Japans AtomkatastropheAn der Sperrzone um Fukushima beginnt das Leben neu

Alltag nach dem GAU: An Schulen lagert kontaminierte Erde, im Klinikum lassen sich Menschen auf radioaktive Strahlung untersuchen. Sven Stockrahm hat Minamisoma besucht. von 

Der alte Mann ist aufgebracht. "Was lernt ihr eigentlich an der Universität?", fragt er. Seine Stimme wird lauter: "Allein der gesunde Menschenverstand hätte euch belehren müssen!" Vor ihm senkt sein Gegenüber den Kopf, verbeugt sich und entschuldigt sich. Seine Firma hat ihn und seine Kollegen hierher geschickt nach Minamisoma, keine 25 Kilometer entfernt vom Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi . Der Arbeitgeber heißt Tepco – der Konzern, der den GAU an Japans Nordostküste zu verantworten hat. Normalerweise wälzt der Mitarbeiter in Tokyo Akten, nun erklärt er dem Alten, wie der seine Entschädigungsansprüche geltend machen kann. Denn am Rand der Stadt beginnt die Sperrzone. Sie zu betreten ist verboten; der Alte lebte dort, nun wartet er darauf, zurückkehren zu dürfen.

Im Rathaus auf der anderen Straßenseite sitzt Kazuo Ogai, die rechte Hand des Bürgermeisters. Mit Rückkehrern beschäftigt er sich oft in diesen Tagen. Am 30. September hat die Regierung die Sperrzone um die geborstenen Reaktoren auf einen Radius von 20 Kilometern beschränkt. Der Großteil von Minamisoma liegt damit offiziell nicht mehr im Gefahrenbereich – hier können die Menschen wieder relativ normal leben. Nur der Süden der Stadt ist noch Sperrgebiet; an den Zufahrtsstraßen dorthin versperren Polizisten den Weg.

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"Mittlerweile leben wieder 45.000 Menschen in der Stadt", sagt Ogai. Er setzt alles daran, die restlichen der ehemals 70.000 Bewohner der Stadt zu motivieren, zurückzukommen. "Ohne sie wird es schwer den Alltag wiederherzustellen."

Die Versorgung stoppte. Kein Lieferant traute sich, zu uns zu kommen

Kazuo Ogai, Stadtverwaltung Minamisoma

Um das gesundheitliche Risiko für die Rückkehrer zu senken, rückten in den vergangenen Monaten Dutzende Reinigungstrupps aus. In öffentlichen Parks, an Schulen und Plätzen drehten sie die Erde um, trugen sie ab und vergruben sie wieder. Mit Hochdruckreinigern bearbeiteten sie Gebäude. Besonders radioaktive Cäsium-Isotope belasten hier die Umgebung, für die nächsten Jahrzehnte. Die Putzaktionen haben die Strahlungsbelastung deutlich gesenkt, doch ob sie auch die Menschen zur Rückkehr bewegen? Im Mai hat die Stadt begonnen, die Strahlenwerte in der Stadt zu beobachten. Nur im Westen überschreiten sie die Marke von einem Mikrosievert pro Stunde. Das entspricht in etwa auch der natürlichen Strahlung wie sie am Rande der Alpen vorkommen kann. Allerdings gibt es auch Stellen, wo sie noch deutlich höher liegt, etwa in den angrenzenden Wäldern Minamisomas.

Strahlendosis

Die Strahlenwirkung auf Menschen, Tiere und Pflanzen wird häufig in Sievert pro Stunde angegeben. Mit Hilfe der Einheit lässt sich abschätzen, wie schädlich eine Strahlung für einen Organismus ist. Sie berücksichtigt dabei die Strahlungsdauer, -art und -wirkung. 1 Sievert entspricht 1.000 Millisievert oder 1.000.000 Mikrosievert. Grundsätzlich gilt eine Einzeldosis von 6.000 Millisievert als tödlich (100 Prozent Sterblichkeit innerhalb von 14 Tagen).

Ob eine Person, die einer geringen Strahlendosis ausgesetzt war, gesundheitliche Schäden zu erwarten hat, lässt sich nicht eindeutig sagen. Die Grenzwerte beziehen sich in der Regel auf ein Jahr. Manche Experten gehen davon aus, dass dieselbe Strahlendosis über einen längeren Zeitraum weniger schädlich ist. Andere sagen, die Strahlung müsse addiert werden.

