Das unterschätzte TierMarienkäfer sind unersättlich

Warum sich mit wenig zufriedengeben, wenn man auch viel haben kann? Der Marienkäfer protzt, wo er nur kann: beim Aussehen, beim Fressen, beim Sex. von Claudia Füßler

Marienkäfer Insekt

Ein klassischer rot-schwarzer Marienkäfer mit sieben Punkten. In Deutschland ist diese Form die häufigste.  |  © AP-solution/photocase.com

Der Marienkäfer kleckert nicht, er klotzt. Nicht in dem Sinne, dass er ein besonders fleißiger Zeitgenosse wäre. Nein, das anscheinend so brav und bieder auf den Blättern hockende Käferchen hat’s faustdick hinter den Fühlern. Und einen ausgeprägten Hang zu Maßlosigkeit und Angeberei.

Das geht schon bei den Arten los: DEN Marienkäfer gibt es nicht. Es gibt auch nicht zig Arten oder vielleicht ein paar Hundert. Unfassbare 4.000 Arten Coccinellidae tummeln sich auf unserem Planeten, davon rund 80 in Deutschland . Und als ob es damit nicht genug wäre, hat jede diverse Varianten gebildet. Luzerne-Marienkäfer zum Beispiel gibt es in noch einmal 4.000 einzelnen Farben und Formen.

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Marienkäfer

Der Marienkäfer (Coccinellidae) ist weltweit verbreitet und kommt in warmen Regionen am artenreichsten vor. In Südeuropa gibt es zum Beispiel mehr Arten als im Norden. Die Käfer sind beliebte Nützlinge, weil sie in ihrem Leben bis zu 50.000 Blattläuse und ähnliche Schädlinge vertilgen. Hin und wieder werden sie zu Kannibalen und verspeisen Artgenossen.

Die Marienkäfer sind gute Flieger, allerdings nur über kurze Strecken. Bei ihren längeren Wanderzügen Richtung Winterquartier sind sie auf den Wind angewiesen. Weil sie so die Flugrichtung nicht beeinflussen können, kommt es vor allem an Küsten immer wieder zu "Invasionen" mit mehreren Millionen Tieren.

Der Name "Marienkäfer" stammt aus dem Mittelalter, als Bauern in dem Käfer ein Geschenk der Heiligen Maria sahen.

In der Forschung

Forscher des Julius Kühn-Instituts sammeln gezielt Asiatische Marienkäfer (Harmonia axyridis). Im Labor werden diese sanft gedrückt. Beim folgenden "Reflexbluten", einer Abwehrreaktion der Käfer gegen Feinde, geben sie ein paar Mikroliter Körpersekret ab. Darin enthalten sind hochwirksame Abwehrstoffe gegen Bakterien und Pilze, die tausendmal stärker sein sollen als bei den einheimischen Arten.

Denkbar ist, dass in einigen Jahrzehnten mit diesen Erkenntnissen neue ökologische Pflanzenschutzmittel oder sogar neuartige Antibiotika für den Menschen entstehen könnten.

Quelle: dpa

Masse statt Klasse ist auch das Motto bei den Punkten. Es soll nicht verschwiegen werden, dass einige Arten durchaus mit zwei, vier, fünf, sieben oder zehn Punkten auf ihren harten Deckflügeln auskommen. Doch die Natur scheint wahrhaftig darauf zu pfeifen, dass so ein kleiner, zwischen einem und zwölf Millimeter langer halbkugelförmiger Körper nun einmal nur begrenzten Punkteplatz bietet. Völlig unarrangiert quetschen sich auf dem Rücken mancher Arten bis zu 24 schwarze, braune, rote oder auch mal helle Punkte . Oft verschmelzen sie derart, dass der Käfer aussieht, als wäre er ganz schwarz. Und aus ist die Punktepracht.

Dem in Deutschland am häufigsten Sieben-Punkt-Käfer Coccinella septempunctata kann zumindest das nicht passieren. Falsch ist übrigens die Annahme, die Punkte würden etwas über das Alter des Marienkäfers aussagen. Wer sein Käferdasein mit elf Punkten startet, hat auch als Marienkäfer-Greis keinen einzigen zusätzlichen Punkt.

