Expertenbericht zu Ölpest Schlamperei, Profitgier und kollektives Versagen

Einem Regierungsbericht zufolge war die Ölpest im Golf Folge von Fahrlässigkeit der beteiligten Unternehmen. Aber auch die US-Aufsichtsbehörde handelte leichtfertig.

Die größte Umweltkatastrophe der USA wurde verursacht durch Fehlentscheidungen und vermeidbare Fehler. Zu diesem Schluss kommt ein von Präsident Barack Obama eingesetztes unabhängiges Expertengremium, das die Ursachen der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko untersucht hat. Nach US-Medienberichten waren es Fehlentscheidungen der an der Bohrung beteiligten Unternehmen und Aufsichtsbehörden, die zur Ölkatastrophe führten. Die Fehler resultierten demnach zumeist aus Entscheidungen der Firmen, die Zeit und Kosten einsparen wollten.

Das Desaster hatte am 20. April vergangenen Jahres vor der Küste des US-Staates Louisiana mit der Explosion der Bohrplattform Deepwater Horizon begonnen. 780 Millionen Liter Rohöl flossen ins Meer.

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Explodierte Bohrinsel

Am 20. April 2010 kommt es auf der Bohrinsel Deepwater Horizon, rund 80 Kilometer vor der US-Golfküste, zu einer verheerenden Explosion. 115 Arbeiter retten sich von der Bohrinsel, 11 sterben. Zwei Tage lang versucht die Küstenwache, die brennende Plattform zu löschen. Doch die Konstruktion sinkt, die Verbindung zwischen dem Bohrloch in 1500 Metern Meerestiefe reißt ab. Ungehindert strömte Öl ins Meer, Sicherheitsvorkehrungen für diesen Fall griffen nicht. Ende Juli gelang es, den Ölfluss aufzuhalten.

Ausmaß der Ölmenge

Offiziellen Schätzungen zufolge sind  rund 780 Millionen Liter (4,9 Millionen Barrel) Rohöl ins Meer geströmt. Etwa 128 Millionen Liter konnten mit Auffangglocken über dem Bohrloch abgepumpt werden. Das Ausmaß ist gewaltig. Mit dem Öl, dass in den Golf floss, könnte ein Tanker wie die Exxon Valdez, die 1989 auf ein Riff lief,13 Mal befüllt werden – oder der Plenarsaal des Deutschen Bundestags rund 26 Mal. Ein Regierungsbericht Anfang August 2010 bestätigte dann auch: Der Untergang der Deepwater Horizon löste die größte marine Ölpest aller Zeiten aus – nur an Land war bei einem Unfall 1910 in Kalifornien mehr Öl in die Natur gelangt.

BP-Konzern

Eigentümer der Deepwater Horizon war Transocean. Der britische Konzern BP hatte die Bohrinsel jedoch von der Firma gepachtet und deshalb nach der Katastrophe die Verantwortung übernommen. Bislang hat BP 20 Milliarden US-Dollar für einen Entschädigungsfond zugesagt und zudem mindestens drei Milliarden Dollar für die Aufräumarbeiten. Den Gerichten an der Golfküste lagen im August 2010 bereits rund 250 Sammelklagen vor – Hunderttausende Fischer, Anwohner und andere Betroffene klagen. Nach dem Clean Water Act müsste der Konzern zudem mindestens 1100 Dollar für jedes Barrel Öl zahlen, das ausgelaufen ist. Wird grobe Fahrlässig- keit nachgewiesen, sogar bis zu 4300 Dollar pro Barrel. Um alles bezahlen zu können, sollen Unternehmensbeteiligungen im Wert von 25 bis 30 Milliarden Dollar verkauft werden.

Infografik: Ölpest
Bitte klicken Sie auf das Bild, um zum interaktiven Rückblick der Katastrophe im Golf von Mexiko zu gelangen

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Die Kommission will ihren kompletten Untersuchungsbericht in der kommenden Woche veröffentlichen, ein Kapitel wurde nun vorab publik. Demnach unternahmen der britische Ölkonzern BP, das Schweizer Unternehmen Transocean und US-Firma Halliburton eine Reihe von gefährlichen und zeitsparenden Schritten, ohne die Risiken in Betracht zu ziehen. Vertreter der Unternehmen hätten vor kritischen Entscheidungen auch nicht genügend miteinander kommuniziert, zitierte die New York Times aus dem Papier.

Die Fehler lägen im System, heißt es in dem Expertenbericht. "Ohne erhebliche Reformen sowohl im Vorgehen der Industrie wie auch bei der Regierungspolitik könnten sie sehr gut wieder passieren."

Chronik der Ölpest

20. April 2010 Auf der BP-Bohrinsel »Deepwater Horizon« im Golf von Mexiko, 80 Kilometer vor der Küste des US-Bundesstaats Louisiana, ereignen sich zwei Explosionen. 115 Arbeiter werden gerettet, 17 von ihnen verletzt. Elf Arbeiter sterben.

