Beben und TsunamiJapans verlorene Fischer

Weit weg vom AKW in Fukushima hat der Tsunami an Japans Nordostküste die Existenz Tausender zerstört. Sie warten vergeblich auf echte Hilfe. von 

Die japanische Hafenstadt Kesennuma war berühmt für ihren Fischmarkt, für Haifischflossen und Thunfisch. Eine raue Brise kräuselt nun das Wasser, das noch immer steht, wo einst Häuser, Supermärkte und Kneipen waren. In der Luft liegt ein fischiger Geruch, ein Überbleibsel des bestialischen Gestanks, den die Wellen am 11. März 2011 hier zurückließen. Tonnenweise Fang spülte der Tsunami aus den Kühlhäusern. Die meisten Gebäude, Schiffe und Autos wurden gleich mit weggerissen. Die Öllager am Hafen gingen in Flammen auf, während der Fisch in den Trümmern der Stadt zu verrotten begann.

Heute, acht Monate danach, ist der Hafen eine Geisterstadt. Teils verschonte Gebäude halten sich auf Stahlskeletten, die als einzige dem Druck des Wassers standgehalten haben. Der Schutt ist aufgetürmt, gestapelte Autos säumen eine mit Kies aufgeschüttete Straße, die sich nun durch den einst hektischen Teil der Stadt windet.

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"Ohne den Fischmarkt wird Kesennuma nicht überleben", sagt Takekiyo Yushida, "70 Prozent der Bevölkerung lebten hier vom Fischfang, nun sind Fabriken und der Markt zerstört". Der leitende Mitarbeiter des städtischen Sozialamtes kümmert sich mit Freiwilligen um jene, die überlebt, aber alles verloren haben. 8.500 Häuser sind zusammengebrochen, mehr als 1.400 Menschen starben, als die Wellen nach dem Beben Kesennuma überrollten. Allein der höher gelegene Teil der Stadt blieb weitestgehend unversehrt.

Wenn Yushida über den 11. März spricht, senkt er seine Stimme. Fast 24 Stunden harrte er mit rund 200 anderen auf dem höchsten Gebäude nahe des Hafens aus. Yushida musste mit ansehen, wie seine Stadt und ihre Bewohner untergingen. "Auf dem Haus gegenüber starben 60 Menschen", erzählt Yushida. Sie wurden einfach vom Wasser verschluckt. Das Dach des zweistöckigen Gebäudes war nicht hoch genug. Tonnenschwere Schiffe schrammten vorbei und zerdrückten mit Fluten und aufgeschwemmtem Schutt den Hafen. Gasleitungen barsten, die Öltanks im Hafen explodierten: "Das Meer brannte die ganze Nacht."


Vom Tsunami betroffener Nordosten Japans auf einer größeren Karte anzeigen

Kesennuma ist nicht die einzige Stadt, die Hilfe braucht

Die Überlebenden wohnen mittlerweile in Übergangssiedlungen, 3.300 Wohnungen sind rings um Kesennuma entstanden, aus Holz und Metall, mit dem Nötigsten ausgestattet. Miete müssen die Menschen nicht zahlen, aber für Lebensmittel, Strom, Gas und Wasser. "Bis Dezember gibt es für jene, die ihre Arbeit verloren haben, noch finanzielle Hilfen vom Staat", sagt Yushida. Danach wird es schwierig. Die Leute bräuchten dringend Jobs, viele sind bereits weggezogen oder haben es vor.

Die gröbsten Trümmer sind zwar abgetragen. Neu gebaut wird in Kesennuma aber noch nicht. Und es fehlt an Schiffen, damit die Fischer wieder aufs Meer fahren können. Geld von der Regierung kommt nur schleppend an, das kleine Kesennuma ist nicht die einzige Stadt, die Hilfe braucht.

