Das unterschätzte TierGnaaag oder doch Gnirrrk?

Gürteltiere müssen einiges verkraften: Landstraßen, lateinamerikanische Küche, Kevin Costner; auch gegen Häme schützt ihr dicker Panzer kaum. von 

Gepanzerter Vierbeiner: Ein schnupperndes Gürteltier in Florida

Gepanzerter Vierbeiner: Ein schnupperndes Gürteltier in Florida  |  © Richard Heathcote/Getty Images

Es gibt einen Haufen Gründe, um den Film Tin Cup nicht anzugucken. Weil man die Ballade eines Golflehrers und einer golfenden Psychologin irgendwie narkotisierend findet, oder weil Kevin Costner unentwegt frischgeduscht in die Ferne schaut. Unter filmhistorischen Gesichtspunkten hingegen ist der Streifen interessant: Er ist einer der wenigen, in dem Gürteltiere durchs Bild knurpseln. Ja, das Gürteltier, dieses gepanzerte Nebengelenktier, wie der Zoologe sagt, kann in seiner 60 Millionen Jahre alten Geschichte auf wenige Höhepunkte zurückblicken. Weswegen dieser Film von Texas bis Südamerika in der Gürteltier-Community wohl auch ausgelassen gefeiert wurde. Sonst hat das Tier heutzutage nur selten etwas zu lachen.

Gürteltierverächter sagen nämlich, es sei dumm. Näherhin ließe sich einwenden: Es setzt Prioritäten. Seine Hirnkapazität ist mit dem Geruchssinn ausgelastet. Würmer, Insekten und anderes Gekriech sind selbst in 20 Zentimetern Tiefe nicht vor der Gürteltiernase sicher. Und wenn es dann nach ihnen buddelt, dann buddelt es eben. Modernem Multitasking genügt das Tier nur bedingt, sein geistiger Hubraum kann mit dem eines Delfins natürlich nicht mithalten. Dafür muss es aber auch nicht mit verhaltensauffälligen Kindern herumplanschen oder sich für Dekobilder fotografieren lassen. Ein Gürteltier lässt sich nur ungern anpatschen, zähmen oder dressieren. So gesehen – es kommt zurecht. Ohne zivilisationskritischen Summs müssen wir allerdings feststellen: Wäre da nicht der Mensch.

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Leben

Gürteltiere (Dasypodidae) sind eine Säugetierfamilie der gepanzerten Nebengelenktiere (Cingulata). Sie leben hauptsächlich in Südamerika. Zwei der 20 Gürteltierarten bewohnen auch Mittelamerika und das südliche Nordamerika – wie das berühmte Neunbinden-Gürteltier, das im Allgemeinen meist gemeint ist, wenn über das Tier geredet wird. Gürteltiere werden je nach Art zwischen 15 Zentimeter (Gürtelmull) und 1,5 Meter (Riesengürteltier) lang. Sie ernähren sich hauptsächlich von Insekten und anderen wirbellosen Kleintieren. Manche Arten wählen aber auch Mäuse und Eidechsen als Nahrung. Ein Gürteltier ist zumeist nachtaktiv. Seine bevorzugten Lebensräume sind Sumpfgebiete, Savannen, Steppen und Wüsten. Es schläft etwa 16 Stunden täglich und wird bis zu 18 Jahre alt.

Quellen: Wikipedia.de, das Tierlexikon.

Der Panzer

Im Spanischen heißen Gürteltiere Armadillos, was soviel wie Gepanzerte bedeutet. Der Schutz entsteht in den ersten Lebenswochen des Tiers: Die Hornschuppen verknöchern und werden dann zu viereckigen Knochenplatten, bis das Gürteltier fast gänzlich mit ihnen bedeckt ist: Kopf, Schulter, Schwanz und Gliedmaßen. Nur an der Bauchseite bilden sich die Hornschuppen zurück. Dort ist das Gürteltier behaart. Der Panzer eines Gürteltieres ist nicht starr, sondern durch Hautfalten unterbrochen, wodurch die Gürtel, die Knochenringe entstehen. Das Kugelgürteltier kann sich sogar zu einem robusten Ball einrollen, um sich vor Feinden zu schützen.

