Die Lage im Kernkraftwerk Fukushima-1 ist noch lange nicht im Griff, da tauchen unliebsame Meldungen auf: Radionuklide aus der Anlage belasten Lebensmittel . Spinat und Milch seien kontaminiert. Für vier Präfekturen verhängte die Regierung ein Auslieferverbot für Milch und verschiedene Gemüsesorten. Das Trinkwasser sollen die Anwohner in manchen Dörfern schon seit Tagen nicht mehr anrühren, ebenso die Fische, denn schließlich wehe der Wind radioaktive Stoffe auch gen Pazifik.

Besonders belastet scheint derzeit Spinat aus der Präfektur Ibaraki zu sein, der 100 Kilometer südlich von der havarierten Anlage geerntet wurde. Die Kontrolleure haben für Jod-131 einen Wert von 55.000 Becquerel (Bq) gemessen . Der Grenzwert für Jod-131 in Gemüse liegt in Japan bei 2000 Bq pro Kilo. Auch die Werte für radioaktives Cäsium seien um das Vierfache erhöht.

Wie viel ist das? Die Einheit Becquerel sagt zunächst nichts über die Strahlung aus, die von einem Stoff ausgeht. Sie sagt lediglich, wie viele Atome in der Sekunde zerfallen. Damit wissen wir nur, dass in einem Kilo Spinat maximal 2000 radioaktive Jodatome in der Sekunde zerfallen dürfen. Und wir wissen, dass eine Spinatprobe in Japan eindeutig darüber lag.

David Tait vom Max Rubner-Institut in Kiel beobachtet die aktuelle Lage in Japan aus der Ferne. Doch selbst dem Experten für Radioaktivität in Böden, Pflanzen und Lebensmitteln fällt es schwer, ein klares Bild zu zeichnen. Zu spärlich sind die Informationen aus dem Land. "Der Spinat sollte wegen der erhöhten Werte vorerst nicht in den Handel gelangen", sagt Tait. Er weist aber auch darauf hin, dass die radioaktiven Jodelemente wegen ihrer kurzen Halbwertszeit nicht lange in der Umwelt verweilen. Der Großteil der radioaktiven Strahlung könnte bei einer oberflächlichen Kontamination bereits durch gründliches Waschen entfernt werden.

Für die Landwirtschaft sind laut Tait eher radioaktive Cäsiumisotope relevant. Je nach Isotop haben sie eine Halbwertszeit zwischen zwei und 30 Jahren. Der Körper baut das radioaktive Cäsium als Kaliumersatz ins Blut und Muskeln ein. Bis sie wieder vom Körper ausgeschieden werden, geben sie ihre Strahlung in das umliegende Gewebe ab.

Die strahlenden Isotope von Jod und Cäsium entstehen durch große Hitze etwa durch nicht ausreichend gekühlte Kernbrennelemente. Sie sind sehr flüchtig und verbreiten sich über die Luft. "Irgendwann verbinden sich die Teilchen mit Aerosolen oder der Regen wäscht sie aus der Luft", sagt Tait. Ein Teil gelangt in die Böden, wo die Pflanzen es über die Wurzeln aufnehmen können. Andere lagern sich von außen auf den Stilen, Ästen und Blättern ab. "Das meiste würde ein Mensch jedoch über die Luft einatmen – das ist der Hauptkontaminationsweg – und nicht über die Nahrung", sagt der Experte vom Max Rubner-Institut. Was ein Mensch isst, würde zudem kaum ausreichen, um unmittelbare Strahlenschäden davonzutragen.

Isst ein Erwachsener 500 Gramm Spinat, der mit 55.000 Bq belastet ist, nimmt er eine effektive Dosis von etwa 0,55 Millisievert auf. Bei einem Kleinkind sind es um die fünf Millisievert. Zum Vergleich: Etwa drei Millisievert pro Jahr beträgt die jährliche Strahlenbelastung in Deutschland.

In Deutschland werden wir keine belastete Nahrung finden

Und was geschieht mit den Radionukliden, die im Pazifischen Ozean landen? Vor der Küste fischen die Menschen oder betreiben Aquakulturen. Westwind treibt die Luftmassen am Boden auf das offene Meer. Zudem ist bislang unklar, wohin das Meerwasser sickert, das die Helfer zur Kühlung der Reaktoren nutzen.

"Für den Küstenabschnitt direkt vor Fukushima-1 kann der Unfall schon Auswirkungen haben", sagt Ulrich Rieth vom Institut für Fischereiökologie des Johann Heinrich von Thünen-Instituts (vTI) in Hamburg. Das Bundesinstitut beobachtet im Auftrag des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz, was in Japan passiert. "Die radioaktiven Teilchen gelangen ins Meerwasser, wo sie zunächst von Plankton und Kleinstlebewesen aufgenommen werden", erklärt der Experte für Umweltradioaktivität. Die belasteten Teilchen werden über die Nahrungskette weitergegeben: Fische fressen Mikroorganismen, Menschen essen Fische.

Die Forscher am vTI gehen bisher davon aus, dass nur leichtflüchtige Radionuklide ins Meer gelangten. Für die Verbraucher in Japan sind hier vor allem die strahlenden Cäsiumatome relevant, wegen der langen Halbwertszeit. "Das meiste der radioaktiven Teilchen wird im Meer durch die riesigen Wassermassen jedoch sehr stark verdünnt", sagt Rieth. Dennoch müssen die Behörden in den kommenden Monaten bis Jahren die Lebensmittel achtsam kontrollieren.

In Deutschland wird wohl kaum etwas von dem Unfall auf natürlichem Wege in unsere Nahrungskette gelangen. Japan importiert mehr Nahrungsmittel als es exportiert. Was bei uns ankommen könnte, sind Spezialitäten wie Pilze, Gewürze, Tees und Saucen. Der Fisch, den wir hier auch als Sushi konsumieren, kommt vorwiegend aus anderen Gewässern. "Von 900.000 Tonnen Fisch, die die Deutschen importieren, stammen nur 60 Tonnen aus dem Pazifik vor Japan", sagt der Forscher vom Institut für Fischereiökologie. Dieser wird in den kommenden Monaten und Jahren vermutlich auch vermehrt auf etwaige Belastungen kontrolliert, trotz der augenscheinlich geringen Gefahr, von der die Experten derzeit ausgehen.