Anthropozän : Das Zeitalter der Menschen

Die Menschheit hinterlässt täglich ihre Spuren auf der Erde. Welche das sind, entscheiden wir selbst, schreibt Leser Sebastian Purwins.

Geologen diskutieren seit Jahren über eine neue Epoche der Erdgeschichte: das Anthropozän. Noch sind sie sich nicht einig, wann diese Epoche begonnen hat. Einige schlagen das 18. Jahrhundert und die damit einsetzende Industrialisierung vor. Andere sehen das 20. Jahrhundert als den Beginn des neuen Zeitalters. Wieder andere sind der Meinung, erst in einigen hundert Jahren würde eine neue Epoche beginnen.

In einem sind sich alle Wissenschaftler einig: Das Anthropozän ist die Epoche, in der die Menschheit die Landschaft und die Umwelt tiefgreifend verändert. Damit sind nicht die scheinbar offensichtlichen Veränderungen wie etwa die Städte aus Stahl und Beton gemeint, oder die Flächen, die zur Landwirtschaft genutzt werden. Diese würden nach einigen Tausend Jahren nicht mehr existieren, falls die Menschheit aussterben sollte. Die Erosion und die folgenden Prozesse würden diese Fußabdrücke verschwinden lassen.

Gemeint sind die weniger sichtbaren Eingriffe in die Natur, wie zum Beispiel die CO2-Emissionen und der damit verbundene Klimawandel, aber auch andere Eingriffe in Naturkreisläufe. Etwa der empfindliche Kreislauf der Regenwälder, der durch Rodung massiv gestört wird. Diese Störungen werden die schlimmsten Spuren hinterlassen und können nur von Nachteil für uns sein.

Den Begriff Anthropozän hat der Atmosphärenchemiker und Nobelpreisträger Paul Crutzen im Jahr 2002 geprägt. Er erkannte, dass wir nicht länger vom Quartär reden können. Laut den Geologen stehen wir gerade wieder an einer Epochenwende, denn der Mensch prägt Umwelt und Natur.

Die Wortschöpfung Anthropozän wollte Crutzen daher als Warnung verstanden wissen. Wir sollten sie ernst nehmen und nicht vergessen, dass unser Zeitalter auch ein Ende hat und wir nicht ewig existieren. Die Natur als System wird es auch nach unserem Ende geben. Sie wird sich wieder erholen, nachdem sie sich von dem "missglückten Experiment Mensch", wie es der Philosoph Peter Sloterdijk einmal nannte, getrennt hat.

Das Zeitalter des Menschen kann aber auch positiv in die Erdgeschichte eingehen, wenn wir uns der großen Verantwortung bewusst werden, die wir als Menschen auf dieser Erde haben.

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Kommentare

28 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Das Anthropozän

Ich habe ich schon etwas mit dem Thema beschäftigt. Meiner Meinung nach, ist die wichtigere Frage nicht der Beginn (den man auch mit dem Beginn der Landwirtschaft ansetzten könnte, da gerade die weiten landwirtschaftlichen Flächen einen enormen Einfluss auf Erosions- und Akkumulationsprozesse haben) des Anthropozäns, sondern der Rang.

Im Artikel ist es etwas kyptisch formuliert ("schlimmste Spüren"), aber sollten vor allem der Biodiverstiätsverlust sowie der Ausstoß zusätzlicher Treibhausgase über (historisch gesehen) längere Zeiträume fortschreiten, dürften die Folgen hiervon selbst in geologischen Zeiträumen (weit über die Existenz der Menschheit hinaus) noch in Form von einem Fauenschnitt mit anschließender adaptiver Radiation und einem Treibhausklima bemerkbar sein.

Wie leicht doch manche Formulierungen von den Lippen kommen:

Diese Störungen werden die schlimmsten Spuren hinterlassen und können nur von Nachteil für uns sein.

und nicht vergessen, dass unser Zeitalter auch ein Ende hat und wir nicht ewig existieren.

dem "missglückten Experiment Mensch"

Mein Kommentar dazu:

Distrust the "obvious"! :-)

Herzlichst Crest

der homo sapiens ist und war zu keiner zeit wirklich wichtig?!

scheinbar hin- und hergerissen

-in seinem begrenzten lebensraum (= planeten erde)
-zwischen ratio und emotionen

glaubt der homo sapiens, ER wäre das maß der dinge (= der natur)?!

mit nur 'etwas' reiner rationalität könnte der h.s. auch zu dem schluß kommen -und damit vieel entspannter mit seiner begrenzten zeit umgehen -:

-uns gibt's erst seit weniger als einem lidschlag
-der planet und die natur kann von der spezies h.s. nicht wirklich bedroht werden
-und selbst unser planet ist nicht mal ein tintenklecks im universum
- ...

„Gott hat den Menschen erschaffen, weil er vom Affen enttäuscht war. Danach hat er auf weitere Experimente verzichtet.“ - Mark Twain

der homo sapiens

ist Teil des Ökosystems Erde und es ist recht anmaßend zu glauben, die "Natur" (den man erst definieren müsste) bezwingen zu können.

Jedes Lebewesen verändert seine Umwelt. Allerdings sind wir die einzige Spezies, die in den zweifelhaften Ruhm kommen könnte ein erdgeschichtliches Massensterbeereignis auszulösen. Es gibt meines Wissens keine Art, die mehr Gesteinsmaterial umlagert als alle fluviatilen Prozesse zusammen. Usw.

