Folgen des Reaktorunfalls : Fukushima sucht nach einer Atommüll-Deponie

Wohin mit verseuchtem Klärschlamm und kontaminierter Erde? Weil eine Lagerstätte fehlt, vergraben Japaner jetzt radioaktiven Abfall auf Schulhöfen.

In diesen Tagen enden in der Präfektur Fukushima die Schulferien. Tausende Kinder und Jugendliche kehren in ihre Klassen zurück. Möglicherweise mit einem mulmigen Gefühl. Denn an Erde, Bäumen, Pflanzen und Gebäuden haften noch immer radioaktive Partikel. Sie wurden freigesetzt, nachdem ein schweres Erdbeben das AKW an Japans Ostküste beschädigt hatte.

Seit Wochen tragen freiwillige Helfer deshalb vor allem an Schulen, Kindergärten und Tagesstätten den belasteten Boden ab und versuchen, die Außenwände von Klassenzimmern mit Hochdruckreinigern zu säubern. Rund 600 Einrichtungen sollten bis jetzt dekontaminiert sein, wie die japanische Zeitung Asahi schreibt . Doch für den abgewaschenen Schlamm und die abgetragene Erde gibt es keine Deponie. In ihrer Not verscharrten die von den örtlichen Behörden angeheuerten Anwohner den radioaktiv belasteten Dreck vielerorts einfach nahe der Schule. Zwar zeigen Messungen in den Schulen, dass die direkte radioaktive Belastung durch die Reinigungsmaßnahmen gesunken ist. Doch der unter den Schulhöfen vergrabene Atommüll bedroht die Gesundheit der Kinder weiter.

Auch zu Hause – außerhalb von Kindergarten oder Schule – sind die Kinder den Risiken ausgesetzt. Ihre eigenen Häuser, Gärten und Abflussrinnen sollen die Bewohner Fukushimas unter Anleitung selbst dekontaminieren. Übrig bleibt haufenweise kontaminierter Dreck, für den es keine sichere Halde gibt.

Vergangenes Wochenende hat der nun abgetretene Regierungschef Naoto Kan den Gouverneur von Fukushima gebeten, Platz für eine vorübergehende Atommülldeponie zu schaffen. Hier sollen künftig nicht nur tonnenweise Erde, sondern auch verseuchte Gebäudeteile der ramponierten Atomanlage Fukushima-I lagern. Der Gouverneur Yuhei Sato reagierte nach Medienberichten überrascht und verärgert. Dabei sollte er wissen, dass in seiner Präfektur längst radioaktive Abfälle an vielen Orten abgeladen werden.

Überall in Fukushima türmen sich Atommüllberge

Seit mehreren Wochen sollen Lkw beladen mit tonnenweise radioaktivem Dreck in Leinensäcken verpackt in die Berge nahe der Großstadt Fukushima rollen. Dort kippen sie den Müll in eine ausgehobene Grube. Der Zeitung Asahi sagte ein Beamter der Stadt bereits Anfang August, dass man die "temporäre" Deponie der Öffentlichkeit vorenthalte. So solle verhindert werden, dass Anwohner selbst Müll dorthin brächten. Zudem sei es sicher schwierig, die Menschen von der Notwendigkeit einer Lagerfläche für radioaktive Abfälle zu überzeugen. Rund 6.000 Säcke mit kontaminiertem Abfall lagerten nun dort, schreibt die Zeitung Mainichi Daily News . Viele Anwohner seien besorgt und würden sich beschweren.

Kans Bitte um eine Deponie war also längst überfällig. Überall in Fukushima türmen sich die Atommüllberge. Allein um schulische Einrichtungen zu reinigen, müssen schätzungsweise 180.000 Kubikmeter Erdreich abgetragen werden, wenn nicht mehr. Besonders langlebige Cäsium-Isotope sind an der Strahlenbelastung Schuld. Sie gelangten zum größten Teil bereits Mitte März in die Umwelt, nachdem es an den Reaktorgebäuden 1 bis 4 des havarierten Atomkraftwerks Wasserstoffexplosionen gegeben hatte. In geringeren Mengen treten noch immer radioaktive Partikel aus den Reaktorruinen aus.

Auch aus Kläranlagen fällt radioaktiver Abfall an. So lagern offenbar mehr als 54.000 Tonnen Schlick in 17 Präfekturen vom Nordosten des Landes bis hinein in die Mitte Japans. Nach Recherchen des Fernsehsenders NHK strahlt der Klärschlamm größtenteils unterhalb von 8.000 Becquerel pro Kilogramm. Diesen Wert geben die Behörden als Grenze vor, bis zu welcher belasteter Schlamm etwa auf Müllkippen vergraben werden darf. Allerdings weigern sich viele Gemeinden, den kontaminierten Abfall auf ihre Deponien zu nehmen.

