Japan hat nach Einschätzung der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) die Gefahr für das Küstengebiet am Atomkraftwerk Fukushima-1 durch einen massiven Tsunami unterschätzt. Das geht aus dem Entwurf eines Berichts der IAEA zur Atomkrise hervor, den ein IAEA-Team der japanischen Regierung in Tokyo überreicht hat.

Der Tsunami, der Mitte März durch ein schweres Beben ausgelöst wurde, sei ganz offensichtlich die direkte Ursache für das Desaster von Fukushima, sagte Michael Weightman, der Chef des IAEA-Teams. Eines der Hauptversäumnisse war demzufolge, dass das Atomkraftwerk im Küstengebiet nicht durch höhere Mauern geschützt war. Die 14 Meter hohe Tsunami-Welle konnte durch die 5,7 Meter hohe Schutzmauer nicht aufgehalten werden. Das Wasser setzte die Notstrom-Generatoren aus – wodurch mehrere Kernschmelzen in Gang gesetzt wurden.

Die Bewertung der IAEA kommt spät und greift zu kurz. Bereits seit Tagen ist sicher, dass schon allein das Beben der Stärke 9 Fukushima-1 schwer beschädigt hatte. In einer eigenen Untersuchung hatte der AKW-Betreiber Tepco eingeräumt, dass die Erdstöße zumindest Reaktorkern 1 leckgeschlagen hatten. Kühlwasser lief daraufhin aus, die Brennelemente lagen blank und heizten sich auf. Es dauerte nur 16 Stunden, dann waren 68 Tonnen hoch radioaktiven Kernbrennstoffs geschmolzen.

Bei dem Atomunglück in Fukushima handelt es sich um eine der schwersten Nuklearkatastrophen seit Tschernobyl. Aus der Atomruine tritt nach wie vor radioaktive Strahlung aus. Wann die Anlage unter Kontrolle gebracht werden kann, ist derzeit nicht absehbar.

Die 18 Inspektoren der IAEA haben zehn Tage lang in Japan untersucht, wie die Atomkatastrophe zustande kommen konnte und geben in ihrem Bericht Handlungsempfehlungen. Der Bericht soll Mitte Juni in Wien vorgestellt werden.

"Die Planer und Betreiber von Atomkraftwerken sollten die Risiken durch alle möglichen Naturkatastrophen besser abschätzen und entsprechende Schutzmaßnahmen einsetzen", empfiehlt die IAEA. Zudem sprach sich das Team für die Schaffung einer unabhängigen Atomaufsicht aus. In Japan wurde die Atomaufsichtsbehörde kritisiert, weil sie Teil des Wirtschaftsministeriums ist, das deutlich für Kernenergie wirbt. In der Zusammenfassung des Berichtsentwurfs lobte die IAEA den Umgang Japans mit der Krise als "beispielhaft", mahnte aber laut der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo zugleich eine bessere Kommunikation an.