ZEIT ONLINE: Herr Breuer, Anfang April waren Sie sieben Tage lang für die Umweltorganisation Greenpeace im Katastrophengebiet von Fukushima . Was haben Sie dort gemacht?

Thomas Breuer: Mit Messgeräten und Dosimetern ausgerüstet haben drei Teams in einem Umkreis von etwa 70 Kilometern um die havarierten Reaktoren die Strahlung im Boden gemessen und Gemüse- und Bodenproben genommen. Wir wollten feststellen, wie stark die Belastung in den Ballungszentren ist. Zum Teil sind wir dazu einfach in Dörfer rund um die Atomanlage gefahren. In anderen Fällen wollten Bauern wissen, was mit ihren Feldfrüchten ist. Und von dem Bürgermeister der Stadt Minamisoma – sie liegt nur 25 Kilometer von dem Atomkraftwerk Fukushima-1 entfernt – sind wir zu Hilfe gerufen worden, als er gehört hat, dass Greenpeace in der Umgebung ist.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie für Werte gemessen?

Breuer: Insgesamt haben wir von 16 Gemüseproben, von Wintergemüse wie Kohl und Spinat, acht Bodenproben und 261 Punktmessungen genommen. Es sind noch nicht alle Proben ausgewertet. Bei den Gemüseproben haben wir jedoch festgestellt, dass sie so hoch kontaminiert sind, dass sie zum Verzehr nicht mehr geeignet sind. Wir sprechen hier zum Beispiel von einer Gesamtbelastung mit radioaktiven Isotopen bis zu 40.000 Becquerel pro Kilogramm in Spinat aus Minamisoma. Der Grenzwert für radioaktives Cäsium liegt in Japan bei 500 Becquerel pro Kilogramm. Und dieser wurde mit Sicherheit überschritten.

ZEIT ONLINE: Wie steht es um die Bodenproben?

Breuer: Wir sind noch auf der Suche nach einem japanischen Labor, das Kapazitäten hat. Aber die Kontaminationen, die wir vor Ort gemessen haben, waren hoch; sowohl in Koriyama, als auch in Fukushima City und an den Verbindungsstraßen. Wenn man von den beschädigten Reaktoren ausgeht, gab es in Richtung Nordwesten die höchsten Kontaminationen. In den Bergen südlich von Iitate sprechen wir sogar von bis zu 48 Mikrosievert pro Stunde. In Fukushima City haben wir im Durchschnitt drei Mikrosievert pro Stunde gemessen. Ausgehend von einer Jahreshöchstdosis von 1000 Mikrosievert bedeutet das, dass die Menschen dort draußen innerhalb von 14 Tagen die erlaubte Jahresdosis abbekommen würden.

ZEIT ONLINE: Weichen die Werte von denen der Regierung ab?

Breuer: Weitestgehend nicht. Aber die Schlussfolgerungen daraus: Für uns ist klar, dass die Gebiete evakuiert werden müssen.

ZEIT ONLINE: Aber sind es nicht nur Momentaufnahmen, die Sie mit ihren Proben eingefangen haben?

Breuer: Zunächst schon. Aber auch das Research Reactor Institute der Universität Kyoto hat Bodenproben in der Region genommen und festgestellt, dass etwa 85 Prozent der jetzt vorhandenen Kontamination von den Isotopen Cäsium-134 und -137 stammt. Das sind mittel- bis langfristige Zerfallsprodukte. Was wir jetzt gemessen haben, wird sich also relativ stabil über einen längeren Zeitraum dort halten. Cäsium-137 hat eine Halbwertszeit von rund 30 Jahren.

ZEIT ONLINE: Wie lässt sich eine langfristige Überwachung der Strahlenbelastung sicherstellen?

Breuer: Es gibt bereits fest installierte Messpunkte in der Region, die im Normalfall ausreichend sind. Jetzt aber müsste der Bestand ausgeweitet werden. Das ist Aufgabe der Regierung. Auch gilt es, eine Überwachung der Nahrungsmittel zu etablieren und an vielen Bereichen Bodenproben zu nehmen, um ein ganz klares, flächendeckendes Bild zu bekommen. Denn das an manchen Orten eine hohe Strahlenbelastung vorliegt, ist nicht zu bestreiten.