Natürliche Quellen

Die durchschnittliche Strahlendosis, die ein Deutscher durch natürliche Quellen innerhalb eines Jahres aufnimmt, liegt zwischen zwei und fünf Millisievert. Diese äußere Bestrahlung, der der Mensch je nach Ort und Zeitin unterschiedlicher Höhe ausgesetzt ist, wird Gamma-Ortsdosisleistung genannt. In dieser Deutschlandkarte des Bundesamts für Strahlenschutz ist die Strahlungsstärke je nach Region verzeichnet.

Bei medizinischen Untersuchungen werden zum Teil viel höhere Einzeldosen erreicht, die aber auf einen kurzen Zeitraum beschränkt sind. So nimmt ein Mensch während einer Computertomografie (CT)seines Kopfes ungefähr zwei Millisievert auf, bei der Mammografie 0,4 Millisievert.

Andere Einheiten

Die Energiedosis einer Strahlenquelle wird in Gray angegeben. Ein Gray bedeutet, dass ein Körper von einem Kilogramm Masse eine Energiemenge von einem Joule aufgenommen hat. Für die in Atomkraftwerken vor allem freigesetzte Beta-, Gamma- und Röntgenstrahlung ist die Einheit Grayidentisch mit der Äquivalenteinheit Sievert, ein Gray ist also gleich einem Sievert. Bis Mitte der 1980er Jahre wurde die Äquivalentdosis statt in Sievert in Rem angegeben. Das meinte die Strahlendosis in Roentgen, die ein Mensch aufgenommen hat.

So oft wie möglich schreiben Ogai und seine Mitarbeiter E-Mails und Briefe. Übers Radio und das Lokalfernsehen versuchen sie die Menschen zu erreichen. Sie stellen Informationen online und rufen die an, die am 12. März davonliefen.

Ausharren in einer verlassenen Stadt

Damals, kaum mehr als 24 Stunden nach Beben und Tsunami, verschwand das Leben aus Minamisoma. Als um 15:36 Uhr eine Explosion die Außenhülle des Reaktorblocks 1 im AKW Fukushima-Daiichi zerfetzte, waren 60.000 Menschen schlagartig auf der Flucht. Niemand hatte die Explosion gehört, doch alle sahen sie im Fernsehen. Was die Menschen nicht ahnten: Der Fallout folgte ihnen. Zwar simulierte in Tokyo ein Computerprogramm der Regierung die Ausbreitung der radioaktiven Partikel, doch die Informationen über den Weg der strahlenden Wolke gelangten nicht in die Katastrophenregion. "So flüchteten manche in Gegenden, die noch stärker belastet waren als Minamisoma selbst", erinnert sich Ogai.


Japan nach Beben, Tsunami und GAU auf einer größeren Karte anzeigen

Gemeinsam mit der gesamten Stadtverwaltung und einigen Tausend Menschen blieb er in der Stadt. "Ich konnte nicht gehen, ich musste mich um meine Leute kümmern", sagt er. Das Telefonnetz brach zusammen, langsam gingen den Zurückgebliebenen Strom, Gas und schließlich das Essen aus. "Die Versorgung stoppte. Kein Lieferant traute sich, zu uns zu kommen." Einige, die ausharrten, fuhren selbst los, um Lebensmittel im 50 Kilometer entfernten Fukushima zu besorgen.

Die Stadt kommt zum Erliegen. Bürgermeister Katsunobu Sakurai wendet sich am 24. März in einer Videobotschaft auf YouTube an die Öffentlichkeit. Die elf Minuten, in denen er die verzweifelte Lage Minamisomas schildert, machen ihn berühmt. "Mit den spärlichen Informationen, die wir von der Regierung und Tepco bekommen, lässt man uns allein." Aus aller Welt melden sich Menschen, die helfen wollen und Lebensmittel schicken. Das amerikanische TIME Magazine nimmt Sakurai in seine Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt auf .

