Getötete Schafe : Wie viel Toleranz verdient ein Wolf?

In der Kyritz-Ruppiner Heide hat ein Wolf 15 Schafe getötet. Ein Problemwolf, den man erschießen muss? Oder die Folge der – insgesamt erfreulichen – Wiederansiedlung?

Es sind vielleicht 50, höchstens 60 Tiere, die in Deutschland heimisch sind. Eigentlich nicht viele, wenn es darum geht, dass sich eine einst ausgerottete Art wieder ansiedeln soll. Doch hier geht es um eine besondere Spezies: den Wolf. Mit ihm sind auch grausige Geschichten, Mythen und Ängste zurückgekehrt. Zuletzt zeigte sich das am 9. Februar, als eine Schafsherde in der Kyritz-Ruppiner Heide einem Wolf zum Opfer fiel.

Der Wolfsüberfall beschäftigt auch die Leute vom "Raubtierzirkus Barlay" aus Berlin. Der hat seit einigen Jahren sein Winterlager am Ortseingang des Dorfes Kieve, in einem Hof der lange leer stand. Der Gelbe Zirkuswagen und ein "Belarus"-Traktor aus sowjetischer Zeit stehen zwischen dem Wohnhaus und den Tierboxen am Rande. Mit den sibirischen Tigern und indischen Löwen gab es hier noch keine Probleme. "Aber als wir gehört haben, was hinter der Kirche los war, hatten wir schon Angst um die Tiere", sagt die Ehefrau des Zirkus-Direktors.

150 Menschen leben im Dorf, in einer ansonsten menschenleeren Gegend. Wegen der zunehmend dünnen Besiedlung hatte die Bundeswehr hier, zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, eigentlich ihren größten Luft-Boden-Schießplatz geplant, das Bombodrom. Anhaltende Bürgerproteste vereitelten den Plan . Während die Soldaten die Heide im vergangenen Jahr endgültig verließen, waren die Wölfe längst heimisch geworden.

Von denen wütete einer in der Nacht zum 9. Februar in dem kleinen Gehege hinter der Kirche und dem denkmalgeschützten Pfarrhaus. Dort wohnt Schafszüchter Horst Meyer, ein Aussteiger aus Hamburg. Und als die Meldung von dem Massaker an seinen Schafen – nur die Hälfte der 30 Tiere überlebten – raus war, holte ihn das Leben wieder ein, das er seit zwölf Jahren hinter sich geglaubt hatte. "Den ganzen Tag ging das Telefon, weil Journalisten von mir die Geschichte von der Bestie hören wollten." Meyer ist genervt. Einen ganzen Tag lang hat er mit einer Tierärztin, einer Wolfsexpertin des Landesumweltamtes Mecklenburg-Vorpommern, die Szene bewertet, die sich ihm am frühen Morgen darbot. In Kieve wie bei anderen Wolfsrissen geht es immer auch darum, von den Wölfen zu lernen. Über blutige Einzelheiten will Meyer nicht sprechen; er befürchtet Sensationsberichte über den bösen Wolf.

Während Meyer in Latzhosen durch den Garten führt, grasen die verbliebenen Schafe unbeeindruckt auf der kurz gefressenen Wiese: Es scheint, als wäre nichts gewesen. Die Kadaver der anderen sind längst weggeräumt. Und auch die erste Aufregung in dem stillen Dorf hat sich gelegt. "In der ersten Nacht haben wir noch Wache gehalten, schließlich haben wir ja nicht nur Tiger und Löwen, denen würde der Wolf wohl nichts tun, sondern auch Ziegen und Kaninchen", sagt die Zirkusfrau. Ihr Mann habe sich selbst ein Bild von Meyers Hof gemacht, denn von Gerüchten um wilde Tiere hält sie nichts. "Wir hatten auch mal Ärger wegen eines entlaufenen Collies aus irgendeinem Dorf, von dem jemand glaubte, dass es einer unserer Löwen gewesen sei." Sie vertraut auf den 1,60 Meter hohen Maschendraht, der das Winterlager einzäunt.

"Da kann kein Wolf drüberspringen", sagt Matthias Freude. Der Präsident des Landesumweltamtes in Brandenburg beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Wölfen in der Region, in Praxis und Forschung. Wie seine Kollegen im Nachbarland, und auch in Sachsen, wo in den neunziger Jahren die ersten Wölfe aus Polen auftauchten, ist er froh darüber, dass die Raubtiere wieder heimisch in Deutschland sind. 30 Wölfe leben alleine in Brandenburg. Und immer wieder kommt es zu Wolfsrissen, weil es den Tieren häufig leicht gemacht wird, an die Herden heranzukommen. Der Fall in Kieve war der bislang letzte einer Serie in der Region.

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Kommentare

58 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

wer hat angst

vor'm bösen wolf? es ist doch ein guter indikator dafür, dass die heimischen wälder wieder lebenswert sind. auch für den wolf. dass es ausnahmsweise und auch hintereinander dazu kommt, dass sich isegrimm die arbeit leicht macht, ist nur natürlich. mit einem zaun kann man dem wirksam begegnen. es wurde in den letzten jahren bestimmt mehr geld für bedrucktes papier zum thema ausgegeben als die schadensregulierung in anspruch genommen hat. also gelassen bleiben und die sache mit der nötigen distanz beobachten. und natürlich

wach bleiben!

