Wie gefährlich ist die radioaktive Strahlung, die am Atomkraftwerk Fukushima-1 freigesetzt wird?

Das lässt sich derzeit nicht genau sagen. Vier der sechs Reaktorblöcke der Anlage sind zum Teil schwer beschädigt (siehe Status der Reaktoren im AKW Fukushima-1 ). Die Strahlung, die auf dem Gelände von Fukushima-1 nahe den Reaktoren gemessen wird, steigt und fällt . Die Belastung erreichte zwischenzeitlich sehr hohe Werte von bis zu 400 Millisievert pro Stunde (mSV/h). Das ist das 200-fache an radioaktiver Strahlung in nur einer Stunde, die ein Mensch ansonsten in einem Jahr über natürliche Quellen aufnimmt. Die natürliche Strahlendosis, der jeder Mensch ausgesetzt ist, liegt bei etwa 0,0003 mSv/h.

Derzeit liegen die Strahlenwerte nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) am Haupteingang des Fukushima-1-Geländes zwischen 2,5 und 6 mSv/h.

Super-GAU oder begrenzter Unfall? Wie sehen das schlimmste und das beste Szenario für die Zukunft aus? © Asahi Shimbun/Reuters

Erhöhte Strahlenwerte wurden auch im rund 240 Kilometer entfernten Tokyo gemessen. Doch für die Menschen dort, wie auch für diejenigen außerhalb des evakuierten Gebiets von 30 Kilometern um Fukushima-1, besteht momentan keine akute Gefahr. Dazu schwanken die Strahlenwerte zu stark. Ob radioaktive Partikel aus den Reaktoren sich über das japanische Festland ausbreiten, hängt davon ab, in welche Richtung der Wind am Boden bläst. Westwind würde die Luftmassen auf den offenen Pazifik treiben. 

Seit dem Beben am 11. März wurden trotz weitgehend heiler Sicherheitsbehälter erhöhte Strahlenwerte nahe dem Gelände gemessen. Radioaktive Stoffe gelangten wohl zusammen mit Wasserdampf in die Umwelt. Denn die Arbeiter mussten Ventile an den Reaktoren öffnen, um Überdruck abzulassen. So wurde versucht, Explosionen zu verhindern. Die Außenwände der Reaktoren 1 bis 4 konnten durch die Maßnahme allerdings nicht gerettet werden .

Insgesamt 120 Menschen sollen auf dem Gelände von Fukushima-1 derzeit im Einsatz sein, rund 50 von ihnen sind Mitarbeiter des Betreibers Tepco. Die restlichen Helfer sind Experten anderer Atomkonzerne, Soldaten und Feuerwehrmänner. Sie versuchen, die Reaktoren der Anlage zu kühlen. Nach Informationen von Tepco haben die Techniker dabei erste Erfolge verbucht: Zu allen Reaktoren haben die Techniker Stromleitungen verlegt , die Elektrizität für die Kühlsysteme liefern sollen. Feuerwehrmänner und Soldaten versorgen zudem die Blöcke 3 und 4 mit Hilfe von Spezialfahrzeugen mit Meerwasser. Die Lage in Fukushima hat sich insgesamt ein wenig entspannt. Ob das so bleibt, hängt davon ab, wie gut die Maßnahmen greifen . Aktuelle Informationen über den Zustand der Reaktoren bieten die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) sowie das Japanische Atomforum (JAIF) .

Ist eine geringfügige Strahlenbelastung auch in Europa zu erwarten?

Gelangen radioaktive Substanzen in die Umwelt, werden sie mit dem Wind verteilt. Je weiter sie fortgetragen werden, umso geringer ist ihre Konzentration. Zusätzlich nimmt nach Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) die Konzentration der radioaktiven Stoffe auch dadurch ab, dass einige Radionuklide mit der Zeit zerfallen. Zudem kann Regen Partikel aus belasteten Wolken auswaschen – etwa über dem Pazifik. "Dies führt nach derzeitiger Einschätzung dazu, dass in Europa allenfalls geringfügige Auswirkungen erwartet werden", teilte das BfS mit.

