Atom-Unglück in FukushimaDie Explosionsgefahr am Reaktor 1 ist nicht gestiegen

Der Reaktorkern wurde beim Beben beschädigt – nicht erst durch den Tsunami. Ein Tepco-Bericht deckt Messfehler auf. Die Gefahrenlage ändert das nicht. von 

Blick auf die Reaktoren 1 und 2 im AKW Fukushima-1. In Block 1 begann bereits wenige Stunden nach dem Beben vom 11. März die Kernschmelze

Blick auf die Reaktoren 1 (links) und 2 im AKW Fukushima-1. In Block 1 begann bereits wenige Stunden nach dem Beben vom 11. März die Kernschmelze.  |  © Tepco

Es dauerte nur 16 Stunden, dann waren 68 Tonnen hoch radioaktiven Kernbrennstoffs geschmolzen. Keine fünf Stunden nach dem Beben am 11. März um 14.46 Uhr japanischer Ortszeit begann das nukleare Material im Reaktordruckbehälter von Block 1 sich zu verflüssigen, bei einer Hitze von fast 3000 Grad Celsius. Anders als bisher angenommen verursachte nicht der Tsunami die Kettenreaktion, als die Flutwelle die Notkühlsysteme zerstörte. Das Beben selbst hatte den Reaktorkern leckgeschlagen. Kühlwasser lief aus, die Stäbe lagen blank und heizten sich auf.

Der AKW-Betreiber und auch die japanische Atomaufsicht waren bislang davon ausgegangen, dass die Erschütterungen der Stärke 9 die Anlage Fukushima-1 nicht beschädigt hatten. Erst der Tsunami habe die Situation eskalieren lassen, eine Welle, mit der nicht zu rechnen war. Doch jetzt zeigt sich, dass schon das Beben reichte, um die Atomkatastrophe ins Rollen zu bringen. Bis vor wenigen Tagen noch hatten Messgeräte für den Reaktordruckbehälter in Block 1 einen Wasserfüllstand angezeigt, der vermuten ließ, dass die Brennelemente noch zu mehr als der Hälfte mit Wasser bedeckt sind. Doch das stimmt offenbar nicht. Am 10. Mai justierten Arbeiter die Wasserstandsmesser neu: Nach der Kalibrierung lässt sich nun kein Füllstand mehr messen .

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Verklumpt liegt das geschmolzene Urandioxid wohl derzeit auf dem Grund des undichten Reaktordruckbehälters, in einer Wasserpfütze. Diese Restkühlung reicht derzeit aus, um die radioaktive Masse auf einigermaßen stabile 100 bis 120 Grad Celsius zu kühlen. Große Mengen radioaktiven Materials werden vorerst nicht austreten, glaubt Tepco. Bei solchen Temperaturen ist nach Ansicht unabhängiger Wissenschaftler auch nicht mit weiteren Wasserdampfexplosionen zu rechnen.

