Es dauerte nur 16 Stunden, dann waren 68 Tonnen hoch radioaktiven Kernbrennstoffs geschmolzen. Keine fünf Stunden nach dem Beben am 11. März um 14.46 Uhr japanischer Ortszeit begann das nukleare Material im Reaktordruckbehälter von Block 1 sich zu verflüssigen, bei einer Hitze von fast 3000 Grad Celsius. Anders als bisher angenommen verursachte nicht der Tsunami die Kettenreaktion, als die Flutwelle die Notkühlsysteme zerstörte. Das Beben selbst hatte den Reaktorkern leckgeschlagen. Kühlwasser lief aus, die Stäbe lagen blank und heizten sich auf.

Der AKW-Betreiber und auch die japanische Atomaufsicht waren bislang davon ausgegangen, dass die Erschütterungen der Stärke 9 die Anlage Fukushima-1 nicht beschädigt hatten. Erst der Tsunami habe die Situation eskalieren lassen, eine Welle, mit der nicht zu rechnen war. Doch jetzt zeigt sich, dass schon das Beben reichte, um die Atomkatastrophe ins Rollen zu bringen. Bis vor wenigen Tagen noch hatten Messgeräte für den Reaktordruckbehälter in Block 1 einen Wasserfüllstand angezeigt, der vermuten ließ, dass die Brennelemente noch zu mehr als der Hälfte mit Wasser bedeckt sind. Doch das stimmt offenbar nicht. Am 10. Mai justierten Arbeiter die Wasserstandsmesser neu: Nach der Kalibrierung lässt sich nun kein Füllstand mehr messen .

Verklumpt liegt das geschmolzene Urandioxid wohl derzeit auf dem Grund des undichten Reaktordruckbehälters, in einer Wasserpfütze. Diese Restkühlung reicht derzeit aus, um die radioaktive Masse auf einigermaßen stabile 100 bis 120 Grad Celsius zu kühlen. Große Mengen radioaktiven Materials werden vorerst nicht austreten, glaubt Tepco. Bei solchen Temperaturen ist nach Ansicht unabhängiger Wissenschaftler auch nicht mit weiteren Wasserdampfexplosionen zu rechnen.

Block 1 bereitet den Technikern dennoch weiter große Sorge: Seit dem 12. März pumpten sie immer wieder Wasser in den Reaktor. Bis zu 11.000 Tonnen wurden bei diesen Kühlversuchen bislang eingeleitet. Ob das Wasser abläuft oder verdampft, war bisher noch unklar.

Schon Ende März war im Untergeschoss des Reaktorblocks hoch radioaktives Wasser entdeckt und zum Teil abgepumpt worden. Damals hatten die Techniker die Ursache bei beschädigten Rohrleitungen gesucht. Auch in Gebäude 2 steht seit Wochen das Wasser im Untergeschoss. Die Reaktorblöcke sind über mehrere Schächte miteinander verbunden. Nun scheint gewiss: Das Wasser leckt aus dem Reaktorkern. Auch das Grundwasser dürfte kontaminiert sein. 

Mittlerweile sind die Wassermengen derart umfangreich, dass ein Tankschiff nach Fukushima-1 unterwegs ist, um die verseuchte Flüssigkeit aufzunehmen. Die riesigen Tanks auf dem Gelände sind demnächst voll.

Die geplante Flutung des Reaktors 1 muss Tepco deshalb jetzt stoppen. "Wir sollten das Fluten verhindern, damit radioaktives Wasser nicht auch ins Meer gelangt", sagte der Berater des Premierministers für die Atomkatastrophe, Goshi Hosono. Schon bei früheren Kühlversuchen am AKW Fukushima-1 war radioaktiv belastetes Wasser ins Meer geflossen.

Der Zeitplan, den Tepco Mitte April zur Bewältigung des GAUs vorgelegt hat, gerät damit ins Wanken. Ob eine stabile und dauerhafte Kühlung der Atomanlage bis Ende des Jahres steht, ist mehr als fraglich. Außerdem musste der Betreiber zugeben, dass auch die bislang gemessenen Wasserstände in den Reaktorblöcken 2 und 3 möglicherweise ebenso falsch waren, wie jener in Block 1. Auch hier könnten die Brennelemente längst geschmolzen sein.