Reaktorruinen in JapanEin Leichentuch auf Zeit für Fukushima

Mit Plastikzelten will Tepco die Reaktoren in Fukushima luftdicht abschirmen. Eine Notaktion, Experten sorgen sich mehr um das verstrahlte Wasser im AKW. von 

Ende Juni will AKW-Betreiber Tepco mit der Konstruktion eines Stahlgerüstes beginnen, das Reaktor 1 umgeben soll.

Weißer Rauch steigt seit Wochen immer wieder Mal aus dem halb skelettierten Gebäude an Japans Ostküste empor. Der Dampf ist kein Zeichen für ein Ende der Atomkatastrophe, die sich seit mehr als drei Monaten in Fukushima-1 dahinschleppt. Die Wölkchen sind mit radioaktiven Teilchen gespickt und stammen vom Wasser, das das geschmolzene Kernmaterial in Reaktorblock 1 auf Temperaturen unterhalb des Siedepunktes kühlt. Was hier an Radioaktivität aufsteigt, ist mittlerweile ein Tropfen auf den heißen Stein. Es sind geringe Mengen, die keine direkte Gefahr für die Bevölkerung sind. Doch ist nicht jedes Strahlenpartikel eines zu viel?

Offenbar sind auch die Ingenieure und Techniker an der Anlage selbst dieser Meinung. Ende Juni sollen Arbeiter deshalb ein rund 54 Meter hohes, 42 Meter breites und 47 Meter langes Stahlgerüst errichten. Die Verbundteile werden außerhalb von Fukushima-1 vormontiert und zu Block 1 transportiert. Hier stülpen Kräne das Ungetüm über die Reaktorruine und überziehen es mit einer millimeterdünnen Polyesterplane. Ende September soll das Zelt stehen und das Gebäude abschirmen. Nicht noch mehr radioaktiver Dampf und kontaminierter Staub vom Schutt sollen in die Atmosphäre gelangen.

Anzeige
Katastrophe in Japan
Menschen blicken auf die Trümmer ihrer Stadt. Wenig hat das Beben und der Tsunami vom 11. März 2011 in Minamisoma in der Präfektur Fukushima verschont.

Ein Megabeben der Stärke 9, ein Tsunami und der atomare GAU. Wie bewältigt Japan die Katastrophe? Ein Schwerpunkt zum Thema  |  © Kazuhiro Nogi/AFP/Getty Images

Viel wichtiger aber ist, dass kein Regen mehr in den Reaktor gelangt. Denn unter dem künftigen Plastikdach ist Wasser weiterhin das größte Problem. "Das Überlaufen radioaktiver Flüssigkeit aus den Kellern und Turbinengebäuden der Reaktoren ins Meer droht", sagt Gerhard Schmidt vom Öko-Institut in Darmstadt . Mehr als 105.000 Tonnen radioaktiv verseuchtes Wasser haben sich mittlerweile laut AKW-Betreiber Tepco unterhalb der Blöcke 1 bis 4 gesammelt. Der wohl verflüssigt oder verklumpt vorliegende Kernbrennstoff in den ersten drei Reaktoren muss kontinuierlich mit Wasser heruntergekühlt werden. Doch die durch Wasserstoffexplosionen und Beben lädierten Meiler haben Lecks, das Nass sifft in die Kellerräume.

Wo genau sich die hoch radioaktiven Kernschmelzen in welchem Umfang befinden, weiß niemand so genau. Und die Strahlenmessungen etwa an Reaktor 1 erreichten an bestimmten Stellen derart hohe Werte, dass sich Arbeiter nicht mehr nähern können. "Letztlich macht es keinen großen Unterschied, ob sich das Kernmaterial größtenteils noch im Druckbehälter oder schon im Keller befindet", sagt der Nukleartechnik-Experte Schmidt. Teile des radioaktiven Inventars, wie etwa Cäsium, befinden sich bereits zu großen Teilen im Wasser der Untergeschosse. "Das Wasser muss nun rückgeholt und gereinigt werden, und das Kühlen muss weitergehen."

AKW-Betreiber-Tepco hat eine Simulation veröffentlicht, die den Aufbau des Zeltes zeigt.

