KlimaforschungEU sieht Bedrohung durch Klimawandel für Menschen

Ein neuer Klimabericht der EU fasst mehr als 100 Forschungsprojekte zusammen. Er konzentriert sich auf die Konsequenzen von Eisschmelze und Temperaturanstieg. von dpa

Seit langem warnen Klimaforscher vor den Konsequenzen, wenn eintritt, was sie befürchten. Sie prognostizieren einen steigenden Meeresspiegel, häufigere schwere Naturkatastrophen, die Ausbreitung bestimmter Krankheiten und soziale Folgen, wie Arbeitslosigkeit.

Warum, wann und in welchem Maße solche Klimafolgen eintreten werden, wird unter Wissenschaftlern heftig diskutiert. Denn einzelne Studien können nur einen Ausschnitt bisheriger Erkenntnisse abbilden. Und Simulationen hängen immer von den Annahmen ab, die Forscher zugrunde legen. Und schon die sind vielfach strittig.

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Jetzt hat die EU einen umfassenden Bericht zu den möglichen Konsequenzen des Klimawandels für den Menschen vorgelegt. Der mehr als 200 Seiten lange Report trägt die Ergebnisse aus mehr als 100 EU-finanzierten Forschungsprojekten zusammen. Er presse "alles Wissenswerte" in ein einziges Dokument, sagte Carlo Heip vom EU-Meeresforschungsprojekt Clamer (Climate Change and European Marine Ecosystem Research). Neben dem Bericht sind auch ein Buch, eine TV-Dokumentation und eine Umfrage entstanden.

Die Ozeane verändern sich in einem beispiellosen Tempo, heißt es im Bericht. Während Eisdecken schmelzen, steigen Wasserspiegel und -temperatur schneller an. "Wir können den Klimawandel nicht mehr stoppen. Wir haben diesen Pfad längst eingeschlagen", schreiben die Forscher. Nur auf lange Sicht seien Folgen des Klimawandels umkehrbar, "vielleicht in Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten".

Anstieg um 2 Grad Celsius an der Wasseroberfläche

Allein in den vergangenen 25 Jahren habe die durchschnittliche Erwärmung der Meere zehnmal so schnell zugelegt, wie im letzten Jahrhundert. Während weltweit ein Temperaturanstieg von im Schnitt 2 Grad Celsius an der Wasseroberfläche bis zum Ende des 21. Jahrhunderts erwartet werde, soll sich die Nordsee um 1,7 Grad erwärmen, die Ostsee jedoch um 2 bis 4 Grad.

In dem wärmeren Wasser verbreiten sich "gefährlichste bakterielle Krankheitserreger". Die Forscher fanden heraus, dass durch die höheren Temperaturen die Population bestimmter Bakterien aus der Gattung der Vibrionen begünstigt werde. Diese Bakterien verursachen auch Cholera. Eine "potenzielle Bedrohung" sei das auch an deutschen Küsten, sagt Carlo Heip. "Im Augenblick haben wir aber keine Cholera in der Nordsee." Dennoch könnten "Gesundheitskosten in Millionenhöhe" daraus resultieren, dass Menschen etwa verseuchte Fische essen, heißt es in dem Bericht.

Steigende Temperaturen könnten auch das Verhalten von Fischen beeinflussen: Viele Fischarten ziehen immer weiter in die kälteren Gewässer im Norden. Fischer im Süden müssten mit kleineren Fängen rechnen. In der Ostsee drohe etwa der Kabeljau auszusterben.

Als weitere Probleme werden schmelzende Eisdecken und Gletscher und der damit steigende Meeresspiegel genannt. Während der Anstieg im vergangenen Jahrhundert durchschnittlich rund 1,8 Millimeter pro Jahr betragen habe, legte er seit 1993 drastisch zu und stieg jährlich um rund 3,3 Millimeter, schreiben die Forscher. "Ein Anstieg von 80 bis 200 Zentimeter könnte ganze Länder auslöschen."

Küstennahe Städte seien vom ansteigenden Meer bedroht. "Sie könnten große Schwierigkeiten bekommen", sagt Heip. Selbst Hamburg, obwohl die Stadt nicht direkt am Meer liegt. Sturzfluten entlang der Elbe, immense Regenfälle, all das werde wahrscheinlicher – für den Norden Deutschlands und Frankreichs, Dänemark, den Süden Englands und Osteuropa.

