Das unterschätzte TierDer sensible Punk unter den Vögeln

Sein eigenwilliges Aussehen führt leicht dazu, dass man ihm wenig zutraut. Dennoch ist der Waldrapp einer der geschicktesten Vögel – dank oder trotz seiner Sensibilität.

Ein Waldrapp

Ein Waldrapp

Für diese Frisur braucht man Mut. Als Vogel vielleicht nicht. Der angeborene Irokesen-Glatzen-Schnitt weckt bei uns Menschen Assoziationen – für feinfühlig würden wir einen Artgenossen, der so aussieht, wohl nicht halten. Aber genau diese Eigenschaft ist es, die den Waldrapp zu einem unterschätzten Tier macht. Dessen Feinfühligkeit steckt in seinem Schnabel.

Während die Schnäbel anderer Vögel aus gefühllosem Horn bestehen, ist der des Waldrapps ein durchblutetes, knöchernes mit Tastsinneskörpern versehenes Sensibelchen, mit dem dieser Vertreter der Ibis-Familie fühlen kann – besonders praktisch für einen Vogel, der tief in der Erde nach Futter wühlen muss. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Leckerbissen direkt vor seiner Schnabelspitze liegt, ist eher gering. Und so durchpflügt er den Boden mit seinem 20 Zentimeter langen Sinnesorgan.

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Man weiß nicht, ob es dieser Schnabelvorteil ist, weshalb sich der Waldrapp schon so lange auf der Erde hält: Seit mehr als einer Millionen Jahre besiedelt er diesen Planeten und gehört damit zu den ältesten Federtieren.

Und das, obwohl er sehr gewagte Nistplätze wählt: Wenn man ihn wie ein Huhn über eine Wiese staksen sieht , mag man es nicht glauben, aber: Der Waldrapp brütet in Steilhängen und Felswänden. Da kommt kein Räuber so schnell dran. Und die Elternvögel, die sich beim Füttern des Nachwuchses abwechseln, müssen geschickte Flugkünstler sein.

Der Waldrapp

Der Waldrapp (Geronticus eremita) gehört zur Familie der Ibisse. Erstmals beschrieben wurde er vom Schweizer Naturforscher Conrad Geßner, aber glauben wollte man die Existenz des Tieres nicht: Lange galt der Waldrapp als Fabelwesen – Geßner habe ihn mit einer Drossel verwechselt.

Dennoch manifestierten sich rund anderthalb Kilo Vogel verteilt auf 70 Zentimeter tatsächlich mit der Zeit als eigene Art.

Er gilt, wie die Taufliege Drosophila melanogaster, als Kulturfolger. Er folgte den Menschen – beziehungsweise ihren Äckern – in das Alpenland und darüber hinaus.

Dabei frisst der Waldrapp durchaus allerlei, was nicht auf Äckern wächst: proteinreiche Insekten und deren Larven etwa, Schnecken samt deren Eiern, ein Würmchen zwischendurch, er schreckt nicht vor Heuschrecken oder Spinnen zurück, sagt auch zu kleinen Säugetieren, Reptilien und Amphibien nicht nein. Weil Vitamine auch für einen Waldrapp wichtig sind, frisst er auch pflanzliche Nahrung.

Wegen der langen Federn am Hinterkopf wird der Waldrapp auch als Schopfibis oder – furchteinflößender – als Mähnenibis bezeichnet. Weil er früher in Klausen und Burgen nistete, wird er auch Klausrapp oder Klausrabe genannt.

Eher elegant denn tollpatschig wirkt es auch, wenn sich zwei Waldrappe begegnen: Zur Begrüßung schreiten sie sich mit ihrem schimmernden schwarzen Gefieder gegenüber, legen die Köpfe in den Nacken und verneigen sich voreinander. Dabei lassen sie etwas ertönen, was wie "chrup chrup" klingt .

Dieses Ritual hat sogar einen Künstler aus dem 15. Jahrhundert inspiriert: Im Kirchenbild Gebet Christi am Ölberg in der Stiftskirche von Rottenbuch (Ammertal) ist ein Waldrapp zu sehen . Weitere verewigte Artgenossen finden sich in einem Fresko im Speisesaal des Kloster Murrhardt : Dort ist der Vogel neben anderen Fastenspeisen abgebildet. Ein dezenter Hinweis auf einen möglichen Grund, aus dem das Tier im 17. Jahrhundert nahezu ausgestorben war. Wobei "ausgestorben" nicht ganz korrekt ist – "aufgegessen" ist treffender.

Der Mensch von heute hat ein schlechtes Gewissen wegen seines damals so ausgeprägten Geflügel-Appetits: Mehrere lokale , nationale und sogar internationale Organisationen (samt Facebook-Fanseite ) widmen sich den Waldrappen; die Heinz-Sielmann-Stiftung fördert Wiederbesiedlungsvorhaben seit 2007 mit rund 100.000 Euro.

Immerhin ist der selten gewordene Vogel in Erinnerung geblieben: Sogar einige alte Ortschaften, heißen nach ihm: Mehrere "Rappenbäche", ein kleines Schweizer Örtchen mit dem Namen "Rapperswil" und die "Rappinschlucht" mit dazugehöriger "Rappinalm" in Bayern lassen darauf schließen, wo der Vogel einst zu Hause war.

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2009 wurden Waldrappe in Österreich wieder angesiedelt , im Sommer 2011 schaffte es der erste Vogel (unter Anleitung des Menschen) wieder über die Alpen . Weil es ja eigentlich in Deutschland ganz nett ist für Vögel – immerhin leben hier 314 Brutvogelarten – ist dem Punk unter den Vögeln zu wünschen, dass er hier auch einen Platz findet. Und dass er nie wieder auf Wandmalereien landet, die etwas mit Essen zu tun haben.
 

 
Leserkommentare
  1. 1. Danke!

    Danke, liebe ZEIT und den Journalisten, die hier über Tiere interessante Berichte schreiben.

  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf geschmacklose Kommentare. Danke, die Redaktion/mk

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Geschmacklos? Sie wollen mich wohl zu einem weiteren Kommentar bezüglich der kulinarischen Qualitäten dieses Geflügels provozieren?!

    Geschmacklos? Sie wollen mich wohl zu einem weiteren Kommentar bezüglich der kulinarischen Qualitäten dieses Geflügels provozieren?!

  3. Geschmacklos? Sie wollen mich wohl zu einem weiteren Kommentar bezüglich der kulinarischen Qualitäten dieses Geflügels provozieren?!

    Antwort auf "[...]"
  4. Nochmal: Danke für diese schöne Serie!

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