SelbstversorgerFischernte auf dem Großstadtdach

Immer mehr Städter wollen ihr Essen selbst anbauen. Mit ihrem Projekt "Urban Farmers" verbinden drei Schweizer Fischkulturen, Gemüseanbau und Lebenslust. von 

Die Urban Farmers in ihrer Versuchsfarm - von links: Andreas Schläpfer, Roman Gaus, Andreas Graber

Die Urban Farmers in ihrer Versuchsfarm - von links: Andreas Schläpfer, Roman Gaus, Andreas Graber  |  © Marc Engelhardt

Die spanischen Gurken waren nicht die Überträger des gefürchteten Darmbakteriums Ehec, das sich derzeit in Deutschland ausbreitet. Doch vielleicht war es der französische Salat? Waren es die Brandenburger Tomaten? Oder doch die Bioerdbeeren? Wer gerne frisches Essen zu sich nimmt, den plagen im Moment beim Einkaufen viele Sorgen. Eigentlich, sagt Roman Gaus, gibt es nur einen Weg, auf Nummer sicher zu gehen: selbst anbauen. "Ich möchte wissen, woher mein Essen kommt und was drin steckt", sagt der Zürcher Ökonom. Gaus kocht gerne, einen grünen Daumen hat er nach eigenem Bekunden aber nicht. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass er mit zwei Freunden die Urban Farmers gegründet hat, die auch großstädtischen Yuppies, Dinks und jungen Familien die Chance eröffnen wollen, Landwirtschaft zu betreiben.

Kernstück der urbanen Farmen sind künstliche Fischteiche wie der, über den sich Andreas Graber prüfend beugt. Vorsichtig gibt der Biologe Rapsöl ins 29 Grad warme Wasser, um die gut siebentausend Tilapias zu füttern. Es sieht aus, als brächten die Flossenschläge der Fische das Wasser zum Kochen. "Im Moment wiegt jeder Fisch nur ein paar Gramm", erklärt Graber. Unter den optimalen Bedingungen aber wachsen die Fische in nur einem halben Jahr zur vollen Größe heran. Mit einer Ernte von gut zwei Tonnen Tilapia rechnet Graber. Ein Fest für Fischfreunde, doch die Filets sind eigentlich nur ein Nebenprodukt der Farm. Denn die Ausscheidungen der Fische werden als Dünger für den Garten genutzt, der rund um die Fischteiche entsteht.

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"Mit den Ausscheidungen von einem Kilo Fisch kann man gut fünf Kilo Gemüse düngen", sagt Graber. Den Dünger gewinnt er, indem er das Wasser im Becken wie bei einem Aquarium filtert. Während das gereinigte Wasser in den Teich zurückfließt, wird der abgezweigte Dünger der Hydrokultur beigemischt, auf der das Gemüse wächst. Aquaponic heißt dieses Verfahren, mit dem die Urban Farmers in den Städten der Schweiz und Deutschlands Neuland betreten. Denn mindestens so ungewöhnlich wie das Konzept ist auch der Standort: Parkplätze über Einkaufszentren oder die ungenutzten Dachgeschosse von Industriegebäuden werden in Fischfarmen umgewandelt. Genutzt werden sie von kleinen Gruppen nahe wohnender Städter, die sich zur Fisch- und Gemüseproduktion zusammentun.

Die UrbanFarmers bekamen 2011 den Schweizer Nachhaltigkeitspreis. Im Video stellen sie ihr Projekt vor.

"Wir wollen Leute ansprechen, die nicht zugunsten der Umwelt auf Lebensqualität verzichten, sondern im Gegenteil ihr Leben nachhaltig korrekt genießen wollen", erklärt Gaus. Weg vom staubigen Bioladen, hin zum Lifestyle-Garten wollen die Urban Farmers – das spiegelt sich im futuristisch-urbanen Design wieder. Um die städtische Landwirtschaft zum Erlebnistrend zu machen, wird gut ein Fünftel der Fläche zum Grillen, für Partys oder den Verkauf überzähliger Fische und Früchte eingeplant. Die eigentliche Gartenarbeit soll niemanden überfordern. "Wir stellen uns Gruppen vor, die für die Alltagsarbeit jemanden einstellen und selbst nur so viel Zeit investieren, wie sie erübrigen können."

In Deutschland, glaubt Gaus, ist Berlin das ideale Pflaster. "Vom Lebensgefühl passt das einfach hierher." Anfang Juni feiern die Urban Farmers im Berliner Kulturzentrum Malzfabrik dann auch die Premiere ihres Minischrebergartens 2.0, liebevoll Rostlaube genannt. In einem umgebauten Schiffscontainer, der mit einem Glashaus als Dach versehen ist, sollen Städter auf kleinstem Raum Gemüse anbauen. Auf dem Dach der Malzfabrik soll zudem Deutschlands erste Aquaponic-Urban Farm entstehen.