Auch wenn Maßlosigkeit nicht unbedingt eine Tugend ist, dafür, dass der Marienkäfer sie auch beim Fressen an den Tag legt, sollte man ihm Respekt zollen. Zwischen 50 und 100 Blattläuse , Schildläuse, Spinnmilben, Wanzen und ähnliches Getier, das der Pflanzenfreund nicht im Garten haben möchte, verspeist der Käfer. Das sind bis zu vier Stück pro Stunde.

Ein gelbes Gift schreckt Fressfeinde ab

Solch ein Pensum verträgt keine Störung. Um zeitraubende Rangeleien mit Fressfeinden auf ein Minimum zu reduzieren, hat sich Coccinellidae daher eine umfassende Verteidigungsstrategie aufgebaut: Er sondert bei Gefahr eine gelbliche, übelriechende Flüssigkeit ab, die giftige Alkaloide enthält, und stellt sich dabei tot. Wird er doch verschlungen, ist er kein leckeres Mahl, er schmeckt unangenehm bitter. Und damit der potenzielle Angreifer gleich Bescheid weiß, hat der Marienkäfer seine Deckflügel möglichst knallig – meist rot – gefärbt. Diese Signalfarbe wird von den natürlichen Farbstoffen Alpha- und Betacarotin sowie Lycopin gebildet.

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Arten, Punkte, Blattlausmengen – wer so gerne aus den Vollen schöpft, macht auch bei der Liebe keine Ausnahme. Der Marienkäfer steht auf Sex. Der Akt an sich ist wenig spektakulär, besticht jedoch durch seine Dauer: Bis zu 18 Stunden lang paart sich ein Marienkäferpärchen. Theoretisch würde das eine Mal genügen, um das Weibchen zu befruchten. Doch Marienkäferweibchen lassen sich mehrfach begatten – bis zu zwanzig Mal, von unterschiedlichen Männchen . Gerne auch, während sie fressen.

Es scheint, als seien die kleinen Punktekäfer einfach unersättlich.

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Leserkommentare
    • 3cpo
    • 15. November 2011 9:37 Uhr

    Nicht, dass ich ein Spanner bin. Aber als Kind, da habe ich oft Mariekäfer beim Liebe machen beobachtet. Und ich kann bestätigen: Die haben das wirklich extrem lange durchgezogen. Aber 20mal und auch beim fressen, bis zu 18 Std. lang. War mir neu. Danke dafür. Auch an diese Flüssigkeit erinnere ich mich. Ich dachte alledings, dass sich die Käfer vor Angst in die nicht vorhandenen Hosen scheissen, wenn man sie sich auf die Hand setzt. Auch wieder was gelernt. Das mit den Punkten wusste ich. Leider. Das war für mich immer eine nette märchenhafte Geschichte. Ich bleibe einfach dabei: Je mehr Punkte, desto älter. Wieder ein sehr schöner Artikel. Besonders deshalb, weil der Marienkäfer nicht gerade das exotischste Tier ist.

    cu

    2 Leserempfehlungen
  1. Dieser Artikel verschweigt - oder es ist mir entgangen - dass Norddeutschland alljährlich im Herbst massive Probleme mit den putzigen Tierchen hat.

    Wenn Tausende eine Hauswand bevölkern oder Millionen auf einer Brücke lagern und man nur noch patschende Geräusche vom Zerquetschen der Käfer vernimmmt - dann ist das posierliche Tierchen nicht mehr nett anzusehen sondern letztlich nur noch eine Plage. Eingeschleppt von irgendwelchen Bauern zur Schädlingsbekämpfung - und dann mit invasiver Vermehrung selbst zum Schädling mutiert.

    Und wer jeden Tag davon Hunderte im Hausflur hat (weil: die kommen durch jede Ritze und die Eingangstür geht nach Süden raus) - der kann dem ganzen hier geschilderten Protzen wohl eher nichts mehr abgewinnen.

    2 Leserempfehlungen
  2. dass der Asiatische Marienkäfer unerwähnt bleibt. Denn gerade er entwickelt sich in einigen Gebieten Deutschlands immer mehr zur Plage. Nicht nur, dass er die heimischen Marienkäfer zu verdrängen scheint, im Herbst versuchen sie gerne in warme Wohnungen zu gelangen, um dort zu überwintern.
    Ich musste schon dutzende von diesen Dingern erschlagen.