Ja...

"...dass die heimischen wälder wieder lebenswert sind."

Deshalb kommen die offenbar auch ins Dorf um Tiere zu holen.

"leicht macht, ist nur natürlich."

Nun ja, jahrelang hat man ihn bekämpft und schliesslich erfolgreich ausgerottet, warum wohl? *Natürlich* ist halt nicht immer wünschenswert.

"...mit einem zaun kann man dem wirksam begegnen."

Ja und nicht vergessen: die Kinder nicht allein in den Wald lassen, jetzt lauern dort nicht nur Kinderschänder sondern auch gefrässige Rudeltiere. *Normalerweise* tun Wölfe niemandem was, aber da verhält es sich offenbar wie mit Kampfhunden und Bären, trauen darf man der Aussage nicht.

Ich war eigentlich mal für eine Wiederansiedlung. Mittlerweile sehe ich den Sinn nicht mehr. Mir wäre sehr unwohl, würde ich in der entsprechenden Gegend allein spazieren gehen. Und letztlich ist der Wolf auch Nahrungskonkurrenz, die Wildscheine, Hasen und Rehe die er frisst, kommen nicht mehr auf unseren Tisch. D ist für sowas imho einfach zu dicht besiedelt.

Wie niedlich

>>Ja und nicht vergessen: die Kinder nicht allein in den Wald lassen, jetzt lauern dort nicht nur Kinderschänder sondern auch gefrässige Rudeltiere. <<

Niemand, der tatsächlich in bewaldeter Umgebung lebt (ich meine nicht diesen parkähnlichen Wald zwischen den Städten) und nicht völlig bescheuert oder verantwortungslos ist, wird niemals, nie nie nie, sein Kind unbeaufsichtigt im Wald rumstreunen lassen. Denn viel gefährlicher als ein Wolf ist das Wildschwein (wissen Stadtbewohner natürlich nicht). Außerdem ist die Gefahr des sich Vertretes ebenfalls enorm, ein Kind, das sich im Wald den Fuß bricht (Handyempfang kann man dort auch vergessen), ist weitgehend hilflos.

>>Mir wäre sehr unwohl, würde ich in der entsprechenden Gegend allein spazieren gehen.<<

Tja, beten Sie, dass Sie nie einem Wildschwein über den Weg laufen, denn im Gegensatz zum Wolf hat es weitaus weniger Hemmung Sie anzugreifen. In den nordischen Gefilden sind übrigens die Elche diejenigen, die die meisten tödlichen Zusammenstöße mit dem Menschen haben - ganz im Gegensatz zum dort lebenden Wolf.

>>Und letztlich ist der Wolf auch Nahrungskonkurrenz, die Wildscheine, Hasen und Rehe die er frisst, kommen nicht mehr auf unseren Tisch.<<

Selten so gelacht. Fragen sie mal die Förster oder Waldbauern, die Jäger schießen schon seit Jahren nicht mehr genug. Die Abschussquote wird seid Jahren nicht erfüllt (sehr zum Leidwesen der Waldbauern).

Ich hab keine Probleme mit dem Wolf

Die Wildschweinbestände werden immer größer ebenso wie die angerichteten Schäden.Die Schweine spielen mit den Jägern Katz und Maus,was mich auf der einen Seite freut,wobei ich allerdings auch bedenke dass das Schwein keinen natürlichen Feind mehr hat.Ich habe bisher Gott sei Dank noch keinen Sichtkontakt mit ihm gehabt.Wer viel im Wald unterwegs ist,wer sich auch tiefer in den Wald wagt wie mein Hund und ich,muß notgedrungen darauf achten das es zu keinem Konakt kommt.Denn die lieben Schweinchen sind extrem angriffslustig und schnell.Um die Wildschweinpopulation zu dezimieren und auf einen waldvertäglichem Level zu bringen wäre die Ansiedlung eines Wolfsrudels angebracht.Zudem würden durch den Wolf kranke und schwache Tiere von ihren Leiden erlöst.Und ob mir angst würde wenn ich wüßte das sich Wölfe in meiner Nähe aufhalten?Sicherlich wäre ich Anfangs schon sehr vorsichtig,aber ich denke auch das mir ein Wildschwein mehr Probleme machen würde.Aber da ich mit denen keine habe,kann der Wolf ruhig mit durch den Wald streifen.

schön und gut...

Ich bin ja normalerweise auch Natur- und Wolfsverteidiger, aber etwas komisch find ich's schon, dass ein Wolf erst dann als Problemwolf gesehen wird, wenn er Menschen anfällt. Rentiere? Die sind keine übliche Beute für Wölfe, schon gleich nicht für einen Einzelnen. Und 15 Schafe zu reißen aber nur eines als Beute mitzunehmen klingt jetzt auch nicht unbedingt normal wenn man bedenkt, dass Wölfe wenn sie mit der Natur in Einklang leben sich nur nehmen was sie brauchen. Aus Rudeln ausgestoßene Wölfe können schon mal von der Norm abweichen, aber auf diese Art? Bleibt zumindest zu bestätigen, dass hier als Problem tatsächlich gesehen werden könnte, dass der Mensch nicht an solche Wölfe und so ein Wolf vielleicht auch immer noch nicht ganz an die Menschen und ihre Zivilisation gewöhnt ist.