30. April Der Ölteppich erreicht Louisiana. Der Versuch, das Öl mit schwimmenden Barrieren aufzuhalten, scheitert.

17. Mai Die Katastrophe erfasst auch Florida, bei Key West werden Ölklumpen an Land gespült.

24. Mai Die US-Regierung ruft den Notstand für die Fischerei aus. Ein Gebiet von 22.5000 Quadratkilometern – zwei Drittel der Fläche Deutschlands – wird für den Fischfang gesperrt. Alle Versuche des BP-Konzerns, das Öl zu stoppen, sind bislang erfolglos verlaufen. Rund 240 Kilometer der amerikanischen Küste sind verseucht.

11. Juni Wissenschaftler der US-Geologiebehörde schätzen, dass täglich bis zu 5400 Tonnen Öl aus dem Bohrloch fließen.

17. Juni BP erklärt sich bereit, 20 Milliarden Dollar für die Beseitigung der Folgen der Ölkatastrophe zu zahlen.

23. Juni Wegen technischer Probleme muss BP das Auffangen des Öls erneut unterbrechen. Bei den Unterwasserarbeiten sterben zwei Arbeiter.

6. Juli Auch die Küste von Texas ist jetzt betroffen; an mehreren Stränden werden Teerklumpen gefunden.

27. Juli BP-Vorstandschef Tony Hayward erklärt seinen Rücktritt. Der US-Kongress hatte ihm schwere Versäumnisse beim Krisenmanagement vorgeworfen.

BP hatte die Ölplattform von Transocean geleast, Halliburton war für das Versiegeln des Bohrlochs verantwortlich. Insgesamt werden in dem Untersuchungsbericht neun einzelne Aktionen aufgelistet, die den Firmen halfen, Geld und Zeit zu sparen – ungeachtet dessen, dass weniger riskante Alternativen zur Verfügung standen. So seien etwa nicht genügend Vorrichtungen zur Stabilisierung des Bohrlochs installiert worden. Auch hätten Verantwortliche nicht auf die Ergebnisse von Tests des Materials für das Verschließen des Bohrlochs gewartet und Resultate von Drucktests kurz vor der Katastrophe ignoriert.

Insgesamt wird aber keinem einzelnen Unternehmen besondere Schuld zugewiesen, was BP der New York Times zufolge auch in einer Stellungnahme hervorhob. Der Ölkonzern wies demnach weiter darauf hin, dass er sich bereits bemühe, die in dem Untersuchungsbericht aufgezeigten Probleme zu beseitigen.

Der zuständigen US-Aufsichtsbehörde lastet die Kommission in ihrem Report an, dass sie Bohrgenehmigungen zu leichtfertig erteilt und Operationen nicht genügend kontrolliert habe.

 
Leser-Kommentare
  1. ...auch schon vorher.

    Wozu man scheinheilig eine "Expertenkommission" einberuft, um die Erkenntnisse als überraschend zu verkaufen, läßt sich nur vermuten.

    Honi soit qui mal y pense.

  2. 2. So so,

    [Insgesamt wird aber keinem einzelnen Unternehmen besondere Schuld zugewiesen, was BP der New York Times zufolge auch in einer Stellungnahme hervorhob.]

    Jetzt wird in der Wirtschaft die Schuld auf alle verteilt....

    Jetzt werden nicht nur die Verluste sozialisiert, sondern auch die Strafen. Wer hätte gedacht, dass man bei einem Mord, wenn es genügend Menschen zusammenbringt, einen ohne Strafe töten kann.

    [Der zuständigen US-Aufsichtsbehörde lastet die Kommission in ihrem Report an, dass sie Bohrgenehmigungen zu leichtfertig erteilt und Operationen nicht genügend kontrolliert habe.]

    Und dafür brauchte es ein Gremium? Nicht wahr - oder?

    Business as usual.

  3. Die USA wollen die Konkurrenz in die Insolvenz klagen. Schon mal aufgefallen, dass man keine ölverklebten Robbenbabys gesehen hat oder Schuldkinder, die mit Zahnbürsten Möven blankschrubben?
    Natürlich war das nicht toll und BP sollte bestraft werden - aber mehrere Milliarden? Die Katastrophe ist doch weiter nichts als ein psychologisches Phänomen - vergleichbar mit Terrorismus: Die Chancen sind sehr gering, trotztdem haben alle Angst. So auch hier - was sind schon die Schäden gemessen an dem Konsum der USA, an den Kollateralschäden imperialistischer Eroberungskriege oder einfach nur der Methanausstoss wilder Experten und Berater?!

    • an-i
    • 06.01.2011 um 10:36 Uhr

    ...und da machen wir halt weiter, des profits und der arbeitsplätze wegen...