Lage in Fukushima-1
BLOCK 1 BLOCK 2 BLOCK 3 BLOCK 4
Abschaltung nach Beben, Explosion am 12.03.2011 Abschaltung nach Beben, Explosion am 15.03.2011 Abschaltung nach Beben, Explosion am 14. und 16.03.2011 Abgeschaltet vor Beben, Brände und Explosion am 15.03.2011
Weil Temperaturen im Reaktor unter 100 Grad Celsius sind, spricht Tepco von Kaltabschaltung Weil Temperaturen im Reaktor unter 100 Grad Celsius sind, spricht Tepco von Kaltabschaltung Weil Temperaturen im Reaktor unter 100 Grad Celsius sind, spricht Tepco von Kaltabschaltung Abgeschaltet und auch vor dem Beben nicht in Betrieb
Gebäude schwer beschädigt, Sicherheitsbehälter und Reaktordruckbehälter beschädigt, in den Reaktorkern wird Wasser eingeleitet Gebäude leicht beschädigt, Außenhülle löchrig, Leck im Sicherheitsbehälter vermutet, in den Reaktorkern wird Wasser eingeleitet Gebäude schwer beschädigt, Sicherheitsbehälter beschädigt, Leck vermutet, in den Reaktorkern wird Wasser eingeleitet Gebäude schwer beschädigt, Wasserstoff aus Block 3 sprengte das Dach, keine Brennelemente im Kern
Strombetriebene Kühlsysteme mit Frischwasser und Wärmetauscher nicht funktionsfähig, es läuft ein alternatives Kühlsystem, das nach dem Tsunami eingerichtet wurde Strombetriebene Kühlsysteme mit Frischwasser und Wärmetauscher nicht funktionsfähig, es läuft ein alternatives Kühlsystem, das nach dem Tsunami eingerichtet wurde Strombetriebene Kühlsysteme mit Frischwasser und Wärmetauscher nicht funktionsfähig, es läuft ein alternatives Kühlsystem, das nach dem Tsunami eingerichtet wurde Strombetriebene Kühlsysteme mit Frischwasser und Wärmetauscher nicht funktionsfähig, es läuft ein alternatives Kühlsystem, das nach dem Tsunami eingerichtet wurde
Kernschmelze bestätigt (Tepco), Reaktorkern mit 400 Brennelemente, Zustand der 292 Brennelemente im Abklingbecken unklar (Wasser wird eingespeist) Kernschmelze bestätigt (Tepco), Reaktorkern mit 548 Brennelementen, Zustand der 587 Brennelemente im Abklingbecken unklar (Wasser wird eingespeist) Kernschmelze bestätigt (Tepco), Reaktorkern mit 548 Brennelementen beschädigt, Schäden an den 514 Brennelemente im Abklingbecken vermutet (Wasser wird eingespeist) keine Brennelemente im Reaktorkern, die meisten der 1331 Brennelementen im Abklingbecken sind vermutlich nicht beschädigt (Wasser wird eingespeist)
Radioaktiv belastetes Wasser im Untergeschoss und unterirdischen Tunneln des Gebäudes, Abpumpen läuft. Eine Aufbereitungsanlage, die nach dem Tsunami installiert wurde, dekontaminiert das Wasser Radioaktiv belastetes Wasser im Untergeschoss und unterirdischen Tunneln des Gebäudes, Abpumpen läuft. Eine Aufbereitungsanlage, die nach dem Tsunami installiert wurde, dekontaminiert das Wasser Radioaktiv belastetes Wasser im Untergeschoss und unterirdischen Tunneln des Gebäudes. Abpumpen läuft. Eine Aufbereitungsanlage, die nach dem Tsunami installiert wurde, dekontaminiert das Wasser Radioaktiv belastetes Wasser im Untergeschoss und unterirdischen Tunneln des Gebäudes, Abpumpen läuft. Eine Aufbereitungsanlage, die nach dem Tsunami installiert wurde, dekontaminiert das Wasser
Kunststoffzelt über dem Reaktorblock zur Abschirmung austretender Strahlung fertiggestellt kein Kunststoffzelt zur Abschirmung austretender Strahlung geplant Kunststoffzelt zur Abschirmung austretender Strahlung in Planung Kunststoffzelt zur Abschirmung austretender Strahlung in Planung
BLOCK 1 BLOCK 2 BLOCK 3 BLOCK 4

Quellen (u.a.): GRS, JAIF, Stand: März 2012
Blöcke 5 und 6
BLOCK 5 BLOCK 6
Abgeschaltet vor Beben Abgeschaltet vor Beben
Gebäude intakt, Sicherheitsbehälter intakt Gebäude intakt, Sicherheitsbehälter intakt
548 Brennelemente im Reaktorkern unbeschädigt, 946 Brennelemente im Abklingbecken intakt, Kühlung wieder intakt 764 Brennelemente im Reaktorkern unbeschädigt, 876 Brennelemente im Abklingbecken intakt, Kühlung wieder intakt
Lüftungsloch im Dach soll Wasserstoffexplosion vorbeugen, Elektrizität wieder vorhanden Lüftungsloch im Dach soll Wasserstoffexplosion vorbeugen, Elektrizität wieder vorhanden
Keine Informationen über austretende Radioaktivität Keine Informationen über austretende Radioaktivität
 
AKW-Übersicht

© ZEIT ONLINE

Die sechs Reaktoren von Fukushima-Daiichi liegen direkt an der Küste im Osten Japans. Ihr Zustand kann auf noch unabsehbare Zeit kritisch bleiben. Die japanische Regierung schätzt, dass eine sichere Demontage der Anlage mindestens 40 Jahre dauern werde. Im Dezember verkündete sie die Kaltabschaltung des Kraftwerks, allerdings ist umstritten, wie sicher die Lage dort wirklich ist.

