Fukushima : Experimentieren an ramponierten Reaktoren

Kontaminiertes Wasser abpumpen, Kunstharz sprühen und Zelte über den Reaktorblöcken: Die Maßnahmen im Unglücks-AKW wirken planlos. Doch Besseres ist derzeit kaum möglich.

Wie bewältigt man eine Katastrophe, für die es keinen Notfallplan gibt? Noch dazu, wenn dabei Kräfte entfesselt worden sind, die dramatische Folgen für Mensch und Umwelt haben können? Die Lage in den Reaktorresten an Japans Ostküste ist seit drei Wochen labil. Und die Versuche der Arbeiter und Ingenieure erscheinen verzweifelter denn je. Doch dieser Schein mag trügen.

Derzeit versuchen die tapferen Arbeiter auf der Anlage ihr Möglichstes, um die Reaktorblöcke zu kühlen. Nur wenn das langfristig gelingt, kann eine größere Freisetzung radioaktiver Teilchen noch verhindert werden. Doch die zum Teil schwer beschädigten Gebäude von Fukushima-1 sind schon jetzt stark verstrahlt. Um einen einigermaßen funktionierenden Kühlkreislauf herzustellen, müssen Techniker auch in die Kontroll- und Reaktorräume, um dort Stromleitungen zu reparieren, Pumpen und Rohre zu prüfen.

Eine Methode, die auf den ersten Blick sehr ungewöhnlich scheint, ist das Versprühen von Kunstharz. "Das ist eine Maßnahme, die beim Rückbau von Kernkraftwerken eingesetzt wird", sagt Gerhard Schmidt vom Darmstädter Öko-Institut . Das Harz verklebt etwa radioaktive Cäsium-Isotope, die in hoher Konzentration in den Gebäuden von Fukushima-1 verteilt sind. Sie gelangten hierhin, nachdem Ingenieure aus den Sicherheitsbehältern Druck entweichen ließen, um ein Bersten der Reaktorkerne zu vermeiden. In dem Wasserdampf wimmelt es von radioaktiven Teilchen, die zusammen mit feinen Staubpartikeln in der Luft schweben. Mit dem Kunstharz können sie an Böden und Wänden fixiert werden. "Das schirmt zwar die Radioaktivität nicht ab, aber es reduziert die Staubaktivität im Raum", erklärt der Ingenieur für Nukleartechnik. So gelangen weniger strahlende Partikel in die Filter der Gasmasken, die die Arbeiter tragen. Den Austritt der Radioaktivität aus dem Reaktor kann die Maßnahme aber nicht verhindern.

Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF-Datei herunterzuladen. © Julika Altmann

Ein weiteres Problem für die Arbeiten in den lädierten und zerstörten Reaktorruinen: Die Turbinengebäude in den Untergeschossen von Reaktor 1 und 2 sind mit  hochradioaktiv belastetem Wasser geflutet. "Hier liegen jedoch die Kondensatoren, die zum Nachkühlen der Reaktoren nötig sind", sagt Schmidt. Um diese wieder in Gang zu bringen, müssen Menschen in die Turbinengebäude. Doch die Strahlung dort ist extrem hoch. Drei Arbeiter verbrannten sich in den vergangenen Tagen die Füße, als verseuchtes Wasser in ihre Stiefel schwappte. "Die Dosisleistung des Wassers beträgt etwa 1 Sievert pro Stunde", sagt Schmidt. "Wer sich hier nur wenige Stunden aufhält, ist mitunter tödlichen Strahlenwerten ausgesetzt." Woher genau das Wasser stammt, ist unklar. Vermutlich ist es Teil des Meerwassers, das Techniker zum Kühlen der Reaktoren einspeisten. Warum es derartig verseucht ist, darüber lässt sich nur spekulieren. Möglicherweise sind Sicherheitsbarrieren nicht mehr intakt .

Seit einiger Zeit pumpen Helfer die kontaminierte Suppe nun ab. Nur so können Menschen kurzzeitig in den Reaktorkeller vordringen. Doch wohin mit dem Wasser? "Am Ort gibt es ganz sicher nicht genug Lagerkapazität", sagt Schmidt. Trotz der enormen Strahlenwerte sei vorerst jeder Stahltank geeignet, um die Flüssigkeit aufzunehmen. Auch ein Tanker sei sinnvoll, wie die japanische Regierung ihn nach Fukushima schicken will. In den Hafenanlagen vor dem Kraftwerk könnte das Schiff anlegen. "In so einem Tank findet keine großflächige Freisetzung radioaktiver Teilchen mehr statt", sagt Schmidt. Zudem ließe sich das Wasser auf diese Weise zwischenlagern und auch dekontaminieren. Strahlende Partikel können mit speziellen Filtern und Ionenaustauschern aus dem Wasser gefischt werden. Diese Geräte müssen zwar als verstrahlter Müll entsorgt werden, sind aber deutlich leichter im Umgang. "Das kann jedoch nur ferngesteuert passieren", sagt Schmidt. Die Strahlenlast ist zu hoch.