Verlagsangebot

Der Kult ums gesunde Essen

Nahrung soll Energie und Freude bringen. Doch immer mehr Lebensmittel werden zum Problem gemacht: Vom Salz bis zum Fleisch. Warum eigentlich? Jetzt in der neuen ZEIT.

Hier lesen

Kommentare

58 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Entzugserscheinungen ;-)

Mitmenschen, die man lange nicht gesehen oder gehört hat: Wie sehr sie einem ans Herz gewachsen sind, merkt man erst dann, wenn sie nicht mehr da sind.

:-)

Nun zum Artikel: Er ist geschrieben aus einer sehr speziellen, um nicht zu sagen Tunnelperspektive. Viele machen sich (immer noch) nicht klar, dass die Auswirkungen des nuklearen Unfalls nur ein (kleinerer) Teil der Gesamtschäden ausmachte. Dass die Arbeiten zur Dekontamination einen provisorischen Charakter haben, darf deshalb nicht wundern. Es sind noch andere Probleme zu lösen.

Um Fragen vorwegzunehmen: Ist es nicht verantwortunglos, den Bewohnern diese zusätzliche Strahlung zuzumuten? Nun, 20 Millisivert pro Jahr belsten den Organismus nur unwesentlich. (Zum Verglich: Astronauten dürfen in einem Jahr bis zu 200 Millisievert aufnehmen und werden erst bei 400 Millisivert "aus dem Verkehr gezogen".)

Das Mantra je weniger zusätzliche Strahlenbelastung, desto besser. führt zu Sparen am falschen Ende.

Aber sagte ich Ihnen das nicht alles schon einmal?

(Es muss wohl so sein, wie oben angedeutet: Man muss seinem Partner einmal pro Tag sagen "Ich liebe dich", auch wenn er es schon weiß. :-))

Herzlichst Crest

P.S.
Sie wollen wissen, ob ich meine Kinder in jene Schulen lassen würde? Würde ich.

P.S.2
Was halten sie von der 'verschämten' Meldung: Inzwischen ist es gelungen, das Kühlwasser für die zerstörten Reaktorkerne in einen Kreislauf zu überführen? Andersrum gäbe es eine Riesenheadline!

Ehrlich???

Das war ne Beleidigung ? Na wenn Ihr meint also nochmal :)

Lieber Crest. Bist Du wirklich der Meinung man sollte allen Ernstes Astronauten die sehr wohl wissen welches Risiko Sie eingehen mit Schulkindern vergleichen? Gibt es da keinen angemesseneren Vergleich ?

Darüberhinaus möchte ich einwerfen weiviele Provisorien auch auf lange Sicht Bestand haben. Mal sehen ob das beseitigt wird. Für die Kidner hoffe ich es

Ansonsten denke ich Deine Kidner würden auf solch einem Schulhof zimlich alleine sein. Auch in anderen Ländern. Nicht nur in DE

War das jetzt OK so ? :) Ich finde so schlimm war die erste Formulierung wirklich nicht.

Dann ab nach Japan

"Sie wollen wissen, ob ich meine Kinder in jene Schulen lassen würde? Würde ich."

"Vernünftigen" Menschen wie Ihnen werden dort gerade unwiderstehliche Angebote gemacht: Wohnraum in fast überhaupt nicht verstrahlter Umgebung, direkt an der wunderschönen japanischen Küste. Ganz nach dem Ausmaß Ihrer Vernunft werden Sie 10 oder 20 Jahre lang nicht von aufdringlichen Nachbarn belästigt. Gut, Sie müssen etwas weiter fahren, um einzukaufen, aber dafür werden Sie mit wunderbarer Ruhe belohnt. Und die "provisorische" Dekontamination wird bestimmt auch bald in eine endgültige überführt.
Aber ansonsten: Was macht es denn schon, wenn der Sandkasten in der Schule auf Atommüll gebaut wurde. Immerhin werden Astronauten, also Menschen, die Jahrzehnte im All verbringen, ja auch erst bei 400 mSv aus dem Verkehr gezogen. Und selbst wenn Ihre Kinder da länger drin spielen, können eigentlich ja nur zwei Sachen passieren: Entweder Sie gewöhnen sich an höhere Strahlenbelastungen, werden gewissermaßen immun (oder noch immuner?) oder sie entwickeln Superkräfte!