Mensch und Gürteltier

Der Mensch kann als einziger Feind des Gürteltiers betrachtet werden. Einerseits kommen viele Gürteltiere auf Straßen um, andererseits werden sie in manchen Regionen Südamerikas wegen ihres Fleisches gejagt. Aus der Panzerung werden auch Körbe hergestellt. Das Gürteltier ist wegen seiner geringen Körpertemperatur das einzige Säugetier, das den Lepra-Erreger in sich tragen kann.

Die Evolution schenkte dem Gürteltier zwar ein Panzerhemd, an dem sich jedes Tier die Zähne ausbeißt. Aber der Mensch baute Landstraßen. Und da auch die Natur einen seltsamen Humor hat, bekam das Gürteltier unter der Schale ein dünnes Nervenkostüm: Erschrickt es sich, hüpft es bis zu 80 Zentimeter in die Luft, was ungefähr der Höhe eines herkömmlichen Kühlergrills entspricht. Es bemerkt die Autos fast immer zu spät. Gürteltiere sind nämlich sehr kurzsichtig.

In Texas kursieren darum einige Witze, gegen die keine schicke Rüstung hilft: "Warum laufen die Hühner über die Straße? Um Gürteltieren zu zeigen, wie es geht." Und noch im Jenseits wird das Gürteltier gepiesackt: Texanische Truckertrinkhallen schmücken ihre Tische mit ausgestopften Exemplaren. Oft wurde ihnen eine Bierdose zwischen die Pfoten geklemmt, worüber Besucher von Truckertrinkhallen dröhnend lachen. In manchen Ländern Lateinamerikas landet es sogar auf dem Grill.

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Und was sagt das Gürteltier dazu? Nichts. Es ist stumm, obwohl in Internetforen empört von nächtlichen Geräuschen berichtet wird, wenn ein Gürteltier mal wieder einen Gartenstuhl zu spät gesehen hat oder trotzig durch Gemüsebeete knuspert. Das klänge wie Gnaaag oder Gnirrrk. Dem Gürteltier bleibt bei allem Mobbing nur der Rückzug in seine Höhle, die es sich in sieben Metern Tiefe einrichtet und darin 16 Stunden, vielleicht mit unruhigen Träumen, verschläft. Es kann nicht erzählen, dass es sechs Minuten die Luft anhalten kann, dass es ein famoser Taucher ist und dass es doch täglich ein Maxi-Menü Schädlinge von den Blättern frisst, also von all jenen Dingen berichten, die der Mensch von heute coole Features nennen müsste.

Dem Gürteltier fehlt es an Fürsprechern. Sein berühmtester ist schon acht Jahre tot. Sam Lewis war ein Cowboy alter Schule mit seltsamen Hobbys, der den Jalapeño-Lutscher erfand. Er züchtete die Tiere nicht nur und warb für diese besondere Spezies, sondern veranstaltete Rennen, denn Gürteltiere sind, erstmal in Fahrt gekommen, recht schnell. Einmal (auch davon würden Gürteltiere erzählen) verlieh er ein paar von ihnen für ein Konzert der Rolling Stones. Auch für Kevin Costner hatte Lewis sie gecastet.

Wie es aber ihre Art ist, sind Gürteltiere am liebsten allein. Der Nachwuchs des Neunbinden-Gürteltiers wächst in eineiigen Vierlings-Würfen auf, und geht schnell seiner eigenen Wege, spaziert friedlich durch die Landschaft des südlichen amerikanischen Kontinents. Sie leben dort in der Hitze, gegen die manchmal nur ein Schlammbad hilft, worin sie sich von allen erduldeten Strapazen erholen können. Selten verschlägt es sie in ein kaltes, steriles Labor fern der staubigen Heimat. Aber wenn, dann raunt die New York Times , staatliche Forscher hätten etwas herausgefunden: Gürteltiere können Lepra auf den Menschen übertragen . Ihre schwankende Körpertemperatur mache sie zu idealen Trägern. Gnaaag oder Gnirrrk, jedenfalls: Auch das noch.