Evakuierungszone

© ZEIT ONLINE

Ende September wurde die Sperrzone auf Gebiete in einem Umkreis von 20 Kilometern reduziert. Einige Städte außerhalb dieses Bereichs, wie etwa Iitate, die sehr stark durch radioaktiven Fallout belastet worden sind, bleiben jedoch vorerst gesperrt. 

Block 1 bereitet den Technikern dennoch weiter große Sorge: Seit dem 12. März pumpten sie immer wieder Wasser in den Reaktor. Bis zu 11.000 Tonnen wurden bei diesen Kühlversuchen bislang eingeleitet. Ob das Wasser abläuft oder verdampft, war bisher noch unklar.

Fotos der Ruinen
Luftaufnahmen der Reaktorgebäude von Fukushima-1 zeigen das Ausmaß der Zerstörung in der Atomanlage

Luftaufnahmen der Reaktorgebäude von Fukushima-1 zeigen das Ausmaß der Zerstörung in der Atomanlage  |  © Air Photo Service/Reuters

Schon Ende März war im Untergeschoss des Reaktorblocks hoch radioaktives Wasser entdeckt und zum Teil abgepumpt worden. Damals hatten die Techniker die Ursache bei beschädigten Rohrleitungen gesucht. Auch in Gebäude 2 steht seit Wochen das Wasser im Untergeschoss. Die Reaktorblöcke sind über mehrere Schächte miteinander verbunden. Nun scheint gewiss: Das Wasser leckt aus dem Reaktorkern. Auch das Grundwasser dürfte kontaminiert sein. 

Mittlerweile sind die Wassermengen derart umfangreich, dass ein Tankschiff nach Fukushima-1 unterwegs ist, um die verseuchte Flüssigkeit aufzunehmen. Die riesigen Tanks auf dem Gelände sind demnächst voll.

Die geplante Flutung des Reaktors 1 muss Tepco deshalb jetzt stoppen. "Wir sollten das Fluten verhindern, damit radioaktives Wasser nicht auch ins Meer gelangt", sagte der Berater des Premierministers für die Atomkatastrophe, Goshi Hosono. Schon bei früheren Kühlversuchen am AKW Fukushima-1 war radioaktiv belastetes Wasser ins Meer geflossen.

Der Zeitplan, den Tepco Mitte April zur Bewältigung des GAUs vorgelegt hat, gerät damit ins Wanken. Ob eine stabile und dauerhafte Kühlung der Atomanlage bis Ende des Jahres steht, ist mehr als fraglich. Außerdem musste der Betreiber zugeben, dass auch die bislang gemessenen Wasserstände in den Reaktorblöcken 2 und 3 möglicherweise ebenso falsch waren, wie jener in Block 1. Auch hier könnten die Brennelemente längst geschmolzen sein.

Leserkommentare
  1. Wie oft konnte man hier -- ob in Artikeln oder im Forum -- lesen letzendlich habe Tepco zu jedem Zeitpunkt alles recht gut unter Kontrolle gehabt. Wie kann man von Kontrolle reden, wenn man erst Monate spaeter herausfinden kann was man haette kontrollieren muessen?

    12 Leserempfehlungen
    • fennek
    • 18. Mai 2011 7:32 Uhr

    mmhhh

    Wie auch immer, jedenfalls war "Wasser" im Spiel.

    Zitat Wikipedia, Stichwort Explosionsschutz:

    Eine Explosion ist eine plötzliche Oxidations- oder Zerfallsreaktion mit Anstieg der Temperatur, des Drucks oder beider gleichzeitig (ISO 8421-1, EN 1127-1). Eine Explosion ist nur bei einem bestimmten Mischungsverhältnis von brennbarer Substanz (Gas, Staub) und Luft möglich.

    Nach meiner -beschränkten- Kenntnis der Physik ist Wasser bereits oxidierter Wasserstoff. Siehe auch "Knallgasreaktion". [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und formulieren Sie Hinweise sachlich. Danke. Die Redaktion/wg

    4 Leserempfehlungen
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    das ein Teil der Bauwerksschäden durch umsetzungsfähige Wasserstoff-Sauerstoff-Mischungen entstanden sein können, liegt zwar nahe. Nur ob es sich bei der dortigen Trümmerkonfiguration tatsächlich um eine "EX" Gefahr, die jederzeit mögliche erneute Freisetzung von "Knallgas" oder was auch immer handelt, das kann auch der Autor nicht schlüssig erklären.