Die Beben- und Tsunami-Katastrophe traf den ohnehin schon schwächelnden Nordosten Japans auf der Hauptinsel Honshu, den sie hier Tohoku nennen. Der GAU in der Präfektur Fukushima im AKW an der Küste , die Strahlung, die hier entwich, ist 100 Kilometer weiter nördlich in der Präfektur Miyagi keine unmittelbare Gefahr für die Menschen. Aber ihnen hat die Naturkatastrophe die Existenz geraubt.

Leserkommentare
    • Varech
    • 11. November 2011 20:49 Uhr

    Im 3. Absatz unten schreiben Sie: "... blieb weitestgehend unversehrt." - Echtes Bläh-Deutsch!

  1. Alle Schlüsse die man aus diesem Artikel auf japanische Politiker ziehen kann, sind völlig korrekt.

    Mann muss aber auch bedenken, dass es Menschen wie diese japanischen Fischer sind, die ausnahmslos solche Politiker wählen.... und dies trotz allem auch in Zukunft werden.

  2. Also, nur auf den Fischhafen von Kesennuma einzugehen bzw. die Aussage eines Profs, dass einige Dörfer nicht wiederaufgebaut werden können, um hierfür "Fischer" in einer Überschrift zu verwenden ist ausgesprochen frech und zeugt von absolutem Null-Wissen über die Gegebenheiten an Sanrikus Küste.
    Dass sich DIE ZEIT inzwischen auf solchem Niveau bewegt, zeugt einmal mehr vom Niedergang des Qualitätsjournalismus'.
    Die Fischer sind keineswegs verloren, sonder werden geradezu ermutigt, ihre Fischrei wiederaufzunehmen. Sehr wahrscheinlich mussten die Fischereigenossenschaften im Gegenzug bei den TPP Verhandlungen vorab grünes Licht geben.
    Je nach Fischerei-Art zahlt der Staat 90% (in der Aquakultur, die in Sanriku besonders ausgeprägt ist) der Wiederaufbaukosten. Für die restlichen 10% der Kosten erhalten die Fischer zinslose Darlehen. Zusammen ist dies ein überaus attraktives Angebot.
    Aber all diese "Kleinigkeiten" waren Herrn Stockrahm wohl zu kompliziert...
    Dr, J. Wilhelm, Wien

    Eine Leserempfehlung
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    Wie sie ja selber schreiben ist dies auch bei anderen Medien leider bereits das normale Niveau...

    Die zahlende Kundschaft nimmts halt nicht so genau, denen reicht es, wenn sich das Angebotene mit der eigenen Meinung deckt.

    Wer rechnet in der Zeit Redaktion schon damit, dass dies jemand lesen könnte, der selber dort lebt, oder sich aus anderen Gründen mit so einer Materie auskennt. Politische KOrrektheit betreffs Ausstieg ist derzeit angesagt udn wer weiss schon wie lange. Vielleicht erleben wir ja bald den Ausstieg, aus dem Ausstieg, aus dem Ausstieg, aus dem Ausstieg. Bald sind ja wieder Wahlen....

    In der Japan Times ist heute ein recht realistischer Artikel zum Thema:

    http://www.japantimes.co....

  3. Wie sie ja selber schreiben ist dies auch bei anderen Medien leider bereits das normale Niveau...

    Die zahlende Kundschaft nimmts halt nicht so genau, denen reicht es, wenn sich das Angebotene mit der eigenen Meinung deckt.

    Wer rechnet in der Zeit Redaktion schon damit, dass dies jemand lesen könnte, der selber dort lebt, oder sich aus anderen Gründen mit so einer Materie auskennt. Politische KOrrektheit betreffs Ausstieg ist derzeit angesagt udn wer weiss schon wie lange. Vielleicht erleben wir ja bald den Ausstieg, aus dem Ausstieg, aus dem Ausstieg, aus dem Ausstieg. Bald sind ja wieder Wahlen....

    In der Japan Times ist heute ein recht realistischer Artikel zum Thema:

    http://www.japantimes.co....

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  • Schlagworte AKW | Fischfang | Gebäude | Hafen | Japan | Schiff
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