Tepco testet außerdem Systeme, um aus den Blöcken gepumptes Wasser zu dekontaminieren. Die Techniker nutzen ein französisches Gerät, das radioaktive Partikel binden kann, und erproben noch eine amerikanische Variante, um dem Wasser das langlebige Cäsium zu entziehen. Am Freitag soll das komplette Reinigungssystem seine Arbeit aufnehmen, nachdem es mehrere Fehlversuche in den vergangenen Tagen gegeben hatte. Selbst wenn diese Methode nicht optimal funktioniert, sei jeder Tropfen gereinigtes Wasser schon ein Gewinn, meint Schmidt. Denn die Tanks mit verstrahltem Wasser auf dem Gelände sind so gut wie voll.

"Es ist ein Wettlauf zwischen dem Einspeisen von Kühlwasser, der beginnenden Regenzeit und der Errichtung von Reinigungssystemen." Gewinnen die Techniker das Rennen, sei die derzeit größte Umweltgefährdung im Griff, sagt Schmidt. Denn gelangt die radioaktive Brühe ungehindert ins Meer, kann das langfristige Folgen haben.

Japan in Trümmern
An der verwüsteten Ostküste beginnen die Japaner die Spuren von Beben und Tsunami zu beseitigen.

An der verwüsteten Ostküste beginnen die Japaner die Spuren von Beben und Tsunami zu beseitigen.  |  © Kiyoshi Ota/Getty Images

Noch schluckt der Ozean die strahlenden Teilchen, die bereits aus Fukushima hereinschwappten. Günter Kanisch, Physiker in der Leitstelle für Umweltradioaktivität am Hamburger Johann-Heinrich-von-Thünen-Institut , hat die aktuellen Strahlenmesswerte im Meerwasser ausgewertet. Besonderes Augenmerk richten Experten auf Meerestiere und Fische, die radioaktiv belastet sein könnten. Außerhalb der Präfektur Fukushima waren die getesteten Fische und Wale bislang unterhalb der zulässigen Grenzwerte von 500 Becquerel pro Kilogramm kontaminiert. "Das Fischen in dem zu Fukushima gehörenden Meeresgebiet ist untersagt, daher ist nicht von einem Verzehr von marinen Proben aus dieser Meeresregion auszugehen", sagt Kanisch.

Fische aus anderen Präfekturen können bislang als unbedenklich eingestuft werden. Hochseefische, die etwa 300 Kilometer vor der Küste leben, seien gar hinsichtlich der Strahlenexposition "vollkommen unkritisch". Die Tiere wurden vor allem auf Cäsium und Strontium getestet, die mitunter Halbwertzeiten von rund 30 Jahren haben. Nehmen Lebewesen die Isotope auf, lagern sie sich in Knochen und Haut ein und können langfristige Schäden auslösen.

Leserkommentare
  1. Ein Leichentuch auf Zeit für Fukushima!

    Was ein Aufmacher! Ehrlich mich hat es bewegt! Die ANTI-AKW Front erhält einen sakralen Charakter. Endlich wieder Opium fürs Volk.

    Davon abgesehen hat Fukushima weniger Opfer gefordert als Ehec, welches 1000 mal weniger Opfer fordert, als die jährliche Grippewelle. Wurde dieser Fakt einmal in der Presse kommuniziert?

    Was machen die Japaner? Sargdeckel auf das Milliardengrab und aus den anderen Meilern mehr Leistung gekitzelt. Panik und Hysteriewelle? Fehlanzeige!

    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Vergleiche, die nicht zum Thema passen. Danke. Die Redaktion/ew

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt, da der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, inzwischen moderiert wurde. Die Redaktion/ew

    • Evolux
    • 16. Juni 2011 19:37 Uhr

    "Once a malicious "baseless rumor" on the net, now it is written up in a regional newspaper with readership in Tokyo and Kanto area.

    Tokyo Shinbun (paper edition only, 6/16/2011) reports that many children in Koriyama City in Fukushima Prefecture, 50 kilometers from Fukushima I Nuclear Power Plant, are suffering inexplicable nosebleed, diarrhea, and lack of energy since the nuke plant accident.
    What's happening to children in Koriyama City in Fukushima right now? Nosebleed, diarrhea, lack of energy - "Effect of radiation unknown" says the doctor

    Report by Ao Ideta, Tokyo Shinbun, June 16, 2011"
    http://ex-skf.blogspot.co...
    es braucht keine Toten,es reichen kranke Kinder!

