Täglich gibt es neue Meldungen über Kühlversuche und Radioaktivität . Die Bilder der Reaktorruinen laufen als Endlosschleife durch die Nachrichtensendungen. Aber wie wird es weitergehen?

Es ist die zentrale Frage, die seit Tagen Menschen in aller Welt beschäftigt: Wie geht der nukleare Unfall in den Reaktoren des japanischen Atomkraftwerks Fukushima-1 aus, wie schlimm wird es werden?

Genaue Prognosen für die Zukunft kann derzeit niemand treffen. Zu spärlich sind die Informationen über den Zustand der Anlage. Selbst die Ingenieure des AKW können nicht in die Reaktoren hineinsehen – auch sie haben nur Indizien, müssen aus den Messungen abschätzen, wie die Lage innerhalb der schützenden Hüllen um den gefährlichen Kern wirklich ist.

ZEIT ONLINE versucht mithilfe von Strahlenmedizinern, Strahlenschutzexperten und Physikern einen vorsichtigen Blick in die Zukunft. Was könnte schlimmstenfalls passieren? Wie könnte das glimpflichste Szenario aussehen?

Worst-Case – Nuklearer Fallout über Tokyo

Szenario eins: Die Kettenreaktion lässt sich nicht verlangsamen, trotz der verzweifelten Versuche, mit Hubschraubern und Wasserwerfern die Reaktorblöcke zu kühlen.Der Zirkonium-Mantel um die Brennstäbe entzündet sich aufgrund der Hitze und reagiert mit Wasser.Eine Explosion erschüttert die Überreste von Block 4 und schleudert radioaktiven Dreck in die Höhe.Die Brennstäbe in den Reaktoren 1 bis 3 sind geschmolzen und haben sich durch den Sicherheitsbehälter gefressen. Auch dort gibt esWasserdampfexplosionen, weitere radioaktive Stoffe werden verbreitet und geraten in hohe Luftschichten.Fukushima-1 muss aufgegeben werden. Der Wind dreht und weht die Partikel gen Südwesten, nach Tokyo.

Wie sind die Reaktorblöcke von Fukushima-1 aufgebaut? Klicken Sie auf das Bild für eine Großansicht © Golden Section Graphics

Wäre eine solche Situation denkbar? "Das Gefährdungspotenzial der Brennelementbecken ist derzeit die dominierende Komponente", sagt Rolf Michel. Zwar hält der Vorsitzende der Strahlenschutzkommission eine Explosion für nicht sehr wahrscheinlich. Doch lassen wir uns auf ein Gedankenexperiment ein.

"Als Beispiel lässt sich hier Tschernobyl heranziehen, da erreichten radioaktive Stoffe nach der Explosion Luftschichten in etwa 1000 Metern Höhe." Es ist fraglich, dass Stoffe über Fukushima solche Höhen erreichen. Bislang gelangten sie wohl kaum 200 Meter hoch. In Tschernobyl regneten außerdem heiße Teilchen aus Plutonium, Uran und Strontium in bis zu 30 Kilometer Umgebung des Meilers vom Himmel. Weiter kamen sie nicht. "Plutonium ist ein schwerflüchtiges Element", sagt Michel. Der hochgiftige Stoff verdampft kaum und wird weniger vom Wind davon getragen. Sollte in Fukushima Plutonium entweichen, glaubt der Strahlenschutzexperte, dass es sehr nahe an den Reaktoren verbleiben würde, näher noch als in Tschernobyl.

"Die Brände in Fukushima sind nicht vergleichbar mit den Feuern in Tschernobyl", sagt der Physiker Herwig Paretzke . Die Reaktorblöcke dort enthielten Graphit als Moderator . Es war verantwortlich für die immense Explosion , die damals den Reaktorblock 4 zerfetzte. Paretzke rechnet nicht damit, dass eine ähnlich gewaltige Explosion Fukushima-1 erschüttern kann. Eine Rauchwolke aus eventuellen Zirkonbränden könnte aber in höhere Lagen aufsteigen, vermutet Rolf Michel. Und dann als Strahlenwolke nach Westen driften.

Tokyo und die Hauptinsel Japans müssten sich vor allem auf radioaktives Cäsium vorbereiten. Die flüchtigen und gefährlichen Jod-Isotope seien eher keine Gefahr, sagt Physiker Herwig Paretzke. "Reaktor 4 ist seit November abgeschaltet, da ist vieles schon zerfallen." Nach acht Tagen ist das Isotop bereits zur Hälfte abgebaut. Ausgeschlossen sei eine Freisetzung aber nicht. Dann müssten Jodtabletten an die Bevölkerung verteilt werden, um die Aufnahme der radioaktiven Isotope des Elements zu blockieren. Besonders Kinder und Jugendliche sind einem erhöhten Krebsrisiko ausgeliefert, sollten sie Jod-137 einatmen.

Was generell mit den radioaktiven Teilchen geschieht, hängt von Wind und Wetter ab. Und davon, wie hoch sie in die Atmosphäre gelangen. "Wenn der Wind die Stoffe aufs Meer treibt, können wir einigermaßen ruhig schlafen", sagt Strahlenschutzkommissionschef Michel. Wenn eine nukleare Wolke tatsächlich gen Tokyo zieht, "dann kommt es darauf an, ob es dabei regnet oder nicht". Bleibt es trocken, fällt der Cäsium-Fallout geringer aus. Bei Regen oder Schnee aber rieseln die radioaktiven Teilchen in größeren Mengen auf den Boden – sie haben eine Halbwertszeit von 30 Jahren.