Ein Löwe schläft neben einem Termitenhügel in einem Nationalpark im Okavango-Delta in Botsuana. © Dagny Lüdemann

Termitenhügel sind wie Eisberge. "Den größten Teil sieht man nicht, der Zipfel an der Oberfläche ist nur ein winziger Teil des Bauwerks", sagt Onamile Ona Lekgopho. Der kräftige 30-Jährige mit den wachen Augen arbeitet als Safari-Guide für die Vumbura-Plains-Lodge im äußersten Norden des Okavango-Deltas. Mannshoch ragen die Sandbauten hier aus der Landschaft. Mal lehnen sie an einem Baum, mal wachsen sie hervor aus dem Buschland des nördlichen Botsuanas

Wie Kornkreise im Feld stechen die sandigen Termitenhügel aus dem grün-blauen Sumpf hervor. Termiten leben seit der Flut darin nicht mehr. Aus der Luft betrachtet verstreuen sie sich kilometerweit als kleine trockene Inseln über das Flussdelta. Ihre Schöpfer, die Arbeiter im Termitenbau, sind dagegen nicht größer als ein Reiskorn und bleiben für die meisten Besucher unsichtbar. "Ohne die Termiten wäre diese Feuchtlandschaft eintönig. Tote Pflanzen würden das Wasser trübe machen", sagt Lekgopho, während er den Jeep durch den Busch navigiert.

Zuflucht für Impalas: Solche Inseln in der Feuchtlandschaft des Okawango-Deltas entstehen häufig dort, wo Termiten ihre Bauten haben. © Chris Jackson/Getty Images

Unweit ziehen Wasserbüffel und Flusspferde ihre Pfade durch die Sümpfe, in denen das Wasser genau dann seinen Höchststand erreicht, wenn rundherum die Trockenzeit beginnt. Das Flusswasser hat hier im ungewöhnlichsten Teil der Kalahari-Wüste eine enorme Artenvielfalt hervorgebracht. Neben Elefanten, Säbelantilopen, Hyänen, Kudus und anderen großen Säugetieren, sind Hunderte Froscharten und seltene Vögel im Delta zu Hause.

Ihre Heimat haben sie auch den Termiten zu verdanken. Ähnlich wie Regenwürmer durchpflügen die Insekten die afrikanische Savanne, und befördern so Nährstoffe aus tieferen Schichten nach oben. Körperlich sind Termiten schlecht vor Feinden und vor der Sonne geschützt. Deshalb wandern sie auch außerhalb ihrer Bauten nur unterirdisch durch die Kalahari. Dazu graben sie ein weit verzweigtes Geflecht aus Gängen, das den harten Boden durchlüftet. Durch das Gängesystem sickert zudem Regenwasser besser in den Boden. Dort, wo Termiten ihre Spuren hinterlassen haben, ist die Erde fruchtbarer – Sträucher und Bäume siedeln sich an. Diese Pflanzen bilden ihrerseits einen neuen Lebensraum – für Insekten, Vögel und andere Tiere.

Lekgophos Eltern schickten ihn als Kind ins Okavango-Delta – zu einer Tante aufs Land. Damals litt er an einer Augenkrankheit. "Vielleicht vertrugen meine Augen die Stadtluft nicht, oder es war eine Allergie gegen bestimmte Pflanzen", sagt der kräftige Mann. In den Weiten der Landschaft, in der der Okavango-Fluss sich mitten in der Kalahari in unzählige Arme auffächert, um schließlich zu versickern, ohne je ein Meer zu erreichen, heilten die Augen des Jungen. Und er lernte zu lieben, was er sah: die einzigartige Natur Botsuanas. Heute erklärt Lekgopho Safari-Touristen, was diesen Flecken Erde so besonders macht.

Im Norden des Deltas ist es trocken. Hier sind die Termitenhügel bewohnt, mit Kolonien, die teilweise Millionen Insekten zählen. Bei 35 Grad Celsius rast Lekgopho in seinem robusten Jeep den Tieren hinterher, die seine Gäste am liebsten sehen wollen: Wildhunde, Zebras, Giraffen, Leoparden. Auch sie profitieren von dem Werk der Termiten. "Viele Wasserlöcher, zu denen große Säugetiere und Raubkatzen  zum Trinken kommen, sind einst durch das Werk der Termiten entstanden. Dort ist der Boden an der Oberfläche reich an Mineralien, die für die Tiere lebenswichtig sind", erzählt Lekgopho.

