ZEIT ONLINE : Die berühmte Hockeyschläger-Kurve hat auch in der Debatte um die Glaubwürdigkeit der Klimaberichte des Weltklimarates IPCC eine Rolle gespielt: Sie veranschaulicht in ihrer Ursprungsfassung drastisch, wie rasant die globale Temperatur auf der Nordhalbkugel seit der Industrialisierung angestiegen ist. Gibt es an dieser Kurve im Nachhinein etwas zu korrigieren?

Raymond Bradley : Nein, die Kurve ist robust. Sie war nur eine von Hunderten Grafiken im IPCC-Bericht. Doch die Klimaleugner in der US-Industrie hofften, die Glaubwürdigkeit des IPCC untergraben zu können, indem sie die Kurve anzweifeln. Sie versuchten, unseren Ruf als Wissenschaftler zu beschädigen. Einige Kongressabgeordnete, die Marionetten der Ölindustrie sind, verlangten von uns, detaillierte Nachweise über alle Finanztransaktionen der vergangenen Jahre vorzulegen. Es ist unangenehm, wenn einem der Kongress derart im Nacken sitzt.

ZEIT ONLINE : Das war 2005. Seither haben mehrere Kommissionen ihr Klimadiagramm bestätigt. Hat sich jemand bei Ihnen entschuldigt?

Bradley : Nein, stattdessen gehen die Angriffe weiter. Michael Mann, der Hauptautor der Kurve, ist noch immer unter Beschuss . Mitte November musste er sich gegen die Klage einer rechten Vereinigung wehren, die alle E-Mails aus seiner Zeit an der University of Virginia veröffentlicht haben wollte.

ZEIT ONLINE : Fühlen Sie sich persönlich bedroht?

Bradley : Jetzt nicht mehr. Meiner Karriere können sie nicht mehr schaden. Damals habe ich mich sehr wohl bedroht gefühlt. Diese Leute missbrauchen die Macht des Staates, um Bürger einzuschüchtern.

ZEIT ONLINE : Was hat sich unter Barack Obama verändert?

Bradley : James Inhofe , ein Senator aus Oklahoma, hat 2010 das Justizministerium aufgefordert, siebzehn Klimaforscher, darunter auch mich, wegen Betrugs anzuklagen. Das Justizministerium hat nicht reagiert. Würde Obama im kommenden Jahr abgewählt, könnte das wieder anders werden.

ZEIT ONLINE : Erwarten Sie einen amerikanischen Beitrag zu der Klimakonferenz in Durban?

Bradley : Nein. Bis zur nächsten Wahl haben wir totalen Stillstand, kein Gesetz kann verabschiedet werden. Was auch immer unsere Delegation in Durban unterschreiben wird – es bedeutet überhaupt nichts.

ZEIT ONLINE : Und nach der Präsidentschaftswahl?

Bradley : Nur wenn Obamas Wiederwahl durch eine neue Mehrheit im Kongress ergänzt wird, kann sich etwas ändern. Solange der von der rechten Tea Party dominiert wird, die nur Nein sagt, wird es schwer für Obama.

ZEIT ONLINE : Sie waren Mitautor des IPCC-Berichts. Sind Sie weiterhin beteiligt?

Bradley : Ich bin nur Reviewer , nicht Autor. Einer der Gründe ist die Behauptung, dass der IPCC aus einer alten Clique bestehe, die für sich selbst Reklame mache. Deshalb habe ich beschlossen, zu gucken, ob neue Leute zum gleichen Ergebnis kommen. Und natürlich tun sie das.