Joplin in Missouri, einen Tag nach dem Tornado am 23. Mai © Julie Denesha/Getty Images

ZEIT ONLINE : Jedes Jahr fegen Hunderte Tornados vor allem über den Mittleren Westen der USA hinweg. Doch dieses Jahr scheinen besonders schwere Stürme aufzutreten. Allein in dem völlig verwüsteten Ort Joplin in Missouri starben mehr als 120 Menschen, bereits im April kamen mehr als 200 im Bundesstaat Alabama ums Leben. Manche Gegenden sind stark zerstört . Herr Dixon, steigt die Zahl solch tödlicher Wirbelstürme in den USA?

Grady Dixon : Nein, im Gegenteil. Langfristig hat die Zahl der tödlichen Tornados sogar dramatisch abgenommen. Verbesserte Wettervorhersagen und ein größeres Bewusstsein in der Bevölkerung haben dazu beigetragen, dass weniger Menschen durch Stürme umkommen. Allerdings müssen wir uns darauf einstellen, dass künftig mehr Menschen von Tornados betroffen sein werden. Nicht, weil es mehr Unwetter gibt, sondern weil die Bevölkerung wächst und Vororte und Städte ausgebaut werden. Trotzdem ist 2011 bislang ein ungewöhnlich heftiges Tornado-Jahr und damit ein Ausreißer.

ZEIT ONLINE : Warum?

Dixon : Dieses Jahr gab es überdurchschnittlich viele sehr starke Tornados mit Windgeschwindigkeiten zwischen 300 und 500 Kilometern pro Stunde. Einige davon haben ausgerechnet bewohntes Gebiet getroffen. Im April häuften sich die Stürme, im Mai lag die Quote deutlich unter dem Schnitt. Die meisten Tornados fegen allerdings über unbewohntes Gebiet und verursachen deshalb nur wenige Schäden.

ZEIT ONLINE : Dennoch entsteht der Eindruck, Tornados seien aggressiver geworden. Woran mag das liegen?

Dixon : Die Stärke eines Tornados lässt sich nicht ganz so einfach bemessen – und sie ist oft subjektiv. Die Kraft, die ein Wirbelsturm entfaltet, wird immer vor dem Hintergrund der verursachten Schäden beurteilt. Sind die Schäden gering, bleibt der Sturm oft unterbewertet. Außerdem geraten Stürme, die bereits Jahrzehnte zurückliegen, aus dem Fokus. Wenn wir all das berücksichtigen, treten sehr heftige Tornados der Stärke F4 oder F5 im Laufe der vergangenen Jahrzehnte in den USA heute sogar seltener auf. (Anmerkung der Redaktion : In der theoretisch zwölfstufigen Fujita-Skala – benannt nach dem Chicagoer Meteorologen Tetsuya Theodore Fujita – werden Tornados nach der Windgeschwindigkeit und möglichen Schäden eingeteilt. Die bisher stärksten verzeichneten Tornados kamen hier auf F5 )

Eine Fotostrecke zeigt das Ausmaß der Verwüstung, die ein heftiger Tornado im US-Bundestaat Missouri angerichtet hat. © Julie Denesha/Getty Images

ZEIT ONLINE : Die Zerstörungskraft der Tornados der vergangenen Tage ist verheerend. Müssen die USA nicht ihre Maßnahmen überdenken, um die Bevölkerung besser zu schützen?

Dixon : Tatsächlich sollten wir unsere Strategie überdenken, wenn sich herausstellt, dass es viele Todesopfer gibt, obwohl Menschen gewarnt wurden. Derzeit untersuchen Forscher der Universität von Alabama, wie stark die Bevölkerung sich über Soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook ausgetauscht haben, um Warnungen zu verbreiten. Auf Tornado-Sirenen, wie sie in vielen Städten üblich sind, reagieren möglicherweise immer weniger Menschen.