Das unterschätzte TierFit wie ein Säbelzahn-Würstchen

Er lebt wie ein Insekt, ist der Methusalem unter den Nagern und kennt weder Schmerz noch Krebs. Schrumplig, strebsam, mit Superkräften: der Nacktmull, ein Ausnahme-Tier von 

Spott ist  Heterocephalus glaber gewohnt. Als Säbelzahn-Würstchen wurde er verunglimpft, sähe aus wie ein Hotdog , das in siedendem Wasser vergessen wurde. Ganz zu schweigen von den ewigen Vergleichen mit dem männlichen Genital.

Mitte der 1970er Jahre für die Forschung entdeckt, brachte es der im Schnitt acht Zentimeter große Nager erst im vergangenen Jahrzehnt zu hämischer Beliebt- und Berühmtheit . Schuld war wohl auch die Fabelhafte-Welt-der-Ameliesierung , schrieb die Süddeutsche Zeitung . Ein Film, der "bürgerliche Mittelschichtskinder" bewog, etwa "das vorgeblich Hässliche" zu ästhetisieren. Selbst zum Zeichentrickstar avancierte der Mull beizeiten.

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Inmitten von Mitleid und Verniedlichung sind die Fähigkeiten von Heterocephalus glaber ins Hintertreffen geraten. Grund genug, die Ehre des "Penis auf vier Beinen" zu retten. Schließlich hat sich die Evolution einiges für den schrumpligen Wühler ausgedacht.

Nacktmull: Nahrung

Nacktmulle graben sich durch den trockenen Wüstenboden auf der ständigen Suche nach Futter. Die Nager trinken nicht und ernähren sich hauptsächlich von Knollen und Wurzeln, die sie im Erdreich finden. Die sind sehr fleischig und können die Größe von Fußbällen erreichen.

Ihre zellulosehaltige Nahrung ist schwer zu verdauen. In den Mägen der Nacktmulle tummeln sich zahlreiche Bakterien, Pilze und andere Mikroorganismen, die die Bestandteile aufbrechen. Die Nager fressen zudem ihre eigenen Exkremente, um keinerlei Nährstoffe zu vergeuden.

Quelle: Smithsonian Zoogoer u.a.

Körperbau

Heterocephalus glaber ist die einzige Mull-Spezies ohne Fell. Die halbtransparente Haut der Nacktmulle ist rosig und sehr faltig. Nützlich ist ihr Äußeres, um sich durch kleinste Löcher im Untergrund zu schlängeln. Nacktmulle können bis zu 15 Zentimeter groß werden und haben einen länglichen Schwanz.

Ihre großen Zähne sind ideale Schaufeln, um Tunnel zu graben. Weil sie ständig abnutzen wachsen sie ein Leben lang nach. Die vier Vorderzähne sind dem Mund vorgelagert. So schluckt der Nacktmull beim Graben keinen Staub. Seine Nagezähne kann er unabhängig voneinander bewegen und auseinanderspreizen.

Im Laufe der Jahrtausende, in denen die Nacktmulle unter der Erde lebten, sind ihre Augen verkümmert. Vermutlich können sie Helligkeit wahrnehmen.

Die Stoffwechselrate eines Nacktmulls ist sehr gering. In den Tunnelanlagen des Baus gibt es nur sehr wenig Sauerstoff, weshalb ihre Atmung darauf angepasst ist. Zudem haben die Nager keine Schweißdrüsen und benötigen keine schützende Fettschicht unter ihrer Haut. Im Wüstenuntergrund ist das sehr hilfreich, in ihren Höhlen herrschen Temperaturen von um die 30 Grad Celsius.

Wenn eines der Weibchen zur Königin aufsteigt, wächst sie, indem sich die Kluft zwischen Wirbel und Wirbelsäule weitet. Dies ist nötig, damit sie bis zu 27 Jungtiere austragen und trotzdem durch den Bau wuseln kann. Die Schwangerschaft dauert nur zehn bis elf Wochen. Pro Jahr bekommt die Königin vier- bis fünfmal Nachwuchs.