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Leserkommentare
  1. Dem Gürteltier macht die Häme nichts aus, denn es weiß, dass gerade Texaner nicht in der Position sind, sich über die Intelligenz anderer Lebewesen lustig zu machen.
    Sie sitzen im Glashaus, das Gürteltier aber im Panzerhaus :)

    6 Leserempfehlungen
    • DerDude
    • 09. August 2011 12:14 Uhr

    "Dafür muss es aber auch nicht mit verhaltensauffälligen Kindern herumplanschen oder sich für Dekobilder fotografieren lassen."

    Vielen Dank für diesen Artikel!

    2 Leserempfehlungen
    • kajaal
    • 09. August 2011 12:30 Uhr

    bin ich dunnemal Zeit-Abonnentin geworden. Herrlich - Danke!
    Ein gut gepanzertes Gürteltier, das vor lauter Schreck
    80 cm hoch springt, sobald Kevin Coster sich nähert.
    Das kann ich so gut verstehen! :-)

    Eine Leserempfehlung
    • Gunvald
    • 09. August 2011 14:00 Uhr

    ein sehr schöner und kurzweiliger Artikel. Es mag ja sein, dass Kevin Costner ein... na ja... Schauspieler ist, aber er liefert Gesprächsstoff und vielleicht ist es dem Gürteltier durchaus recht, dass man sich Mal mit ihm auseinandersetzt. Und vielleicht lädt es Kevin Costner als Dank Mal in seine Höhle ein, um mit ihm alte Kostner-Filme anzuschauen... Obwohl... Sicherlich hat das Gürteltier andere Dinge zu tun... ;-)

    Eine Leserempfehlung
    • TNE
    • 09. August 2011 14:20 Uhr
    5. Geilst

    Wann gibt's das erste Buch mit Hugendick-Artikeln?

    Eine Leserempfehlung
  2. Der wohl größte Höhepunkt der Serie:

    www.youtube.com/watch?v=8...

  3. unterm Strich eigentlich um eine subkutane Beschreibung des neoklassischen neoliberalen Kapitalisten handelt, die hier, um der allgegenwärtigen Zensur zu entgehen, einfach auf das arme, wehrlose Gürteltier angewandt wird.
    Zitat
    Gürteltierverächter sagen nämlich, es sei dumm. Näherhin ließe sich einwenden: Es setzt Prioritäten. Seine Hirnkapazität ist mit dem Geruchssinn ausgelastet. Würmer, Insekten und anderes Gekriech sind selbst in 20 Zentimetern Tiefe nicht vor der Gürteltiernase sicher. Und wenn es dann nach ihnen buddelt, dann buddelt es eben. Modernem Multitasking genügt das Tier nur bedingt, sein geistiger Hubraum kann mit dem eines Delfins natürlich nicht mithalten. Dafür muss es aber auch nicht mit verhaltensauffälligen Kindern herumplanschen oder sich für Dekobilder fotografieren lassen. Ein Gürteltier lässt sich nur ungern anpatschen, zähmen oder dressieren. So gesehen – es kommt zurecht. Ohne zivilisationskritischen Summs müssen wir allerdings feststellen: Wäre da nicht der Mensch. Die Evolution schenkte dem Gürteltier zwar ein Panzerhemd, an dem sich jedes Tier die Zähne ausbeißt. Aber der Mensch baute Landstraßen. Und da auch die Natur einen seltsamen Humor hat, bekam das Gürteltier unter der Schale ein dünnes Nervenkostüm: Erschrickt es sich, hüpft es bis zu 80 Zentimeter in die Luft, was ungefähr der Höhe eines herkömmlichen Kühlergrills entspricht. Es bemerkt die Autos fast immer zu spät. Gürteltiere sind nämlich sehr kurzsichtig.

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  • Serie Das unterschätzte Tier
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Tier | Kevin Costner | Lateinamerika | Mobbing | Cowboy | Oder
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