Wenn Tiere oder Pflanzen ihren Lebensraum und damit die Artenvielfalt auf so eine Art verändern, nennen Biologen das "Ecoysystem Engineering" – und genau das tun die Termiten in Afrika mit ihren gigantischen Bauten. Sie sind die größten Architekten dieser Landschaft und haben damit enormen Einfluss auf das ganze Ökosystem.

Einige Arten züchten Pilze, die ihnen bei der Verdauung helfen

Die vorherrschenden Termiten im südlichen Afrika gehören zur Gattung Macrotermes . Die Insekten recyceln ihre Umwelt, sie fressen abgestorbenes Pflanzenmaterial. Da sie die zellulosehaltige Nahrung nicht selbst verdauen können, nutzen die Termiten einen Trick: Sie züchten Pilze, die die Zellulose für sie spalten. Damit die Pilze optimal gedeihen, muss es in den Gärkammern des Termitenbaus gleichmäßig warm und feucht sein – eine Luftfeuchtigkeit von 90 Prozent ist optimal. Um das zu erreichen, graben einige Termitenarten Brunnen – sie zapfen das Grundwasser an und befeuchten damit ihre Pilzzucht. Im überfluteten Okavango-Delta ist das Brunnengraben nicht nötig. Hier verfügen die Insekten auch so über ausreichend Süßwasser.

Plötzlich raschelt es im Gebüsch. Der Jeep steht seit einer Weile und eine Horde Elefanten nähert sich. Das Gras ist hoch, sodass nur ihre wedelnden Ohren hervorblitzen. "Trrrrr, trrr", macht Lekgopho und die Elefanten schauen herüber. Der Guide spricht die Sprache der Tiere, kann ihr Verhalten deuten. "Wir müssen schauen, ob die Elefanten unser Besuch stört. Ich finde es wichtig, respektvoll mit den Tieren hier umzugehen", sagt er. In diesem Moment schaut ein Elefantenbulle auf, fuchtelt heftig mit den Ohren – vielleicht 20 Meter trennen das gewaltige Tier von den Safari-Touristen, die hinter ihren großen Foto-Objektiven hervor blinzeln. Mit einem Knall legt Lekgopho den Rückwärtsgang ein und rast mitten durchs Gestrüpp, die Äste knacken und bersten unter den Reifen des Jeeps. "Wir wollen ja kein Risiko eingehen." Eine Waffe hat Lekgopho nicht dabei.

Vor allem die kleinen Tiere im Busch mag er. "Nach denen werde ich selten gefragt. Die Leute wollen die Big Five sehen." Dabei entgehen ihnen zum Beispiel die Zebramangusten. Diese mit den Erdmännchen verwandten Säugetiere leben in Familien von zehn bis 20 Tieren. Sie fressen Insekten – auch Termiten – und jagen Mäuse, Frösche und sogar Schlangen. Genau wie Hyänen und Wildhunde ziehen Zebramangusten ihre Jungen gerne auf Termitenbauten auf.

Bindenwarane legen ihre Eier in in die Termitenhügel

Ab und zu kann man hier im Nationalpark sogar beobachten, wie Bindenwaran-Weibchen ein kleines Loch in die Sandhügel graben und ihre Eier dort ablegen. Die Termiten schließen das Loch – und so kommt der Waran-Nachwuchs in den Genuss einer sicheren, warmen, vor Sonne und Feinden geschützten Bruthöhle.

Als es dunkel wird, fährt Onamile Ona Lekgopho die Gäste zurück in die Lodge. Aus dem Busch ist jetzt das Geschrei von Affen zu hören, überall raschelt es. Die Touristen auf den Rücksitzen sind ruhig geworden. Müde und beseelt von den Eindrücken der Safari. Einige klicken sich schon durchs Menü ihrer Digitalkameras und bestaunen, was die Teleobjektive so nah heran holten: ein satter Löwe, ein Leoparden-Weibchen auf der Jagd nach einem Impala – und die Wildhunde, im Porträt.

Immerhin einige Termitenhügel haben es ins Bild geschafft – mit einem schlafenden Löwen davor oder als Kulisse für eine Herde Zebras. Was in den geheimnisvollen Behausungen passiert, bleibt den Reisenden verborgen. Während sie am Lagerfeuer sitzen, werden die heimlichen Herrscher des Okavango-Deltas gerade richtig wach.