Quelle: Smithsonian Zoogoer u.a.

Sozialstaat

Nacktmulle leben ausschließlich in den Trockengebieten Ostafrikas in Somalia, Äthiopien und Kenia. Sie sind die einzige Säugetierart, die in Kolonien und Hierarchien wie Insekten leben.

An der Spitze des Nacktmullstaates, der aus 20 bis 300 Nagern bestehen kann, steht die Königin. Sie sucht sich rund drei männliche Nacktmulle aus, mit denen sie sich fortpflanzt.

Es gibt eine strikte Hierarchie im Matriarchat: Unter der Königin und ihrem Harem gibt es Soldaten, männliche und weibliche, die die Kolonie vor Feinden wie der Schnabelnasennatter (Rhamphiophis oxyrhynchus) und fremden Nacktmullen schützen. Anhand des Geruchs unterscheiden die Soldaten, ob es sich um Freund oder Feind handelt. Am unteren Ende des Nagerstaates sind die Arbeiter. Sie halten den Bau rein, kümmern sich um Königin und Nachwuchs, suchen Futter.

Die Kolonie ist hochinzestuös. Ihre Mitglieder sind derart eng miteinander verwandt, ihr genetischer Fingerabdruck ist fast identisch.

Chaos macht sich breit, wenn die Königin stirbt oder schwach wird. Weibchen, meist aus der Soldatenriege, erhöhen ihr Gewicht und kämpfen um den Thron. Die Auseinandersetzungen enden für manche Weibchen tödlich und können monatelang andauern.

Quelle: Smithsonian Zoogoer u.a.

Unterirdische Bauten

Ihre unterirdischen Behausungen sind dunkel und stickig, und Gänge können sich über eine Fläche von mehreren Fußballfeldern erstrecken. Zusammengenommen können die Tunnel viele Kilometer lang sein. Es gibt Räume für das Nest der Königin, für den Nachwuchs, zum Essen und für Ausscheidungen.

Um Tunnel zu graben, reihen sich Nacktmulle hintereinander auf. Der vorderste Nager schaufelt Erde nach hinten, der nächste drückt sie weiter bis der letzte den Staub an die Oberfläche manövriert. Hier entstehen kleine Sandhügel.

Die Sandgräber rennen oft mit geschlossenen Augen durch die Gänge. Tasthaare im Gesicht bis hin zum Schwanz leiten sie durch die Dunkelheit. Da sie nicht sehen können, wohin sie laufen, bewegen sie sich rückwärts ebenso rasch wie vorwärts.

Quelle: Smithsonian Zoogoer u.a.

Der fast kahle, knopfäugige, aber praktisch blinde Nager buddelt sich mit seinen Säbelzähnen am Horn von Afrika durch das ewige Dunkel des Wüsten-Untergrunds – ein Leben lang. Einem bedingungslosen Matriarchat unterworfen, zählt für den inzestuösen Sandgräber nur die Gemeinschaft. An dessen Spitze herrscht die Königin über Kolonien von bis zu 300 Mullen. Ihr kleiner Harem von auserwählten Sexsklaven ist ihr stets zu Diensten, Arbeiter aus Männlein und Weiblein versorgen die royale Brutmaschine. Sie wirft etwa alle drei Monate zehn bis 27 Jungtiere. Im Nacktmullbau geht es zu wie im Insektenstaat. Für Säugetiere ist das einmalig.

Doch viel erstaunlicher: Der Nacktmull kennt keinen Schmerz, und das ist wörtlich zu nehmen. Zwar besitzt er wie alle Säugetiere feine Rezeptoren in seiner Haut, doch Forscher entdeckten, dass ihm Säureverätzungen nicht mal ein Zucken entlocken . Die Neurobiologen vermuten gar, dass der Winzling masochistisch veranlagt sein könnte. Auf Chilischoten reagieren seine Schmerzsensoren nämlich heftig, allerdings tut dem Sandgräber die Schärfe nicht weh. Dass der Mull so hart im Nehmen ist, deuten einige Forscher als Anpassung an die extremen Lebensbedingungen im heißen, stickigen Nagerbau.