Ihre japanische Wohnungsbaugenossenschaft

Astronauten

haben dieselben Gene, dieselben Stoffwechselprozesse und unterschieden sich von anderen Menschen nur durch ihre antrainierten Reflexe, die sie auch in Krisensituation kaltblütig/überlegt handeln lassen (etwa wie Armstrong in der letzten Minute der Mondlandung).

Auch wenn Astronauten gewisse Risiken freiwillig eingehen, man setzt sie nicht mutwillig lebensbedrohender Strahlung aus. Die genannten Grenzwerte sind nicht lebensbedrohend - die niedrigeren für Kinder erst recht nicht.

Herzlichst Crest

Grenzwerte

"Die genannten Grenzwerte sind nicht lebensbedrohend - die niedrigeren für Kinder erst recht nicht."

Sagt wer oder hat wer festgelegt?
Doch nicht etwa die Nuklearindustrie selbst.

Artikel von heute:
"Survey Finds Radiation Over Wide Area in Japan, Wall Street Journal, August 30, 2011:
The first comprehensive survey of soil contamination from the Fukushima Daiichi nuclear plant showed that 33 locations spread over a wide area have been contaminated with long-lasting radioactive cesium, the government said Tuesday.

The survey of 2,200 locations within a 100-kilometer (62-mile) radius of the crippled plant found that those 33 locations had cesium-137 in excess of 1.48 million becquerels per square meter, the level set by the Soviet Union for forced resettlement after the 1986 Chernobyl disaster.

Another 132 locations had a combined amount of cesium 137/134 over 555,000 becquerels per square meter, the level at which the Soviet authorities called for voluntary evacuation and imposed a ban on farming."
http://online.wsj.com/art...

Das ist nichts mit verbuddeln!

Astronaut und Kindsein sind nicht zu vergleichen

@ Crest,Sie schreiben,
"Sie wollen wissen, ob ich meine Kinder in jene Schulen lassen würde? Würde ich."

Es ist ein wohl qualitativer Unterschied, wenn ein geschäftsfähiger erwachsener Mensch durch seine Willenserklärung bereit ist, Dinge zu unternehmen, die mit horrenden Risiken verbunden sind, wie in den Weltraum mit unter anderem dem Risiko der Ver/-Bestrahlung zu fliegen.

Ein Kind kann das "Kindsein" nicht wählen. Es ist eine Entwicklungsstufe, die von den Eltern in besonderem Maße geschützt werden muss.

Entgeht Ihnen denn, was jetzt noch in der Gegend um Tschernobyl an "Altlasten" in Form einer ziemlich erhöhten Rate von Fehlgeburten und Missbildungen immer noch wirkt, die sich bis in die nächsten Generationen auswirken wird?

Wissen Sie, dass Pilze und Wild aus dem bayrischen Wald bis heute kontaminiert und teilweise nicht zum Verzehr bestimmt sind?

Die Sievert-Zahlen sind willkürlich zum Vorteil der Atomindustrie festgelegte Werte.

Ich denke eher, dass viele Eltern kleiner Kinder in Japan verzweifelt sind, ihre Kultur "des Ertragens", des "sich Einfügens" sie momentan noch daran hindert, schreiend auf die Barrikaden zu gehen.

Mein Gott bin ich froh, dass Sie weder mein Vater noch der Vater meiner Kinder sind.

Die Stewardessen oder Pilotinnen kommen nach dem Bekanntwerden einer Schwangerschaft zum Bodenpersonal.

Lieber Crest, würden Sie auch Ihre Frau bedenkenlos jeden Tag der kosmischen Strahlung mit Ihrem ungeborenen Nachwuchs aussetzen?

Na klar !

Berge aus aktinischer, cäsiumverstrahlter Geschichte

Der Zeitzeuge Michail Gorbatschow stellte retrospektiv fest, dass mit der Dekontamination Tschernobyls die eigentliche Kontamination der näheren und weiteren Umgebung erfolgte.
Je mehr Menschen,Streitkräfte oder Maschinen zum Einsatz kamen umso größere Mengen an kontaminiertem Material musste wieder
dekontaminiert oder in "Deponien" gelagert werden. Auch die bereits damals mit Plastik verklebten, abgetragenen Oberflächenschichten kontaminierter Erde stellten ungeheure Mengen dar. Berge aus aktinischer, cäsiumverstrahlter Geschichte, die sich in Japan (und nicht nur rund um Fukuschima) erneut bestätigt.

Aber bitte

Nicht mal Hollywood würde behaupten Astronauten seien Mutanten die das locker abkönnen.

Es ändert nichts an der Tatsache, daß Astronauten erwachsene Menschen sind die bewusst die durchaus kalkulierbaren Risiken eingehen während die Schulkinder und Ihre Eltern wohl keiner gefragt hat.

