Weißer Rauch steigt seit Wochen immer wieder Mal aus dem halb skelettierten Gebäude an Japans Ostküste empor. Der Dampf ist kein Zeichen für ein Ende der Atomkatastrophe, die sich seit mehr als drei Monaten in Fukushima-1 dahinschleppt. Die Wölkchen sind mit radioaktiven Teilchen gespickt und stammen vom Wasser, das das geschmolzene Kernmaterial in Reaktorblock 1 auf Temperaturen unterhalb des Siedepunktes kühlt. Was hier an Radioaktivität aufsteigt, ist mittlerweile ein Tropfen auf den heißen Stein. Es sind geringe Mengen, die keine direkte Gefahr für die Bevölkerung sind. Doch ist nicht jedes Strahlenpartikel eines zu viel?

Offenbar sind auch die Ingenieure und Techniker an der Anlage selbst dieser Meinung. Ende Juni sollen Arbeiter deshalb ein rund 54 Meter hohes, 42 Meter breites und 47 Meter langes Stahlgerüst errichten. Die Verbundteile werden außerhalb von Fukushima-1 vormontiert und zu Block 1 transportiert. Hier stülpen Kräne das Ungetüm über die Reaktorruine und überziehen es mit einer millimeterdünnen Polyesterplane. Ende September soll das Zelt stehen und das Gebäude abschirmen. Nicht noch mehr radioaktiver Dampf und kontaminierter Staub vom Schutt sollen in die Atmosphäre gelangen.

Ein Megabeben der Stärke 9, ein Tsunami und der atomare GAU. Wie bewältigt Japan die Katastrophe? Ein Schwerpunkt zum Thema © Kazuhiro Nogi/AFP/Getty Images

Viel wichtiger aber ist, dass kein Regen mehr in den Reaktor gelangt. Denn unter dem künftigen Plastikdach ist Wasser weiterhin das größte Problem. "Das Überlaufen radioaktiver Flüssigkeit aus den Kellern und Turbinengebäuden der Reaktoren ins Meer droht", sagt Gerhard Schmidt vom Öko-Institut in Darmstadt . Mehr als 105.000 Tonnen radioaktiv verseuchtes Wasser haben sich mittlerweile laut AKW-Betreiber Tepco unterhalb der Blöcke 1 bis 4 gesammelt. Der wohl verflüssigt oder verklumpt vorliegende Kernbrennstoff in den ersten drei Reaktoren muss kontinuierlich mit Wasser heruntergekühlt werden. Doch die durch Wasserstoffexplosionen und Beben lädierten Meiler haben Lecks, das Nass sifft in die Kellerräume.

Wo genau sich die hoch radioaktiven Kernschmelzen in welchem Umfang befinden, weiß niemand so genau. Und die Strahlenmessungen etwa an Reaktor 1 erreichten an bestimmten Stellen derart hohe Werte, dass sich Arbeiter nicht mehr nähern können. "Letztlich macht es keinen großen Unterschied, ob sich das Kernmaterial größtenteils noch im Druckbehälter oder schon im Keller befindet", sagt der Nukleartechnik-Experte Schmidt. Teile des radioaktiven Inventars, wie etwa Cäsium, befinden sich bereits zu großen Teilen im Wasser der Untergeschosse. "Das Wasser muss nun rückgeholt und gereinigt werden, und das Kühlen muss weitergehen."

AKW-Betreiber-Tepco hat eine Simulation veröffentlicht, die den Aufbau des Zeltes zeigt.

Tepco testet außerdem Systeme, um aus den Blöcken gepumptes Wasser zu dekontaminieren. Die Techniker nutzen ein französisches Gerät, das radioaktive Partikel binden kann, und erproben noch eine amerikanische Variante, um dem Wasser das langlebige Cäsium zu entziehen. Am Freitag soll das komplette Reinigungssystem seine Arbeit aufnehmen, nachdem es mehrere Fehlversuche in den vergangenen Tagen gegeben hatte. Selbst wenn diese Methode nicht optimal funktioniert, sei jeder Tropfen gereinigtes Wasser schon ein Gewinn, meint Schmidt. Denn die Tanks mit verstrahltem Wasser auf dem Gelände sind so gut wie voll.

"Es ist ein Wettlauf zwischen dem Einspeisen von Kühlwasser, der beginnenden Regenzeit und der Errichtung von Reinigungssystemen." Gewinnen die Techniker das Rennen, sei die derzeit größte Umweltgefährdung im Griff, sagt Schmidt. Denn gelangt die radioaktive Brühe ungehindert ins Meer, kann das langfristige Folgen haben.

An der verwüsteten Ostküste beginnen die Japaner die Spuren von Beben und Tsunami zu beseitigen. © Kiyoshi Ota/Getty Images

Noch schluckt der Ozean die strahlenden Teilchen, die bereits aus Fukushima hereinschwappten. Günter Kanisch, Physiker in der Leitstelle für Umweltradioaktivität am Hamburger Johann-Heinrich-von-Thünen-Institut , hat die aktuellen Strahlenmesswerte im Meerwasser ausgewertet. Besonderes Augenmerk richten Experten auf Meerestiere und Fische, die radioaktiv belastet sein könnten. Außerhalb der Präfektur Fukushima waren die getesteten Fische und Wale bislang unterhalb der zulässigen Grenzwerte von 500 Becquerel pro Kilogramm kontaminiert. "Das Fischen in dem zu Fukushima gehörenden Meeresgebiet ist untersagt, daher ist nicht von einem Verzehr von marinen Proben aus dieser Meeresregion auszugehen", sagt Kanisch.

Fische aus anderen Präfekturen können bislang als unbedenklich eingestuft werden. Hochseefische, die etwa 300 Kilometer vor der Küste leben, seien gar hinsichtlich der Strahlenexposition "vollkommen unkritisch". Die Tiere wurden vor allem auf Cäsium und Strontium getestet, die mitunter Halbwertzeiten von rund 30 Jahren haben. Nehmen Lebewesen die Isotope auf, lagern sie sich in Knochen und Haut ein und können langfristige Schäden auslösen.