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Auch das molekulare Innenleben des Nacktmulls ist außergewöhnlich: Der Säuger scheint krebsresistent . Noch nie hat ein Forscher einen der Nager auch nur mit einer einzigen wuchernden Zelle aufgespürt. Nacktmullzellen erkennen offenbar, wenn es ihnen zu eng wird, und hören dann auf sich zu teilen. Unkontrolliertes Wachstum schließt sich so aus, das Tier entwickelt keinen Krebs.

Vielleicht einer der Gründe für den dritten bemerkenswerten Vorteil gegenüber anderen Säugetieren: Heterocephalus glaber ist der Methusalem unter den Nagern und wird bis zu zehn Mal älter als eine gewöhnliche Maus. Fast drei Dekaden überleben die absonderlichen Tiere. Trägt der unansehnliche Nager womöglich das Geheimnis ewiger Jugend in den Genen? Seine Zellen sind erstaunlich gut gegen Schäden gewappnet und sind kaum tot zu kriegen.

Wie der Mull zu diesen Fähigkeiten kommt, wollte die Menschheit natürlich wissen. Forscher haben deshalb nun auch das Genom des Supermulls entziffert . Vielleicht lässt sich Nützliches für die Medizin abzweigen? Faltenfreiheit und Gesundheit ausgerechnet von einem der hässlichsten, runzeligsten Lebewesen auf Erden? Der verhöhnte Nacktmull spottet nun zurück.

Alle Folgen der ZEIT-ONLINE-Serie "Das unterschätzte Tier"finden Sie hier .

Das Video zeigt die fabelhafte Welt der Nacktmulle. Quelle: Animal Planet

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Leserkommentare
  1. Ewiges Leben wär ja ganz nett, so von wegen Gentransport vom Nacktmull zum Nacktaffen, aber wenn ich dafür rumlaufen soll wie ne Kreuzung aus Bugs Bunny und André Kostolany... Nein, besser doch nicht.

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    Sie müssen gar nichts.

  2. Schmerz, und das ist wörtlich zu nehmen. Dazu ist es scheinbar notwendig, ein Säugetier mit Säure zu übergießen und ihm Chili zu servieren. Auf der Suche nach dem ewigen Leben scheint dieses niedlich possierliche Tier auch noch krebsresistent zu sein. Ein Harem von Sexsklaven, stets zu Diensten, scheint auch auf großes Interesse zu stoßen. Das öffnet mal wieder Welten, unser Leben noch weiter zu verlängern. Ich finde es einfach nur geschmacklos, wie die Menschheit einen weiteren Schritt unternimmt, die Tierwelt zu ihren Nutzen zu machen.

  3. 3. Genau!

    Lasst uns die Gene die für den Wachstumsstopp Notwendig sind extrahieren und verpflichtend in jede befruchtete menschliche Eizelle einsetzen.. und schon ist der Krebs besiegt.

    Dann können wir munter weiter unseren Lebensraum vergiften und unsere Nahrung mit toxischen Chemikalien besprühen..

    Heile amerikanische Super-Forscher Welt!

    Vieleicht schaun wir uns aber einfach mal menschlich Etnien an welche das Wort Krebs nicht kennen, gucken wie die leben und machen das einfach nach.. (jawoll, die gibts noch!)

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    • medwed
    • 26. Juli 2011 9:38 Uhr

    Tun Sie das denn? Und wenn nicht: wieso gehen Sie nicht mit gutem Beispiel voran?

    • medwed
    • 26. Juli 2011 9:38 Uhr

    Tun Sie das denn? Und wenn nicht: wieso gehen Sie nicht mit gutem Beispiel voran?

