Greenpeace-Experte Breuer"Die japanische Regierung vertuscht keine Daten"

Thomas Breuer hat für Greenpeace in Fukushima die Strahlung gemessen. Seine Ergebnisse decken sich mit denen der japanischen Regierung. Seine Schlussfolgerungen nicht. von 

ZEIT ONLINE: Herr Breuer, Anfang April waren Sie sieben Tage lang für die Umweltorganisation Greenpeace im Katastrophengebiet von Fukushima . Was haben Sie dort gemacht?

Thomas Breuer: Mit Messgeräten und Dosimetern ausgerüstet haben drei Teams in einem Umkreis von etwa 70 Kilometern um die havarierten Reaktoren die Strahlung im Boden gemessen und Gemüse- und Bodenproben genommen. Wir wollten feststellen, wie stark die Belastung in den Ballungszentren ist. Zum Teil sind wir dazu einfach in Dörfer rund um die Atomanlage gefahren. In anderen Fällen wollten Bauern wissen, was mit ihren Feldfrüchten ist. Und von dem Bürgermeister der Stadt Minamisoma – sie liegt nur 25 Kilometer von dem Atomkraftwerk Fukushima-1 entfernt – sind wir zu Hilfe gerufen worden, als er gehört hat, dass Greenpeace in der Umgebung ist.

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Thomas Breuer
Thomas Breuer

Thomas Breuer ist seit 2007 Leiter des Klima- und Energiebereichs bei der Umweltschutzorganisation Greenpeace. Zuvor hat Breuer, der bei Greenpeace International die Ausbildung zum Radiation Safety Adviser absolviert hat, die Atomkampagnen für die Organisation mitbestritten und in Deutschland, Russland, Weißrussland, der Ukraine, Indien, Frankreich und Spanien gearbeitet.
 

ZEIT ONLINE: Was haben Sie für Werte gemessen?

Breuer: Insgesamt haben wir von 16 Gemüseproben, von Wintergemüse wie Kohl und Spinat, acht Bodenproben und 261 Punktmessungen genommen. Es sind noch nicht alle Proben ausgewertet. Bei den Gemüseproben haben wir jedoch festgestellt, dass sie so hoch kontaminiert sind, dass sie zum Verzehr nicht mehr geeignet sind. Wir sprechen hier zum Beispiel von einer Gesamtbelastung mit radioaktiven Isotopen bis zu 40.000 Becquerel pro Kilogramm in Spinat aus Minamisoma. Der Grenzwert für radioaktives Cäsium liegt in Japan bei 500 Becquerel pro Kilogramm. Und dieser wurde mit Sicherheit überschritten.

ZEIT ONLINE: Wie steht es um die Bodenproben?

Breuer: Wir sind noch auf der Suche nach einem japanischen Labor, das Kapazitäten hat. Aber die Kontaminationen, die wir vor Ort gemessen haben, waren hoch; sowohl in Koriyama, als auch in Fukushima City und an den Verbindungsstraßen. Wenn man von den beschädigten Reaktoren ausgeht, gab es in Richtung Nordwesten die höchsten Kontaminationen. In den Bergen südlich von Iitate sprechen wir sogar von bis zu 48 Mikrosievert pro Stunde. In Fukushima City haben wir im Durchschnitt drei Mikrosievert pro Stunde gemessen. Ausgehend von einer Jahreshöchstdosis von 1000 Mikrosievert bedeutet das, dass die Menschen dort draußen innerhalb von 14 Tagen die erlaubte Jahresdosis abbekommen würden.

Grenzwerte in der EU

Grenzwerte für Radioaktivität sagen nicht generell etwas über die Strahlenbelastung aus, sondern beziehen sich immer auf die Summe der Aktivitäten der radioaktiven Isotope eines bestimmten Elements, also etwa Cäsium-137 oder Jod-131.

Bis Ende März 2011 galt in der EU für das radioaktive Element Cäsium ein Grenzwert von 600 Becquerel pro Kilogramm. Dabei ging es vor allem um Lebensmittelimporte aus dem belasteten Gebiet rund um Tschernobyl. Anlässlich des Atomunfalls in Fukushima wurde diese Bestimmung durch eine ältere EU-Verordnung aus den 1987 ersetzt, nach der dieser Cäsium-Grenzwert nun 1250 Bq/kg betrug. Grundlage dieser neuen Grenzwerte wäre ein radiologischer Notstand in Europa. Dieser ist aber nicht gegeben.

