Atomkraft und Naturkatastrophen : Das Restrisiko – eine reale Gefahr

Das schwere Nachbeben in Japan ist eine erneute Warnung. AKW in Erdbebengebieten wird die Öffentlichkeit künftig nicht mehr tolerieren. Ein Kommentar
Atomgegner in Südkorea demonstrieren Ende März in Seoul. © Jung Yeon-Je/AFP/Getty Images

Und wieder blickt die Welt für einen kurzen Moment gebannt nach Japan, wie ein erschrockenes Reh auf der Landstraße. Regungslos im Scheinwerferlicht hält es inne, den Blick auf das Auto gerichtet, das mit 200 Sachen heranrast.

Vier Wochen nach den schwersten Erschütterungen, die Japan wohl je erlebt hat, bebte die Erde im Nordosten des Landes erneut heftig. Einfach so. Ohne Vorwarnung. Der Schreck saß tief, war wieder real: Noch ein Tsunami? Wird eine Flutwelle das havarierte Atomkraftwerk Fukushima-1 überspülen, alle Eindämmungssversuche der nuklearen Katastrophe zunichte machen? Es war nur eines von hunderten Nachbeben. Doch es war stark genug, die Stromversorgung mehrerer AKW in Japan zu stören .

Klicken Sie auf das Bild, um die Weltkarte der Erdbebengefahr herunterzuladen © Anne Gerdes/ZEIT Grafik

Eine gefürchtete Tsunami-Welle blieb zwar aus, doch am Atomkraftwerk in Onagawa sind drei Stromleitungen ausgefallen. Wie es dort weitergeht, ist ungewiss.

Wie viele Warnschüsse will der Mensch noch überhören? Wie lange wollen wir wie das verdutzte Reh auf der Straße der Gefahr tatenlos ins Auge sehen? An der Westküste der USA liegt das Risiko eines schweren Bebens in den nächsten Jahrzehnten bei 90 Prozent. Auch dort stehen Kernkraftwerke. Ganz Japan ist ein sehr aktives Erdbebengebiet. Mehr als 50 AKW betreibt das Land. Unter der Hauptinsel Honshu treffen gleich drei tektonische Platten aufeinander.

Wie viele Menschen in den USA leben im direkten Umkreis eines Kernkraftwerks? Die interaktive Grafik zeigt es

Bekannt waren all diese Risiken schon vor dem Megabeben am 11. März. Mancher mag argumentieren, ein Leben ohne Risiko sei nie möglich. Auch im Straßenverkehr, in der Luftfahrt oder anderswo gehen wir Risiken ein – und tatsächlich fordern diese Errungenschaften der modernen Zivilisationen jedes Jahr Tote. Trotzdem herrscht gesellschaftlicher Konsens, dass es weiter Autos und Flugzeuge geben soll. Bisher galt das trotz vieler Gegner auch für die Kernenergie.

Zudem forderten Kohle, Gas und Wasserkraft bislang weit mehr Todesopfer als die Atomkraft. Und die meisten Kernenergie-Opfer fordern nicht Reaktorunglücke, sondern bei der Arbeit im Uranabbau. Laut einem Bericht des Magazins New Scientist , der sich auf Berechnungen der internationalen Energieagentur (IEA) stützt, sterben durchschnittlich 0,2 bis 1,2 Menschen pro 10 Milliarden Kilowattstunden Kernenergie. Durch Bergwerksunglücke und Luftverschmutzung ergeben sich etwa für Gas 0,3 bis 1,6 und für Kohle 2,8 bis 32,7 Tote pro 10 Milliarden Kilowattstunden produzierten Stroms.

Doch angesichts der Lage in Japan wollen die meisten Menschen nichts mehr von Statistiken, Wahrscheinlichkeiten und Risiko-Abwägungen hören. Sie wollen nicht mehr wie das scheue Reh abwarten und hoffen, dass die Gefahr an ihnen vorbeifährt. Für sie ist das abstrakte "Restrisiko" zu einem realen Monster mutiert.

Ob das rational ist, sei dahingestellt. Aber die Zeit für Atomkraftwerke in Erdbebengebieten dürfte abgelaufen sein.