Wie viele Menschen in Deutschland leben im direkten Umkreis von Atomkraftwerken? Bitte klicken Sie auf das Bild, um zur interaktiven Grafik zu gelangen © ZEIT ONLINE

Wie kann man die Bevölkerung in Japan vor einem GAU schützen?

"Fast das einzige, was man machen kann, ist evakuieren", sagt Wissenschaftler Sebastian Pflugbeil, der Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz . In Japan haben die Behörden im Umkreis von rund 20 Kilometern mehr als 200.000 Menschen in Sicherheit gebracht. Derzeit gibt es eine Flugverbotszone über der Atomanlage Fukushima-1. Auch Jodtabletten zum Schutz der Schilddrüse können helfen. "Das ist allerdings ein hartes logistisches Problem", sagt Pflugbeil. Die Straßen sind kaputt, die Katastrophengebiete unzugänglich. Da ist schwer zu organisieren, dass jeder eine Tablette bekommt.

Falls die Strahlenbelastung steigt, wäre eine Evakuierung etwa Tokyos überhaupt möglich?

Im Großraum Tokyo leben auf einer Fläche, die ähnlich groß ist wie das Bundesland Schleswig-Holstein, rund 35 Millionen Menschen. Kurzfristig ist eine Evakuierung derart vieler Bewohner unmöglich. "Das wird sich nicht machen lassen", sagte Gerold Reichenbach, der Vorsitzende des Deutschen Komitees Katastrophenvorsorge im ZDF . "Wenn wir in die Geschichte schauen, sind die größten Evakuierungen New Orleans mit 1,2 Millionen und Tschernobyl mit rund 335.000 Menschen." Hinzu komme, dass es in Tokyo wichtige Infrastrukturen gebe, von Straßen bis hin zu öffentlichen Verkehrsmitteln wie U-Bahnen. Wenn diese nicht mehr betrieben würden, "hätte das katastrophale Folgen". Japan ist eine Insel.

Eine mögliche Evakuierung in angrenzende Länder ist schwierig. Selbst wenn die Behörden Millionen von Menschen etwa in den Süden des Landes langfristig in Sicherheit bringen wollten, entstünden weitere Probleme. "Man muss nicht nur die Menschen aus Tokyo rausbringen", sagte Reichenbach. Dort, wo man sie hinbringe, müssten auch die lebensnotwendigen Dinge sichergestellt werden. Dazu zählen Trinkwasser, Nahrung, sanitäre Anlagen und eine medizinische Versorgung. Schwierig sei es auch, Patienten aus Krankenhäusern und viele alte Menschen zu evakuieren, die Hilfe benötigen. "Möglich ist vermutlich die Evakuierung von Teilbereichen Tokyos", sagte der Katastrophenexperte. Für den Großteil der Menschen könnte eine mögliche Strahlenbelastung höchstens reduziert werden – etwa indem sie belastete Nahrungsmittel meiden. Dauerhaft erhöhte Strahlenwerte würden aber langfristig zu gesundheitlichen Schäden führen.

Welche gesundheitlichen Folgen hat die Freisetzung radioaktiver Stoffe?

Die Strahlenbelastung kann vor allem nahe den Reaktorblöcke derart steigen, dass das Krebsrisiko für den Menschen steigt. Die Ingenieure und Techniker, die derzeit versuchen, die Reaktoren zu kühlen, müssen höchstwahrscheinlich mit gesundheitlichen Folgeschäden rechnen. Ob es generell zu einer Erkrankung kommt, hängt davon ab, wie hoch die Strahlendosis ist und wie lange man ihr ausgesetzt ist. Unmittelbar in der Nähe einer Kernschmelze kann es auch zur akuten Strahlenkrankheit kommen. Pro Jahr nimmt der Mensch durch die Umwelt zwischen zwei und fünf Millisievert auf – ein gesundheitlich unbedenklicher Wert. Bei mehr als 500 Millisievert können bereits innerhalb von Stunden Gesundheitsschäden auftreten.