Auch wenn all diese Szenarien nicht wirklich neu klingen, zeigt der Bericht, dass führende Forscher sich einig sind: Der Klimawandel wird Folgen für viele Menschen haben.

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Leserkommentare
  1. Wie sieht das denn mit suedlicheren Gefilden aus, z.B. mit dem Mittelmeer?

    Im Endeffekt werden doch die Nord- und Ostsee zum Mittelmeer. Und darin kann man baden und die dort gefangenen Fische verzehren. Das heisst, was im Sueden funktioniert kann auch im Norden funktionieren.

    Das eigentliche Problem ist doch was mit dem Mittelmeer passiert! Und was passiert mit dem Mittelmeer? Wird das zur Sued- oder Salzsee? Was habe ich uebersehen?

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    • joG
    • 06. November 2011 11:29 Uhr

    ....sagt. Immerhin haben die damalig Großen der EU wie Steinbrück 2008 gesagt, man wäre abgekoppelt und würde von der Krise in den USA nicht berührt. Das ist hier vermutlich auch so.

  2. "Communicating the value of climate modelling … requires confronting such apparent contradictions as the fact that increasing a model’s complexity — by adding the behaviour of clouds, people or ecosystem feedbacks, for example — may actually increase the uncertainty in climate projections. Atmospheric scientist Kevin Trenberth of the US National Centre for Atmospheric Research in Boulder, Colorado, has explicitly warned that unless such seemingly paradoxical results are communicated carefully, the more complex modelling being used in climate simulations for the upcoming fifth assessment report of the Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) may confuse both the public and decision-makers, thereby reducing their willingness to act."
    aus:http://www.nature.com/nclimate/journ...imate1080.html

    Deswegen wäre etwas mehr Zurückhaltung bei den Warnungen angebracht. Ressourcenschonendes Wirtschaften ist zwar in Anbetracht der wachsenden Weltbevölkerung eine Überlebensstrategie, die Bereitschaft zum strukturellen Wandel mit Katastrophenszenarien, deren Eintrittswahrscheinlichkeiten mit dem Forschungsfrotschritt sinken, zu erzeugen ist ein gewagtes Unterfangen. Der Schuss könnte nach hinten losgehen ;)

  3. dieser vielen Menschen durch Massentierhaltung
    Fischfarmen usw.
    Dasnn kommt noch die GIER nach sauberer Energie
    die aber nicht sauber ist!
    Sondern nur Teuer

    • michl30
    • 16. September 2011 10:22 Uhr

    Ich möchte den Autor einmal sensibilisieren, was die Verlässlichkeit von Messwerten angeht. Die Erwärmung der Meere soll ja in den letzten 25 Jahren zehn mal schneller erfolgt sein, als im letzten Jahrhundert. Heute stecken mit Sicherheit mehrere hundert Forscher täglich ihr Thermometer in die Meere (oder sie haben Meßinstrumente vor Ort). Und wie sah das vor hundert Jahren aus? Wer steckte wann, welches Thermometer, an welchem Ort wo hinen? Gibt es Aufzeichnungen darüber? Misst man heute an den gleichen Stellen? Für mich hinterlässt ein Satz (die durchschnittliche Erwärmung der Meere habe zehnmal so schnell zugelegt) mehr Fragen als Antworten. Ein Artikel über diese Detailarbeit der "Klimaforscher" wäre doch mal interessant!

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    inkonsistente Messreihen, ob durch Änderung der Messmethodik (heute in der Regel um ein vielfaches sensibler) als auch durch Änderung in Lage/Ausdehnung der Messnetze, sind natürlich ein Problem. Dass das so ist, wissen Klimaforscher allerdings auch, und es wird eine Menge Enrgie und Arbeitsaufwand in dieses Problem investiert. Ich empfehle, sich mal mit den Klima-Reanalysedaten von NCEP/NCAR zu beschäftigen (übrigens (nach Anmeldung) frei verfügbar über das CPC (Climate Prediction Center)), in denen homogenisierte Messreihen Verwendung finden.