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Kommentare

140 Kommentare Seite 1 von 17 Kommentieren

Irreführender Vergleich

Der Vergleich mit Flug- und Straßenverkehr ist irreführend. Und zwar aus zwei Gründen:

Erstens müsste man die Zahlen normalisieren auf die Anzahl der zugelassenen Autos und Flugzeuge. Und natürlich auch auf die Anzahl der im Betrieb befindlichen Kernkraftwerke. Dabei würde man schnell sehen, dass Flugzeuge sicherer als Kernkraftwerke sind.

Zweitens muss man natürlich die Schwere der Folgen mit einbeziehen. Ein Flugzeugabsturz ist sehr dramatisch und kann viele Menschen töten. Er kann aber in der Regel kein großes Gebiet für Jahrzehnte bis Jahrtausende verseuchen. Und die Anzahl der Toten ist bei einem großen AKW-Unglück ein noch traurigeres Thema.

Die Unfallrate von Autos oder Flugzeigen mit AKWs zu vergleichen

ist Unfug, die einen erzeugen keinen Strom, die anderen
dienen nicht der Fortbewegung. Aber Kohlestrom ist vergleichbar und da sieht man, dass AKWs sehr viel weniger
gesundheitsgefaehrdend sind. Dazu kommt das CO2 Problem.
Erdbeben haben in AKWs meines Wissens noch nie einen Unfall
verursacht - in Japan war lag es am Tsunami, der nur an seltenen Standorten zu befuerchten ist.
Warum werden die Bilder und Zahlen der Erdbebenkatastrophe
dauernd mit dem AKW vermischt?

Auf ein "Ehrenwort!" mit unsereb selbsternannten "Eliten"

In den Vorstandsetagen der Energiekonzerne, also dort, wo man hinter Panzertüren und Panzerglas tagt und kungelt, hat man natürlich eine andere Sichtweise: da bringt Kernkraft satt Schotter - und im Fall des GAUs zahlt der Staat. Man selbst bringt sich schnellstmöglichst in Sicherheit - mit dem Privat-Helikopter und dem Privat-Jet. Bei der Sicherung des ergaunerten Vermögens helfen die Cayman-Islands oder die Kanal-Inseln - also Regionen auf dieser Erde, "wo das Bankgeheimnis" noch etwas zählt.

Und in der Politik? Dort sieht man es teilweise ähnlich - schließlich locken die Energiekonzerne mit gut dotierten Jobs in Vorständen und Aufsichtsräten, für das regelmäßige Auffüllen der stets klammen Parteikassen und - das wissen wir seit dem Fall Laurenz Meyer (CDU) schwarz auf weiß - mit deutlich verbilligter Energie. Da lügt man dann doch dem eigenen Wähler ganz schnell mal die Hucke voll und gibt gleichzeitig seinen Gönnern bekannt, alles wäre nun mal nicht so ernst gemeint - "Ehrenwort!"

Man selbst kann für alles ja gar nichts dafür: die freie Marktwirtschaft, die ökonomischen Zwänge, der Arbeitsmarkt - und im Zweifelsfall hat man niemanden gekannt, nichts gewusst, nichts geahnt oder kann sich leider an nichts erinnern, weil man zwischenzeitlich unzurechnungsfähig war.

Und wer zahlt? Richtig, der Staat. Denn Energiekonzerne sind ja einschließlich ihrer "Eliten" "systemisch". Eine Haftung und Rettung aus Steuermitteln ist demnach "alternativlos"...

Es ist halt leider nicht so einfach

Leider sind die Zahlen nicht immer so einfach zu bekommen, wie ich gerade in der taz gelesen habe. Die offiziellen Angaben zu Tschernobil heißt: "Etwa 50 Tote". Andere kommen auf 1,44 Millionen Tote.
http://www.taz.de/1/zukun...

Natürlich produzieren AKWs auch CO2, nämlich bei der Rohstoffgewinnung und beim Transport der Stoffe, außerdem produzieren sie Wasserdampf in beträchtlicher Menge.

In Japan lag es auch nicht am Tsunami allein. Sondern daran, dass die Generatoren nicht Tsunami-sicher sind. Sie hätten aber auch einfach nicht Blödmann-sicher sein können, Bedienfehler sind kein regionales Phänomen. Bedienfehler können durch Steuerungstechnik sicher reduziert bzw. verunmöglich werden, wir werden als Normalbürger aber weder die Details verstehen können noch informiert werden, wie hier die Lage in Deutschland und anderswo ist.

Es kann noch aus vielen anderen Gründen Reaktorunglücke geben - warten wir also ab, bis wir noch eine neue mögliche Ursache mit Hilfe eines Super-GAUs finden, oder handeln wir vorher?