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Kommentare

78 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Der Artikel ist verhalten optimistisch

Warum braucht es also einen solchen Beginn?:

Und die Versuche der Arbeiter und Ingenieure erscheinen verzweifelter denn je. Doch dieser Schein mag trügen. ?

Dass sie vielleicht "verzweifelt" erscheinen, ist/war die herrschende Sprachregung unserer Medien.

Deshalb ist es phärisäerhaft, der TEPCO vorzuwerfen. "Der Öffentlichkeit wird kaum erklärt, was die Arbeiter am Unglücksort tun. Die Krisenkommunikation des Unternehmens ist desaströs."

Die TEPCO könnte sagen, was sie wollte, gedruckt wird, was in die politische Großwetterlage passt. Das sieht man hie und da auch in Ihrem Artikel, Herr Stockrahm. Sie schreiben mit unschuldiger Miene: "Zuletzt forderte die Internationale Atomenergieagentur, das gesperrte Gebiet auszuweiten."

"forderte".

Genau das tat die IAEA eigentlich nicht, wenn Sie sich die Mühe machen, die entsprechenden Logs der IAEA zu lesen.

Herzlichst Crest

"Ein Ende der Reaktorkatastrophe lässt sich kaum erahnen."

Jetzt hab ich doch glatt gelesen "Ein Ende der REDAKTIONSkatastrophe lässt sich kaum erahnen.". Weil hier auch immer die ZEIT-Redaktion so kritisiert wird. Gerne und absurd von Atomlobbyisten, die ihr maßlose Übertreibung vorwerfen, weil sie ein paar spärliche Fakten veröffentlicht, die fast gleichlautend in allen Tickern zu lesen sind und die ein Gratis-Online-Magazin schwerlich weglassen kann. Ist die Message ein bisschen weiter unten und nur per Scrollbar erreichbar, sieht die Gegenseite ihre allerschlimmsten Befürchtungen bestätigt.

Worauf ich eigentlich warte: Auf eine Nachricht von CREST zu Themen wie
- Cäsium 137 im Grundwasser unter den Reaktoren und
- in japanischem Rindfleisch und
- warum vom Meerwasser immer nur die (kurzlebigen) Jodwerte bekannt werden
- sowie ob die japanischen Polizisten German Angst haben, weil sie 1000 Leichen nicht einsammeln.

Eine aktive PR-Maschine live zu beobachten, hat einfach echten Unterhaltungswert. Falls CREST zwischenzeitlich aktiv war (was anzunehmen ist), bitte ich herzlichst um Verständnis.

PS: Wenn die IAEA eine erweiterte Evakuierung "empfiehlt" (befehlen kann sie ja nicht), kann man das durchaus als Forderung bezeichnen. Aus meiner Sicht: Wenn schon eine Atom-Beweihräucherungsanlage wie die IAEA sowas vorschlägt, muss es sehr sehr zwingende Gründe geben.

Kommunikation von TEPCO ist desaströs

Deshalb ist es phärisäerhaft, der TEPCO vorzuwerfen. "Der Öffentlichkeit wird kaum erklärt, was die Arbeiter am Unglücksort tun. Die Krisenkommunikation des Unternehmens ist desaströs."

Was soll der unsinnige Vorwurf des Pharisäertums? TEPCO hat selbst zugegeben, dass es ein internes Kommunikationsproblem war, die Arbeiter nicht zu informieren über das radioaktive Wasser. Danach warf man den Arbeitern vor, selbst schuld daran zu haben. Was ist das anderes als desaströs?

Wenn das das einzige Beispiel wäre, geschenkt, aber es ist ja nur ein Beispiel von vielen. Diese Firma hat Warnungen vor Tsunamis in den Wind geschlagen, und in der Vergangenheit geschlampt bei der Sicherheit. Das sind die Fakten.

Goldwaage

Die Wortwahl ist durchaus richtig, da es nun mal so ist, dass die Versuche die Lage in den Begriff verzweifelt wirken.

Was glauben sie was sie hier lesen? Ist Zeit Online etwa kein Medium? Natürlich erwartet man von der Zeit seriöse Berichterstattung (was immer man darunter verstehen mag), aber frei von "der Wortwahl" der Medien ist sie auch nicht.

Und warum müssen sie jedes Wort des Autors auf die Goldwaage legen? Das nutzt weder dem Autor, noch der Diskussion etwas...

Kleben wir ein Pflaster drauf!

Ein Erste Hilfe Kasten wird sich doch wohl auftreiben lassen.
Hoffentlich ist nur die Haut verletzt, obwohl die Blutung vermuten lässt, dass zumindest eine Hauptschlagader verletzt wurde.
Tröstlich, dass nicht von der Verletzung eine Gefahr ausgeht, sondern durch den Sprachgebrauch von Journalisten, die über die Verletzung berichten.