Mehr als ein halbes Jahr später fahren auf Minamisomas Straßen wieder Autos, Supermärkte und Geschäfte haben geöffnet, zumindest für ein paar Stunden am Tag. In der Nähe des Rathauses bauen Handwerker provisorische Häuser für die Überlebenden des Tsunamis . Etwa 650 Menschen starben in Minamisoma, als die Wellen die Küste erreichten.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Polemik und bemühen Sie sich um einen sachlichen Diskussionsbeitrag. Danke. Die Redaktion/ag

  2. Zitat Text: "... Auf das Jahr hochgerechnet liegt sie (die Strahlung) unter einem Millisievert, das ist weniger als die natürliche Strahlung in Deutschland pro Jahr, die im Schnitt 2,1 Millisievert ausmacht...."

    Ich möchte noch einmal betonen das solche irreführenden Darstellungen in der seriösen deutschen Presse eigentlich nichts zu suchen haben. Solche niedrigen Werte kommen in der Evakuierungszone auch nach der "erfolgreichen Dekontaminierung" (wenn sie überhaupt unbedingt an sowas glauben können bitte sehr) so gut wie nicht vor. Selbst im 200 km entfernten Tokyo sind die gemessenen Werte weitaus höher.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das waere sehr interessant - ich wohne im Raum Tokyo.
    Was versehen Sie unter "wesentlich"? doppelt, zehn mal so viel? 15% mehr?

    Hier
    http://monitoring.tokyo-eiken.go.jp/monitoring/graph.html
    sehen Sie dass die Strahlung in Tokyo in den letzten Monaten immer unter 0.1 micro-Sievert/Stunde war.
    Die Tabelle gibt microGray/Stunde was die selben Zahleneinheiten hat wie micro Sievert/Stunde:
    http://www.unitconversion.org/radiation/gray-per-second-to-sieverts-per-...
    wie Sie hier sehen koennen.
    Mein Rechner sagt mir dass das 0.876 mS/Jahr sind. - Irrtum vorbehalten - nur selbt nachrechnen ueberzeugt.

    Mit freundlichen Gruessen

  3. Das waere sehr interessant - ich wohne im Raum Tokyo.
    Was versehen Sie unter "wesentlich"? doppelt, zehn mal so viel? 15% mehr?

  4. Hier
    http://monitoring.tokyo-eiken.go.jp/monitoring/graph.html
    sehen Sie dass die Strahlung in Tokyo in den letzten Monaten immer unter 0.1 micro-Sievert/Stunde war.
    Die Tabelle gibt microGray/Stunde was die selben Zahleneinheiten hat wie micro Sievert/Stunde:
    http://www.unitconversion.org/radiation/gray-per-second-to-sieverts-per-...
    wie Sie hier sehen koennen.
    Mein Rechner sagt mir dass das 0.876 mS/Jahr sind. - Irrtum vorbehalten - nur selbt nachrechnen ueberzeugt.

    Mit freundlichen Gruessen

  5. .
    Ich habe 1987/88 im Lügenverbreitungsbereich des bayerischen Landesamtes für Strahlenschutz gearbeitet (wir erinnern uns, 1986 war der Atomreaktor in Tschernobyl 'vorübergehend ausser Kontrolle geraten'), und ich muss sagen:

    selbst im Irakkrieg wurde mit Sicherheit nicht annähernd derart dreist verschleiert, "gemittelt", auf- bzw abgerundet (je nach benötigter Aussage) und blank gelogen wie zu der Zeit, als sich Bayern , damals noch unter der Knute des bekanntlich vollkommen vernunftresistenten Kim Jong Strauss, für eine künftige Atommacht gehalten hat.

    Es ist auch reiner Erfahrung nicht davon ausugehen, dass ein ausgeprägter Obrigkeiststaat wie Japan auch nur einen Hauch ehricher Verhält, da selbst bei der "Sicherung" der Reaktorruinen in Fukushima nicht vor der Inszenierung des Märchens einer "Kaltabschaltung" zurückgeschreckt wurde, einem Märchen ohne jegliche technische Grundlagen.

  6. .
    Es sollte natürlich im letzen Absatz heissen:

    Es ist aus reiner Erfahrung nicht davon auszugehen, dass ein ausgeprägter Obrigkeiststaat wie Japan sich auch nur einen Hauch ehricher verhält, da selbst ...

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Müll | Stadt | Tokio | Tsunami | Videobotschaft | Fukushima
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