Spott ist  Heterocephalus glaber gewohnt. Als Säbelzahn-Würstchen wurde er verunglimpft, sähe aus wie ein Hotdog , das in siedendem Wasser vergessen wurde. Ganz zu schweigen von den ewigen Vergleichen mit dem männlichen Genital.

Mitte der 1970er Jahre für die Forschung entdeckt, brachte es der im Schnitt acht Zentimeter große Nager erst im vergangenen Jahrzehnt zu hämischer Beliebt- und Berühmtheit . Schuld war wohl auch die Fabelhafte-Welt-der-Ameliesierung , schrieb die Süddeutsche Zeitung . Ein Film, der "bürgerliche Mittelschichtskinder" bewog, etwa "das vorgeblich Hässliche" zu ästhetisieren. Selbst zum Zeichentrickstar avancierte der Mull beizeiten.

Inmitten von Mitleid und Verniedlichung sind die Fähigkeiten von Heterocephalus glaber ins Hintertreffen geraten. Grund genug, die Ehre des "Penis auf vier Beinen" zu retten. Schließlich hat sich die Evolution einiges für den schrumpligen Wühler ausgedacht.

Der fast kahle, knopfäugige, aber praktisch blinde Nager buddelt sich mit seinen Säbelzähnen am Horn von Afrika durch das ewige Dunkel des Wüsten-Untergrunds – ein Leben lang. Einem bedingungslosen Matriarchat unterworfen, zählt für den inzestuösen Sandgräber nur die Gemeinschaft. An dessen Spitze herrscht die Königin über Kolonien von bis zu 300 Mullen. Ihr kleiner Harem von auserwählten Sexsklaven ist ihr stets zu Diensten, Arbeiter aus Männlein und Weiblein versorgen die royale Brutmaschine. Sie wirft etwa alle drei Monate zehn bis 27 Jungtiere. Im Nacktmullbau geht es zu wie im Insektenstaat. Für Säugetiere ist das einmalig.

Doch viel erstaunlicher: Der Nacktmull kennt keinen Schmerz, und das ist wörtlich zu nehmen. Zwar besitzt er wie alle Säugetiere feine Rezeptoren in seiner Haut, doch Forscher entdeckten, dass ihm Säureverätzungen nicht mal ein Zucken entlocken . Die Neurobiologen vermuten gar, dass der Winzling masochistisch veranlagt sein könnte. Auf Chilischoten reagieren seine Schmerzsensoren nämlich heftig, allerdings tut dem Sandgräber die Schärfe nicht weh. Dass der Mull so hart im Nehmen ist, deuten einige Forscher als Anpassung an die extremen Lebensbedingungen im heißen, stickigen Nagerbau.

Auch das molekulare Innenleben des Nacktmulls ist außergewöhnlich: Der Säuger scheint krebsresistent . Noch nie hat ein Forscher einen der Nager auch nur mit einer einzigen wuchernden Zelle aufgespürt. Nacktmullzellen erkennen offenbar, wenn es ihnen zu eng wird, und hören dann auf sich zu teilen. Unkontrolliertes Wachstum schließt sich so aus, das Tier entwickelt keinen Krebs.

Vielleicht einer der Gründe für den dritten bemerkenswerten Vorteil gegenüber anderen Säugetieren: Heterocephalus glaber ist der Methusalem unter den Nagern und wird bis zu zehn Mal älter als eine gewöhnliche Maus. Fast drei Dekaden überleben die absonderlichen Tiere. Trägt der unansehnliche Nager womöglich das Geheimnis ewiger Jugend in den Genen? Seine Zellen sind erstaunlich gut gegen Schäden gewappnet und sind kaum tot zu kriegen.

Wie der Mull zu diesen Fähigkeiten kommt, wollte die Menschheit natürlich wissen. Forscher haben deshalb nun auch das Genom des Supermulls entziffert . Vielleicht lässt sich Nützliches für die Medizin abzweigen? Faltenfreiheit und Gesundheit ausgerechnet von einem der hässlichsten, runzeligsten Lebewesen auf Erden? Der verhöhnte Nacktmull spottet nun zurück.

Alle Folgen der ZEIT-ONLINE-Serie "Das unterschätzte Tier"finden Sie hier .

Das Video zeigt die fabelhafte Welt der Nacktmulle. Quelle: Animal Planet