UntersuchungskommissionFukushima-Bericht erhebt schwere Vorwürfe gegen Tepco

Fehlende Sicherheitsvorkehrungen, chaotische Rettungsaktionen, schlecht ausgebildete Arbeiter: Ein Untersuchungsbericht zum Reaktorunglück belastet AKW-Betreiber Tepco. von dpa und AFP

Neun Monate nach der Katastrophe von Fukushima erhebt ein Zwischenbericht schwere Vorwürfe gegen den Betreiber Tepco und die japanische Regierung. Sowohl Tepco als auch die zuständigen Behörden seien auf eine Katastrophe dieses Ausmaßes vollkommen unvorbereitet gewesen, zitierten lokale Medien aus dem Bericht, den eine unabhängige Kommission im Auftrag von Japans Regierung verfasst hat. Tepco selbst hatte behauptet, keine Fehler im Umgang mit dem Unglück gemacht zu haben. Laut Bericht aber trägt der Atomanlagenbetreiber Verantwortung für die Katastrophe.

Die Reaktion auf das Unglück sei unkoordiniert gewesen, die Kommunikation mangelhaft. Tepco habe wichtige Informationen nur langsam an die Regierung weitergegeben, diese wiederum habe beim Zusammentragen der Information schlecht reagiert. Schon im Vorfeld sei das Risiko unterschätzt worden. Tepco hätte die nötigen Vorkehrungen für ein Reaktorunglück treffen müssen. "Selbst wenn es sich hier um ein sehr unwahrscheinliches Phänomen handelt, bedeutet das nicht, dass man es einfach ignorieren kann", heißt es im Bericht, der rund 500 Seiten umfasst.

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Arbeiter waren nicht ausreichend geschult

Tepco habe seine Arbeiter nicht ausreichend ausgebildet, um das Unglück zu bewältigen. Durch die falsche Annahme etwa, das Kühlsystem in Reaktor 1 sei unbeschädigt, hätten sich die Rettungsarbeiten verzögert. In Reaktor 3 hätten die Arbeiter die Notkühlung gestoppt, ohne dies zu melden. Demnach wäre möglicherweise weniger Radioaktivität ausgetreten, wenn sie in beiden Fällen richtig reagiert hätten.

Der Bericht lässt Chaos bei den Rettungsarbeiten vermuten: Die Mitarbeiter hätten auf Taschenlampen zurückgreifen müssen, als der Strom im Werk ausfiel. Auch ihre Handys seien ausgefallen. Das habe die Kommunikation mit dem Koordinierungsbüro im Werk erschwert.

Das Erdbeben vom 11. März

In fast 90 Prozent der Fälle werden Tsunamis durch Seebeben ausgelöst. Dabei brechen oder reißen aufeinander stoßende Erdplatten und erschüttern den Untergrund des Ozeans. In Japan taucht die Pazifische unter die Eurasische Platte.

Infografik Erdbeben
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Klicken Sie auf das Bild, um die Weltkarte der Erdbebengefahr herunterzuladen  |  © Anne Gerdes/ZEIT Grafik

Durch solche Erdverschiebungen können gewaltige Wassermassen in Bewegung gesetzt werden. Einmal angestoßen, beginnt eine Kettenreaktion: So wie ein Dominostein den nächsten anstößt, pflanzt sich die Bewegungsenergie im Wasser fort – mit einer Geschwindigkeit von bis zu 800 Kilometern in der Stunde.

In Japan ereignete sich am 11. März 2011 um 14.46 Uhr Ortszeit (06.46 Uhr MEZ) ein großes Erdbeben der Stärke 9. Zahlreiche weitere Beben erschütterten die Region. Das Epizentrum lag 130 Kilometer östlich der Stadt Sendai und fast 400 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Tokyo. Das Beben löste mehrere Flutwellen aus, die weite Landstriche verwüsteten.

Mehr als 15.800 Menschen starben durch die Naturkatastrophen, mehr als 3.200 gelten weiterhin als vermisst. Rund 120.000 Gebäude wurden zerstört, Hunderttausende weitere zum Teil erheblich beschädigt (Quelle: National Police Agency, Japan).

Der Tsunami

Eigentlich bedeutet das japanische Wort Tsunami "Hafenwelle". Meist ist es aber nicht eine einzige Welle, die ausgelöst durch ein Erdbeben die Küsten trifft, sondern die Erschütterungen lösen gleich eine ganze Serie von Flutwellen aus.

Treffen diese Wellen nach ihrer rasanten Ausbreitung über den offenen Ozean auf flachere Gewässer, türmen sich die Wassermassen meterhoch auf. Als gewaltige Brecher schlagen die Fluten an Land und können so kilometerweit ins Landesinnere vordringen.