    Zudem zeigt auch die Redaktion bisher den Unterschied, der in einer Aussage über Deflagration oder Detonation enthalten ist, nicht verstanden zu haben und fabuliert immer munter über "Explosion" was zwar gefährlicher klingt, aber oft Unsinn ist. Denn entsprechende Anhaltspunkte, Diskontinuität in der pv-Entwicklung, nacheilende Front der Unsetzungsprodukte im Unterschallbereich werden angeführt.

    Daher fällt es in der Tat schwer sachlich zu bleiben, wenn dann auch noch ein Spezialfall, die radikalische Detonation, hier zur "Wasserdampfdetonation" verkommt.

    Am Rande sei noch erwähnt, dass selbst mit Wasser als Oxidationsmittel starke Detonationen darstellbar sind,

    und nein, sehr geehrter Herr Stockram, letzteres ist in Fukushima so nicht zu erwarten.

    MfG Karl Müller

    • GDH
    • 23. Mai 2011 21:39 Uhr

    @Redaktion: Wenn Sie den Vorkommentator schon zensieren, gehen Sie doch bitte auf sein Argument ein:
    "Laut Tepco soll Wasserdampf aus Block 3 sich dort entzündet haben."
    Kann ja wohl nur eine Falschmeldung sein. Die "Wasserdampfexplosion" ein paar Absätze früher nehme ich Ihnen vielleicht noch ab, aber damit sich Wasserdampf "entzündet" müssen da noch ganz andere Chemikalien ausgetreten sein, von denen ich in diesem Zusammenhang noch nichts gehört habe...

  2. "eine Welle mit der nicht zu rechnen war."? Laut Statistik wird Japan ca. alle 30 bis 40 Jahre von einem schweren Tsunami mit Wellenhöhen von über 10 m heimgesucht: http://www.tsunami-alarm-.... Die Schutzmauer in Fukushima war aber nur etwa 5-6 m hoch.......

    7 Leserempfehlungen
  3. Achso. "Nur" das Erdbeben hat also gereicht. Ich glaube einigen ist immer noch nicht ganz klar, was ein 9,0 Erdbeben in unmittelbarer Nähe bedeutet....

    Eine Leserempfehlung
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    ist wenigstens klar (wenn es so stimmt), dass es nicht reichen wird, vor die AKWs 15m hohe Schutzwälle zu bauen. Insofern ist das schon eine wichtige Information, die weitere Illusionen über den Schutz vor Naturkatastrophen dämpfen kann.

  4. "Der AKW-Betreiber [war] bislang davon ausgegangen, dass die Erschütterungen der Stärke 9 die Anlage Fukushima-1 nicht beschädigt hatten."

    Der Autor muss den Verantwortlichen ja tief ins Herz geblickt haben, um das zu wissen.

    • mooody
    • 18. Mai 2011 8:02 Uhr

    Wie lange es dauert den ganzen Schrott zu entfernen? Richtig, ein AKW rück zu bauen dauert um die 30 Jahre! 30 Jahre lang muss man danach an so nem AKW alles in kleine Blöcke zersägen, in Fässer stecken und irgendwo (wo weiß noch keiner) verscharren.

    Eine Leserempfehlung
  5. der auf Reisserisches und anderen Unfug verzichtet: http://www.spiegel.de/spi...

    • Zenj
    • 18. Mai 2011 8:46 Uhr

    Leider können Sie in der 'Zeit' auch nur das berichten was Sie in Erfahrung bringen oder vermuten. Die 'Süddeutsche Zeitung' auch.
    Die nun wiederum hat in Erfahrung gebracht, dass das Erdbeben- und NICHT die Tsunami, wie immer wieder von der Atomlobby behauptet, - die Kernschmelze in Fukushima1 ausgelöst hat!
    Hier der link:
    http://www.sueddeutsche.d...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Zenj
    • 18. Mai 2011 9:13 Uhr

    Leider können Sie in der 'Zeit' auch nur das berichten was Sie in Erfahrung bringen oder vermuten. Die 'Süddeutsche Zeitung' auch.
    Die nun wiederum hat AUCH in Erfahrung gebracht, dass das Erdbeben- und NICHT die Tsunami, wie immer wieder von der Atomlobby behauptet, - die Kernschmelze in Fukushima1 ausgelöst hat!

    und hier noch ein interessanter link für englischkundige aus der New York Times
    "In Japan Reactor Failings, Danger Signs for the U.S."
    http://www.nytimes.com/20...

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  • Schlagworte AKW | Brennelement | Fukushima-1 | Kernbrennstoff | Reaktor | Tsunami
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