Wegen der Proteste gegen diese Heraufsetzung wird in diesen Tagen eine neue EU-Verordnung in Kraft treten, nach der der neue Grenzwert für Cäsium jetzt bei 500 Bq/kg festgesetzt wird. Das entspricht den Werten, die auch Japan selbst anlegt.

Was sagen Grenzwerte aus?

Grundsätzlich sagen Grenzwerte erst einmal nichts über die konkrete Gesundheitsgefährdung aus. Man kann also nicht sagen, dass etwa Lebensmittel, deren Becquerel-Wert die zulässigen Grenzwerte für ein oder mehrere Nuklide überschreiten, ungesund seien.

Allerdings steigt mit der Menge der Strahlung, die der menschliche Körper im Laufe eines Lebens  aufnimmt, die statistische Wahrscheinlichkeit für Zellschäden – und damit auch für Erkrankungen wie Krebs. Die individuelle Strahlenempfindlichkeit ist sehr unterschiedlich.

Mediziner unterscheiden zwischen Dosisgrenzwerten und Referenzwerten. Die einen geben an, welcher Strahlenmenge ein Mensch im Lauf der Zeit maximal ausgesetzt sein sollte. Die anderen besagen, wie viel Strahlenexposition in einer Notfall-Situation als gerade noch zumutbar gilt.

ZEIT ONLINE: Weichen die Werte von denen der Regierung ab?

Breuer: Weitestgehend nicht. Aber die Schlussfolgerungen daraus: Für uns ist klar, dass die Gebiete evakuiert werden müssen.

ZEIT ONLINE: Aber sind es nicht nur Momentaufnahmen, die Sie mit ihren Proben eingefangen haben?

Breuer: Zunächst schon. Aber auch das Research Reactor Institute der Universität Kyoto hat Bodenproben in der Region genommen und festgestellt, dass etwa 85 Prozent der jetzt vorhandenen Kontamination von den Isotopen Cäsium-134 und -137 stammt. Das sind mittel- bis langfristige Zerfallsprodukte. Was wir jetzt gemessen haben, wird sich also relativ stabil über einen längeren Zeitraum dort halten. Cäsium-137 hat eine Halbwertszeit von rund 30 Jahren.

Strahlendosis

Die Strahlenwirkung auf Menschen, Tiere und Pflanzen wird häufig in Sievert pro Stunde angegeben. Mit Hilfe der Einheit lässt sich abschätzen, wie schädlich eine Strahlung für einen Organismus ist. Sie berücksichtigt dabei die Strahlungsdauer, -art und -wirkung. 1 Sievert entspricht 1.000 Millisievert oder 1.000.000 Mikrosievert. Grundsätzlich gilt eine Einzeldosis von 6.000 Millisievert als tödlich (100 Prozent Sterblichkeit innerhalb von 14 Tagen).

Ob eine Person, die einer geringen Strahlendosis ausgesetzt war, gesundheitliche Schäden zu erwarten hat, lässt sich nicht eindeutig sagen. Die Grenzwerte beziehen sich in der Regel auf ein Jahr. Manche Experten gehen davon aus, dass dieselbe Strahlendosis über einen längeren Zeitraum weniger schädlich ist. Andere sagen, die Strahlung müsse addiert werden.

Natürliche Quellen

Die durchschnittliche Strahlendosis, die ein Deutscher durch natürliche Quellen innerhalb eines Jahres aufnimmt, liegt zwischen zwei und fünf Millisievert. Diese äußere Bestrahlung, der der Mensch je nach Ort und Zeitin unterschiedlicher Höhe ausgesetzt ist, wird Gamma-Ortsdosisleistung genannt. In dieser Deutschlandkarte des Bundesamts für Strahlenschutz ist die Strahlungsstärke je nach Region verzeichnet.

Bei medizinischen Untersuchungen werden zum Teil viel höhere Einzeldosen erreicht, die aber auf einen kurzen Zeitraum beschränkt sind. So nimmt ein Mensch während einer Computertomografie (CT)seines Kopfes ungefähr zwei Millisievert auf, bei der Mammografie 0,4 Millisievert.