    Tausende haben in Japan schon gegen die weitere Nutzung der Kernenergie protestiert und die erneuerbaren Energien werden diskutiert.
    Kein Wunder,denn mehr kann/darf in Japan nicht mehr passieren,wenn wenigstens ein Teil davon bewohnbar bleiben soll.
    Auch wenn es nicht schmeckt:
    Die deutschen beflügeln andere weltweit mit ihrem Ausstieg aus dieser gefährlichen Technologie.
    Und auch die USA wird diese Diskussion bekommen-unabhängig wie die Situation am Kraftwerk Fort Calhoun in Nebraska vorübergeht.
    http://www.anti-atom-pira...
    und auch durch die Hitze trockengelegten Franzosen,die in Kürze Strom importieren müssen,da ihre KKws nicht mehr gekühlt werden können durch massiven Wassermangel

    ist zunehmend ganz und gar nicht Ihrer Ansicht.

    ES gab erneut Anti Akw Demos, an denen mehrere Tausend Menschen auch ungewöhnlich viele junge Menschen Teilnahmen. Vor wenigen Monaten noch undenkbar.

    Zunehmend mehr Präfekturen weigern sich, abgeschaltete Reaktoren schnell wieder ans Netz zu lassen, ohne massive Sicherheitsnachrüstungen etc..

    Schaun wir mal wie lange der offizielle Ausstieg von Regierungseite noch verschoben werden kann.
    Dazu passt folgendes: Evakuierungszone soll erweitert werden:
    http://www.n24.de/news/ne...

    Ich weiß nicht in welcher Realität Sie leben, aber mit der wirklichen Realität hat das nicht mehr viel zu tun.

    Deutschland, Italien, Schweiz haben den Ausstieg gerade bestätigt, mal sehen wer als nächster folgt, Japan wackelt bereits, das wäre ein zweites, äußerst wichtiges Hochindustrieland das aussteigt, selbst der schon beschlossene nicht Ausbau der Kernenergie zugunsten erneuerbarer Energien darf schon als Revolution gewertet werden in Japan.

    Entfernt. Entfernt. Nutzen Sie den Kommentarbereich bitte, um sich sachlich über den konkreten Artikelinhalt auszutauschen. Danke. Die Redaktion/se

    nichts bzw.garnichts begriffen,mehr muss man dazu nicht sagen.

  2. waren mit Ihrem Sarkophag acht Monate nach Tschernobyl fertig. Mal schauen wie lang die Japaner brauchen...

    Auch: Wer zahlt das Ding eigentlich?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der Schaden durch den Gau in Fukushima wird derzeit von einer Ratingagentur auf 135 Mrd. Dollar geschätzt. Der Börsenwert von TEPCO ist seit dem Gau von 2400 YEN (21,- €) auf ca. 190 YEN (1,66€) gefallen. Der Verlust des abgelaufenen Geschäftsjahres beträgt 10,7 Mrd Euro.
    Mit diesen Fakten und der Tatsache, dass die japanische Regierung einen Fond aller Kraftwerksbetreiber und des Staates eingerichtet hat, ergibt sich, dass eine Sozialisierung des Schadens angestrebt ist.

  3. >>Was machen die Japaner? Sargdeckel auf das Milliardengrab und aus den anderen Meilern mehr Leistung gekitzelt. Panik und Hysteriewelle? Fehlanzeige!<<

    Schon mal wirklich mit Japanern gesprochen? Wenn man mit denen spricht, hört sich das ganz anders an, als diese klischeehafte Propaganda, die Sie hier verbreiten ^^.

    So sind in Japan gerade noch 19 Meiler am Netz 35 sind abgeschaltet und die Präfektur in Fukui verweigert den Meilen, erneut ans Netz zu gehen. Andere Präfekturen wollen dem Beispiel folgen.

