Eine Frau wird Ende März auf eine radioaktive Belastung geprüft. Sie wohnt im evakuierten Gebiet in der Präfektur Fukushima. © Go Takayama/AFP/Getty Images

Wenig hat sich am Ernst der Lage in den Ruinen von Fukushima-1 verändert. Nach wie vor konzentrieren sich Techniker und Arbeiter in der Anlage auf die dauerhafte Kühlung des Brennstoffs in den Reaktorkernen und zeitweise ausgetrockneten Abklingbecken. Und doch scheint die Situation seit gestern eine andere zu sein: Denn die AKW-Havarie in Japan rangiert nun auf einer Stufe mit dem GAU in Tschernobyl im Jahr 1986. In Fukushima müsse nun doch alles viel schlimmer, dramatischer und gefährlicher sein als bislang gedacht, mutmaßen Medien seither. Japan habe sich "endlich" entschlossen, das wahre Ausmaß der Katastrophe mitzuteilen, heißt es. Im Unterton schwingt mit, dass hier verheimlicht, vertuscht und falsch gehandelt wurde.

Wären nicht ganz andere Maßnahmen getroffen worden, wenn der Unfall von Anfang an so schwerwiegend eingestuft worden wäre? Die Antwort ist Nein. Denn die internationale Skala für nukleare Ereignisse (Ines) sieht für die verschiedenen Kategorien von Atomunfällen keine konkreten Maßnahmen vor. Sie erteilt dazu noch nicht einmal Empfehlungen. Jedes Land entscheidet selbst, wie es auf Reaktorunfälle reagiert. In Japan hatten die Behörden bereits zwei Tage nach dem Ausfall der Kühlung in der Atomanlage mehr als 60.000 der insgesamt rund 80.000 Bewohner im Radius von 20 Kilometern um Fukushima-1 in Sicherheit gebracht. Danach erst sprengte entzündeter Wasserstoff die Außenhülle des Reaktors 3 und beschädigte die Blöcke 2 und 4 zum Teil schwer.

Seit Beginn der Havarie versuchen zudem Arbeiter in der Atomanlage das Menschenmögliche, einen Unfall in den Griff zu bekommen, für den es keinen Notfallplan gibt. Der fehlt, weil keine Atomnation der Erde sich je mit einem solchen Szenario auseinandergesetzt hat. Bis Fukushima war der Glaube an die Beherrschbarkeit der Kernenergie nahezu unerschütterlich, trotz zahlreicher Unfälle und den Erfahrungen aus Harrisburg 1979 und Tschernobyl 1986. Ein desaströses Versagen, für das Japan nun bitter bezahlt.

Die Einstufung Fukushimas als zweiter "katastrophaler Unfall" in der Geschichte war in der Tat überfällig. Dass große Mengen Radioaktivität aus den Unglücksreaktoren entwichen sein mussten, war selbst Laien klar, nachdem die Bilder der explodierenden Blöcke um die Welt gingen.

Die Ines-Stufe 7 sei das "Schandmal, dass man so lange wie möglich vermeiden wollte", formulierte Claus Kleber es im Heute-Journal . Dies ist kaum zu bestreiten. Japans Atomaufsicht hat sich viel zu lange an Details und im Datengewirr festgebissen. Es kann nicht sein, dass diese Behörde Wochen braucht, um etwas festzustellen, das seit einem Monat für jeden offensichtlich ist.

Richtig ist auch, dass Japans Regierung versucht, die Öffentlichkeit zu beschwichtigen. Ein Grund dafür dürfte die Sorge vor Panik sein. Eine bewusste Vertuschung von Messergebnissen oder Erkenntnissen aus den Reaktoren vermuten Fachleute aber bisher nicht .

Fukushima ist trotz der gleichen Stufe kein zweites Tschernobyl. Der Hergang beider Unfälle und auch das Ausmaß sind sehr verschieden.

Vor 25 Jahren explodierte der Reaktor 4 in der Ukraine in vollem Betrieb. Auf einen Schlag gelangte etwa das Zehnfache an Radioaktivität, das bislang in Fukushima frei wurde, in Höhen von rund 1000 Metern. Der Fallout der strahlenden Partikel verteilte sich über weite Teile Europas. Erst einen Tag nach dem GAU lief die Evakuierung der nur drei Kilometer vom Reaktor entfernten 49.000-Einwohner-Stadt Pripjat an. Während die Kernschmelze offen lag und es tagelang weiter brannte, wurden erst acht Tage nach der Explosion weitere rund 85.000 Menschen in einem Umkreis von 30 Kilometern in Sicherheit gebracht. Die meisten von ihnen hatten längst radioaktives Jod eingeatmet, ohne es zu ahnen . Bis zu 6000 Schilddrüsenkrebserkrankungen sind als Folge belegt.

Dieses Ausmaß ist in Japan bisher nicht eingetreten, wenngleich noch monatelang die Lecks in den Fukushima-Ruinen abgedichtet und Brennelemente gekühlt werden müssen . Sicher ist auch, dass weiter Radioaktivität austritt und in die Atmosphäre sowie das Meer gelangt. Derzeit schätzen Strahlenmediziner die Gesundheitsgefahr für die Menschen in Fukushima deutlich geringer als 1986, kurz nach Tschernobyl. Lebensmittel und Trinkwasser werden in Japan kontrolliert, Ackerflächen gesperrt.

Das macht das Unglück von Fukushima weder harmlos oder überstanden noch das atomare Restrisiko tolerierbar . Es zeigt aber, dass falsche Vergleiche nicht weiterhelfen, um die Katastrophe fassbar zu machen. Ganz gleich, wie die Lage in Japan zu bewerten ist: Die Kernenergie ist und bleibt unberechenbar.