Die Atomkatastrophe von Fukushima ist nach Einschätzung der japanischen Regierung neun Monate nach ihrem Beginn vorerst unter Kontrolle. Die Reaktoren in der havarierten Anlage befänden sich "im Zustand der Kaltabschaltung", sagte Regierungschef Yoshihiko Noda bei einem Treffen mit der Atom-Taskforce des Landes. Die Kaltabschaltung sei eine entscheidende Etappe: Die Temperaturen im Inneren der maroden und zum Teil stark beschädigten Reaktoren lägen nun konstant unter 100 Grad. Eine Kernspaltung sei daher nicht mehr möglich und der Brennstoff kontrollierbar.

Einige Umweltaktivisten kritisieren die Verkündung als bewusste Irreführung der Bevölkerung und werfen der Regierung einen falschen Gebrauch des technischen Begriffs der Kaltabschaltung vor. "Hier von Kaltabschaltung zu sprechen grenzt an einer bewussten Lüge", sagte Reinhard Uhrig, Atomexperte der Umweltschutzorganisation Global 2.000.

Rein technisch betrachtet, erfüllen die Angaben der Regierung und des Betreibers Tepco aber durchaus die Kriterien einer Kaltabschaltung. Diese ist etwa laut der amerikanischen Atomaufsicht NRC gegeben, wenn im Innern eines Reaktors der Druck nicht erhöht ist und die Temperaturen unterhalb von 200 Grad Fahrenheit (rund 93 Grad Celsius) liegen. Dann findet auch keine Kernspaltung mehr statt.

"Kein akutes Unfallgeschehen mehr"

Dennoch sagt auch Sven Doktor von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit zu ZEIT ONLINE: "Diese Definition ist nicht für die Lage nach einem katastrophalen Unfall gedacht". Daher sei eine Kritik an der Verkündung der japanischen Regierung nachvollziehbar. "Die Verwendung des Begriffs ist schon geeignet, eine Normalität zu suggerieren, die beim derzeitigen Zustand der Anlage so nicht gegeben ist." In drei der Reaktoren der Anlage ist es zum GAU gekommen. Hier schmolz der Kernbrennstoff und leckt möglicherweise zum Teil aus den Behältern. Nach wie vor besteht ein provisorisches Nachkühlsystem, das Tepco seit dem verheerenden Beben vom 11. März einrichten ließ. Und noch immer werden radioaktive Stoffe frei, wenn auch in geringen Mengen.

Rolf Michel, der Chef der Strahlenschutzkommission, sagt, man müsse die Aussagen des japanischen Premiers differenziert betrachten. Der Weg sei noch lang, bis man von einer wirklich kontrollierten Situation am AKW sprechen könne. Die Arbeiten gingen aber weitestgehend planmäßig voran. "Es wird weitere Rückschläge geben, doch befinden wir uns derzeit nicht mehr in einem akuten Unfall- und Notfallgeschehen", sagte Michel ZEIT ONLINE. Die Lage sei gemessen an der Tragweite des GAUs mittlerweile einigermaßen gesichert. Sofern es nicht erneut zu starken Beben oder gar einen Tsunami komme, seien größere Unfälle auf der Anlage vorerst nicht zu erwarten.