ZEIT ONLINE: Im Nordosten der Insel Honshu ist es in Folge des schweren Bebens zu einer Explosion am Atomkraftwerk Fukushima-1 gekommen. Teile des Reaktors sind zerstört, das Kühlsystem und Notstromaggregate ausgefallen. Außerhalb des Reaktors wurde strahlendes Cäsium und Jod festgestellt. Worauf lässt das schließen?

Christoph Pistner: Insgesamt ist die Lage schwer einzuschätzen, da die Informationen spärlich sind. Die Nuklide Cäsium und Jod können bereits austreten, wenn die Metallumhüllungen der Brennstäbe beschädigt werden und dann Radioaktivität durch undichte Stellen im Sicherheitsbehälter nach außen gelangt. Das wäre das harmloseste denkbare Szenario. Im schlimmsten Fall könnten die Brennstäbe aber auch schon teilweise oder komplett geschmolzen sein. Dann wäre der Austritt großer Mengen radioaktiven Materials kaum noch zu stoppen.

ZEIT ONLINE: Noch immer erreichen uns widersprüchliche Meldungen dazu, ob in dem Reaktor die Kernschmelze schon im Gange ist. Wenn sich die Befürchtungen bestätigen – was wären die Folgen für Mensch und Umwelt?

Pistner: Das hängt stark davon ab, ob der Sicherheitsbehälter beschädigt ist. Da Teile des Reaktorgebäudes zerstört wurden, besteht die Gefahr, dass radioaktive Teilchen ungehindert austreten. Radioaktivität könnte auch gasförmig entweichen und sich mit dem Wind in der Umgebung ausbreiten. Derzeit sehen Wetterprognosen so aus, dass eine radioaktive Wolke zum Meer hinaus getrieben würde. Das kann sich aber auch wieder ändern. Wenn es gelingt, den Reaktor – etwa mit Meerwasser – zu kühlen, könnte das den Schaden eindämmen.

ZEIT ONLINE: Schon jetzt wird Fukushima zum Teil mit Tschernobyl verglichen. Ist das ein guter Vergleich?

Pistner: Von technischen Ablauf her, kann man die beiden Unglücke sicher nicht vergleichen. Was die Folgen angeht, können wir das noch nicht abschätzen.

ZEIT ONLINE: Das Beben hat die Notabschaltung von mehr als zehn weiteren Atomkraftwerken in Japan bewirkt. Ist zu befürchten, dass auch dort die Kühlungen versagen und es zu weiteren Atom-Unfällen kommt?

Pistner: Das ist nicht auszuschließen. Es gibt an der Nuklearanlage Fukushima-I noch zwei weitere Reaktorblöcke, die langfristig gekühlt werden müssen. Das gilt auch für die nahe gelegenen Anlagen Fukushima-2.

ZEIT ONLINE: Angeblich wurden die Menschen in der Präfektur Fukushima aufgefordert, Türen und Fenster zu schließen und sich den Mund mit nassen Handtüchern zu bedecken. Wie sinnvoll sind solche Maßnahmen?

Pistner: Solche Maßnahmen können zumindest bewirken, dass etwas weniger Radioaktivität aufgenommen wird, falls eine Strahlenwolke vorbeizieht. Das schützt vor allem vor den kurzlebigen Nukliden. Gefährlicher wird es, wenn sich die Menschen längere Zeit in verstrahltem Gebiet aufhalten.

ZEIT ONLINE: Besteht auch eine Gefahr für die angrenzenden Länder? Könnten sich die Radioaktivität vielleicht sogar weltweit ausbreiten?

Pistner:  Das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten. Wir wissen nicht, ob oder wie viel Radioaktivität freigesetzt wurde, die mit dem Wind in andere Länder getragen werden könnte. Eine weltweite Auswirkung, etwa mit schweren Folgen auch für Europa, ist aber sehr unwahrscheinlich.

ZEIT ONLINE: In Japan sind Atomkraftwerke auf starke Erdbeben ausgelegt. Warum konnte es jetzt doch zu so einem Unfall kommen?

Pistner: Das Beben war stärker, als alles, was man sich in Risikoanalysen hatte vorstellen können.

ZEIT ONLINE: Auch in Deutschland gibt es Erdbeben, auch wenn Erdstöße hierzulande seltener sind und niedrigere Magnituden haben. Wie ist man darauf vorbereitet?

Pistner: Die Risikobewertung läuft hierzulande ähnlich wie in Japan. Je nach Standort werden unterschiedlich schwere Erdbeben für die Anlage angenommen, dagegen versucht man die Anlagen dann zu sichern. Rohrleitungen, die bei Erschütterung nicht abreißen oder undicht werden dürfen, stabile Reaktorgebäude, Notstromgeneratoren an sicheren Standorten – all das sind Maßnahmen, um die Anlagen möglichst erdbebensicher zu machen. Doch wenn es dann anders kommt als erwartet, hilft auch das nicht.