Andere Einheiten

Die Energiedosis einer Strahlenquelle wird in Gray angegeben. Ein Gray bedeutet, dass ein Körper von einem Kilogramm Masse eine Energiemenge von einem Joule aufgenommen hat. Für die in Atomkraftwerken vor allem freigesetzte Beta-, Gamma- und Röntgenstrahlung ist die Einheit Grayidentisch mit der Äquivalenteinheit Sievert, ein Gray ist also gleich einem Sievert. Bis Mitte der 1980er Jahre wurde die Äquivalentdosis statt in Sievert in Rem angegeben. Das meinte die Strahlendosis in Roentgen, die ein Mensch aufgenommen hat.

ZEIT ONLINE: Wie lässt sich eine langfristige Überwachung der Strahlenbelastung sicherstellen?

Breuer: Es gibt bereits fest installierte Messpunkte in der Region, die im Normalfall ausreichend sind. Jetzt aber müsste der Bestand ausgeweitet werden. Das ist Aufgabe der Regierung. Auch gilt es, eine Überwachung der Nahrungsmittel zu etablieren und an vielen Bereichen Bodenproben zu nehmen, um ein ganz klares, flächendeckendes Bild zu bekommen. Denn das an manchen Orten eine hohe Strahlenbelastung vorliegt, ist nicht zu bestreiten.

Leserkommentare
  1. nicht gut aus, wenn sie in der nächsten Saison nicht mehr aussäen (!) dürften.

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    Redaktion

    Danke für den Hinweis. Der Fehler wurde korrigiert. Natürlich säen die Bauern aus.

  2. Redaktion

    Danke für den Hinweis. Der Fehler wurde korrigiert. Natürlich säen die Bauern aus.

    Antwort auf "Die Bauern sähen"
    • CM
    • 21. April 2011 11:27 Uhr

    Das nenne ich einen Klassiker.

    Die bisherige Arbeitsteilung sieht nämlich vielfach so aus, daß Wissenschaftler forschen und darüber berichten, das Thema dann in den politischen Instanzen diskutiert wird und die zuständigen Politiker dann Entscheidungen treffen, die aus Sicht der Wissenschaft absurd sind.

    Dies wird meist begründet mit Arbeitsplätzen (paßt immer) oder Sicherheit (paßt oft). Die eigentlichen Gründe sind jedoch eher Parteispenden, direkte Korruption, Vetternwirtschaft oder ideologische Inkompatibilität.

    Das kennen wir aus vielen Bereichen, vor allem jedoch aus dem Umwelt- und Verbraucherschutz.

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    Traurige Wirklichkeit, die Wissenschaftler werden als Feigenblatt benutzt, die Ergebnisse der Forschung missachtet, getan wird, was Militaer, Wirtschaft und Regierung arrangieren.

    Die Weltgesundheitsorganisation, bei jeder noch so kleinen Schweinegrippe allen Regierungen aufs Dach gestiegen, bei weltweitem Atomalarm kein Mucks - wie kann das sein?

    Naja, wurde kurzerhand zum Stillschweigen verdonnert, damit sich nicht ueber Atomwaffenversuche etc beschwert wird.

    IPPNW und SWR berichteten:
    http://www.ippnw.de/startseite/artikel/c1642a491f/weltgesundheitsversamm...
    http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/kontext/-/id=4352076/nid=43520...

  3. Laut Spiegel Online hat die japanische Regierung kurzerhand die Höchstwerte für zulässige Bestrahlung von Schulkindern auf das Niveau eines deutschen KKW-Mitarbeiters erhöht.

    So weit ich mich erinnere, wurden die Grenzwerte für Lebensmittel schon vorher angehoben.

    Also kann man davon ausgehen, daß an dauerhafte Evakuierung nicht gedacht wird. Die Folge: Es werden mehr Krebsfälle auftreten, mehr Missbildungen von Kindern usw.

    Die Alternative (Evakuierung, Vernichten von Lebensmitteln) würde erhebliche wirtschaftliche Folgen nach sich ziehen, sowohl für die Produzenten vor Ort, als auch volkswirtschaftlich durch das Aufgeben größerer Landstriche und von Großstädten in den belasteten Gebieten.

    Was man von der anscheinend getroffenen Entscheidung der Risiko-Nutzen-Abwägung hält, sollte sich jeder selbst in einer ruhigen Minute überlegen.
    Übung: Versetzen Sie sich dabei ruhig in die Lage eines jap. Bürgers, welcher in Zukunft beim Einkauf ein mulmiges Gefühl haben könnte, oder in die Lage eines Anwohners, welcher sein Kind in einem radioaktiv verstrahlten Gebiet aufwachsen sieht.

