AtomkraftwerkAbriss von Fukushima-1 soll mindestens 40 Jahre dauern

Japans Regierung hat Pläne für die Bergung der Brennelemente aus der havarierten Anlage Fukushima-Daiichi verkündet. Die Abwicklung der Ruinen wird Jahrzehnte benötigen. von AFP und Reuters

Die Demontage des havarierten Atomkraftwerks Fukushima wird mindestens 40 Jahre dauern. Das geht aus ambitionierten Plänen der japanischen Regierung hervor. Der Abriss werde in mehreren Etappen erfolgen, sagte Umweltminister Goshi Hosono.

Bereits in zwei Jahren sollen Arbeiter damit beginnen ausrangierte Brennelemente zu bergen, die in den Abklingbecken der zum Teil schwer beschädigten Reaktoren lagern. Allein das werde mehrere Jahre dauern, da die Kühlsysteme und Becken neu instand gesetzt werden müssten.

Sehr viel schwieriger wird die Beseitigung der geschmolzenen Kernbrennstäbe. Temperatur- und Radioaktivitätsmessungen belegen, dass die Brennelemente in den Blöcken 1 bis 3 des AKWs  Fukushima-Daiichi nach dem Erdbeben und Tsunami vom 11. März geschmolzen sind. Zuvor war das Wasserkühlsystem ausgefallen und hatte das radioaktive Material komplett freigelegt. Innerhalb weniger Stunden verflüssigte es sich. Die Bergung dieses Atommaterials soll in zehn Jahren beginnen und binnen 20 Jahren abgeschlossen werden, sagte Hosono. Hierfür seien neue technische Anlagen nötig. Die Arbeiten sollten erfolgen, ohne dass sich neue Risiken für die Bevölkerung ergäben.

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Das Erdbeben vom 11. März

In fast 90 Prozent der Fälle werden Tsunamis durch Seebeben ausgelöst. Dabei brechen oder reißen aufeinander stoßende Erdplatten und erschüttern den Untergrund des Ozeans. In Japan taucht die Pazifische unter die Eurasische Platte.

Infografik Erdbeben
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Klicken Sie auf das Bild, um die Weltkarte der Erdbebengefahr herunterzuladen  |  © Anne Gerdes/ZEIT Grafik

Durch solche Erdverschiebungen können gewaltige Wassermassen in Bewegung gesetzt werden. Einmal angestoßen, beginnt eine Kettenreaktion: So wie ein Dominostein den nächsten anstößt, pflanzt sich die Bewegungsenergie im Wasser fort – mit einer Geschwindigkeit von bis zu 800 Kilometern in der Stunde.

In Japan ereignete sich am 11. März 2011 um 14.46 Uhr Ortszeit (06.46 Uhr MEZ) ein großes Erdbeben der Stärke 9. Zahlreiche weitere Beben erschütterten die Region. Das Epizentrum lag 130 Kilometer östlich der Stadt Sendai und fast 400 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Tokyo. Das Beben löste mehrere Flutwellen aus, die weite Landstriche verwüsteten.

Mehr als 15.800 Menschen starben durch die Naturkatastrophen, mehr als 3.200 gelten weiterhin als vermisst. Rund 120.000 Gebäude wurden zerstört, Hunderttausende weitere zum Teil erheblich beschädigt (Quelle: National Police Agency, Japan).

Der Tsunami

Eigentlich bedeutet das japanische Wort Tsunami "Hafenwelle". Meist ist es aber nicht eine einzige Welle, die ausgelöst durch ein Erdbeben die Küsten trifft, sondern die Erschütterungen lösen gleich eine ganze Serie von Flutwellen aus.

Treffen diese Wellen nach ihrer rasanten Ausbreitung über den offenen Ozean auf flachere Gewässer, türmen sich die Wassermassen meterhoch auf. Als gewaltige Brecher schlagen die Fluten an Land und können so kilometerweit ins Landesinnere vordringen.

Mit Beben muss man auf Japans Hauptinsel Honshu stets rechnen. Das Land liegt im Bereich des Pazifischen Feuerrings. Damit ist ein Vulkangürtel gemeint, der den Pazifischen Ozean umringt.

GAU in Fukushima

Während des Bebens am 11. März 2011 wurde auch das an der Ostküste der Präfektur Fukushima gelegene Atomkraftwerk Fukushima-1 beschädigt. Der anschließende Tsunami zerstörte sowohl die Notstromversorgung als auch wichtige Kontrollmöglichkeiten der sechs Reaktoren.