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Genau!"
  4. Es wirklich interessant, zu welchen absurden Kommentaren sich hier die Leute hinreissen lassen.

    Sie haben offensichtlich nicht nur nicht den Artikel verstanden (sofern sie ihn überhaupt gelesen haben) noch haben sie nicht die geringste geringste Ahnung von Biologie und Evolution.

    Unglaublich, mit welcher Ignoranz und Naivität viele Menschen durchs Leben wandeln.

    2 Leserempfehlungen
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    so heißt doch diese kleine Serie, die immer wieder interessante Sachen hervorbringt.

    Dafür ist die Qualität der Kommentare allerdings ( dem Tier angepaßt ) einfach unterirdisch. Und der arme Kerl ist doch nicht unter eine Dampframme gekommen, um zu sehen, wann wer nichts mehr merkt. Mittlerweile hat auch die Forschung sicherlich "sanftere" Methoden um Erkenntnisse zu gewinnen. Man muss das arme Würstchen auch nicht in Säure baden ...

    "Sie haben offensichtlich nicht nur nicht den Artikel verstanden (sofern sie ihn überhaupt gelesen haben) noch haben sie nicht die geringste geringste Ahnung von Biologie und Evolution.

    Unglaublich, mit welcher Ignoranz und Naivität viele Menschen durchs Leben wandeln."

    Also wenn es für Sie wirklich unglaublich ist, dann haben Sie gerade bewiesen, dass sie von Biologie und Evolution nocht weniger Ahnung haben, als die, denen Sie das vorzuwerfen versuchen.

    Denn das könnte man mit Basiskenntnissen über Biologie und Evolution schon selber eroiert haben, dass dieser Planet zu 99% aus glücklichen Idioten besteht.

  5. so heißt doch diese kleine Serie, die immer wieder interessante Sachen hervorbringt.

    Dafür ist die Qualität der Kommentare allerdings ( dem Tier angepaßt ) einfach unterirdisch. Und der arme Kerl ist doch nicht unter eine Dampframme gekommen, um zu sehen, wann wer nichts mehr merkt. Mittlerweile hat auch die Forschung sicherlich "sanftere" Methoden um Erkenntnisse zu gewinnen. Man muss das arme Würstchen auch nicht in Säure baden ...

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Absurde Kommentare"
    • Depi42
    • 26. Juli 2011 11:28 Uhr

    Ich frage mich, wie man aus der Untersuchung von 2, 13 oder 76 Exemplaren schließen kann, daß der Nacktmull krebsresistent sein soll.

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    • 3cpo
    • 26. Juli 2011 12:03 Uhr

    Habe gerade gestern im Deutschlandfunk ein sehr interessantes Interview mit einem bekannten Veterinärmediziner gehört. Auch darin ging es um die Krebsresistenz des Nacktmulls. Schon seit Jahren wird das erforscht, um diesem Phänomen auf die Spur zu kommen. Bisher ohne Erfolg. Fakt ist aber: Der kleine zeigt dem Krebs den Mittelfinger.

    sind dafür konkrete Aussagen hinterlegt, woran es vermutlich liegt. Lesen Sie doch zwei mal, wenn Sie Probleme mit dem Text haben.

    • 3cpo
    • 26. Juli 2011 12:03 Uhr

    Habe gerade gestern im Deutschlandfunk ein sehr interessantes Interview mit einem bekannten Veterinärmediziner gehört. Auch darin ging es um die Krebsresistenz des Nacktmulls. Schon seit Jahren wird das erforscht, um diesem Phänomen auf die Spur zu kommen. Bisher ohne Erfolg. Fakt ist aber: Der kleine zeigt dem Krebs den Mittelfinger.

    Eine Leserempfehlung

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  • Serie Das unterschätzte Tier
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Evolution | Genom | Säugetier | Tier | Afrika
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