. Es vernichtet die nachhaltige Landwirtschaft, ob diese nun industriell arbeitet oder nicht. Was zählt ist der Ertrag und der Preis. Ein System, das sich zunehmend herunterwirtschaftet, weil der Verbraucher nach Spottpreisen schreit, ist der ideale Nährboden für Trickser, Betrüger und Manipulatoren.

Ein erster Schuldiger im derzeitigen Dioxin-Fall war schnell gefunden , ein einzelner Übeltäter heißt es, auch von Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner. Obwohl die eigentliche Herkunft des Giftes noch immer nicht eindeutig geklärt ist, wurden rasch schärfere Kontrollen gefordert, populistisch mit harten Konsequenzen gedroht.

Doch die Verantwortlichen haben aus vergangenen Skandalen wenig gelernt. Mehr Kontrollen mögen das Problem entschärfen, lösen werden sie es nicht. In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Zahl der Bauernhöfe in Deutschland fast halbiert. Der Preisdruck steigt, gespart wird, wo es geht. Landwirte sind gezwungen, immer mehr aus ihren Böden herauszuholen, Dünger und Pestizide verseuchen das Grundwasser mit Nitraten, zerstören Ackerland und Artenvielfalt. Hundertausende Hühner und Schweine werden zusammengepfercht, um unsere Fleischeslust zu befriedigen.

Wir wissen das, und wer es nicht weiß, ahnt es. Auch deswegen ist das Interesse an dem derzeitigen Dioxin-Skandal so groß. Es geht nicht nur um das Gift in unseren Lebensmitteln. Längst hat unser Konsumverhalten unsere Nahrung verseucht. Allerdings können wir etwas dafür tun, sie besser zu machen. Der Verbraucher muss fragen, woher seine Lebensmittel kommen. Er sollte nicht die Augen verschließen vor einer Industrie, die im Preiskampf alles Mögliche in unser Essen mischt – Erlaubtes und Unerlaubtes.

Im aktuellen Haushalt der Europäischen Union fließen fast 60 Milliarden Euro in die Landwirtschaft. Erst in zwei Jahren soll vermehrt auf ökologischeres Verhalten der Industrie hingearbeitet werden. Ein längst überfälliger Schritt, den die Politik nun beschleunigen sollte. Wenngleich auch Ökobauern nicht vor Lebensmittelskandalen gefeit sind. Auch Bio-Eier waren vergangenes Jahr durch zu hohe Dioxin-Werte aufgefallen.

Aus heutigen und vergangenen Skandalen lässt sich eines lernen: Wir brauchen ein ganz neues Bewusstsein , was wir der Umwelt, den Tieren und letztlich uns selbst antun. Trotz Bio-Siegeln und Öko-Märkten ist dem größten Teil der Landwirtschaft der Qualitätswettbewerb abhanden gekommen, weil die meisten Verbraucher nur noch auf den Preis schielen. Und das bei dem, was uns heilig sein sollte: Unserem täglich Brot.