Mit Beben muss man auf Japans Hauptinsel Honshu stets rechnen. Das Land liegt im Bereich des Pazifischen Feuerrings. Damit ist ein Vulkangürtel gemeint, der den Pazifischen Ozean umringt.

GAU in Fukushima

Während des Bebens am 11. März 2011 wurde auch das an der Ostküste der Präfektur Fukushima gelegene Atomkraftwerk Fukushima-1 beschädigt. Der anschließende Tsunami zerstörte sowohl die Notstromversorgung als auch wichtige Kontrollmöglichkeiten der sechs Reaktoren.

Grafik Radioaktivität
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Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF-Datei herunterzuladen.  |  © Julika Altmann

Nachdem das Kühlsystem ausfiel, kam es zu mehreren Explosionen durch entzündeten Wasserstoff. Die Wände der Reaktoren 1, 2, 3 und 4 wurden teils schwer dadurch beschädigt. Zudem ereigneten sich Kernschmelzen in den Reaktoren 1 bis 3. Radioaktivität trat in hohen Mengen in die Umwelt aus.

Das umliegende Gebiet musste evakuiert werden. Noch immer sind Städte und Dörfer in einem Radius von 20 Kilometern um die Atomanlage gesperrt. Mindestens 60.000 Menschen mussten ihre Heimat verlassen.

Der AKW-Betreiber Tepco versucht, die havarierten Reaktoren langfristig unter Kontrolle zu halten. Die Regierung schätzt, dass eine sichere Demontage von Fukushima-Daiichi mindestens 40 Jahre dauern werde. Im Dezember verkündete sie die Kaltabschaltung des Kraftwerks, allerdings ist umstritten, wie sicher die Lage dort wirklich ist.

Kritik übt der Bericht auch an ungenauen Regierungsvorgaben für die Evakuierung betroffener Regionen. Einige Bewohner sollen dabei in radioaktiv verseuchte Gegenden gebracht worden sein.

Die japanische Regierung hatte eine unabhängige Kommission unter der Leitung des Ingenieurwissenschaftlers Yotaro Hatamura beauftragt, die Vorfälle zu untersuchen. Der Bericht basiert auf 900 Interviewstunden mit 456 Beteiligten. Im Sommer wird der Abschlussbericht erwartet. Darin sollen auch Interviews mit Regierungsvertretern, wie dem damaligen Ministerpräsident Naoto Kan, ausgewertet werden.

Leserkommentare
  1. Wie sind wir und unsere Nachbarländer auf eine Katastrophe ähnlichen Ausmaßes vorbereitet? Die Offizielle Linie scheint immer "Bei uns passiert so etwas nicht".

    Sind die Katastrophen- und Notfallpläne in Europa und Deutschland geeigneter? Ich bitte um Journalistische Recherche.

    Eine Leserempfehlung
  2. Redaktion

    Lieber Leser,

    zu Ihrer Frage empfehle ich, noch einmal das sehr umfassende Dossier aus der ZEIT zu diesem Thema:

    http://www.zeit.de/2011/1...

    Herzliche Grüße.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Danke für den Link. Ich meinte aber nicht die technische Sicherheit - hier wissen wir aus den letzten Monaten, in welchem Umfang sie gegeben ist und wo technische Grenzen der heutigen Kraftwerke liegen (also für welchen GAU sie ausgelegt wurden).

    Ich wollte vielmehr nach den Notfallplänen der AKW-Betreiber und der Regierung fragen. Wer ist für was verantwortlich. Sind die Behörden auf die Evakuierung vorbereitet? Gibt es genug Jodtabletten, die an die Bevölkerung ausgegeben werden? Wer geht im Falle eines Unfalls in die Kraftwerke um sie herunterzufahren, falls es nicht mehr sicher ist die AKWs in den Notleitständen zu steuern?

  3. 3. Danke

    Danke für den Link. Ich meinte aber nicht die technische Sicherheit - hier wissen wir aus den letzten Monaten, in welchem Umfang sie gegeben ist und wo technische Grenzen der heutigen Kraftwerke liegen (also für welchen GAU sie ausgelegt wurden).

    Ich wollte vielmehr nach den Notfallplänen der AKW-Betreiber und der Regierung fragen. Wer ist für was verantwortlich. Sind die Behörden auf die Evakuierung vorbereitet? Gibt es genug Jodtabletten, die an die Bevölkerung ausgegeben werden? Wer geht im Falle eines Unfalls in die Kraftwerke um sie herunterzufahren, falls es nicht mehr sicher ist die AKWs in den Notleitständen zu steuern?

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, AFP
  • Schlagworte AKW | Evakuierung | Katastrophe | Kommunikation | Reaktor | Erdbeben
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