In diesem Sinne wird der Planet natürlich weiterhin existieren, es dürften aber deutliche Spuren in den Sedimenten übrig bleiben. Im schlimmsten Fall wird aber sogar die Lebewelt eine völlig andere sein.

Weil wir es können

"Allerdings sind wir die einzige Spezies, die in den zweifelhaften Ruhm kommen könnte ein erdgeschichtliches Massensterbeereignis auszulösen."
Tatsächlich wären wir die nicht die einzigste Spezies sondern einfach nur die erste. Bisher gab es gar keine Spezies die auch nur die Fähigkeiten hatte so etwas zu tun. Ihr logischer Schluss geht da her daneben.

"In diesem Sinne wird der Planet natürlich weiterhin existieren, es dürften aber deutliche Spuren in den Sedimenten übrig bleiben. Im schlimmsten Fall wird aber sogar die Lebewelt eine völlig andere sein."

Also Algen haben noch sehr viel deutlichere Spuren in den Sedimenten hinterlassen und die Lebewelt hat sich schon sehr häufig geändert. So würde es ohne Pflanzen keinen Sauerstoff auf der Erde geben. Das das alles schlimm sei sit nur ihre subjektive Meinung. Auf die Realität hat das keinen Einfluss.

Der Mensch soltle sich einfach etwas weniger wichtig nehmen.

Letztlich eine Frage der Ethik

Sie haben in gewisser Weise recht. Es hängt natürlich alles vom Bewertungsmaßstab darüber ab, ob es "schlimm" wäre. Also eine ethische Frage.

"Also Algen haben noch sehr viel deutlichere Spuren in den Sedimenten hinterlassen und die Lebewelt hat sich schon sehr häufig geändert. So würde es ohne Pflanzen keinen Sauerstoff auf der Erde geben."

Die Beispiele sind aber nicht besonders gut. Algen sind eine ganze Organismengruppe. Und Photosynthese stand doch wohl recht weit am Anfang der Evolution.

"Der Mensch soltle sich einfach etwas weniger wichtig nehmen."

Das würde ich voll und ganz unterschreiben, aber wohl etwas anders interpretieren...

Ethik

"Und Photosynthese stand doch wohl recht weit am Anfang der Evolution."
Und trotzdem haben sie sehr viel stärkere Spuren hitnerlassen als wir Menschen. Ohne Frage hatten sie auch mehr Zeit. Tatsächlich ist aber noch immer der alles beherrschende Prozess auf Erden die Photosynthese.

Am Ende läuft es also auf die Interprataion von "schlimm" hinaus. Warum sind denn jetzt die Veränderung die der Mensch verursacht "schlimm" und die die Algen verursachen nicht?

gesellschaftliche Debatte nötig

Genau deshalb wäre eigentlich eine gesellschaftliche Debatte darüber nötig. nicht über "schlimm", sondern darüber, welche Langzeitfolgen wir verantworten wollen! Welchen Wert hat z.B. die Biodiversität? Und welchen ein Elektronikgerät? usw.

Im Kontext des Begriffs "Anthropozän" wäre vor allem die Frage, ob wir Veränderungen am System Erde vornehmen möchten, die so gering wären, dass sie nur eine Untereinheit des Holozäns darstellen würden (Anthropozän als Stufe des Holozäns) oder - im anderen Extrem - tatsächlich das Quartär beenden würden (Anthropozän als neues System des Känozoikums).

Die wichtigsten Phänomene, die das Quartär beenden könnten wären eben der anthropogene Ausstoß von Treibhausgasen und der Verlust an Biodiversität.

Langzeitfolgen

"Denn Langzeitfolgen die nicht "schlimm" sind verantwortet sicherlich jeder gerne und umgedreht."
Im Grunde meinete ich genau das (allerdings muss man doch dabei eher über die Folgen debattieren (und wie man diese bewertet) als über den Begriff schlimm an sich).

"Interessante Frage, aber sie vergleichen Äpfel mit Birnen."
Nehmen Sie das einfach als Metapher für unseren Lebensstil. Über Rohstoffabau und Energieverbrauch kriegen Sie aber wahrscheinlich auch eine direkte Kopplung.

Bewertung der Folgen

Über die Bewertung der Langzeitfolgen kann und sollte man sicherlich diskutieren, nach dem man festgestellt hat welche es denn sind. Allerdings sollte man ergebnisoffen diskutieren.

Aber genau das tun sie in ihren Kommentaren nicht, sondern sie liefern sofort eine Bewertung. Sieht man schön in ihrem Kommentar #6. Damit überspringen sie die ersten zwei Schritte (Folgen feststellen und bewerten) und gehen direkt zum dritten Schritt (Maßnahmen gegen negative Langzeitfolgen).

"Schlimm"

ist eine menschliche Kategorie, keine geologische.
Anthropozän drückt einfach aus, dass der Mensch zum maßgebenden Gestalter der Erde geworden ist.

Der Erde und ihrer Natur ist es egal. "Gut" oder "schlimm" sind Kategorien, die die Folgen des Wandels für uns Menschen selbst bewertet.

War es "schlimm", dass die Dinosaurier ausgestorben sind? Vermutlich nicht - es sei denn, man war Dinosaurier ;-)