Grafik Radioaktivität
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Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF-Datei herunterzuladen.  |  © Julika Altmann

Nachdem das Kühlsystem ausfiel, kam es zu mehreren Explosionen durch entzündeten Wasserstoff. Die Wände der Reaktoren 1, 2, 3 und 4 wurden teils schwer dadurch beschädigt. Zudem ereigneten sich Kernschmelzen in den Reaktoren 1 bis 3. Radioaktivität trat in hohen Mengen in die Umwelt aus.

Das umliegende Gebiet musste evakuiert werden. Noch immer sind Städte und Dörfer in einem Radius von 20 Kilometern um die Atomanlage gesperrt. Mindestens 60.000 Menschen mussten ihre Heimat verlassen.

Der AKW-Betreiber Tepco versucht, die havarierten Reaktoren langfristig unter Kontrolle zu halten. Die Regierung schätzt, dass eine sichere Demontage von Fukushima-Daiichi mindestens 40 Jahre dauern werde. Im Dezember verkündete sie die Kaltabschaltung des Kraftwerks, allerdings ist umstritten, wie sicher die Lage dort wirklich ist.

Kritik an der verkündeten "Kaltabschaltung" der Anlage

Bis zur kompletten Stilllegung der Atomanlage würden 30 bis 40 Jahre vergehen. Dies heiße aber nicht, dass die Menschen aus der Umgebung nicht in ihre Häuser zurückkehren könnten, sagte Handelsminister Yukio Edano. Etwa 80.000 Menschen mussten im Umkreis von 20 Kilometern wegen der hohen Strahlenbelastung und aus Sicherheitsgründen ihre Wohnungen verlassen. Die ersten von ihnen sollen bereits im kommenden Frühjahr zurückkehren dürfen. Bereits Ende September konnten Menschen in einige Städte am Rande der Sperrzone zurückkehren. Die Strahlenbelastung schwankt von Ort zu Ort dramatisch. Manche Gemeinden wurden weitestgehend vom radioaktiven Fallout verschont, andere wurden evakuiert, obwohl sie rund 40 Kilometer vom AKW entfernt liegen.

Vergangenen Freitag hatte die Regierung bereits erklärt, die Reaktoren auf der Anlage seien mittlerweile im Zustand einer "Kaltabschaltung". Kerntechniker und Nuklearexperten kritisieren allerdings diese Einschätzung. Zwar habe sich die Lage auf der Anlage deutlich stabilisiert, doch sei man weit davon entfernt, sie unter Kontrolle zu haben. Zudem gelten die Kriterien einer Kaltabschaltung, also der Zustand, in dem eine Kettenreaktion langfristig durch funktionierende Kühlsysteme unterbunden werden kann, nur für technisch einwandfrei funktionierende Anlagen.

Leserkommentare
  1. zu wissen glaubt, wie man ein havariertes Kernkraftwerk inclusive Kernschmelze entfernt, habe ich einen Vorschlag zu machen:

    Sie könnten in den kommenden zehn Jahren, bis die Abtragung der Kernschmelzen in Fukushima losgehen kann, doch schon mal die Kernschmelze aus dem Reaktorblock 4 von Tschernobyl abtragen.

    Das bringt Übung und ist vermutlich sogar noch einfacher, denn die Schmelze in diesem Reaktorblock wird schon seit über 25 Jahren gekühlt und durch den Brand in den ersten Tagen nach der Katastrophe ist dort viel weniger radioaktives Ausgangsmaterial übrig geblieben als in jedem der Reaktoren von Fukushima.

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    • brm2000
    • 21. Dezember 2011 12:50 Uhr

    wenn sie schon keine Ahnung haben, dann sollten Sie sich auch die zynischen Kommentare ersparen! Der Kern des Unglückreaktors von Three Mile Island in den USA in dem sich ebenfalls eine Kernschmelze ereignet hat wurde innerhalb von 12 Jahren nach dem Unfall komplett zurückgebaut. Daran kann man sich natürlich orientieren. Zur Erinnerung, die Arbeiten wurden übrigens mit den Mitteln der 80er Jahre durchgeführt.

    Bitte bemühen Sie sich um einen höflichen Diskussionston. Danke, die Redaktion/ls

    • brm2000
    • 21. Dezember 2011 12:50 Uhr

    wenn sie schon keine Ahnung haben, dann sollten Sie sich auch die zynischen Kommentare ersparen! Der Kern des Unglückreaktors von Three Mile Island in den USA in dem sich ebenfalls eine Kernschmelze ereignet hat wurde innerhalb von 12 Jahren nach dem Unfall komplett zurückgebaut. Daran kann man sich natürlich orientieren. Zur Erinnerung, die Arbeiten wurden übrigens mit den Mitteln der 80er Jahre durchgeführt.