  4. als nächstes werden uns Hiobsbotschaften von Ölkatastrophen aus dem Mittelmeer erreichen. Für Vorkommen im Wert von wenigen 100 Mrd. € wurde bereits in der Vergangenheit und wird erst recht in der Zukunft noch, das Recht des Stärkeren, in und um das Mittelmeer Verwendung finden (die Rede ist hier nicht von Israel). Katastrophen wie die im Golf von Mexiko werden dabei in Kauf genommen.

    Wenn zuerst Siziliens, Sardiniens, Kretas, Zyperns, Tunesiens, Marokkos, Ägyptens,.... Strände verseucht sind, ja was dann?
    Es geht mir dabei nicht um meinen Strandurlaub, sondern um den Hunger der sich dort herrschen wird, nach einen vollständigen Einbruch der gesamten Touristiksparte.

    Wir müssen es den allen durch die EU deutlich machen. Es dreht sich schließlich auch um uns.
    Wir dürfen nicht so lange warten bis die Bagger kommen, so wie bei Stuttgart 21.

  5. Da schreit die Wirtschaft immer "Weniger Staat! Weniger Staat!" und wenn sie den Karren dann in den Dreck fährt, war der Staat schuld oder mit schuld, dass sie da drinne strecken. Mir fällt auf, dass besonders die dpa diese Variante gern spielt.

    Bei der Finanzkrise lief das in wirtschaftsfreundlicher Lesart nach ganz ähnlichem Muster. Da hieß es: "Natürlich lief das Eine oder Andere bei den Banken nicht optimal, aber Ursache wäre ja gewesen, dass die staatlichen Vorgaben für die Hypotheken-Kreditvergaben gelockert wurden."

    Schritt 1: Der Staat zieht sich zurück.
    Schritt 2: Die Wirtschaft sauigelt nach Herzenslust.
    Schritt 3: Es kracht.
    Schritt 4: Der Staat war schuld, weil er nicht genügend reguliert hat.
    Schritt 5: Der Staat muss sich (jetzt endlich) zurücknehmen.

  6. Da schreit die Wirtschaft immer "Weniger Staat! Weniger Staat!" und wenn sie den Karren dann in den Dreck fährt, war der Staat schuld oder mit schuld, dass sie da drinne strecken. Mir fällt auf, dass besonders die dpa diese Variante gern spielt.

    Bei der Finanzkrise lief das in wirtschaftsfreundlicher Lesart nach ganz ähnlichem Muster. Da hieß es: "Natürlich lief das Eine oder Andere bei den Banken nicht optimal, aber Ursache wäre ja gewesen, dass die staatlichen Vorgaben für die Hypotheken-Kreditvergaben gelockert wurden."

    Schritt 1: Der Staat zieht sich zurück.
    Schritt 2: Die Wirtschaft sauigelt nach Herzenslust.
    Schritt 3: Es kracht.
    Schritt 4: Der Staat war schuld, weil er nicht genügend reguliert hat.
    Schritt 5: Der Staat muss sich (jetzt endlich) zurücknehmen.

  7. Da schreit die Wirtschaft immer "Weniger Staat! Weniger Staat!" und wenn sie den Karren dann in den Dreck fährt, war der Staat schuld oder mit schuld, dass sie's vermasselt haben.

    So auch hier. Zuerst reduziert Bush die Sicherheitsregularien für Bohrfirmen, gibt nach allen Seiten Signal, dass Amerika an Kraft gewänne je mehr ÖL es habe, und wenn dann das Konstrukt aus technischer Sparsamkeit und Laisser-faire-Aufsicht zusammenbricht, wird der mangelnden staatliche Aufsicht die Mitschuld angekreidet.

    Ich denke, die Aufsichtsbehörden hätten ganz gerne kontrolliert, wenn man ihnen von oben nicht unablässig signalisiert hätte, dass sie es bitteschön lax angehen lassen sollten, zum Wohle Amerikas.

    Mir fällt auf, dass die Medien und ganz vorne dran die Nachrichtenagenturen in ihren Instant-Texten, auf diesen den Aufsichtsbehörden zugemuteten Widerspruch nicht eingehen.

    Bei der Finanzkrise läuft das nach ganz ähnlichem Muster, wenn man es sich von wirtschaftsliberaler Seite erklären lässt. Da hieß es: "Natürlich lief das Eine oder Andere bei den Banken nicht optimal, aber Ursache wäre ja gewesen, dass die staatlichen Vorgaben für die Hypotheken-Kreditvergaben gelockert wurden."

    Schritt 1: Der Staat zieht sich zurück.
    Schritt 2: Die Wirtschaft sauigelt nach Herzenslust.
    Schritt 3: Es kracht.
    Schritt 4: Die Wirtschaft sagt, der Staat war schuld, weil er nicht genügend reguliert hat.
    Schritt 5: Die Wirtschaft sagt, der Staat muss sich (jetzt endlich) zurücknehmen.

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