In Deutschland leben derzeit zwölf Wolfsrudel. Die Tiere können überraschend weite Strecken zurücklegen.

Zwar leben Wölfe bereits seit elf Jahren wieder in Deutschland, aber erst jetzt gibt es erste Einblicke in das Ausbreitungs- und Abwanderungsverhalten der Tiere. "Wir wollten wissen, ob Straßen oder Grenzen ein Hindernis sind für wandernde Wölfe, welche Lebensräume sie wählen und wie groß ihre Territorien sind", sagt Ilka Reinhardt vom Wildbiologischen Büro Lupus, das gemeinsam mit dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) dazu nun eine Studie abgeschlossen hat.

Um die Ausbreitung der Wölfe zu verfolgen, statteten Forscher sechs Tiere mit GPS-Sendern aus und sammelten drei Jahre lang Funkdaten. Demnach legten die Wölfe mitunter mehr als 70 Kilometer am Tag zurück. Wolf Alan, einer der Probanden, entfernte sich schon mit zwölf Monaten von seinem Rudel in Sachsen und lief in zwei Monaten 1.550 Kilometer weit bis nach Weißrussland. Dabei überquerte er Autobahnen, durchschwamm die Weichsel und die Oder und überwand irgendwie die überwiegend mit Elektrozäunen gesicherte Grenze zwischen Polen und Weißrussland.

Alans Bruder Karl hingegen blieb 19 Monate lang beim Rudel, ehe er in 16 Tagen 400 Kilometer nach Berlin und zurück lief, um sich dann in der Nähe des elterlichen Rudels ein eigenes Territorium abzustecken. Dort hat er nun sein eigenes Rudel gegründet. Dagegen lebt Schwester Mona nach 27 Monaten noch immer bei den Eltern.

"Uns hat überrascht, wie individuell unterschiedlich etwa das Abwanderungsverhalten oder die Größe der Territorien sind", sagt Reinhardt. Die Studie zeige wertvolle Einblicke in das Verhalten der Tiere, wenngleich sie mit einer derart geringen Anzahl beobachteter Tiere nicht repräsentativ sei.

In Deutschland leben derzeit zwölf Rudel

"Der Otto-Normal-Wolf lebt in ähnlichen Strukturen wie wir Menschen", sagt die Biologin. Üblicherweise leben sie in Kleinfamilien: die Eltern mit ihren Kindern. Werden die Jungtiere erwachsen, ziehen sie los, um selbst eine Familie zu gründen. Dabei steckt die neue Familie ihr eigenes Territorium ab, in dem sie dann auch keine anderen Wolfsfamilien duldet. "Deshalb braucht man auch keine Sorge zu haben, dass es zu einer Überbevölkerung mit Wölfen kommt", sagt Reinhardt. "Die Anzahl an Wölfen, die in Deutschland leben können, ist durch den vorhandenen Platz begrenzt."

Derzeit gibt es hierzulande zwölf Wolfsrudel, neun davon in der Lausitz, drei weitere leben in Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Der Wildtierökologe Felix Knauer von der Universität Freiburg hat bereits 2009 für das BfN in einer Studie ermittelt, wie viele Wolfsrudel in Deutschland Platz finden würden. Dazu untersuchte er, welche Lebensräume Wölfe in Polen besiedeln und verglich, welche Standorte in Deutschland diesen Bedingungen entsprechen. Sein Ergebnis: Rund 400 Wolfsfamilien würden in Deutschland Platz finden. So seien vor allem west- und süddeutschen Mittelgebirgsregionen sowie der Alpenraum passend für die Tiere.