Leserkommentare
  1. Falls man für saubere Luft in den Städten sorgen kann, ist auch die Ernte frei von Schadstoffen. Dieser geschlossene Kreislauf fasziniert. Man könnte es mit erneuerbaren Energien betreiben. Optimal bei neuen Quartieren, wo von Grund auf konzipiert werden kann. Oekologisch noch besser wäre Zucht von Maden und Insekten. mmhhh...

  2. Entfernt. Bitte bemühen Sie sich um eine respektvollen Diskussionston. Danke. Die Redaktion/ag

    Eine Leserempfehlung
  3. ich kann mich mit grünen Städten anfreunden. Fischteiche und Gemüsebeete statt Parkplätze.

    Mein Ding wäre es aber nicht, denn unter "Öko-Gemüse" verstehe ich nicht Salat, der im Fischabwasser schwimmt und auf Styropor wächst. Andere finden vielleicht gerade diese Technik spannend.

    Gerade in diesem trockenen Frühjahr stellt sich mir aber z.B. die Frage des Frischwasserbedarfs für diese urbanen Fischfarmen... Wieviel würde da benötigt?

    Ich selbst nutze übrigens das Fensterbrett zum Anbau von Tomaten, Paprika, Erdbeeren, Pflücksalat und Kräutern. Sind natürlich nur winzige Mengen, aber Spaß macht es trotzdem.

    mfg

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    Freier Autor

    Das Aufzuchtsbecken für 7000 Fische hat 2,5 Kubikmeter Wasser, der Bedarf auf einer 1000 Quadratmeter großen Dachfarm wäre gut 40 Kubikmeter, also 40.000 Liter - die reichen aber für die gesamte Lebenszeit der Fische, weil das Wasser gereinigt wird.

    • Zooey
    • 01. Juni 2011 18:39 Uhr

    Das Styropor kann ganz ökologisch an jedem Strand dieser Welt eingesammelt werden. Die Fische haben zwar kaum mehr Platz in ihren Aquarien als Legehennen im Oldenburgischen; aber vielleicht spielt man denen ein bißchen New Age Musik ein. Oder verabreicht jene Stimmungsaufheller, die die Stadtmenschen dann ja nicht mehr brauchen. Weil sie so öko sind und sich völlig ohne Mühe selbst ernähren können. Und das alles OHNE Bakterien!!
    Warum sind unsere dämlichen Vorfahren nicht drauf gekommen? Wir könnten uns den gesamten EU-Agrarhaushalt schenken.

    Glückwunsch an die drei Schweizer - gute performance mit Fischscheisse. Soll erstmal jemand nachmachen.

    Mannmann, früher wurden solche Späße von seriösen Medien zumindest auf ihren Warscheinlichkeitsgehalt geprüft. Heute wird einfach alles durchgewunken.

    2 Leserempfehlungen
  4. Love-Parade wurden Wagen mit winzigen Kartoffeläckern gesichtet, die während des Umzugs geerntet wurden.

    Psychologen verbinden den Trend mit einem Rückzug ins mentale Dorf, welcher als eine Folge der Ueberforderung des Individuums durch den täglichen Kulturschock im Zusammenleben mit den Exponenten gesellschaftlicher Unrast als Reaktion auf migrationbedingte Umschichtungsprozesse zu sehen ist, oder so.

    2 Leserempfehlungen
  5. sind mit der Umsetzung solcher Konzepte schnell überfordert.
    Kreislaufwirtschaft mit Hydro- und Fischkultur ohne chemische Keule ist relativ schwierig stabil zu halten und wenn es erstmal einen biologischen Einbruch gibt ist der Spass gründlich zum Teufel. Man will ja auch nicht bei den Mißständen früher Aquakulturen (Lachsfarmen) landen.
    Also braucht es doch eher Profis, was ja im Artikel auch anklingt.
    Der Jedermann sollte lieber normal gärtnern, gern auch rural statt urban.

  6. Freier Autor

    Das Aufzuchtsbecken für 7000 Fische hat 2,5 Kubikmeter Wasser, der Bedarf auf einer 1000 Quadratmeter großen Dachfarm wäre gut 40 Kubikmeter, also 40.000 Liter - die reichen aber für die gesamte Lebenszeit der Fische, weil das Wasser gereinigt wird.

    Antwort auf "warum auch nicht?"
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    Ich weiß die Antwort auch nicht, aber die Schweizer waren hier wohl kaum die ersten.
    http://sustainablecities....
    http://www.thebigmoney.co...
    http://www.good.is/post/m...
    http://www.planetizen.com...

  7. und Gemüse getötet zwar neu ... !!!

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Fisch | Rodung | Schweiz | Wasser | USA | Berlin
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