Die durchschnittlichen Temperaturen des vergangenen Jahrzehnts schienen die Klimaskeptiker zu bestätigen. Trotz der Milliarden Tonnen von CO 2 , die die Industrieschlote weltweit in die Atmosphäre spuckten, legte die Erderwärmung eine Pause ein. Mehr noch: Mitten in der Zeit, in der das energiehungrige China mehr schmutzige Kohle verbrannte als je zuvor, sank die globale Oberflächentemperatur zwischen 2005 und 2008 um 0,2 Grad Celsius. Was hatte sich verändert? Stimmen die Modelle der Klimaforscher nicht?

Die scheinbare Kluft könnte tatsächlich einer der Gründe sein, "weshalb die Öffentlichkeit zunehmend skeptisch ist, was den menschengemachten Klimawandel angeht", schreiben auch Wissenschaftler um die Klimaexperten Robert Kaufmann und Michael Mann im Wissenschaftsmagazin PNAS. Hier veröffentlichten sie nun erstmals statistische Berechnungen zum gebremsten Klimawandel trotz steigender Treibhausgase. Diese Berechnungen könnten erklären, weshalb die Temperaturen in den zehn Jahren nach 1998 stagnierten. Seit drei Jahren gehen sie nämlich wieder nach oben.

Die Forscher von der Boston University untersuchten zahlreiche Daten aus der kühlen Dekade. Ihre Analyse macht drei Faktoren für den vorübergehenden Stillstand der Erwärmung verantwortlich: Der immense Kohleverbrauch Chinas, der sich zwischen 2003 und 2007 noch mehr als verdoppelte, katapultierte auch die Schwefelemissionen in die Höhe. Gleichzeitig strahlte die Sonne ungewöhnlich milde während ihres vergangenen elfjährigen Zyklus. Schließlich kühlte das Wetterphänomen La Niña regelmäßig den Pazifikraum ab und brachte massenhaft Regen in die Region.

"Vom Menschen verursachte Aktivitäten, die den Planeten wärmen und kühlen, hebeln sich nach 1998 aus", schreiben Kaufmann und sein Team. Natürliche Prozesse gewinnen an Bedeutung. Ausgerechnet die schmutzige Verbrennung von Kohle in Chinas Kraftwerken setzte einen natürlichen Kühlkreislauf in Gang. Denn neben Treibhausgas schleudert die Industrie der Volksrepublik auch reichlich Schwefel in die Luft. Und das rührt im Klimageschehen ordentlich mit. Die winzigen Sulfatteilchen wirken in der Atmosphäre wie ein Schutzschild vor der Sonneneinstrahlung. Deren Licht streuen sie zu einem deutlichen Anteil zurück in den Weltraum und kühlen so das Klima ab. Diesen Effekt künstlich zu nutzen, hatte der Nobelpreisträger Paul Crutzen bereits vor fünf Jahren vorgeschlagen – als großtechnische Notlösung, um die Erderwärmung zu drosseln. Gezielte Schwefelinjektionen in Luftschichten könnten den Klimawandel entschleunigen. Doch das Geoengineering -Experiment wurde rasch von Kritikern verworfen, die Folgen seien unvorhersehbar und möglicherweise desaströs .

Zugleich gilt die mittlerweile zu großen Teilen entschwefelte Atmosphäre seit den 1970er Jahren als eine der größten Umweltschutzmaßnahmen weltweit. Industrienationen filterten den Luftverschmutzer aus Kohle- und Ölprodukten heraus, um die Luftqualität zu verbessern. In China sowie anderen Schwellen- und Entwicklungsländern werden Rauchgase hingegen kaum entschwefelt. So konnte der Staub den Klimawandel bremsen, während Chinas Kohlestrom in der vergangenen Dekade weiter kräftig wuchs.