    2 Leserempfehlungen
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    Vorgestern hatte ich auch ca. 50 Käfer auf der Fensterscheibe sitzen, 10 hatten es bis in die Küche geschafft. Ich habe sie eingesammelt und im Garten wieder ausgesetzt.

    Im April habe ich mal am Jadebusen erlebt, dass der gesamte Weg auf dem Deich von den Tierchen besetzt war. Man konnte praktisch den Untergrund nicht mehr sehen.

    Da bin ich eben woanders spazieren gegangen.

    Man muss doch nicht sofort jede Kreatur erschlagen, wenn sie mal die Habitate der Menschen besucht.

  3. Vorgestern hatte ich auch ca. 50 Käfer auf der Fensterscheibe sitzen, 10 hatten es bis in die Küche geschafft. Ich habe sie eingesammelt und im Garten wieder ausgesetzt.

    Im April habe ich mal am Jadebusen erlebt, dass der gesamte Weg auf dem Deich von den Tierchen besetzt war. Man konnte praktisch den Untergrund nicht mehr sehen.

    Da bin ich eben woanders spazieren gegangen.

    Man muss doch nicht sofort jede Kreatur erschlagen, wenn sie mal die Habitate der Menschen besucht.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Schade,"
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    Hängen Sie mal eine 0 dran - und vermelden das dann als IST Bestand in Küche, Wohnzimmer und Co...

    Und für die eine oder andere Brücke im letzten Jahr: hängen Sie mal ganz viele Nullen dran und stellen sich vor, es handelt sich um eine Verbindungstraße zwischen A und B. Da ist nix mit "Spazieren gehen" - sondern schlichtweg eine beruflich genutzte Straßenverbindung... (Da gab es nämlich keine Straße mehr, sondern eher Bilder aus einem Horrorfilm...)

    ...töte persönlich die Insekten, die mir persönlich als Plage erscheinen. Die Asiatischen Marienkäfer sind nicht nur nicht "heimisch", sondern eben eine Bedrohung für das hiesige Gleichgewicht. Deswegen habe ich keinerlei Skrupel zuzuschlagen. Es handelt sich nicht um sonstige "Eindringlinge" wie Spinnen, die ich übrigens häufig als Mitbewohner akzeptiere. Mücken, Bremsen und eben diese "fiese Typen" haben bei mir allerdings keine Chance.

  4. Hängen Sie mal eine 0 dran - und vermelden das dann als IST Bestand in Küche, Wohnzimmer und Co...

    Und für die eine oder andere Brücke im letzten Jahr: hängen Sie mal ganz viele Nullen dran und stellen sich vor, es handelt sich um eine Verbindungstraße zwischen A und B. Da ist nix mit "Spazieren gehen" - sondern schlichtweg eine beruflich genutzte Straßenverbindung... (Da gab es nämlich keine Straße mehr, sondern eher Bilder aus einem Horrorfilm...)

  5. 6. Ich...

    ...töte persönlich die Insekten, die mir persönlich als Plage erscheinen. Die Asiatischen Marienkäfer sind nicht nur nicht "heimisch", sondern eben eine Bedrohung für das hiesige Gleichgewicht. Deswegen habe ich keinerlei Skrupel zuzuschlagen. Es handelt sich nicht um sonstige "Eindringlinge" wie Spinnen, die ich übrigens häufig als Mitbewohner akzeptiere. Mücken, Bremsen und eben diese "fiese Typen" haben bei mir allerdings keine Chance.

    • sauce
    • 15. November 2011 19:49 Uhr

    Der asiatische Marienkäfer ist fast der lästige "Schwarmkäfer" der im Herbst massenhaft in Wohnräume eindringt, viel schlimmer aber: er ist noch deutlich gefräßiger als die bisher heimischen Arten. Genau darum wurde er ursprünglich mal eingeführt. Leider beschränkt sich sein Appetit nicht auf seinen geplanten Speiseplan (Blattläuse ) - er frißt auch gerne mal Artgenossen (heimische Art) und deren Larven.
    Genau darum wird er nun zur echten Gefahr für den 7-Punktler. Ich töte mir mißliebige Insekten nur ganz selten (eigentlich nur Stechmücken..... aber die haben ja auch angefangen! ) - aber wenn ich einen asiatischen Marienkäfer sehe, kenne ich keine Gnade, mir ist der Heimische einfach zu lieb.

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  • Serie Das unterschätzte Tier
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Tier | Garten | Planet
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