    Das einzige was an Ihrer Aussage stimmt, ist die Feststellung, dass weder Panik noch Hysterie herrscht, sondern ein leiser und kaum zu hörender Ausstieg.

    Naja, aber warum sich an Fakten orientieren, wenn man sich eine bunte Welt nach belieben erfinden kann, getreu dem Motto: Japan ist ja so weit weg, das merkt dann niemand, wenn man lustige Geschichten in die Welt setzt!

  4. Jute statt Plastik!

  5. in den Strahlenkranz.

  6. Mittlerweile mussten mehr als hunderttausend Menschen ihre Heimat verlassen - auch eine Lappalie?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Im Vergleich zu den Menschen die der Tsunami vertrieben hat vermutlich schon. Wenn man sich dann mal die Zahl der Menschen anschaut, welche durch Staudämme für Wasserkraftwerke vertrieben wurden, dann sind die 100.000 ein geringe Zahl. Arundhati Roy schätz in ihrem Essay The greater common good, dass alleine in Indien 40 Millionen Menschen für Dammbauprojekte umgesiedelt wurden. Diese Zahl würde sie allerdings sicher nicht als Rechtfertigung für den Bau von AKWs nutzen.
    Trotzdem: 100.000 betroffene Menschen sind eine erschreckend hohe Zahl für einen Unfall, aber es sind eben auch nicht Todesopfer, sondern Menschen die von ihrem Land vertrieben wurden. In 100 Jahren wird das Gebiet wieder besiedelbar sein und/oder die Japaner freuen sich über ein wildes Naturparadies.

  7. Entfernt, da der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, inzwischen moderiert wurde. Die Redaktion/ew

    Antwort auf "Tragisch!"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Bitte reagieren Sie auf andere User sachlich. Danke. Die Redaktion/ew

    • Evolux
    • 16. Juni 2011 19:37 Uhr

    "Once a malicious "baseless rumor" on the net, now it is written up in a regional newspaper with readership in Tokyo and Kanto area.

    Tokyo Shinbun (paper edition only, 6/16/2011) reports that many children in Koriyama City in Fukushima Prefecture, 50 kilometers from Fukushima I Nuclear Power Plant, are suffering inexplicable nosebleed, diarrhea, and lack of energy since the nuke plant accident.
    What's happening to children in Koriyama City in Fukushima right now? Nosebleed, diarrhea, lack of energy - "Effect of radiation unknown" says the doctor

    Report by Ao Ideta, Tokyo Shinbun, June 16, 2011"
    http://ex-skf.blogspot.co...
    es braucht keine Toten,es reichen kranke Kinder!

    Tausende haben in Japan schon gegen die weitere Nutzung der Kernenergie protestiert und die erneuerbaren Energien werden diskutiert.
    Kein Wunder,denn mehr kann/darf in Japan nicht mehr passieren,wenn wenigstens ein Teil davon bewohnbar bleiben soll.
    Auch wenn es nicht schmeckt:
    Die deutschen beflügeln andere weltweit mit ihrem Ausstieg aus dieser gefährlichen Technologie.
    Und auch die USA wird diese Diskussion bekommen-unabhängig wie die Situation am Kraftwerk Fort Calhoun in Nebraska vorübergeht.
    http://www.anti-atom-pira...
    und auch durch die Hitze trockengelegten Franzosen,die in Kürze Strom importieren müssen,da ihre KKws nicht mehr gekühlt werden können durch massiven Wassermangel

    Antwort auf "Tragisch!"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    1. Zu den Kindern: Tolle Panikmache. Es werden 40 Kinder untersucht wovon eines seit 3 Wochen öfters Nasenbluten hat. Die Mutter macht sich Sorgen. War da noch was?
    2. Super. Ein in Revision befindliches Kraftwerk wird wegen Hochwasser gerade nicht in Betrieb genommen. Und? Das mit der Nachzerfallswärme nicht so richtig verstanden oder?
    3. Wären die französischen AKWs jetzt Kohlekraftwerke, dann müssten sie bei zu niedrigen Wasserstand auch runtergefahren werden. So ist das nun mal mit der Thermodynamik und mit Wasserdampf betriebenen Turbinen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Japan | Fisch | Reaktor | Fukushima
Service