    Die Japaner haben natürlich das Recht, jede Entscheidung zu fällen, die sie wollen, das habe ich nicht zu bewerten. Persönlich finde ich eine solche Situation, wie sie wegen Fukushima auftritt, zum K**tzen - insbesondere weil ich glaube, daß die Entscheidung in Deutschland genauso getroffen würde.

    Wenn Sie das nicht wollen, gehen Sie am Wochenende zur Demo gegen die Kernkraft: www.ausgestrahlt.de

  4. was Herr Breuer von Greenpeace an Werten angibt, dann klingt das in der Tat so, als würden Menschen permanent radioaktiver Strahlung ausgesetzt und es steht zu erwarten, daß die Folgen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten diese Menschen treffen werden. Es scheint ein zynisches Spiel der Macht, daß die Evakuierungszone nicht ausgeweitet wird und weiterhin sich von der japanischen Regierung, den Verantwortlichen der TEPCO und der IAEA die Bälle zugespielt werden. So hat die japanische Regierung die Atomkatastrophe bereits vor über einer Woche von INES 5 auf INES 7 hoch gestuft.
    Allein das ist ein Hinweis darauf, daß permanent Menschen durch radioaktive Strahlung kontaminiert werden. Siehe:

    http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2011-04/japan-gefahr-atomu...)

    die IAEA bislang auf diese Hochstufung nicht reagiert hat - sie hatte vor der Hochstufung bereits die Stufe INES 5 ausgesprochen. Wo die Regierung also fürsorglich und offen erscheint, da bleibt die IAEA zurück.
    Andererseits heißt es hier, "die Atomenergieagentur hat ... eine Ausweitung der Evakuierungszone empfohlen". Das ist genau die Art von Informationspolitik, die verunsichernd wirkt. Man kann sich aussuchen, was schlimmer und wahrscheinlicher ist: Daß keine Absprachen stattfinden oder daß man es bewußt so weiterlaufen läßt.

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    Zu #5 Wenn das stimmt...
    Es sollte natürlich heißen: Die IAEA hatte vor der Hochstufung bereits die Stufe INES 6 ausgesprochen.
    Auf der Stufe verharrt sie jetzt, gibt allem Anschein nach noch nicht einmal eine Kommentierung zu der Hochstufung seitens der japanischen Regierung ab.

  5. dass die Strahlengrenzwerte einfach erhöht wurden, dann ist die japanische Bevölkerung auf Jahre hin demoralisiert und wird sich von dieser Katastrophe nur schwer erholen.
    Nach dem Umweltdesaster, eine technische und nun eine gesellschaftliche.
    Die japanischen Kinder und ihre Eltern tun mir richtig leid.

    Es ist dann auch egal, ob eine Absperrung um das verseuchte Gebiet geschaffen wird oder nicht oder ein Greenpeece-Mitarbeiter die Strahlenwerte für richtig hält oder nicht.

    Einige kreiden mir auch an, ich würde immer nur ans Schlechte im Menschen denken.... diejenigen sollten dann diesen Bericht bitte lesen
    http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,758410,00.html

    Herr Stockrahm bzw. Zeit-Redaktion...
    Können Sie diese Darstellung in dem Sponartikel bestätigen ?
    Bitte um kurze Rückmeldung. Danke !

    • tabe
    • 21. April 2011 11:47 Uhr

    Bei diesem Sicherheitsbewusstsein, nein danke.
    Bitte ziehen Sie keine unsachlichen Vergleiche. Danke. Die Redaktion/er

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    statt der japanischen, tut man das sowieso nicht.

  6. Ich weiß nicht wie Deutschland nach so einer Katastrophe reagieren würde: Erdbeben, Tsunami, (drohende) Atomkatastrophe. Dafür das die Fakten betrifft wohl nicht verschwiegen ist, ist den Japaner hoch anzurechnen. Ich weiß nicht, ob man in Deutschland ähnlich offen mit der Situation umgehen würde.

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    Wenn vergleichbares in einem AKW bei uns passierte, wäre unser gutes Deutscheland, insbesondere bei ungünstigen Windverhältnissen von jetzt auf nun pleite. Würde also nichts ausmachen, ob unsere Politiker wie gewohnt ausgesprochen verlogen mit kritischen Daten umgingen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Greenpeace | Regierung | AKW | Atomkraft | Region | Überwachung
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