ZEIT ONLINE: Hatten Sie selbst Angst vor der Strahlung?

Breuer: Wir sind natürlich mit Sorgen in die Region gegangen. Vor allem, weil der Unfall bei weitem nicht ausgestanden ist und weiterhin Radioaktivität freigesetzt wird.

ZEIT ONLINE: Sind Sie in Ihrer Arbeit von der japanischen Regierung oder der Betreiberfirma Tepco behindert worden?

Breuer: Nein. Aber eine große Hilfe sind sie für die Bevölkerung auch nicht.

ZEIT ONLINE: Sie sind mit der Arbeit der Regierung also nicht zufrieden?

Breuer:Sie geht nicht gut mit der Krise um . Die Bevölkerung ist überhaupt nicht darüber aufgeklärt, wie sie sich in kontaminierten Gebieten verhalten soll oder wie sie mit dem Wintergemüse auf dem Feld umgehen soll. Die Bauern wissen nicht, ob sie in der nächsten Saison aussäen dürfen. Mit all diesen Fragen des täglichen Lebens – des Überlebens – sind die Menschen alleine gelassen.

ZEIT ONLINE: Sehen Sie es deshalb als Ihre Aufgabe an, sich um die Bevölkerung zu kümmern?

Breuer: Das ist einer der Hauptgründe, warum wir dorthin gefahren sind. Die Regierung handelt nicht verantwortlich zum Schutz der Menschen.

ZEIT ONLINE: Die Regierung und Tepco sammeln Messwerte, veröffentlichen sie aber meist erst zwei Tage später. Denken Sie, dass Daten absichtlich vertuscht werden?

Breuer: Nein. Die Werte, die wir festgestellt haben, stimmen immerhin weitgehend mit denen der Regierung überein. Man kann natürlich sagen: Wenn Daten gesammelt werden, dann müssen sie auch sofort veröffentlicht werden. Das ist richtig. Aber in einer Form, mit der jeder etwas anfangen kann. Nackte Zahlen helfen den Menschen in der Region nicht, solange man ihnen nicht erklärt, was sie bedeuten.

Wie viele Menschen in Deutschland leben im direkten Umkreis von Atomkraftwerken? Bitte klicken Sie auf das Bild, um zur interaktiven Grafik zu gelangen © ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Welche Maßnahmen müssten Ihrer Ansicht nach nun ergriffen werden?

Breuer: Es braucht klare Ansagen an die Bauern, und es muss begonnen werden, Bereiche, in denen es möglich ist, von den radioaktiv strahlenden Stoffen zu säubern. Natürlich lässt sich nicht alles auf einen Schlag dekontaminieren. Orte wie Spielplätze und Parkanlagen, bei denen davon ausgegangen wird, dass sie aufgrund ihrer Bodenbeschaffenheit stärker kontaminiert sind, sollten abgesperrt werden.

ZEIT ONLINE: Müsste die Evakuierungszone noch weiter ausgeweitet werden?

Breuer: Um das entscheiden zu können, ist eine Risikoanalyse über die weiteren Abläufe am havarierten AKW nötig. Sprich: Was ist der Worst Case , welche radioaktiven Belastungen würden frei, und welche Orte sind bei verschiedenen Wetterbedingungen besonders betroffen? Zum anderen müssen Kontaminierungen flächendeckend festgestellt werden. Es kann nämlich sein, dass Orte wie Iitate in 40 Kilometern Entfernung zum Reaktor evakuiert werden müssen, andere Städte, die genauso weit weg sind, aber nicht.

ZEIT ONLINE: Greenpeace fährt eine Kampagne gegen die Atomkraft. Inwiefern halten Sie Ihre Arbeit für wissenschaftlich unabhängig, wenn Sie selbst eine so klare Linie verfolgen?

Breuer: Nun ja, die Messgeräte, die wir einsetzen, sind weder für noch gegen Atomkraft. Und die Ergebnisse sind einfach da. Mit den Konsequenzen, die sich nach unserer Meinung daraus ergeben, stehen wir übrigens nicht allein da. Auch die Atomenergieagentur hat zum Beispiel eine Ausweitung der Evakuierungszone empfohlen. Insofern hat das mit unserer sonstigen Einstellung zur Atomkraft nichts zu tun.