    Bitte bemühen Sie sich um einen höflichen Diskussionston. Danke, die Redaktion/ls

    Antwort auf "Da die jap. Regierung "
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    Sehr geehrter brm2000,

    wenn die Ahnung bei Ihnen beheimatet sein sollte, dann erklären Sie mir doch bitte:

    1) Weshalb lässt sich die Erfahrung von Harrisburg nicht auf Tschernobyl übertragen?

    2) Weshalb sind Sie der Ansicht, dass sich Fukushima eher mit Harrisburg als mit Tschernobyl verleichen lässt?

    Bem: In Three Mile Island wurden nach meiner Kenntnis weder der Reaktordruckbehälter noch die übrige Infrastruktur, wie Kühlkreisläufe und Krane, zerstört.

  2. Löblich, dass sie das Problem nicht mit einer Kuppel aus Zement lösen wollen.

    Mich würde interessieren, wie sie die Anlage von radioaktiven Stoffen befreien möchten.
    Gibt es dazu vielleicht irgendwelche Pressemeldungen?

  3. Sehr geehrter brm2000,

    wenn die Ahnung bei Ihnen beheimatet sein sollte, dann erklären Sie mir doch bitte:

    1) Weshalb lässt sich die Erfahrung von Harrisburg nicht auf Tschernobyl übertragen?

    2) Weshalb sind Sie der Ansicht, dass sich Fukushima eher mit Harrisburg als mit Tschernobyl verleichen lässt?

    Bem: In Three Mile Island wurden nach meiner Kenntnis weder der Reaktordruckbehälter noch die übrige Infrastruktur, wie Kühlkreisläufe und Krane, zerstört.

    Antwort auf "keine Ahnung"
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    • brm2000
    • 21. Dezember 2011 14:45 Uhr

    Ich weiß leider nicht so genau, wo ich anfangen soll, wie Ihre Grundlagen sind.
    Die Erfahrungen von TMI lassen sich nicht auf Tschernobly übertragen, denn dort handelt es sich um einen Grundsätzlich anderen Reaktortyp (riesiger Kern, Graphitmoderator...) mit komplett anderem Aufbau. Zusätzlich wurde in Tschernobyl die Reaktorkernstruktur und alle umgebenden Strukturen durch eine Explosion zerstört. Bei TMI handelt es sich um einen klassischen Leichtwasserreaktor (DWR). In Fukushima ist es ein Siedewasserreaktor. Trotzdem der grundsätzliche Aufbau des Reaktorkerns ist grob gesagt ähnlich (Brennelemente, die im Wasser stehen 'sollten'- ein großer Druckbehälter drumherum). In TMI trat eine Kernschmelze auf, die im Reaktorbehälter gestoppt werden konnte, trotzdem wurde ein nicht zu vernachlässigender Teil der Brennelemente geschmolzen und auch das Containment kontaminiert. So komisch sich das jetzt für Sie anhört, die Situation in Fukushima ist ähnlich, die Kerne werden teilweise/weitgehend geschmolzen sein und er größte Teil des Brennstoffes wird sich innerhalb des Druckbehälters befinden. Die Kühlung ist provisorisch wiederhergestellt, sicherlich sind mehr umgebende Strukturen beschädigt als in TMI, aber die Druckbehäter und die umgebenden Sicherheitsbehäter sind weitgehend intakt. Wenn der Schutt im ehemaligen REaktorgebäude weggeräumt ist, mmüssen sowieso spezialmaschinen zum Einsatz kommen, siehe
    www.youtube.com/watch?v=o... falls es Sie genauer interssiert

    • hermse
    • 21. Dezember 2011 14:55 Uhr

    Also in dem Reaktor von Tschernobly wurde ein komplett anderes Prinzip zur Energieerzeugung eingesetzt als in Fukushima (man munkelt es ginge in Tschernobyl in erster Linie darum Material für Kernwaffen zu gewinnen). Wenn ich mich nicht irre wurde hier mit Graphit als Moderator gearbeitet. Was zur Auswirkung hatte, dass der Reaktor aus sich heraus explodiert ist. In Japan ist "nur" das Gebäude drum herum zerstört worden. Das ist ein extremer Unterschied.

    Daher glaube ich, das die Maßnahmen einer Zurückbauung absolut nicht vergleichbar sind.