Darüberhinaus ist die Exposition kosmischer Strahlung und die eventuelle Inkorporation von Cäsium-137 nur bedingt vergleichbar. Erst Recht wenn man berücksichtigt, daß ein Astronaut allenfalls ein paar Wochen im Orbit rumsegelt während die Schulkinder wohl ein Jahrzehnt lang immer mal wieder auf dem Schulhof sich aufhalten

Unterschiede

"Astronauten haben dieselben Gene, dieselben Stoffwechselprozesse und unterschieden sich von anderen Menschen nur durch ihre antrainierten Reflexe" Crest

Das ist nicht richtig, Kinder haben eine sehr viel höhere Zellteilung als Erwachsene, da sie noch im Wachstum sind.

Zellschäden durch radioaktive Strahlung wirken sich bei ihnen um ein vielfaches schädlicher aus.

Was stört es bei einem Erwachsenen, wenn eine Zelle geschädigt wird, sie teilt sich eh kaum noch.
Bei Kindern wird das geschädigte Erbgut durch die erhöhte Zellteilung weiter und schneller verbreitet.

Ich persönlich finde es unverantwortlich, dass grade da wo Kinder sind, die Abfälle vergraben werden, die sollten die Abfälle besser vor dem Regierungspalast vergraben, da sitzen eh nur alte Säcke.

Kind <> Erwachsener

@Crest: ein wachsender Organismus (Kind) baut bestimmte Radionukleide (z.b Strontium) weitaus stärker ein, als ein Erwachsener.

Kind <> Erwachsener <> Astronaut <> Extrembergsteiger usw.
Aber das wissen Sie ja alles.

Wird man die "Deponien" sicher und zuverlässig kennzeichnen, so dass man nicht aus Versehen den kontaminierten Abfall wieder ausbuddelt? Wohin bringen die Menschen Ihren Abfall? Sind die Deponien Tsunami sicher?

Ich weiss, kleingeistige Fragen und täglich lernen wir dazu, dass bei einer großflächigen Verseuchung mit lokalen Akkumulationen eben jede Menge Abfall entsteht. Fertige Krisenpläne für das Restrisiko totale Fehlanzeige.

Das einige was uzverlässig funktioniert: Die Erhöhung der Gernzwerte. Bisschen wenig für ein hochindustrialisiertes Top Land, meine ich.

Vergessenes aus der Zeit kurz nach Tschernobyl in Deutschland

Nach Lesen des Artikels und der Kommentare musste ich mich an folgende Episode in Deutschland erinnern:
1 Woche nach Tschernobyl galt der Sandboden des Kindergartens als kontaminiert. Ein Spielverbot wurde von Seiten der Behörden verhängt.
Aussage des damaligen zuständigen Beauftragten der Stadt bei der Besichtigung:
"Da müssen sie nur die ersten paar Zentimeter Sand selbst mit ein paar Eltern abtragen." Auf die Frage, was mit dem kontaminierten Sand dann geschehen sollte, konnte keine
Antwort gefunden werden. Die darauf folgende süffisante Bemerkung, die Friedhofswege in der Nähe könnten etwas Sand gebrauchen. "Denen dort" würde es schließlich nicht Schaden. Dies wurde als eine blasphemische Aussage gesehen und hatte fast ein disziplinarisches Nachspiel.

Das Groteske ist nicht die der Situation, sondern zeigt die Hilflosigkeit der Menschen, insbesondere der Verantwortlichen gegenüber der Macht der Katastrophe.

Nach Hegel geschehen alle Ereignisse zweimal.

Geanauer lesen....

"In ihrer Not verscharrten die von den örtlichen Behörden angeheuerten Anwohner den radioaktiv belasteten Dreck vielerorts einfach nahe der Schule."

Ich will damit absolut NICHT andeuten, dass der Umgang mit dem radioaktiven Müll in Japan auf irgendeine Weise vorbildhaft sein könnte, aber es wäre schön wenn man bei der Realität bleiben könnte. Es ist bezeichnend für die deutschen Medien, dass die Berichterstattung mittlerweile immer darauf bedacht ist, alles im Zusammenhang damit stets so schlimm wie möglich darzustellen und es dabei auch mit den Fakten nicht allzu genau zu nehmen.

Ich fordere die Zeit auf eine einzige Schule zu nennen in der dies der Fall ist!

Und es wäre schön wenn die Medien bereits vor Jahrzehnten mit denselben Eifer über Anti-AKW Demos berichtet hätten, anstatt über die "Brutalität" der bösen, bösen Demonstranten!