Die spanischen Gurken waren nicht die Überträger des gefürchteten Darmbakteriums Ehec, das sich derzeit in Deutschland ausbreitet. Doch vielleicht war es der französische Salat? Waren es die Brandenburger Tomaten? Oder doch die Bioerdbeeren? Wer gerne frisches Essen zu sich nimmt, den plagen im Moment beim Einkaufen viele Sorgen. Eigentlich, sagt Roman Gaus, gibt es nur einen Weg, auf Nummer sicher zu gehen: selbst anbauen. "Ich möchte wissen, woher mein Essen kommt und was drin steckt", sagt der Zürcher Ökonom. Gaus kocht gerne, einen grünen Daumen hat er nach eigenem Bekunden aber nicht. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass er mit zwei Freunden die Urban Farmers gegründet hat, die auch großstädtischen Yuppies, Dinks und jungen Familien die Chance eröffnen wollen, Landwirtschaft zu betreiben.

Kernstück der urbanen Farmen sind künstliche Fischteiche wie der, über den sich Andreas Graber prüfend beugt. Vorsichtig gibt der Biologe Rapsöl ins 29 Grad warme Wasser, um die gut siebentausend Tilapias zu füttern. Es sieht aus, als brächten die Flossenschläge der Fische das Wasser zum Kochen. "Im Moment wiegt jeder Fisch nur ein paar Gramm", erklärt Graber. Unter den optimalen Bedingungen aber wachsen die Fische in nur einem halben Jahr zur vollen Größe heran. Mit einer Ernte von gut zwei Tonnen Tilapia rechnet Graber. Ein Fest für Fischfreunde, doch die Filets sind eigentlich nur ein Nebenprodukt der Farm. Denn die Ausscheidungen der Fische werden als Dünger für den Garten genutzt, der rund um die Fischteiche entsteht.

"Mit den Ausscheidungen von einem Kilo Fisch kann man gut fünf Kilo Gemüse düngen", sagt Graber. Den Dünger gewinnt er, indem er das Wasser im Becken wie bei einem Aquarium filtert. Während das gereinigte Wasser in den Teich zurückfließt, wird der abgezweigte Dünger der Hydrokultur beigemischt, auf der das Gemüse wächst. Aquaponic heißt dieses Verfahren, mit dem die Urban Farmers in den Städten der Schweiz und Deutschlands Neuland betreten. Denn mindestens so ungewöhnlich wie das Konzept ist auch der Standort: Parkplätze über Einkaufszentren oder die ungenutzten Dachgeschosse von Industriegebäuden werden in Fischfarmen umgewandelt. Genutzt werden sie von kleinen Gruppen nahe wohnender Städter, die sich zur Fisch- und Gemüseproduktion zusammentun.

Die UrbanFarmers bekamen 2011 den Schweizer Nachhaltigkeitspreis. Im Video stellen sie ihr Projekt vor.

"Wir wollen Leute ansprechen, die nicht zugunsten der Umwelt auf Lebensqualität verzichten, sondern im Gegenteil ihr Leben nachhaltig korrekt genießen wollen", erklärt Gaus. Weg vom staubigen Bioladen, hin zum Lifestyle-Garten wollen die Urban Farmers – das spiegelt sich im futuristisch-urbanen Design wieder. Um die städtische Landwirtschaft zum Erlebnistrend zu machen, wird gut ein Fünftel der Fläche zum Grillen, für Partys oder den Verkauf überzähliger Fische und Früchte eingeplant. Die eigentliche Gartenarbeit soll niemanden überfordern. "Wir stellen uns Gruppen vor, die für die Alltagsarbeit jemanden einstellen und selbst nur so viel Zeit investieren, wie sie erübrigen können."

In Deutschland, glaubt Gaus, ist Berlin das ideale Pflaster. "Vom Lebensgefühl passt das einfach hierher." Anfang Juni feiern die Urban Farmers im Berliner Kulturzentrum Malzfabrik dann auch die Premiere ihres Minischrebergartens 2.0, liebevoll Rostlaube genannt. In einem umgebauten Schiffscontainer, der mit einem Glashaus als Dach versehen ist, sollen Städter auf kleinstem Raum Gemüse anbauen. Auf dem Dach der Malzfabrik soll zudem Deutschlands erste Aquaponic-Urban Farm entstehen.