Ich bin kein AKW Fan - ich bin durchaus fuer erneuerbare Energie

aber wir muessen immer versuchen, die Zahlen (Risiken und
Kosten) moeglichst genau und ergebnisoffen zu ermitteln.
Leider wird da viel manipuliert. Wie gesagt, es war nicht
das Erdbeben dass die Schaeden sowohl am AKW wie auch in
der Region verursacht hat. Leider war die Berichterstattung
aus Japan sehr wenig profissionell, aber wenn nur die Haelfte stimmt, war die Intervention der Techniker auf
Kindergarten-Niveau. Ich kann das immer noch nicht glauben
in einem hochtechnisierten Land wie Japan.

"Erdbeben haben in AKWs meines Wissens noch nie einen Unfall"

Erst heute konnte man überall lesen, dass das Nachbeben zum Austritt von radioaktivem Wasser führte und reguläre Kühlungen ausfielen. Störfall/Unfall ist hier lediglich eine Frage der Definition.

Wenn Ihnen CO2-Emission wegen des Klimaeffekts tatsächlich wichtig ist, dürfen sie nicht übersehen, dass alle Großkraftwerke die Turbinen durch Wasserdampf antreiben, die Hälfte der im Brennstoff steckenden Energie als klimaaktiven Wasserdampf in die Atmosphäre freisetzt. Viel bedenklicher als der Wasserdampf und/oder das CO2 ist aber, dass mindestens die Hälfte der Energie sinnlos verschwendet wird.

So lange sich die Menschen Großkraftwerke mit Dampfturbinen leisten, kann Energie nicht wirklich knapp und die KLima-Not nicht wirklich groß sein.

Intervention der Techniker vor Ort

Ihren Kommentar, wie auch die unzähligen Kommentare in anderen Foren zeugt von der völligen Unkenntnis der Reaktortechnik.

Was hätten die "armen Schweine" vor Ort denn anders machen können.

Es gab durch das Erdbeben und den Tsunami keinen Strom für den Betrieb der unzähligen Pumpen und Ventile. Nur noch für acht Stunden eine Batterieversorgung für die Instrumente und vielleicht einige wichtige Stellventile.

Und nach acht Stunden stand die Betriebsmannschaft völlig im Dunkeln. Licht kam von Taschen- und Helmlampen.

Sie waren sich bewusst, was ohne Kühlung der Reaktordruckbehälter und der Lagerbecen passieren wird.

Zu dem stellten sie wahrscheinlich anhand mobiler Messgeräte fest, das die Strahlenwerte anstiegen.

Jeder normale Mensch hätte mit panikartiger Flucht reagiert. Aber sie sind vor Ort geblieben.

Auch wenn die Kühlveruche mittels Hubschrauber und Feuerwehrschläuchen lächerlich aussahen, es war die einzige Möglichkeit in ersten Tagen.

Und nur wenn man weiß, dass ein Kernkraftwerk ein "Fuchsbau" aus Beton mit zig Rohr- und Kabelkanälen ist, kann verstehen, was diese Techniker unter Einsatz ihres Lebens dort leisten.

Hightech ist da gar nicht angesagt. Das ist Knochenarbeit.

Sie müssen das ausbaden, was Hersteller und Betreiber bei der Planung, beim Bau und Betrieb in fast krimineller Weise durchgesetzt haben.

B Ich verstehe nur wenig von Reaktortechnik

aber das Problem war Strom und Wasser an einen bestimmten
Punkt zu bringen, und da kann ich mitreden. In Deutschland
kann das THW innerhalb von 30 min Strom und Wasser an jedem
AKW zur Verfuegung, falls je die Redundanz der eigenen Anlagen nicht ausreicht. Es muss in einem Land wie Japan
mobile Generatoren mit Diesel- und Gasturbinen-Antrieb geben, die zur Verfuegung stehen. Dieselpumpen genauso, die
benoetigten Wassermengen (laut Medien) waren sehr begrenzt.
Das die Feuerwehr aus Tokio anruecken muss, ist unverstaend-
lich. Das Wasserkanonen anfuhren, wo die Reichweite ungenuegend war, ist laecherlich - das weiss man vorher.
Das Messungen mit Fehler 1:1000 veroeffentlich werden, ist
unverantwortlich. Und was sagen Sie dazu, wenn sich die
Techniker im TV beklagen, sie bekaemen nichts gescheits zu
essen? Es ging nicht um Reaktortechnik sondern um banalstes.