    • brm2000
    • 21. Dezember 2011 14:45 Uhr

    Ich weiß leider nicht so genau, wo ich anfangen soll, wie Ihre Grundlagen sind.
    Die Erfahrungen von TMI lassen sich nicht auf Tschernobly übertragen, denn dort handelt es sich um einen Grundsätzlich anderen Reaktortyp (riesiger Kern, Graphitmoderator...) mit komplett anderem Aufbau. Zusätzlich wurde in Tschernobyl die Reaktorkernstruktur und alle umgebenden Strukturen durch eine Explosion zerstört. Bei TMI handelt es sich um einen klassischen Leichtwasserreaktor (DWR). In Fukushima ist es ein Siedewasserreaktor. Trotzdem der grundsätzliche Aufbau des Reaktorkerns ist grob gesagt ähnlich (Brennelemente, die im Wasser stehen 'sollten'- ein großer Druckbehälter drumherum). In TMI trat eine Kernschmelze auf, die im Reaktorbehälter gestoppt werden konnte, trotzdem wurde ein nicht zu vernachlässigender Teil der Brennelemente geschmolzen und auch das Containment kontaminiert. So komisch sich das jetzt für Sie anhört, die Situation in Fukushima ist ähnlich, die Kerne werden teilweise/weitgehend geschmolzen sein und er größte Teil des Brennstoffes wird sich innerhalb des Druckbehälters befinden. Die Kühlung ist provisorisch wiederhergestellt, sicherlich sind mehr umgebende Strukturen beschädigt als in TMI, aber die Druckbehäter und die umgebenden Sicherheitsbehäter sind weitgehend intakt. Wenn der Schutt im ehemaligen REaktorgebäude weggeräumt ist, mmüssen sowieso spezialmaschinen zum Einsatz kommen, siehe
    www.youtube.com/watch?v=o... falls es Sie genauer interssiert

    Antwort auf "also doch Ahnung?"
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    So viel ich weiß, wurde Three Mile Island gerade so weit zurückgebaut, wie es machbar und bezahlbar war, und der Rest der verstrahlten Ruine wurde für ungefährlich erklärt.

    Stand heute ist, dass nun gewartet wird, bis die Strahlung geringer ist und dann vielleicht weiter zurückgebaut wird.

    Von "fertiggestellt" in irgend einer Hinsicht kann also keine Rede sein.

    für Ihre Einschätzung!
    Ihre Argumentation startet bei den funktionierenden Reaktoren und stellt aus dieser Warte Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede fest.

    Wenn man von den beschädigten Reaktoren startet, zeigen sich die Gemeinsamkeiten und Unterschiede nach meiner Einschätzung gerade umgekehrt:

    In TMI konnte sofort nach Einsetzen der Schmelze wieder regulär gekühlt werden. Der Kern ist deshalb nur teilweise geschmolzen.
    Ferner blieb die Reaktordruckhülle intakt. Im Grunde genommen war TMI ein beinahe Unfall. Die Amerikaner haben damals mit dem Verlauf, nach meiner Ansicht, sehr viel Glück gehabt.

    In Fukushima-Daiichi sind (gemäß dem Informationskasten Lage in Fukushima-1) in allen Fällen die Reaktordruckbehälter geborsten. Es tritt vermutlich auch weiterhin Strahlung aus (andernfalls bräuchte man keine Zeltdächer). Jedenfalls kann keines der Reaktorgebäude betreten werden: Das Containment ist kaputt, die Strahlung ist zu hoch.
    Das ist eine Situation wie in Tschernobyl, wo man auch nicht an den Kern herankommt.

    Die übrigen Informationen (siehe Informationskasten) sind folglich zum großen Teil Vermutungen, und Vieles ist noch unklar. Diese Sitation ist sogar schlechter als in Tschernobyl, wo man sehr genau weiss, wo sich der geschmolzene Kern befindet.

    Um mit einem Gleichnis zu enden: Wenn das Auto verbrannt ist, was kümmert es mich dann ob es ein Diesel oder ein Benziner war?

    • hermse
    • 21. Dezember 2011 14:55 Uhr

    Also in dem Reaktor von Tschernobly wurde ein komplett anderes Prinzip zur Energieerzeugung eingesetzt als in Fukushima (man munkelt es ginge in Tschernobyl in erster Linie darum Material für Kernwaffen zu gewinnen). Wenn ich mich nicht irre wurde hier mit Graphit als Moderator gearbeitet. Was zur Auswirkung hatte, dass der Reaktor aus sich heraus explodiert ist. In Japan ist "nur" das Gebäude drum herum zerstört worden. Das ist ein extremer Unterschied.

    Daher glaube ich, das die Maßnahmen einer Zurückbauung absolut nicht vergleichbar sind.

    Antwort auf "also doch Ahnung?"
  4. Dort kam nicht auf die Idee eine Rückkehr der Bewohner zu gestatten. Naja, Harakiri ist ja dort Teil der Kultur.

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