    Mich wundert es, dass so viele Menschen, vor allem jene, die sich nicht beruflich mit diesem Thema auseinanderzusetzen haben und denen offenbar die Kenntnis fehlt, bei dem Begriff "Klimawandel" immer die grosse Verschwörung und Gelddruckmaschine wittern. Gerade vor Ort, wo Klimawandel langfristig die Bevölkerung/Industrie trifft (siehe geplante Deicherhöhungen der Wattenmeerinseln, erhöhte Ausgaben für künstliche Bewässerung in der Argrarwirtschaft der südl. EU), geht man die Probleme, die ja mitunter spürbar sind und bereits seit Jahrzehnten gepredigt werden, ganz pragmatisch an. Wie gross nun der menschgemachte Einfluss auf diese Veränderungen ist oder ob es sich vornehmlich um eine natürliche Klimavariabilität handelt, ist für mich ganz unerheblich. Sich aus ideologischen Gründen gegen nötige Massnahmen zu stemmen (die allein finanziell gesehen mitunter das kleinere Übel sein werden), halte ich für verwerflich.

  4. inkonsistente Messreihen, ob durch Änderung der Messmethodik (heute in der Regel um ein vielfaches sensibler) als auch durch Änderung in Lage/Ausdehnung der Messnetze, sind natürlich ein Problem. Dass das so ist, wissen Klimaforscher allerdings auch, und es wird eine Menge Enrgie und Arbeitsaufwand in dieses Problem investiert. Ich empfehle, sich mal mit den Klima-Reanalysedaten von NCEP/NCAR zu beschäftigen (übrigens (nach Anmeldung) frei verfügbar über das CPC (Climate Prediction Center)), in denen homogenisierte Messreihen Verwendung finden.

    Mich wundert es, dass so viele Menschen, vor allem jene, die sich nicht beruflich mit diesem Thema auseinanderzusetzen haben und denen offenbar die Kenntnis fehlt, bei dem Begriff "Klimawandel" immer die grosse Verschwörung und Gelddruckmaschine wittern. Gerade vor Ort, wo Klimawandel langfristig die Bevölkerung/Industrie trifft (siehe geplante Deicherhöhungen der Wattenmeerinseln, erhöhte Ausgaben für künstliche Bewässerung in der Argrarwirtschaft der südl. EU), geht man die Probleme, die ja mitunter spürbar sind und bereits seit Jahrzehnten gepredigt werden, ganz pragmatisch an. Wie gross nun der menschgemachte Einfluss auf diese Veränderungen ist oder ob es sich vornehmlich um eine natürliche Klimavariabilität handelt, ist für mich ganz unerheblich. Sich aus ideologischen Gründen gegen nötige Massnahmen zu stemmen (die allein finanziell gesehen mitunter das kleinere Übel sein werden), halte ich für verwerflich.

  5. da gibt es nichts zu meckern, oder?

    - Hamburg stc "säuft" sowieso spätestens mittelfristig ab, wie die ganze norddeutsche Tiefebene.

    - Das Meerwasser ändert durch seine "Struktur" d.h Konvektionszellen etc. oberflächennah sowieso sehr schnell die Temperatur. Aufschluss werden heir eher die langfristig angelegten Tiefwasserdaten von ARGO mit in-situ Messungen bringen

    MfG Karl Müller

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    • joG
    • 06. November 2011 11:20 Uhr

    ....fehlt nur noch der Human Touch. Mit den Zahlen scheint es wenig zu tun zu haben. Aber was soll's. Die Geschichte ist gut, auch wenn die Temperatur geologisch momentan eher relativ gering als hoch zu sein scheint, wenn ich die Zahlen richtig verstehe.

    • joG
    • 06. November 2011 11:20 Uhr

    ....fehlt nur noch der Human Touch. Mit den Zahlen scheint es wenig zu tun zu haben. Aber was soll's. Die Geschichte ist gut, auch wenn die Temperatur geologisch momentan eher relativ gering als hoch zu sein scheint, wenn ich die Zahlen richtig verstehe.

    Antwort auf "Toller Artikel,"
    • joG
    • 06. November 2011 11:29 Uhr

    ....sagt. Immerhin haben die damalig Großen der EU wie Steinbrück 2008 gesagt, man wäre abgekoppelt und würde von der Krise in den USA nicht berührt. Das ist hier vermutlich auch so.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
  • Schlagworte Europäische Union | Klimawandel | Europäische Union | Cholera | Fisch | Gletscher
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