Banales

Sie vergessen bei Ihrer Antwort völlig, dass Erdbeben und Tsunami nicht nur das Reaktorgelände betroffen hat, sondern die ganze Region.

D.h. in weitem Umkreis von Fukushima wurde die gesamte Infrastruktur zerstört oder schwer beschädigt. Davon betroffen waren nicht nur Strom-, Gas- und Wasserleitungen, sondern auch die Straßen und Schienen.

Und nicht vergessen, es gab auch tausende Opfer. Und vielleicht waren auch Katastrophenhelfer und Feuerwehrleute darunter.

Und vielleicht waren auch deren Gerätschaften zerstört oder beschädigt.

Die Feuerwehr aus Tokio war auch mit Sicherheit nicht die einzige, die ausrückte. Aber die medienwirksamste.

@10 Zahl der Toten Chernobyl

(1) Die Zahl der Toten, die durch den Chernobyl Unfall verursacht worden sind, ist in der Tat sehr schwer zu ermitteln/ einzuschaetzen. Trotzdem gibt es einige Reports um diese Zahl zumindest groessenmaessig einzuschaetzen. Diese stimmen bzgl. der Dimension halbwegs ueberein.

Das Chernobyl Forum (besteht aus WHO, UN, Weltbank) schaetzt die Zahl der Toten auf 10.000, ein Greenpeace report aus 2006 auf 200.000. Beide kritisieren den jeweils anderen Report.

(2) @13:
",war die Intervention der Techniker auf Kindergarten-Niveau"

Koennen Sie dies bitte erlauetern? Denn ueber arge menschliche Fehler habe ich bisher noch nie gelesen. Einzig eine Kritik habe ich gelesen. Diese war, dass bisher keine neuen Betontanks fuer das radioaktive Wasser gebaut wurden.

Kernkraftwerke sind sicherer als Flugzeuge

Dies rechnen zumindest namhafte Statistiker in der FAZ vor (http://www.faz.net/-01qweu), und kommen auf einen Faktor von ungefähr 10.

Es ist aber natürlich richtig, dass man Äpfel mit Birnen vergleicht, wenn man ein Risiko, von dem jeder selbst entscheiden kann, ob er es auf sich nehmen will oder nicht, mit einem Risiko vergleicht, dass tausenden Generationen diese Freiheit nehmen wird.

Was ist eigentlich rational?

Vor allem für die Menschen in Japan ist das Restrisiko zum realen Monster geworden. Und wer einen blassen Schimmer von Statistik hat, weiß, dass Wahrscheinlichkeitsaussagen eben immer auch bedeuten, dass etwas eintreten kann. Deshalb ist es durchaus rational zu fragen, ob man eine Technologie betreiben sollte, die derartige Risiken mit sich bringt. Den Befürwortern der Kernenergie reicht die Zahl der Toten noch nicht, für sie sind auch die nicht mehr bewohnbaren Landstriche kein Argument - aber wer die Diskussionen der letzten Wochen verfolgt hat, konnte auch erkennen, dass für manche erst der Warnschuss zählt, von dem sie selbst getroffen werden.
Womöglich erscheint diese Stellungnahme manchen als unangebrachte Hysterie und Ausdruck mangelnden Respektes vor dem Leid der Japaner. Es ist aber im Gegenteil so, dass gerade das Mitleid mit den Japanern (und die Fähigkeit sich vorzustellen, was es bedeutet, Haus, Hof, Arbeit und soziales Netz durch so eine Katastrophe zu verlieren) Menschen mit einer gewissen "emotionalen Intelligenz" zu der Frage führt, ob sie das selbst erleben möchten oder mitverantwortlich sein möchten, wenn es andere erleben.

Real betrachtet sind wir schon über der Schwelle zur Katastrophe

Wenn man sich den Selbstbetrug mal abgewöhnen könnte, würde man sich darüber klar werden, dass wir bereits in die Schwelle zur Energie/Öko-Katastrophe überschritten haben. Um das "restliche Risiko" - es geht also nicht mehr um "Rest-Risiko" - rasch zu verkleinern, wären schnelle und rasche Einsparungen beim Energieverbrauch angesagt. Dies ist aber ein Thema des Verzichtes. Wer will das schon gerne wahrhaben?